Lasst uns über Depressionen reden

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Es trifft so viele, und nicht immer merkt man es ihnen an, jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Der Mann, der auf jeder Party mit seinem Witz die Leute unterhält, die junge Frau, der im Job keine Aufgabe zu viel erscheint. Nach außen funktionieren, innen die Hölle, und keiner merkt es. Wir denken oft, dass Depressive Menschen sind, die sich die Decke über den Kopf ziehen und kraftlos in der Ecke hängen. Das gibt es auch, aber das ist nur ein Teil der Wirklichkeit. Junge sind betroffen wie Ältere, Männer wie Frauen. Arme, Reiche, fast jeden kann es treffen.
Und was ist eine Depression eigentlich? Wie grenzt sie sich von der Traurigkeit ab, von der Angst oder dem Ausgebranntsein, sprich Burnout?  Darüber wissen selbst viele Ärzte nicht Bescheid.

Viele Depressive fürchten den Morgen mehr als den Abend, die Lebenslust des Sommers setzt ihnen mehr zu als der Herbst. Sie empfinden keine Freude mehr, wo Gefühle waren, ist Stein.

Noch immer ist die Angst vor der Stigmatisierung groß, die Angst, sich zu „outen“, die Unsicherheit von Angehörigen, Freunden und Kollegen, damit umzugehen. „Reiß dich mal zusammen“, „Mach mal Urlaub“ – wohlgemeinte Ratschläge, die  überhaupt nicht helfen, im Gegenteil.
Und wer sich dann doch aufrafft und Hilfe sucht, einen Arzt, eine Therapie, der wartet oft erstmal ein paar Wochen auf einen Platz, auch so ein schwer fassbares Detail.

Kein heiteres Thema, nein. Aber so verdammt wichtig. Denn Depression ist eine der schlimmsten Krankheiten überhaupt. Auch, weil es so schwer ist, Worte zu finden. Auch weil es so schwer zu begreifen ist, was das genau ist, das sich in der Seele tut. Keine Hoffnung zu haben, im Nichts zu versinken. Depression ist eine tödliche Krankheit, denn eine erschreckend hohe Zahl von schwerst Betroffenen bringt sich um. Und zwar nicht im tiefsten Leidenstal, sondern sobald es ihnen gut genug geht, damit sie die Kraft, den Schritt zu tun. Ein schwer Depressiver, der plötzlich munter sein Leben ordnet – auf den sollte man achten.

Ich habe aus all dem gelernt, dass ich mit meinen Mitmenschen aufmerksamer sein will, hingucken will, wenn ich das Gefühl habe, da ist einer, der keine echte Freude mehr empfindet, der ist richtig einsam oder übernimmt sich permanent  oder lässt  keinen mehr an sich ran. Einen Beinbruch sieht man, für Krebs gibt es einen Namen, die tiefe Verzweiflung einer Depression, die sieht man oft erstmal nicht.

Theater der Welt

von 17. Mai 2017 0 No tags Permalink 4

Mit über 330 Veranstaltungen, 45 Produktionen aus fünf Kontinenten, davon 27 Ur- und Erstaufführungen, flankiert von einem breit aufgestellten Diskurs-, Musik- und Begleitprogramm, findet vom 25. Mai bis zum 11. Juni 2017 das größte internationale Theaterfestival statt, das es in Hamburg je gegeben hat.

Das Thalia Zelt im Baakenhöft ist Spielort für die Revue „In 80 Tagen um die Welt“ von Peter Jordan und Leonhard Koppelmann. Am ehemaligen Afrikaterminal steht der der Kakaospeicher, und wird mit seinen gigantischen 9000 Quadratmetern erstmals öffentlich zugänglich. Hier hat der samoanische Star-Regisseur Lemi Ponifasio mit den Proben zu seiner Eröffnungsproduktion „Children of Gods“ begonnen.

Für das musiktheatrale Communityprojekt über Kinder in Kriegsregionen führt er junge Performer aus Hamburg, einen Projektchor und Hamburger Musiker zusammen. Ergänzt wird das Programm um zwei beeindruckende und bildgewaltige Tanzproduktionen: „An Act of Now“ von der australischen Tanzcompagnie Chunky Move um Anouk van Dijk und „Du Désir d´Horizons“ des burkinischen Choreografen Salia Sanou.

Das Festivalzentrum heißt HAVEN und ist ein Ort der Phantasie, der Begegnung von Menschen und Ideen. Der MS Stubnitz verlegt seinen Ankerplatz zum HAVEN und lädt dort zu Partys, Diskussionen, Tagungen und Konzerten ein.

Weitere Informationen zum Festival gibt es hier:

Die amerikanische Künstlerin Alice Neel

Unsere Gastbloggerin Irene Mantel hat sich in New York die Ausstellung mit Arbeiten von Alice Neel in der Gallery David Zwirner angesehen. Eine Ausstellung mit Arbeiten von Alice Neel ist derzeit auch in London in der Victoria Miro Gallery zu sehen. Im Herbst werden die Deichtorhallen in Hamburg die beeindruckenden Werke von Alice Neel zeigen. Außerdem ist vor Kurzem das Buch Alice Neel – Painter of Modern Life“ in Deutschland erschienen.

Hier die Eindrücke und Erinnerungen von Irene:

 Alice Neel Uptown              

It shows works by the artist made during her five decades of living and working in upper Manhattan. In 1938 Alice Neel made her home in Spanish (East) Harlem,and, later, in the Upper West Side just south of Harlem, where she lived from 1962 until her death in 1984. This show, curated by Hilton Als, triggered memories in me.

I remember Alice Neel as she walked erect and slowly through the elegant halls of the Rudolf Steiner School, the Waldorf School, in Manhattan. I was teaching there when her four granddaughters attended this school.  Her two sons attended a generation earlier. Alice would not miss the annual school fairs, where she sketched the visitors in appreciation for the scholarships her sons were receiving. She could often be seen by the side of her son Richard’s wife Nancy.
When in 1980 the gallery across the narrow street from Steiner High School on East 78th Street displayed the nude self-portrait in its window, I, as a 26 year old teacher of German and art history,  was in awe. My students’  jaws dropped too. They giggled in embarrassment at its candor. It was breathtakingly daring and liberating. Her oldest granddaughter Olivia, in 7th grade at that time was already on the road to becoming a philosopher-scientist and was keeping her classmates on their toes with her polemical inquiries.

1980 Self Portrait, Oil on Canvas, 54 x 40 inches / 137.2 x 101.6 cm, National Portrait Gallery, Washington, D.C.

Later I lived down the street from Neel’s old rambling apartment where she had painted in the light-filled front room. It is a shrine today; access is granted only through the family. One still feels Neel’s presence. The furnishings that inhabited her paintings are left untouched. This is 300 W 107th Street, a few doors up from where I lived. I still follow Alice when I can.

Now on to the expansive Zwirner Galleries on East 19th Street between 10th and 11th Avenues. A number of  Neel’s personal possessions are displayed in neat vitrines at Zwirner: a well-read copy of Lenin, an autographed book by W. E. B. Du Bois, a handwritten letter to Fidel Castro asking permission to paint him in person, and some of her poems that are odes to Harlem. Her powerful paintings, with Hilton Als’ accompanying commentary, line the walls.

Alice Neel showed her passion for Spanish Harlem and its residents by painting dignified African American and Latina mothers and their children. She painted artists, actors, poets, writers, the local boys and girls, every-day people, and the social activists. She lived as a white woman among people of color.  Neel was always ahead of her time. Even in the late 70s when I moved to New York City to teach, we were told not to cross 96th Street on the East side.
Here is a striking ballet dancer seen at Zwirner drawn in sensuous lines whose body looks as if it can just fold into itself.

Alice Neel, “Ballet Dancer” (1950) (© The Estate of Alice Neel, courtesy David Zwirner, New York/London)

You’ll also find drawings of the boy Georgie Arce whom she made the subject of portraits between 1950 to 1959 in oil and drawings. He went on errands for her and is shown in several drawings.  
In the 40s and early 50s she befriended left wing activists. The social critic and academic  Harold Cruse is seen in a sensitive, pensive portrait at Zwirner painted before he published “The Crisis of the Negro Intellectual.”  This book is still on the syllabus of university students in NY today. The activist, playwright and actress Alice Childress,  the first black woman to win a Tony nomination, appears in a gorgeous portrait.  

Alice Neel, Harold Cruse (c. 1950). © The Estate of Alice Neel. Courtesy David Zwirner, New York/London and Victoria Miro, London.

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Mein schrecklich schönes Wohnprojekt

Foto: Hans-Jörg Deggert / pixelio.de

In Hamburg sprießen Wohnprojekte und Baugemeinschaften. In vielen Teilen der Stadt tun sich Menschen zusammen, um in Gemeinschaft zu leben: Alte, Junge, Familien, Singles, Paare kaufen vereint ein Grundstück, bauen Wohnungen, gestalten ihr Leben gemeinsam. Schöne Idee.

Ich lebe seit fast zehn Jahren in so einem Wohnprojekt, im Grünen. Wir pflegen gemeinsam ein großes Grundstück, auf dem in die Häuser mit den Wohnungen stehen, in den wir leben. Als ich damals dort eingerückt bin, waren die Häuser schon fertig. Als ich zur Besichtigung kam, saßen Menschen beim Grillen zusammen, schauten mir freundlich entgegen, die große Wiese blühte bunt. Eine Woche brauchte ich, um mich zu entscheiden, kratzte mein Geld zusammen, kündigte meine Eppendorfer Wohnung und kaufte mich rein.
Tja, so war das damals. Ich werde oft von Menschen, die das Alleinleben satt haben und die auch im Gemeinschaft leben möchten, gefragt: Na, wie isses? Und dann muss ich nachdenken: Ja, wie isses? Am Anfang viel Begeisterung. Hach, wir helfen einander. Die Alten den Jungen mit den kleinen Kindern. „Generationen übergreifend“ ist ja so eine dieser schönen Ideen. Hach, wir feiern zusammen, machen Feuer an unserer Feuerstelle, grillen zusammen, trinken Bier, quatschen. Helfen uns, haben Spaß miteinander, mögen uns.

Nun ja.

Also, ich liebe Feuer. Wenn ich mal eines entzünde auf unserer großen Fläche mit Blick auf die Pferdewiese, kommt nach einer Stunde einer mit der Gießkanne und sagt, dass der Rauch in seine Wohnung zieht und ihn am Schlafen stört. Kann ich verstehen. Die Familien mit den Kindern sind  froh, dass sich ihre Kinder endlich mal austoben können, aber bitte schön, nicht zu laut, und das Spielzeug bitte abends wegräumen, man könnte ja drüber fallen. Und nicht mit dem Fußball auf die Beete. Und nicht mittags. Kann ich auch alles verstehen. Aber ist das der Sinn der Sache? Um den Standort des großen Trampolins gab es monatelange Diskussionen, weil: Irgendeiner fühlt sich immer gestört. Ein Marillenbäumchen zwischen die Autos pflanzen, nee, das geht nicht, das muss diskutiert werden, die Früchte könnten ja auf die Autos fallen. Es gibt regelmäßige Gartentage, das Grundstück muss ja gepflegt werden. Aber was heißt: gepflegt? Die einen wollen schnurgerade Rasenkanten und fegen wie der Teufel. Den anderen ist das schnurz. Schon gibt’s Ärger. Aber da man ja gemeinsam ist und so euphorisch begonnen hat, wird der nicht ausgesprochen, sondern man brumpft vor sich hin. Grützige Stimmung. Tach. Und dann die, die sich an nichts beteiligen. Die hinnehmen, dass andere die Arbeit machen, die zu keiner Sitzung kommen, während sich die anderen abends miteinander den Hintern platt sitzen.

Die Regularien einer solchen Wohn-Gemeinschaft sind eigentlich ganz einfach: Auf ordnungsgemäß abzuhaltenden Sitzungen, mit Tagesordnung und zu unterzeichnenden Protokollen, kann jeder sein Anliegen einbringen, dafür werden, und dann wird abgestimmt. Mal muss der eine schlucken, was er nicht will, mal der andere. Demokratie halt. Aber so einfach ist das ja nicht. Offenbar haben Menschen einen nur schwer zu stillenden Drang, sich zu empören, beleidigt zu sein, aufzurechnen, was sie geleistet haben und die anderen nicht. Und so verbröselt allmählich der Spaß.

Kurzum: In den zehn Jahren Wohnprojekt habe ich viel gelernt.
1. Man kommt aus seiner Haut nicht raus, auch ich nicht.
2. Beleidigtsein ist offenbar ein Genusszustand.
3. Alles besser wissen auch.
4. Gemeinschaft ist ein Konsumgut: Manche wollen einfach nur, dass andere die Arbeit machen.
5. Jeder hält sich für mordstolerant.
6. Manche Leute mag man einfach nicht.
7. Das einzig wirklich Wichtige ist eine belastbare Streitkultur.
8. Die Wenigsten können das: gut streiten.
9. Vor allem die Psychokursgestählten, glauben gern, dass sie es gut können. Stimmt aber nicht.
10. Man kann auch in Gemeinschaft verdammt einsam sein.
11. Ich würde es wieder machen.
Warum?
Weil es sozial gelenkig hält. Denn die Weisheit, dass man niemanden ändern kann, außer sich selbst, bewahrheitet sich hier auch.
Am Ende kommt es auf mich selbst an, wenn ich etwas erreichen will. Meine Toleranz, meine Initiative, meine Bereitschaft, etwas zu tun. Komfortzone? Geht nicht.
Nach zehn Jahren sind die Erwartungen gründlich abgeblättert, fast alle sind enttäuscht, der Grillplatz ist leer, die bunten Blumen sind abgeblüht. Wir sind auf Null. Vielleicht muss das so sein, damit es am Ende gelingt, vielleicht das normal. Aber das sagt einem vorher keiner.

 

Hygge Dänisch lernen

von 17. April 2017 0 No tags Permalink 2

Die dänische Buchautorin und Schauspielerin Anette Sörensen-Habel, die schon lange in Hamburg lebt, veranstaltet einen Workshop bei dem Deutsche entspannt Dänisch lernen können.Der Kurs dauert sechs Tage und findet auf der schönen Insel Fyn statt und es wird so viel Dänisch wie möglich gesprochen.

Zu dem Reetdachhaus, in dem der Workshop stattfindet gehören ein kleiner Wald, Moor, Seen und ein kleiner Pool.

Es wird zusammen gekocht, eingekauft und es werden Ausstellungen besucht. Im Workshop werden kleine Präsentationen vorbereitet und natürlich viel Dänisch gelernt: das Wichtige aber: hygger os sammen: Es wird einfach gemütlich. Hier gibt es Informationen zum Workshop, der vom 11. bis zum 16. Juni zum ersten Mal stattfindet, gibt es hier.

 

 

IMPERFECT CHAOS // OPENING NIGHT


Die Hafen City lockt mit einer neuen Topadresse. Und heute ist die perfekte Gelegenheit, I raum I, das kreativ schaffende Kollektiv, in all seinen Facetten kennen zu lernen. Denn I raum I öffnet heute Abend ab 18 Uhr die Türen für ROCKET_0027 und seine Raketenwerke. In Schwarz und Weiß, in allen Formaten, bis zu drei Meter Höhe, beeindrucken die Grafiken mit Details und Raffinesse. Mal mehr, mal weniger abstrakt drehen sich alle Werke um – wie könnte es anders sein – Raketen und die Fahrt ins All. Dazu gibt es Musik von Clashes, die Zwillinge von Art & Brothers, Hamburgs unaufhörlich brodelndem Veranstalter-Kollektiv.

Wir dürfen uns also auf eine Abend nicht von dieser Erde freuen.

I raum I bittet um Anmeldung unter rsvp@raum-hamburg.com.

 

Shanghaiallee 18
20457 Hamburg

Nino Haratischwilis „Das achte Leben (für Brilka)“ im Thalia Theater

von 5. April 2017 0 No tags Permalink 11

Der in 2014 von der Frankfurter Verlagsanstalt herausgegebene Roman „Das achte Leben (für Brilka)“ von der deutschsprachigen georgischen Autorin Nino Haratischwili setzt seine Erfolge weiter fort. Diesmal erwartet uns eine spannende Premiere im Thalia Theater.

Nino Haratischwilis monumentales literarisches Werk auf 1275 Seiten schildert eine bislang immer noch wenig beachtete europäische Geschichte an Hand von Ereignissen in Georgien kurz vor der Annexion durch die Rote Armee in 1921 bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts. Diese Zeitspanne wird als ein polyphonisch verflochtenes Familiendrama von Nino Haratischwili in ihren Roman dargestellt und in einem Satz von ihr sehr treffend charakterisiert: …“ich verdanke die Zeilen einem Jahrhundert, das alle betrogen und hintergangen hat…“

Die Chef-Dramaturgin Julia Lochte sagt in einem TV-Interview: ..“die größte Herausforderung ist, dass das tatsächlich ein Hochgebirge ist, das wir besteigen, weil es so ein großer Berg an Geschichten und gelebten Leben ist, was in dieser Literatur beschrieben ist; und mehr als ein Jahrhundert, so viele Leben erzählt in einem Abend…“

Nino Haratischwili selbst ist eine erfolgreiche Dramaturgin und Theaterregisseurin. Ihr Roman, jetzt von Jette Steckel als Theaterstück im Thalia Theater ausgearbeitet, wird bestimmt eine Bereicherung für das Publikum, eine Erweiterung unseres Bewusstseins.

Das achte Leben (Für Brilka)

von Nino Haratischwili

im Thalia Theater, Hamburg
Regie Jette Steckel
Uraufführung am 08.04.2017

Vorstellungen:
Sa,08.04.2017 um 19:00 Uhr
So,09.04.2017 um 19:00 Uhr
Di,11.04.2017 um 19:00 Uhr
Sa,22.04.2017 um 19:00 Uhr
So,23.04.2017 um 14:00 Uhr

 

 

 

 

Erstes internationales Hamburg Burlesque Festival

Erstmalig laden Burlesque-Ikone Marlene von Steenvag und 20er Jahre Event Expertin Else Edelstahl vom 06. bis zum 09. April erstmalig zum Hamburg Burlesque Festival 2017. Die besten internationalen, nationalen und lokalen Burlesque Künstler, Akrobaten und Performer zeigen die unterschiedlichsten Spielarten der Burlesque-Kunst in der Prinzenbar und im Übel & Gefährlich.

Seit 2013 mit dem Berlin Burlesque Festival in der Hauptstadt erfolgreich, sind sie nun inspiriert von Hamburgs dekadentem und freiheitsliebendem Charakter und zeigen auch auf Hamburgs Bühnen an drei Tagen Burlesque auf Weltrang-Niveau. Dabei sind das übergeordnete Thema des Abends, die Auswahl der Acts und der Location aufeinander abgestimmt.

THE OPIUM DEN – Opening Night
6. April – Prinzenbar
In der Prinzenbar bildet den Auftakt des Festivals ‚The Opium Den‘- eine rauschende Party, die mit ausgewählten Eröffnungs- Acts in edler und zugleich verruchter Atmosphäre einen Vorgeschmack auf die kommenden Tage geben soll.

Highlights: Eve Champagane als Emcee (Hamburg, D), Marlene von Steenvag (Berlin, D), Tronicat (Hannover, D)

THE DARK CIRCUS – Schrill und wild
7. April – Uebel & Gefährlich
Am Freitag zeigt ‚The Dark Circus‘ im Übel & Gefährlich die sowohl bizarre als auch geistreiche Seite des Neo-Burlesque. Mit Boylesque, Feuerkunst, Akrobatik und skurrilen Showeinlagen präsentiert sich hier eine immer populärer werdende Facette des Burlesque. Dieser Abend spricht Fans von düsteren Performances und Neugierige, die neue Seiten dieser Kunstform entdecken möchten, an.

Highlights: Big Chief Random Chaos (Dublin, IRE), Joe Black als Emcee (London, UK), Missa Blue (London, UK)

THE GRAND PALACE – Anmutig und glamourös
8. April – Uebel & Gefährlich
Nicht weniger eindrucksvoll ist der Samstag: ‚The Grand Palace‘ bietet Glitzer, Glamour und Sinnlichkeit. Die zweite Nacht im Übel & Gefährlich bezaubert mit riesigen Federfächern, anmutigem Tanz und Swarovski besetzten Korsetts- klassisches Burlesque auf höchstem Niveau.

Highlights: Katrin Gajndr – Russian Queen of Burlesque (Moskau, Rus), Miss Tosh (Hollywood, USA), Nathalie Tineo von den Sinderellas (Hamburg, D)

THE FAREWELL BRUNCH
9. April – Café Pauline
Den finalen Blick hinter die Kulissen kann der Gast beim ‚Farewell-Brunch‘ im Pauline erhaschen, bei dem alle Freunde der Kunst willkommen sind. Hier zeigen sich die Künstler ohne Make-Up und Kostüm in ihrem Lifestyle.

RAHMENPROGRAMM
Neben den Shows bietet das Festival Stände, die Bücher, Burlesque-Interior und Accessoires verkaufen. Bauchladenmädchen versorgen die Gäste mit Gaumenfreuden und auch die musikalische Untermalung besticht mit Live-Band und einem DJ für eine gelungene Aftershowparty bis in die frühen Morgenstunden.

Location
Prinzenbar: Kastanienallee 20, 20359 Hamburg
Uebel & Gefährlich: Feldstraße 66, 20359 Hamburg
Café Pauline: Neuer Pferdemarkt 3, 20359 Hamburg

Zur offiziellen Seite des Festivals und zu Ticket Bestellung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Wehleider

von 12. März 2017 0 No tags Permalink 12
Fotos: Matthias Horn

„Ich begrüße Sie in der privaten Spezialklinik für Angst, Depressionen und psychosomatische Störungen. Wir befinden uns hier in einer unser Ausweichstationen, die wir aufgrund der großen Nachfragen für sie eingerichtet haben. Es sind ja jetzt wieder so viele Turnhallen frei geworden aufgrund der Nachhaltigkeit der Maßnahmen…“ so begrüßt  die Leiterin Dr. Amelung (Irm Hermann) 15 Behandlungsbedürftige, die verunsichert in eine Turnhalle herein stolpern. Es handelt sich um privilegierte Europäer, die jetzt in einer Halle interniert sind, in der früher Flüchtlinge untergebracht  waren. Sie werden überwacht, müssen ihre Mobiltelefone abgeben und sie müssen Leibesübungen unter Aufsicht des Personals machen. So will man die sich selbst bemitleidenden Wohlstandsbürger von ihren Ängsten vor der sich verändernden Welt kurieren und ihre die Probleme mit den neu hinzugekommenen Migranten und Flüchtlingen therapieren.

„Ich halte mein Leben nicht mehr aus“ stöhnt eine von ihnen und auch die anderen plappern unaufhaltsam über ihre eigene Befindlichkeit  und ihre eignen Luxusprobleme. Die Angstpatienten fürchten, vom Fremden überrollt zu werden und haben sich in eine „abendländische“ Panik hineingesteigert. „Wir waren alle schöner, als die Welt noch gestimmt hat“, klagt Josef Ostendorf, der Donald Trump bedrohlich ähnelt.

Drei lässige, muskulöse, arabisch aussehende Betreuer werden von der Klinikleitung zur „Konfrontationstherapie“ eingesetzt: Die drei Fremden fassen die ungelenkigen und versteiften Patienten an, die ihre Turnübungen nicht schaffen. Statt sich selbst zu bewegen, werden sie schwungvoll von den Betreuern bewegt: Der eine wird über das Turnpferd gehoben, als ob er fliegen könnte, eine andere Teilnehmerin an die Ringe gehoben und umher geschwungen.

In Anlehnung an Maxim Gorkis  „Sommergäste“ entwirft Marthaler in der zweistündigen Aufführung das Bild einer erstarrten und angesichts der Flüchtlingskrise überforderten Gruppe von Europäern.  Sie bemitleiden sich selbst statt zu helfen oder Konstruktives zu leisten.

Die Turnhalle als provisorische Klinik für die psychosomatisch Erkrankten hat seine geniale Bühnenbildnerin Anna Viebrock geschaffen, die auch die Kostüme entworfen hat. Viele der Schauspieler sind Mitglieder der bekannten Marthaler-Familie, die mit großartigen Auftritten und Parodien glänzen. Unbedingt sehenswert!!!!

Die Wehleider – Deutsches Schauspielhaus, Hamburg
Regie: Christoph MarthalerBühne und Kostüme: Anna ViebrockDramaturgie: Stefanie Carp 
Nächste Aufführungen: Do. 6. April 2017 und Sa. 6. Mai 2017

Rendez-vous mit Kurt Cobain

Anfang der Woche fuhr ich im Auto zur Arbeit. Es regnete waagerecht, es war grau und kalt. Ich hörte wie immer Radio, sie sagten, Kurt Cobain wäre heute 50 geworden und sie spielten „Smells like Teen spirit“. Das Stück rockte los und es traf mich wie ein Schlag. Ich sah die Nässe draußen, den ewig gleichen Weg zur Arbeit, die ewig gleichen Rituale, aufstehen, Geld verdienen, Essen kaufen, wieder arbeiten, wieder Essen kaufen, Konto checken, Urlaub machen, älter werden, tot. Nicht, dass ich Nirvanafan wäre. Auch ist Rock nicht meine Musik, noch ist der Weg Kurt Cobains mein Vorbild, ich weiß ja nicht mal, wie seine Stücke heißen, außerdem erschoss sich der Arme mit Ende 20. Aber in diesem Moment war da etwas. Warum machen wir das? Warum ist der Lebensweg so, wie er ist, durchgetaktet, ausgerichtet an Sicherheit, Komfort, Wohlleben? Ich mag mein Leben ja, will da gar nicht raus. Klagen auf höchstem Niveau, pfui, und trotzdem: Wo ist der Mut geblieben? Der Aufruhr? Das Rausspringen und etwas wagen? Der Wind des Neuen um die Nase, das Herzzittern und Angstkotzen? Es fällt mir schwer, das aufzuschreiben, weil ich das Klischee fürchte: Ja, ja, ältere Frau, satt und unerfüllt, färbt sich Haarsträhne blau, lernt Tangotanzen und italienisch Kochen auf Stromboli. Wer über die Sehnsucht spricht, nach Neuland, Wildheit und einfach was anderem verlangt, der kommt gleich in Schublade: unbefriedigt.
Dabei hat diese Sehnsucht überhaupt nichts mit dem Alter zu tun. Ich kenne 20-Jährige, 30-Jährige, 40-Jährige, die ebenso an dem Weg zweifeln, den sie fast automatisch gehen und gehen sollen, weil es der Weg ist, den man nun mal geht. Die ebenso fragen: Will ich das eigentlich? Die sich gefangen fühlen in Gewohnheiten, Routinen, Bürokratien, Hierarchien, CV-gerechtem Lebenslauf. Ist da nicht etwas anderes, das in einem wiegt und wogt und manchmal bohrt, so laut, dass es einen zersprengen möchte? Wir reden so selten darüber, und wenn immer etwas verschämt. Der andere könnte ja lachen und sagen: pah, du träumst. Ja, na und, ich träume. Du nicht?
Und was ist deine Sehnsucht? Welch fabelhafte Frage, um ein Gespräch zu eröffnen. Auf einer Party einen Bekannten oder Fremden das zu fragen. Was fragen wir stattdessen: Und wo geht’s hin im Urlaub? Oder: Was macht der Job? Oder: Was macht der Hausbau? Oder: Was machst du so? Das ist interessanter, ja? Quatsch.
Ich plädiere hiermit dafür, dass wir mehr über unsere Sehnsüchte sprechen und nicht vor Peinlichkeit lieber schweigen. Wir hätten Gesprächsstoff über Generationen hinweg. Würden die Gedanken und Gefühle unserer Kinder besser verstehen, weil sie unseren eigenen ähneln. Würden sehen, dass Menschen, die das Leben der Arrivierten kritisch sehen, den richtigen Sensor haben. Wir könnten lernen von ihnen und sie von uns, wenn wir ehrlich über das sprächen, was uns im Innersten bewegt, die Träume vom Ausbruch, auch die Angst und Mutlosigkeit, ja auch die. Wir würden uns weicher zeigen und durchlässiger. Stattdessen reden wir mit auerhahnmäßig geschwellter Brust vom Müssen und Erreichen, von Erfolgen, Status, Schönheit und Geld. Das ist ja auch alles gut. Aber wo lassen wir denn die Träume, die Sehnsucht? Die Literatur, die Musik, die Kunst werden aus ihr gespeist, wir rennen in die Konzerte und in die Museen, und wir selbst tun so, als wären die Wallungen in uns second best.
Kurt Cobain hat das Älterwerden nie erlebt. Die Wahrheit womöglich hat ihn zerschmettert. Anderen mag sie helfen, den Mut zu behalten, dass rechts und links noch etwas anderes liegt. Es würde vielen von uns guttun, darüber zu reden.