Jetzt ist Zeit für Bücher

Der Winter dauert noch, mögen die Vögel noch so zwitschern. Was kann man besseres tun, als – am besten nach einen langen Spaziergang an Elbe oder Alster – ganz viel zu lesen. Hier sind zwei Bücher, die wir euch ans Herz legen.

Foto Heribert Corn

Arno Geiger: „Unter der Drachenwand“

Es ist das letzte Kriegsjahr, und die Menschen, die in Briefen von ihrem Alltag erzählen, sind bis ins Mark erschöpft: der an der Ostfront verwundete junge Soldat Veit, der sich in dem Dorf Mondsee im Salzburgischen von seinen Verletzungen erholt. Die in Darmstadt lebende Mutter seiner Zimmernachbarin Margot, die in der von Nacht zu Nacht schlimmer zerbombten Stadt versucht, einen Alltag zu leben. Der jüdische Zahntechniker, der sich an die Illusion klammert, dass es einen Ausweg für ihn und seine kleine Familie gibt. Der 17-jährige Flakhelfer, der eben noch Schüler war. In ihren Briefen schildern sie, wie sie beharrlich versuchen, dieses Leben zu meistern. Sie schreiben von alltäglichen Verrichtungen, von ihren Gedanken, Wünschen, Sehnsüchten. Ich erfahre von Not und Tod, aber auch von schönen Empfindungen, von Lebenslust und Liebe. Sie sehnen sich danach, dass der Krieg endlich aufhören möge und sie wieder ein ganz normales Leben führen können.

Als ich mit dem Buch fertig war, liefen mir die Tränen herunter. Ich musste an diejenigen denken, die ebenso Geigers Hauptpersonen hätten sein können: mein Vater, meine Mutter, meine Großeltern. Sie haben, wie so viele dieser Generation nur selten über das gesprochen, was sie im Krieg erlebt hatten. Womöglich war das, was Arno Geigers Figuren entfalten, auch ihr Lebensgefühl, waren es auch ihre Ängste und Sehnsüchte nach Frieden, Vergessen und ein bisschen Glück.

Hanser Verlag, München 2018. 480 S., 26 Euro.

 

 

 

 

Laura Freudenthaler: „Die Königin schweigt
“

Die Autorin, 1984 geborene Österreicherin, ist eine echte Entdeckung. In dem schmalen Band erzählt sie die Geschichte von Fanny, die unter den Entbehrungen ihrer bäuerlichen Herkunft ihr Leben lebt. In kurzen Abschnitten durchmisst die Autorin die Lebensstationen ihrer Heldin: Das Aufwachsen unter harten Bedingungen, die Ehe mit dem Lehrer, der früh stirbt, die Jahre mit ihrem Sohn, die Begegnungen mit der Enkelin, die ihr eine leere Kladde zum Geburtstag schenkt, damit die Großmutter aufschreiben möge, was sie nie erzählt hat. Denn Fanny erzählt nicht, Fanny blickt nicht zurück, sie schweigt. Aufrecht und ohne Selbstmitleid nimmt sie die Unglücksschläge hin, den Verlust der Menschen, denen sie nahe stand. Die Einsamkeit in ihrem Haus am Rand der kleinen Stadt, die brüchigen Kontakte zu den Frauen im Ort. In nüchterner und völlig unsentimentaler Sprache schildert Laura Freudenthaler dieses Leben, und zeichnet dabei eine Lebenszugeneigtheit und seelische Anmut, die zu Herzen geht. Wenig bleibt Fanny erspart, aber nie ist sie Opfer. Freudenthalers Erzählkunst lässt diese einfache Frau leuchten. Was für ein schönes Buch!

Literaturverlag Droschl, 2017, 208 Seiten, 20 Euro.

 

 

 

 

 

 

 

 

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