Winterreise

Mathilde mag das Stück - http://mathildemag.com

„Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh´ ich wieder aus“ lässt Franz Schubert den Wanderer seiner Winterreise singen. 24 Lieder später trifft dieser Wanderer einen Leiermann. Der Tod lässt grüßen. Elfriede Jelinek greift in ihrer Winterreise den Grundgedanken auf und lässt ihr lyrisches Ich sagen: „Fremd eingezogen, fremd ausgezogen, die Leier drehend, immer dieselbe Leier, immer dasselbe?“ Fünf Ichs irren durch ihre Winterreise.

Anne Lenk hat die „Winterreise“ am Thalia in der Gaußstraße inszeniert. In ihrer Interpretation tragen die Ichs Sissi-artige Sahnebaiser Kleider, die allesamt ein bisschen verrutscht sind. Aber das sind die fünf Figuren ja auch: Jung, mittelalt, älter, alt, dement. Irgendwas ist immer, das sie umherirren lässt. Die schwierige Beziehung zur Mutter, zur Heimat, der Verlust der eigenen Erinnerung. So genau lässt sich nicht immer entschlüsseln. Sobald man einen Gedankenfaden im Kopf behält, entzieht er sich auch schon wieder in die Uneindeutigkeit. Acht Bilder lang geht so. Acht Bilder, in denen immer mal wieder das Hauptmotiv der Winterreise auf einem Klavier angeschlagen wird, unsicher, tastend. Das ist nicht weiter verwunderlich. Das erste Klavier, das gleich zu Beginn von den fünf Ichs auf die Bühne gezerrt wird, ist auf extrahohe Stelzen gestellt. Die fünf Damen reichen kaum heran. Ein Klavier ist viel zu klein. So klein, dass die Klavierspielerin sich davor zusammenkrümmen muss und eines ertönt gelegentlich aus dem unbesehenen Raum hinter der Bühne.

Jelineks Winterreise, so wie die Regisseurin sie versteht, ist kein klassisches Theaterstück, es gibt keine Dialoge. Die fünf Figuren, vier Frauen zwischen jung und alt sowie ein Mann, spielen nicht miteinander. Sie monologisieren nebeneinander. Das macht es mir gelegentlich schwer mich auf das Gesagte zu konzentrieren. (Was weniger gegen den Text spricht.)

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Doch halt, einen Spielmoment gab es vergangenen Samstag. Zwei Zuschauerinnen hatten nach einer guten Stunde Monolog genug von Frau Jelineks Text zur Verlorenheit in der Welt und den fünf Ichs. Die fünf hatten teilweise ebenfalls genug, zumindest von barocken Puffärmelchen und weiten schwingenden Röcken. Jedenfalls, die einzige männliche Figur denkt gerade in wollener Ski-Unterwäsche laut über das Leben und die Schwierigkeiten von Beginn an nach, während die beiden Zuschauerinnen leise und unauffällig das Theater zu verlasse suchten. Zu ihrem Unglück hatten sie oben im Zuschauerraum gesessen und mussten viele Stufen hinunterschleichen. So hatte das Ich Zeit mehrere theatralische Abschiedsgrüße zu entbieten. Leise ahmten die Gäste, die keine mehr sein wollten, die große Geste von der Bühne nach und winkten zurück.
Wie sage ich jetzt bloß, Jelineks Winterreise ist interessant , ohne dass es zu sehr nach „Oh, interesting.“ klingt? Denn das ist sie – interessant.

Weitere Vorstellungen im Thalia in der Gaußstraße:
Sonntag, 12.04.201519:00 – 21:00 Uhr
Freitag, 01.05.201519:00 – 21:00 Uhr
Samstag, 09.05.201520:00 – 22:00 Uhr

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