THE CUT: Ein mutiger Film

Fatih Akın erzählt die Geschichte des armenischen Dorfschmieds Nazaret, seiner Familie und der versuchten Auslöschung seines Volkes durch die Nationalisten im Osmanischen Reich während der erste Weltkrieg im fernen Europa tobte und acht Jahre vor der Gründung der heutigen Türkei. Er erzählt von einer sehr schmerzhaften Zeit in den Wirren des zusammenbrechenden Imperiums. Ein sehr schwieriges Thema. Ein sehr dunkles Kapitel, das heute noch in der Türkei um seine Anerkennung und auf seine Aufarbeitung wartet. Er erzählt die Geschichte aus der Perspektive der Opfer. Ein mutiger und bewegender Film. Fatih Akın ist Sohn türkischer Einwanderer. Geboren 1973 im hamburger Stadtteil Altona.

Er erzählt sie in großen Bildern als Epos, die an Hollywoodtraditionen anknüpfen. Martin Scorsese zollte ihm Respekt:

THE CUT ist ein echtes Epos in einer Tradition, an die sich heute niemand mehr heranwagt. Fatih Akins sehr persönliche Antwort auf ein tragisches Kapitel der Weltgeschichte ist von großer Intensität, Schönheit und beeindruckender Erhabenheit. Dieser Film ist mir in vielerlei Hinsicht sehr wertvoll.

Ihm gelingt der Balanceakt. Fatih Akin über „The Cut“ im Interview mit Matthias Greuling (Wiener Zeitung, celluloid Filmmagazin), geführt am 3.9.2014 in Venedig.

Mardin, 1915: Eines Nachts treibt die türkische Gendarmerie alle armenischen Männer zusammen. Auch der junge Schmied Nazaret Manoogian wird von seiner Familie getrennt. Nachdem es ihm gelingt, den Horror des Völkermordes zu überleben, erreicht ihn Jahre später die Nachricht, dass auch seine Zwillingstöchter am Leben sind. Besessen von dem Gedanken, sie wiederzufinden, folgt er ihren Spuren.

Sie führen ihn von den Wüsten Mesopotamiens über Havanna bis in die kargen, einsamen Prärien North Dakotas. Auf seiner Odyssee begegnet er den unterschiedlichsten Menschen: engelsgleichen und gütigen Charakteren, aber auch dem Teufel in Menschengestalt.

THE CUT ist Drama, Abenteuerfilm und Western zugleich. Obwohl der Film die Welt vor 100 Jahren beschreibt, ist er brandaktuell, denn er erzählt von Krieg und Vertreibung. Aber auch von der Kraft der Liebe und der Hoffnung, die uns Unvorstellbares leisten lässt.

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Fatih Akin mit 35mm-Kamera bei den Dreharbeiten zu „The Cut“ Foto: Pandora Film

Mit THE CUT vollendet Fatih Akın seine Trilogie „Liebe, Tod und Teufel“. Ging es in „Gegen die Wand“ (2004) um den unbedingten Lebenswillen einer jungen Deutschtürkin, die erleben muss, dass zwischen Schmerz und Liebe oft nur eine Haaresbreite liegt, so erzählte „Auf der anderen Seite“ (2007) die Geschichte von sechs Menschen, deren Wege sich kreuzen, ohne sich zu berühren. Erst der Tod führt sie zusammen. THE CUT widmet sich nun dem „Teufel“. Der Film handelt vom Bösen im Menschen, davon, was wir anderen Menschen antun. Unbewusst oder willentlich, denn die Grenze zwischen Gut und Böse ist oft fließend. Auch der letzte Teil der Trilogie ist geprägt von Fatih Akins Sicht auf die Welt: „THE CUT ist ein sehr persönlicher Film geworden, der sich inhaltlich mit meinem Gewissen und formal mit meiner Liebe zum Kino auseinandersetzt“.

THE CUT, Deutschland 2014 • Laenge: 138 • Regie: Fatih Akın • Schauspieler: Tahar Rahim, Akin Gazi, George Georgiou • Kinostart im Zeise Kino am Donnerstag, den 16.10.14

Tee auf der Bosporus Fähre

cayEs gibt Tage wie diesen, da möchte ich einfach auf einem der Holzbänke auf dem Achterdeck einer der alten Fähren sitzen, halbsteuerbord mit Blick auf die europäische Seite, den Kragen hochgeklappt, den Wind im Haar und vom Anleger „Eminönü“ unten in der Altstadt losfahren nach Norden, vorbei an der Galatabrücke, nach „Dolmabahce“ und „Ortaköy“ und dann weiter im Zickzack-Kurs zwischen Europa und Asien, vorbei an den Stadtteilen, alten Moscheen und gebrechlichen Holzvillen aus der Sultanszeit, die man am ausgestreckten Arm fast zu berühren glaubt in den Kurven der Meerenge, immer weiter nach Norden, unter den grossen Spannbrücken durch, wo die Stadt langsam immer ländlicher und grüner wird, von Anleger zu Anleger, wo jedesmal immer eine andere Gruppe fliegender Händler zusteigt, die im Wechsel, Jogurt, Süssigkeiten, Minzbonbons oder Gebäck den Reisenden anbieten, ein Glas heissen ungezuckerten schwarzen Tee in der Hand, immer weiter im zickzack, mit kurzen Pausen an den Anlegern, zwischen denen sich die schwere Fähre in den Abschnitten auf dem offenen Wasser gelegentlich abwechselnd je nach Wind sanft in die eine oder andere Richtung neigt, immer weiter, wo sich der Bosporus öffnet und man das Schwarze Meer schon ahnen kann, fast riechen, bis zur letzten Haltestelle „Anadolu kavagi“, um dort auszusteigen, einige wankende Schritte auf dem ungewohnt festen Boden zu gehen, bis zu den kleinen einfachen Restaurants, dort draussen auf den wackeligen Stühlen und Tischen zu sitzen, bei einem frisch gegrillten Barbunya mit Salat und vielleicht einem Duble, einem Raki mit beigestellter kleinen Karaffe mit Eis und Wasser, auf die wartende Fähre zu schauen und sie ohne mich zurückfahren zu sehen. Es gibt solche Tage. Heute ist so einer.