Willkommen, ihr Falten!

Beinah prustete ich meinen Kaffee über meinen Arbeits-Laptop, als ich neulich einen sehr charmanten Artikel von Hannah Weiner in der TAZ las. „Glätte weiß nicht, wie man feiert“, deklariert Frau Weiner, darunter folgt eine zauberhafte „Ode an die Falten“. Hier ein Auszug:

Heißen wir die Gäste doch willkommen, die Zornesfurche, die zwischen den Augenbrauen abhängt. Die Nasolabialfalte, dieser Nerd im Mundwinkel, die Krähenfüße, die nie alleine auftauchen, die Denkerstirn, die bei Rotwein mitphilosophiert, und die süßen Hasenfältchen auf der Nase – immer die ersten auf der Tanzfläche. Je später der Abend, desto wilder das Fest und kurz bevor Erdbeerkinn und Truthahnhals überhaupt da sind, ist sie eskaliert. Kannste nichts machen, ist wie im echten Leben.

So beschreibt die Autorin die „Party im Gesicht“, die wiederum von Parties, aber auch von Leid, von Freude, Erlebtem und Erfahrenem im eigenen Leben zeugt. Es ist schon bizarr, welche Angst viele Menschen, vor allem Frauen, vor Falten haben, oder? Wir wollen alle möglichst lange leben, und haben dann Angst vor genau den Indizien, dass dies gerade zu geschehen scheint. Irgendwer hat eben irgendwann mal erfunden, dass Falten doof sind. Erfinden wir es neu.

Ich bin erst 32 und die Party in meinem Gesicht noch relativ langweilig, so 20 Uhr würde ich sagen – aber die ersten Gäste sind durchaus schon da, eine Clique kleiner Krähenfüße zum Beispiel. Und die Stirnfalte zwischen meinen Augenbrauen, vom Konzentriertgucken, auf die mir meine Tante gern Klebeband raufpappen würde, zur Prophylaxe. „Nö“, denke ich, „mein Gesicht bleibt klebebandfrei, willkommen, olle Stirnfalte“. Zum Glück sind die Falten-Phobiker in meiner Familie die Ausnahme, meine Eltern haben mir eher ein entspanntes und schönes Altern vorgelebt. Aber auch ich denke manchmal kurz, wenn ich beim Blick in den Spiegel einen neuen Partygast entdecke: „Oh Gott – es geht aufs Ende zu!“. Dann merke ich aber, dass es sich dabei um eine Art ankonditionierte Schreckreaktion handelt. Denn wenn diese erste Sekunde vorbei ist, freu ich mich eigentlich immer irgendwie. Ich finde, mit jeder Falte sehe ich weiser und seriöser aus. Es hat doch etwas Romantisches in der Beziehung mit sich selbst, neue Falten im Spiegelbild zu entdecken. Da sieht man die Meilensteine des eigenen Lebensweges aus dem Spiegel winken. Und mein 32-jähriges, entspannt angeknittertes Selbst blickt verschmitzt auf mein pfirsichglattes leicht verschreckt guckendes 17-jähriges Selbst zurück und sagt: „Siehste mal. Wird alles schon ganz gut so, du und das Leben.“

Ich liebe auch die Falten meines Freundes. Ich verrate ihm selten, wenn ich grade schon wieder eine neue erspähe, aber ich sehe sie, freue mich heimlich und knutsche sie, die Falte. Sie erinnert mich daran, dass wir schon eine beträchtliche Zeit gemeinsam durchs Leben spazieren. Und was für eine schöne Zeit das war. Wenn Falten also ein „Zeichen der Zeit“ sind, kann ich es gar nicht abwarten, immer mehr davon zu finden.

Jaja, wir sprechen uns dann nochmal um vier Uhr morgens, wenn schließlich auch Truthahnhals und Erdbeerkinn an der Tür klingeln.

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