Wie das wohl ist, Weihnachten allein zu sein?

Vor ein paar Jahren war es das erste Mal, und es war schrecklich. Die Kinder waren auf Reisen, einen Mann gab es nicht, und während rundherum die Familien zusammenströmten, um gemeinsam zu feiern, saß ich da, ohne Geschenke auspacken und ohne Bäumchen: allein. Grauenvoll. Freunde erbarmten sich meiner und luden mich ein. Und so saß ich da und heulte in die Suppe. Ich hatte versagt. Ich hatte es in meinem Leben nicht geschafft, eine ordentliche Ehe auf die Beine zustellen, meine Familie zusammenzuhalten. Meine Güte, was tat ich mir leid.
Das Jahr darauf war es wieder soweit. Kinder wieder auf Reisen, immer noch kein Mann. Aber diesmal war es anders. Ich wusste, wie es sich anfühlte, der Schrecken war weg. Eigentlich schön, so ohne Verpflichtung. Und machen wir uns nichts vor: Wie viele der Familien, die sich unterm Baum versammeln, tun das gern? Aus Gesprächen mit Freunden und Kollegen weiß ich doch, wie nervig sie das Ganze finden und wie froh sie sind, wenn es überstandeni ist. Ich dachte an einen Freund, der vor Jahren auch mal allein war an Weihnachten und nachts an die Ostsee gefahren war, allein über den Strand ging und den Wellen lauschte. Ein anderer Freund erzählte von Wüstentouren, die er über die Weihnachtstage unternommen hatte, von den Momenten totaler Einsamkeit im Nichts. Nächte, die er nie  vergessen wird, weil sie so intensiv und einzigartig waren. Eine entfernte Verwandte, die allein nach Israel verreiste, um die Geburtsgrotte zu besuchen (mit Tausenden anderen, allein war sie da bestimmt nicht).
Wir überfrachten Weihnachten so.

Wie war es nun, das zweite Mal allein? Es war toll. Ich habe mir den Abend mit mir selbst schön gemacht, Kerzen angezündet, meine Entenbrust gebrutzelt, danach pappsatt DER PATE, Teil 3, geguckt. Rund herum waren, wie beim ersten Mal, die Familien und feierten. Und in meiner Wohnung war ich, prostete den Fotos meiner Lieben zu und war sehr eins mit mir. Beim nächsten Solo-Weihnachten probiere ich das mit dem Meer mal aus. Allein an der Ostsee, oben drüber die Sterne. Viel besser geht es doch eigentlich nicht.

Die Zweisamkeit der Einzelgänger

von 3. Dezember 2017 0 No tags Permalink 3

Vor kurzem waren wir bei der Lesung von Joachim Meyerhoff in der Elbphilharmonie und haben uns wirklich köstlich dabei amüsiert. Das Publikum hatte viel zu lachen während der anderthalbstündigen Lesung aus seinem neuen Buch „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“,  in dem es vor allem um Sex und Liebe geht.

Am Anfang der Biografie Meyerhoffs stand eine Kindheit auf dem Anstaltsgelände einer riesigen Psychiatrie mit speziellen Freundschaften zu einigen Insassen und der großen Frage, wer eigentlich die Normalen sind. Danach verschlug es den Helden für ein Austauschjahr nach Wyoming in die USA. Fremd und bizarr brach die Welt in den Rocky Mountains über ihn herein.

Kaum zurück bekam er einen Platz auf einer hochangesehenen, aber  verstörenden Schauspielschule, und nur die Großeltern, bei denen er Unterschlupf gefunden hatte, konnten ihn durch allerlei alkoholischen Getränke und ihren großbürgerlichen Lebensstil vor größerem Unglück bewahren.

Im neuesten Band der Biographie ist der fragile und stabil erfolglose Jungschauspieler in der Provinz gelandet und begegnet dort Hanna, einer ehrgeizigen und sehr intelligenten Studentin. Es ist die erste große Liebe seines Lebens.

Wenige Wochen später tritt Franka in Erscheinung, eine Tänzerin mit dem starken Hang, die Nächte durchzufeiern und sich massieren zu lassen. Das kann Joachim Meyerhoff wie kein Zweiter, da es der eigentliche Schwerpunkt der Schauspielschule war. Und dann ist da  noch Ilse, eine Bäckersfrau, in deren Backstube er sich so glücklich fühlt wie sonst nirgendswo. Die Frage ist: Kann das gut gehen? Natürlich nicht!

Mehr wird nicht verraten, denn das Selberlesen macht garantiert viel Spaß.

 

Hamburgs Kontorhäuser

Fotos: Michael Pasdzior

Hamburgs Kontorhäuser gehören seit 2015 zum UNESCO-Welterbe und sind längst zum Wahrzeichen der Hansestadt geworden. In ihrer Entstehungszeit waren sie vor allem Symbol einer sich dynamisch entwickelnden Metropole. Das Kontorhaus mit all seinen spezifischen architektonischen Facetten, Formen und Besonderheiten spiegelt die Ingenieurkunst und die Bauästhetik dieser Epoche wider.

Verhaltene Eleganz und zurückhaltender Luxus – Charakteristika hanseatischer Kaufleute – zeigen insbesondere die Interieurs der Häuser. Die einzigartigen Treppenhäuser, Eingangshallen und Foyers, die besondere Gestaltung von Stufen und Geländern ziehen Jahr für Jahr Scharen Architekturbegeisterter und Touristen an.

Treppenhaus im Hirschfeld Haus am Neuen Wall 19 im Stadtteil Neustadt, staircase in Hirschfeld House at Neuer Wall 19 in the city-district Neustadt

Eingangshalle im Hapag Lloyd Gebaeude, entrance lobby in Hapag Lloyd builidng

Die vielen Komponenten im Inneren, aber auch die Fassaden der Bürohäuser hat der Hamburger Fotograf Michael Pasdzior in beeindruckenden Bildern in dem schönen Bildband Welterbe  Kontorhäuser  dokumentiert. Der ganze künstlerische Zauber der Kontorhäuser wird mit Hilfe der exakt recherchierten Texte von Autor Bernd Allenstein verständlich. Sie erzählen von der Baugeschichte, vom Charakter der städtischen Umgebung, in denen die Häuser stehen und erinnern aber auch an längst vergessen geglaubte Geschichten.

Die Auswahl der Kontorhäuser bietet dem Leser einen spannenden Einblick in die Entwicklung des Hamburger Kontorhauses von der Jahrhundertwende bis zum Zweiten Weltkrieg und liefert nicht nur Architekturbegeisterten Wissenswertes, sondern lässt auch Hamburg-Kenner Besonderheiten und bisher Unbekanntes entdecken.

 

Mehr Mut! Lachen wir der Angst ins Gesicht!

20 beherzte Tipps, wie wir mutiger werden können

  1. Engagiert euch. Übt Zivilcourage. Wenn ihr gegen Rassismus, Rechtsradikalität, und Ausländerfeindlichkeit seid, dann zeigt das und äußert eure Meinung.
  2. Legt los. Wählt auch mal einen harten Weg und tut das, was euch keiner zugetraut hat. Übt so lange, bis ihr es könnt. Jeder, der etwas besonders gut kann, hat es unendliche Male geübt. Das ist das ganze Geheimnis.
  3. Überwindet eure Ängste. Die meisten Ängste entstehen durch falsches Denken und falsche Angewohnheiten und werden auch dadurch aufrecht erhalten. Schaut eurer Angst ins Gesicht. Hinterfragt Erwartungen und Annahmen. Überwindet sie ein für alle Mal.
  4. Brecht aus eurer gewohnten Umgebung aus. Geht an Orte, an denen ihr noch nie wart. Macht etwas, was ihr noch nie getan habt. Routine führt euch immer und immer wieder an die gleichen Orte. Verlasst eure Komfortzone und gehet auf Entdeckungstour.
  5. Setzt euch für andere ein. Es gibt viele Menschen, die sich nicht verteidigen können, die nicht kommunizieren können und sich noch nicht einmal trauen, um Hilfe zu bitten oder ihre Rechte einzufordern. Helft ihnen.
  6. Haltet den Kopf hoch. Man muss nicht alle seine Emotionen zeigen, nicht jeder braucht immer zu wissen, wie es in eurem Innersten aussieht, wenn ihr eine beschissene Zeit durchmacht. Streckt euer  Kinn vor und guckt nach vorn. Es kommen wieder bessere Zeiten.
  7. Denken Sie dran: Es ist euer  Leben. Bleibt nicht beim Status Quo stehen. Überschreitet die unsichtbare, gedachte Linie und stellt euch vor, wer ihr sein möchtet. Wofür brennt ihr? Was sind eure geheimen Leidenschaften?
  8. Sucht die Nähe von Menschen, die euch gut tun. Befreit euch sich von schlechten Einflüssen. Sucht die Nähe von Menschen, die euch mitreißen, euch inspirieren, die positive Energie ausstrahlen, statt euch herunterzureißen.
  9. Steckt nicht den Kopf in den Sand. Wenn euch etwas unangenehm ist, ihr einfach zu faul seid, euch etwas lästig ist, obwohl es getan werden sollte und ihr euch nicht aufraffen könnt, gebt euch einen Ruck.
  10. Erkennt, wann Mut gefragt ist. Angst wird besonders dann virulent, wenn eigentlich Mut gefragt ist. Macht euch deshalb klar, wann ihr in einer “Mut-Probe” steckt. Akzeptiert, dass ihr durch eure Angst hindurch müsst.
  11. Seid optimistisch. Wer mutig sein will, muss darauf vertrauen, dass sein Gewinn größer ist als ein möglicher Verlust. Verstärkt deshalb eure Zuversicht, indem ihr eure Ziele fokussiert und Lösungen entwickelt. Dadurch verringern sich eure  Zweifel.
  12. Tut’s aus Liebe. Wer mutig sein will, braucht ein Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnt. Wenn die Liebe groß genug ist, sind wir bereit Opfer zu bringen. Das ist manchmal erforderlich, wenn wir mutig sein wollen. Das kann die Liebe zu einer Sache, zu anderen Menschen, oder zu sich selbst sein.
  13. Alle Sicherheit ist trügerisch. Lernt Unsicherheiten auszuhalten. Wir müssen eine Lücke zwischen dem, was war, und dem, was sein kann oder sein wird, ertragen können. Wer immer auf Nummer Sicher gehen will, statt ein Risiko einzugehen, wird niemals mutig sein.
  14. Macht eine Plan B. Falls ihr mit eurem Plan A scheitert, setzt euren Plan B um. Es gibt keine Garantien, dass immer alles glatt läuft. Natürlich ist es auch hilfreich, wenn man Menschen hat, auf die man im Notfall zählen kann.
  15. Schaut euch die Statistiken an, auch die eures eigenen Lebens. Meistens habt ihr wahrscheinlich die richtigen Instinkte bewiesen und alles ist gut gegangen. Wenn wir die Risiken richtig einschätzen, dann gelingt das Wagnis höchstwahrscheinlich auch diesmal.
  16. Werdet unabhängiger. Es ist schwer, mutig zu sein, wenn wir von etwas oder jemanden abhängig sind und uns abhängig fühlen. Dann wird unser ganzer Fokus eher darauf gerichtet sein, den bestehenden Status Quo zu sichern. Es kann aber immer etwas schief gehen. Partner trennen sich, man kann seinen Job verlieren. Gestaltet eurer Leben so, dass ihr auch alleine zu helfen wisst.
  17. Ignoriert die Ticks und Tricks des Körpers, der euch unter Umständen von feuchten Händen bis Herzrasen so ziemlich alles bescheren kann, um euch vom Handeln abzuhalten. Legt los, wenn der richtige Augenblick gekommen ist, dann schwinden diese Symptome.
  18.  Steigt euch Stück für Stück und ruhig langsam. Mut kann man üben. Geht in kleinen Schritten vor. Irgendwann werdet ihr zurückblicken und euch kaum erinnern, was euch eigentlich Angst eingejagt hat.
  19. Geht noch mal einen Schritt zurück und beginnt von vorn, wenn es sein muss. Niemand ist perfekt und oft prägt unsere Vergangenheit unsere Zukunft. Wenn wir  selbstsicher, wagemutig, liebevoll, mitfühlend und ehrlich sein wollen, dann müssen wir wahrscheinlich daran arbeiten. Aber irgendwann, vielleicht spät, aber nicht zu spät, holen wir uns unser Leben zurück.
  20. Ruht euch aus, wenn ihr es braucht. Aber gebt nicht auf und werft die Flinte nicht ins Korn.

Satans Spielfeld von Ute Cohen

Ich tue mich schwer, den Debüt Roman von Ute Cohen „Satans Spielfeld“ in die Hand zu nehmen. Missbrauch von Schutzbefohlenen ist kein angenehmes Thema. Das Buch jedoch eine bereichernde Lektüre, die mit Worten, Bildern und Assoziationen das innere Geflecht von Sehnsucht und Macht, Abhängigkeit und gesellschaftliche Konventionen fühlbar macht.

Der Roman führt in eine bayerische Dorfgemeinde. Das scheinbar idyllische Zusammenleben ist geprägt von Autoritätsgläubigkeit und wirtschaftlicher Abhängigkeit. Konservatismus und Charakterschwäche bestimmen das Mit- und Gegeneinander. Die Geschichte wird aus der Perspektive der 12jährigen Marie erzählt. Ihr innerer Dialog lässt uns teilhaben an den Schattierungen ihrer Gefühle, Gedanken und Illusionen, die jede Sequenz der Erzählung begleiten.

Eines Tages trifft Marie auf Sabine und Nicole, die Töchter des einflussreichen und angesehenen Architekten Fred Bauleitner. Die Ungezwungenheit und Sorglosigkeit das Mädchen lassen sie ein Lebensgefühlt weit ab der elterlichen Schwere und moralischen Beschränkungen erleben. Bereits in der ersten Begegnung mit dem Vater der Freundinnen beginnt ein Spiel pubertärer Neugier und kalkulierter Manipulation. Sexualität wird zum brutalen Kernstück dieser Verbindung, die in menschliche Abgründe hinabblicken lässt. Bauleitner verführt und vergewaltigt Marie. Er schwängert sie und zwingt sie zur Abtreibung. Auch Geschäftsfreunden stellt er Marie zur gern Verfügung. Die minderjährige Umschuld als Objekt der Begierde hat durch die Filme von David Hamilton Hochkonjunktur. Bauleitners uneingeschränkter Besitzanspruch wird zur Bedrohung. Entgegen ihrer Bestimmung als schützender Begleiter des Kindes nimmt Marie Elternhaus, Kirche und Schule eher als Feind im eigenen Land wahr. Ihre anfängliche Schwärmerei wandelt sich in Angst und Wut über die sie nur mit sich selbst sprechen kann.

Ute Cohen braucht wenige Worte, um den Leser in den 70iger Jahre ankommen zu lassen. Emaillierte Töpfe mit Dekor, Priel Blumen und gezielt gestreute Zitate aus populären Songs machen den Zeitgeist lebendig. An markanten Punkten der tragischen Entwicklung zeichnet sie Bilder, die wie ein Fazit die Essenz des Erlebten zusammenfassen.

„Das wächserne Püppchen drehte sich auf dem Dorn der Spieluhr, die Arme ein Bogen über dem geglätteten Haar. Der Federzug der Spieluhr schnurrte. Sanft bettete sich das Püppchen und wiegte sich in den Schlaf.“

Ein Roman über den Missbrauch einer Minderjährigen. Ganz nah an ihren Gefühlen, ihrer Hilflosigkeit und Isolation.

„Satans Spielfeld“ von Ute Cohen, erschienen im Septime Verlag. 2017

 

Woks, Wraps und scharfes Wasabi: Der Chilli Club

Keine Angst: So scharf, wie es sich anhört, sind die Gerichte im Chili Club gar nicht. Besonders gut sind die Asian-Tapas, wie Dim Sum, Jakobsmuscheln- und die Enten-Wraps, Wok-Gerichte und Sushi. Zudem werden hier außergewöhnliche, asiatisch inspirierte Gerichte wie Rinderfilet auf Wasabi-Kartoffelpüree mit einer SFrühlingsrolle und Teriyakisoße kreiiert.

Die großräumige Brasserie mit asiatischem Flair liegt an den Magellan-Terrassen in der HafenCity direkt am Wasser. Es gibt eine Bar mit großer Cocktailkarte und eine Lounge, die zum chillen einlädt. Daher wurde auch der Name abgeleitet.

Man kann hier bei Parties gut die Nacht lang werden lassen, denn in der Lounge kann auch getanzt werden.

Chilli Club, Am Sandtorkai 54, 20457 Hamburg

 

Ein Bier im Café Miller und die Frage, was gute Freundschaft braucht

 

Vor ein paar Tagen, saß ich nach der Arbeit im Café Miller in St. Pauli, um bei einem Bier meinem Kopf zu entspannen. Das Café Miller ist  eine kleine etwas schrummelige und angenehm unaufgeregte Bar mit einem guten Angebot an Getränken, guter Musik und guten Sandwiches. Eine Freundin, die St.Pauli gut kennt, hat mir diese Kneipe mal gezeigt, und nach einem vollen Tag im Medienbusiness mit seinen Eitelkeiten und Angestrengtheiten genieße ich es, in dieser völlig anderen Umgebung ein Weilchen „abzuhängen“. Während ich nun mein Bier trank, diskutierten am Nebentisch drei junge Männer und unterhielten sich über Freundschaft. Wieviel Verbindlichkeit darf eine Freundschaft verlangen? Darf eine Freundin, die heiratet, erwarten, dass man quer durch Deutschland fährt, um dabei zu sein, auch wenn einem gerade nicht danach ist und man etwas anderes vorhat? Wieviel Freiheit darf eine Freundschaft kosten? Und wieviel Pflege darf sie beanspruchen? Einmal im Jahr entspannt zusammen sein, sei ihm doch viel lieber, als regelmäßige gequälte Verabredungen, sagte einer. Das Ritualisierte stoße ihn ab, man soll sich treffen, wenn an Lust hat, und wenn das nur einmal im Jahr sei, dann sei es gut. Echte Freundschaft verlange kein ritualisiertes Beisammensein. Die anderen stimmten ihm zu.

Ich habe das anders gelernt: Zur Pflege einer Freundschaft gehört, dass man sich regelmäßig begegnet. Auch wenn man  sich manchmal aufraffen muss. Für eine Freundschaft muss man etwas einsetzen, wenn die Freundin heiratet, ist man dabei, gar keine Frage. Gleichzeitig merke ich, dass im alltäglichen Gerödel viel zu wenig Zeit bleibt, Freundschaften richtig zu pflegen. Die Wochen rauschen vorbei, und wieder ist es nicht gelungen, einen Abend zu finden. Befriedigend ist das nicht. Die jungen Männer mit den Käppis sehen das entspannter. Sie sehen diese Notwendigkeit nicht so, ihr Freundschaftsbegriff ist unverbindlicher. Sie haben offenbar keine Angst, dass eine Freundschaft verbleicht, wenn man sich nicht ständig darum kümmert. Oder ist es ihnen egal? Das glaube ich nicht, weil sie mit einer solchen Ernsthaftigkeit darüber diskutierten. Sie vertrauen darauf, dass ihre eher lässige Definition von Verbindlichkeit einer Bindung nicht im Weg steht. Das finde ich interessant. Eigentlich hätte ich mich gern zu ihnen gesetzt, um mit zu diskutieren. Ich hätte gern mehr von ihnen  gehört.

Café Miller
Detlev-Bremer-Str. 16
20359 Hamburg – St. Pauli

Ach, wie verstörend, spannend, großartig ist doch das Älterwerden

Mein Lieblingsthema im Moment. Eigentlich ist das Älterwerden eine zutiefst demokratische Sache. Alle werden älter: der Postbote, das Baby, der Pubertärling, der Manager mit dem SUW, die jungen Frauen, die Nachbarn, ja, und ich. Endlich mal etwas, das wirklich jeden betrifft. Tolle Sache also.

Wenn ich, Ende 50, zurückgucke: So viel Wissen und Erfahrung gemacht, so viele Gedanken gedacht und Worte gesagt, Fehler gemacht, viel geschämt, gelernt daraus. Soviel geliebt, gelebt, mit Männern, ohne Männer. Ehen geschlossen, Ehen geschieden, mit Freundinnen gequatscht. Tonnen von Schuhen verschlissen, Hunderte Bücher gelesen. Geld verdient und Geld verzockt. Kinder groß gemacht, Chefs überlebt, Sträucher gepflanzt, zahllose Probleme gelöst und genauso viele geschaffen. Menschen genervt, Menschen getröstet, Liebe gefunden, Liebe verloren, kübelweise Tränen gelacht. Angst durchstanden, Zweifel zerkaut. Lebenslügen zerschreddert und falsche Erwartungen gleich mit. Welch ein Fundus an Sein!

Viel zu schade für „Anti Aging“, zu schade zum Wegglätten, weglasern, wegmachen. Warum soll ich so tun, als wäre ich nicht ich? Aber was bin ich denn nun? „Silver Surferin“, nee. „Seniorin“? Bitte nicht. Weder die praktische Kurzhaarfrisur, noch das Beige und der Gesundheitsschuh treffen mein Lebensgefühl. Ich will auch nicht auf Kreuzfahrt gehen, keine Fahrradtouren mit E-Motor machen. Ich lebe noch.

Wir haben keine Sprache für das Älterwerden, wir sind so unfassbar verkrampft. Wir belabeln das Älterwerden, als wäre es so eine Art Krankheit, als wäre es toxisch. Hallo!

Ich sehe anders aus als mit 30 und fühle mich schön, mein Hirn arbeitet frisch – ohne „trotzdem“. Ich habe eine Zukunft, die wird kürzer, aber das geht ja schließlich allen so, siehe oben. Sie ist deshalb nicht minder lebendig, nicht minder intensiv. Wie hat der wunderbare, kluge Roger Willemsen einmal gesagt: „Das Leben lässt sich nicht verlängern, aber es lässt sich verdichten.“

Wir können jede Sekunde damit anfangen, Neues beginnen. Sehnsüchte verwirklichen, in Angriff nehmen, was während der sogenannten Rush hour des Lebens zu kurz gekommen ist. Es war doch nie Zeit zwischen Kinder erziehen/Haus bauen/Job. Das irre Privileg der späteren Jahre ist, dass Energie frei wird und der Blick raus aus dem heimischen Kokon nach draußen gehen kann. Was kann ich tun, um die Welt ein bisschen besser zu machen? Diese einfache naive Frage birgt mehr Anregung und Abenteuer als die nächste Reise auf dem Kreuzfahrtschiff. Die Denkschablonen aufknacken, scheinbar eherne Gewissheiten in Frage stellen – und schon rockt das Leben. Brauchen wir den ganzen Kram um uns herum? Welche Rituale, mit denen wir uns eingerichtet haben, sind wirklich wichtig? Welche Menschen, mit denen wir gewohnheitsmäßig unsere Zeit verbringen, verdienen diese Zeit? Worauf freuen wir uns im nächsten Jahr? Auf was in unserem Leben sind wir stolz? Auf was nicht?  Manchmal habe ich das Gefühl, dass mich das Älterwerden näher an die Essenz der Dinge führt. Das finde ich verstörend, spannend, großartig. Über all das möchte ich reden. Wer macht mit?

ALICE NEEL in den Deichtorhallen

von 21. Oktober 2017 0 Permalink 12
Porträt von Jackie Curtis und Ritta Redd

Alice Neel, eine der bedeutendsten amerikanischen Malerinnen des 20. Jahrhunderts, war Zeugin einer Welt im Wandel, die sie in ihren ausdrucksstarken, psychologisch tiefgründigen Bildern festgehalten hat. Mit ihrem einfühlsamen Blick und virtuosen malerischen Können dringt Neel zum Kern der Person vor.

Alice Neel with lots of Paintings, 1940

In ihrem Frühwerk zeigt sich die Verbindung zum deutschen Expressionismus und zur Neuen Sachlichkeit, während ihr Spätwerk sie zur einflussreichsten Porträtistin der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts macht.

 

Ergänzt durch Stillleben und Stadtansichten zeigt die Ausstellung erstmals in Deutschland einen umfassenden Überblick über das Schaffen dieser Ausnahmekünstlerin. Ihr Hauptwerk entstand in ihrer New Yorker Nachbarschaft, in Greenwich Village, Spanish Harlem und schließlich an der Upper West Side.

Alice Neel hat zahlreiche Mitglieder der Kulturszene New Yorks gemalt, unter anderem den Pop-Art-Künstler Andy Warhol, der dieses Bildnis als das beste von ihm je geschaffene bezeichnete. Darüber hinaus porträtierte sie Familienmitglieder, Freunde, Nachbarn oder zufällige Bekanntschaften. Neels Aufmerksamkeit galt aber gleichermaßen den Unterprivilegierten, den Armen und Diskriminierten.

Sie führte ein äußerst bewegtes Leben als alleinerziehende Mutter und Mitglied der New Yorker Künstlerszene, – sie engagierte sich Zeit ihres Lebens politisch, sympathisierte mit dem Kommunismus und wurde zum Symbol der Frauenrechtsbewegung.

Mit einem besonderen Feingefühl gelang es ihr immer, den Zeitgeist einer Epoche einzufangen. Das Porträt von Jackie Curtis und Ritta Redd – eines ihrer bekanntesten – fängt in einzigartiger Weise das freie Leben der Mitglieder von Andy Warhols Factory ein.

Die Ausstellung in den Deichtorhallen zeigt frühe Arbeiten aus dem Jahr bis hin zu Werken aus dem Todesjahr der Künstlerin.

Unsere Gastbloggerin Irene Mantel hat sich in New York die Ausstellung mit Arbeiten von Alice Neel in der Gallery David Zwirner angesehen. 

weiterlesen…

Stille! Annette Meincke-Nagy & Marc Bronner

Stille! lautet der Titel der Ausstellung mit Werken der in Hamburg lebenden Künstler Annette Meincke-Nagy und Marc Brönner. Die Vernissage in der HOLTHOFF-MOKROSS Galerie war rappelvoll und viele Besucher begeistert von den neuen Werken.

In unserer reizüberfluteten Welt sehnen wir uns ja oft nach Stille und sowohl die Figuren von Annette Meincke-Nagy, als auch die Personen in den Bildern von Marc Bronner, halten inne, schweigen und sinnieren. Die Pappmaché-Büsten der Hamburger Künstlerin wirken ein wenig wie aus der Zeit gefallene Tagträumer, die durch ihre Unaufdringlichkeit und Introvertiertheit und ihre schlichte, schweigende Ästhetik besonders reizvoll wirken.

Interessant ist die Ausstellung auch durch die Kombination mit den neuen Gemälden von Marc Bronner. Die kleinformatigen Öl-Arbeiten greifen den Fotorealismus der 70er Jahre auf. Auch die von ihm dargestellten melancholischen Personen scheinen in Stille erstarrt und die nostalgischen Kulissen, die an alte deutsche Krimiserien erinnern, lassen uns fragen, was sie wohl zu verschweigen haben.

Marc Bronner

Seine typischen Bilder entstehen in einem zeitaufwendigen von minuziöser Präzision geprägten Malprozess die seine Werke sowohl real als auch irreal erscheinen lassen.

Stille – Annette Meincke-Nagy & Marc Bronner in der HOLTHOFF-MOKROSS Galerie – Fischers Allee 70
22763 Hamburg

Die Ausstellung läuft noch bis zum 25. November 2017