Überschätzen wir Sex? Ist Enthaltsamkeit cooler?

Zwei Generationen, ein Thema.

Wir, Sabine und Saskia, Mutter und Tochter, ergründen die einfachen Fragen des Lebens…

DIE MUTTER. In den letzten Wochen habe ich in den Medien Erstaunliches über Sex gelesen. Das hat mich überrascht, weil das Thema lange nicht vorkam, es schien irgendwie ausgelutscht. Es ging: um keinen Sex.
 Paare erzählen, dass sie gar nicht oder wenig  miteinander schliefen – und zufrieden damit seien. Junge Frauen erzählen, dass sie sich aus Geschlechtsverkehr nichts machen und darauf verzichten – mit guten Gefühlen. Der Tenor ist derselbe: Wir fühlen keinen Mangel, und wir wollen nicht als defizitär gelten. Wir wollen unsere Standards selbst setzen.
Paare, die es im Bett gern ruhiger haben, fühlen sich unter Druck, denn in Umfragen ist immer wieder zu lesen, dass zwei, drei Mal die Woche „normal“ sei. Und es ist ja auch irgendwie üblich, dass jeder so tut, als habe er ständig super Sex. Wenig oder keinen zu haben ist ebenso anrüchig, wie den Samstagabend allein auf dem Sofa zu verbringen. Vermutlich wären viele Menschen erleichtert, wenn sie damit aufhören könnten, ihre Unlust zu verschleiern. Und dieser Trend hat nichts mit Alter zu tun. Die Menschen, die da berichten, sind jung.
Wenig Lust auf Sex – und das nicht als Defizit. Wie ungewohnt. Man denkt doch üblicherweise sofort: Da stimmt was nicht. Die Hormone, der Stress, das Alter. Muss behandelt werden. Wie oft taxiere ich langjährige Paare ab: Schlafen die noch miteinander?  Und wenn nicht? Je mehr Sex, desto glücklicher die Beziehung, so denken wir doch. Kann ja stimmen. Muss aber nicht. Der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch sagt in der SZ: „Die Sexualität hat heute für viele Menschen den großen Reiz verloren, der früher durch striktere Verbote gesteigert wurde.“
Diese Bewegung kann Freiheit schaffen. Es kommt doch vor, dass man einen Mann sehr mag, mit dem der Sex nicht toll ist. Daran herumzudoktern ist schwierig, es kann verletzen. Am Ende mag es komfortabler sein, auf Sex zu verzichten, um Freundschaft und Innigkeit zu erhalten –  ohne das vergiftende Gefühl, das etwas nicht stimmt. Wenn beide das so sehen, kann etwas Entspanntes haben, etwas Emanzipiertes. Ja, vielleicht wird es Zeit, dass wir uns vom Druck des „Ich-kann-und-will-immer“ emanzipieren.
Das ist doch die wahre Coolness: Ich bestimme selbst, was ich will. Wir bestimmen selbst, was wir wollen.

DIE TOCHTER. Also, ich habe mit meinem Freund auch nach vier Jahren natürlich vier Mal täglich Sex. Deshalb haben wir übrigens auch unsere Jobs gekündigt. Schafft man ja sonst kaum. Burnout und so…..(Scherz). Ja, ich denke, dass es viele Menschen erleichtern würde, dieses Thema zu entnorm(al)isieren. Sich, wie bei so vielen anderen Themen, mehr zu fragen “was will ich?” statt “was soll ich?”. Kleiner Exkurs: Therapeuten sprechen gern von persönlichem Leidensdruck, der maßgeblich mitbestimmt, ob überhaupt eine Therapieempfehlung ausgesprochen wird. Auch im Alltag liefert doch die Frage  “leide ich an zuwenig Sex?” den besseren Indikator, ob was getan werden soll, als “entspricht mein Sexleben der Norm?”. Denn: wen kümmert’s? Dann kann man beruhigter mal ‘ne Phase wenig oder keinen Sex haben. Und dann mal wieder ganz oft. Oder immer ganz oft. Oder immer ganz wenig.

Ich glaube schon, dass körperliche Nähe grundsätzlich wichtig ist für eine Beziehung. Dass sie das unverkopfte Wir-Gefühl, ja, die emotionale Nähe nährt. Deshalb kann es sich lohnen, genauer hinzuschauen, wenn der Sex selten wird, und sich -ja!- vielleicht auch mal dazu zu verabreden. Aber ich denke auch, dass wirklich jede Beziehung anders ist, dass man nicht vorschnell in Panik verfallen sollte und dass körperliche Nähe auch in anderen Facetten kommen kann, als allabentlich das Kamasutra durchzuturnen. Allem voran denke ich, dass man den Blick nach innen auf die zwei Menschlein und ihre Bedürfnisse und nicht nach außen auf irgendeine vermeintliche Norm richten sollte.

Denn was soll diese “Norm” eigentlich sein? Ich lese ja auch häufiger hier und da “Statistiken” wie: “Im Durchschnitt haben Paare 2 Mal die Woche Sex”.  Aha. Sapperlott.  Das finde ich so aussagekräftig wie “im Durchschnitt gehen Paare 1 Mal im Monat zum Italiener.” Heißt das, alle Paare machen das so? Oder heißt das, manche gehen täglich, andere einmal alle 2 Jahre? Und was sind das so für Leute, was passiert sonst so bei denen im Leben? Da denkt man doch auch: “Geschmackssache, Hauptsache man findet jemanden, der auch gern zum Italiener geht, und einen ähnlichen Geschmack. So ist es doch auch bei Sex. Jenseits eines vermuteten Solls besteht ein Problem doch erst dann, wenn einer oder beide unzufrieden ist mit dem Sexleben. Wenn es auch über einzelne Phasen (Job? Zeit? Kinder?) hinaus zum Problem wird. Dann sollte man reden, handeln, dann lohnt sich auch Stress. Aber Stress haben, obwohl niemand in der Beziehung eigentlich unzufrieden ist und sich durch ominöse Statistiken (wurde eigentlich jemand jemals zu sowas befragt?? Ich nicht) unter Druck setzen lassen – wie schade! Und dann möglicherweise noch deshalb Beziehungsprobleme haben, die es eigentlich gar nicht gibt? – wie doof!

Eine Idee: Zur Not, wenn man nicht loskommt von der vermeintlichen Norm, sich schämt, seinen Freunden zu antworten: “Och eigentlich nicht so oft, aber ist auch OK so.” (“Echt, oh Mist, habt ihr Probleme?”), dann lieber gemeinsam an einem Strang ziehen, anstatt sich aufwühlen zu lassen. Zum Beispiel: “Sorry Leute, wir müssen nach Hause… ihr wisst schon. Zwinker. Und kichernd Hand in Hand nach Hause rennen, um zusammen Game of Thrones zu gucken. Und dabei ein bisschen knutschen. Oder Popcorn essen.

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