Willkommen im echten Winter

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Sturmflut, Wind, Regen: Hamburg wartet seit Wochen vergeblich auf den richtigen Winter. Auf den Schnee, der glitzernd die Straßen verwandelt und auf die Art von Kälte, die zu einer heißen Tasse Tee vor dem Kamin einlädt. Wer sich danach sehnt, sollte den Blick nordwärts richten und zwar weit nordwärts. Im kleinen Dörfchen Juoksengi in Schweden, das direkt auf dem Polarkreis und an der Grenze zu Finnland liegt, wird die Sehnsucht nach dem Winterwunderland erfüllt.

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Der Norden Schwedens zieht Besucher auch oder besonders im Winter schnell in seinen Bann: mit der vereisten Ostsee, dem borealen Nadelwald und dem nordischen Licht, das scheint wie nirgendswo anders. Dort finden wir den echten Winter.

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In Juoksengi, dem polcirkelby (Polarkreisdorf), wohnen nur 350 Einwohner. Das Dörfchen im Tornetal gehört zu glesbygden, also den schwedischen Regionen, in denen sehr wenige Menschen wohnen. Trotzdem gibt es den Dorfverein, der dafür sorgt, dass in Juoksengi etwas los ist. Und sogar einen Supermarkt findet man mitten zwischen den Häusern: das familiäre Rautilas liv. Dort kann man Rentierblut kaufen und sehr gute Handschuhe für 15 Kronen. Nur Milch ist manchmal aus.

Jedes Jahr an Silvester locken die Dorfbewohner Besucher aus dem In– und Ausland an die schwedisch-finnische Grenze im Tornetal. „We do it twice“ lautet das Motto ihrer doppelten Party. Im Sommer lädt das Dorf zum Schwimmevent „Swim the Artic Circle“ ein, bei dem die Teilnehmer in der Mitternachtssonne über Landes – und Zeitgrenzen schwimmen.

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Juoksengi ist knapp drei Stunden nördlich von Luleå im Landesteil Norrland gelegen. Der Weg dorthin führt im Winter über vereiste Straßen; vor einem schwarzer Wald, hinter einem schwarzer Wald. Eine Stunde, nachdem man „Lule“, wie es die Einheimischen nennen, verlassen hat, bricht die Handyverbindung ab und die Handyuhr stellt sich unbefugt auf finnische Zeit um. Man ist angekommen in den Weiten Norrlands, wo nur wenige Menschen und viel Natur sind, wo Google Maps sich nicht mehr richtig auskennt. Hier sprechen einige noch meänkieli, das Tornetalsfinnische, eine der Minderheitssprachen Schwedens.

Wer im Urlaub nach Internationalität strebt, ist hier in der Ruhe des hohen Nordens richtig und kann sich zu einem Spaziergang nach Finnland aufmachen. Finnland liegt ungefähr einen Kilometer entfernt, über den Fluss Torneälv. Im Winter friert der Fluss komplett zu und man kann sich einen spark ausleihen, mit dem man ins Nachbarland schlittert – und in die Zukunft, denn Finnland liegt eine Zeitzone vor Schweden und Deutschland. Das geht nur im Winter, denn wenn der Fluss nicht zugefroren ist, muss man 25 Kilometer fahren bis zur nächsten Brücke.

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Die lange Blaue Stunde

Entgegen der weit verbreiteten Meinung, es sei am Polarkreis im Winter dauerhaft dunkel, bietet sich dem Besucher ein Dämmerungsschauspiel. „Blue Hour extended version” – nachdem es um zehn Uhr taghell wird, geht ab mittags die Sonne unter, gerne zwei Stunden lang. Ist sie dann ganz verschwunden, blickt man in den glitzerklaren Sternenhimmel, fern von den sonst störenden Lichtern jeder städtischen Besiedlung.

Das Tornetal mag weit weg sein, aber wer eine friedliche Atmosphäre, echten Winter und einzigartige Natur sucht, sollte unbedingt den Weg dorthin finden.

Mehr Informationen zu Anreise und Unterkunft:
www.swedishlapland.com
www.polcirkelbyn.se

Eine andere Fassung dieses Artikels erschien zuerst am 29.12.2014 auf nordlust.com, dem ersten deutschen Online-Magazin rund um den Norden. 

Fotos (1, 4, 5, 8 & 9): Lauren Marie Tropeano.

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Flüchtlingshilfe am Esstisch – denn was verbindet besser, als gemeinsam zu essen?

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Foto: Casper Hedberg for The New York Times

 

Das ist Ebba Akerman, Schwedischlehrerin in Stockholm. Sie unterrichtet Flüchtlinge in Schwedisch. Eines Tages im letzten Sommer, nach einem Gespräch mit einem ihrer Schüler, wurde ihr klar, dass die meisten Flüchtlinge ihr Schwedisch kaum anwenden können, weil sie kaum Kontakt zu Schwedischen Menschen haben. Das darf nicht sein, das muss sich ändern, sagte Ebba sich, und hatte eine Idee: Was bringt Menschen leichter zusammen, als gemeinsam zu essen? Also lud sie Flüchtlinge zu sich nach Hause zum Essen ein und ermunterte Freunde und Bekannte, es ebenso zu tun. Sie gründete ein „Einladungsministerium“ und vermittelte immer mehr Kontakte. Mittlerweile kann sie sich vor Anfragen nicht retten, überall im Land organisieren Schweden solche Essen, viele Hundert sind es inzwischen. TV und Zeitungen berichteten, sogar die New York Times schrieb über Ebbas Projekt.

„Wir lassen die Menschen in unser Land, aber nicht in unsere Gesellschaft“, sagt Ebba.

Die Einladungen zum gemeinsamen Essen sind ein kleiner Schritt, aber oft mit großer Wirkung. Sie schaffen Begegnungen und Gespräche auf Augenhöhe, die Fremdheit weicht auf, auf beiden Seiten, zumindest für einen Abend. In der „Zeit“ dieser Woche wird im Dossier die Geschichte einer Geografielehrerin aus Syrien erzählt, die nach Schweden geflohen ist, und nach Monaten der Einsamkeit eine solche Einladung zum Essen annimmt. Ihre klammen Gefühle werden beschrieben, als sie die Treppe in die Wohnung hochsteigt, die Angst, was sie erwarten möge. Aber auch die Beklommenheit ihrer beiden Gastgeber. Wer kommt da? Was redet man? Und dann ergibt es sich, sie reden und lachen und essen den ganzen Lachsauflauf. Einen so schönen Abend hatten sie lange nicht mehr, das sagen alle drei. Es ist doch eigentlich so einfach: Etwas kochen, den Tisch decken, das kann jeder.
Auf ihrer Website www.invitationsdepartementet.eu erklärt Ebba Akerman ihr Projekt und bietet  Hilfe bei der Organisation an. Man kann sie anmailen. Sie selbst hat mittlerweile mehr als 40 Essen veranstaltet und eine Menge Erfahrung, die sie weitergeben kann.

Warum nicht auch in Hamburg? Die Hamburger zeigen sich sehr hilfsbereit, viele Initiativen bieten Flüchtlingen Unterstützung. Jemanden einzuladen und zu bewirten, um ihm (und sich selbst) für ein paar Stunden die Fremdheit zu nehmen, das wäre ein Beitrag, den auch die leisten können, die sonst zu wenig Zeit haben, sich zu engagieren.

Und Spaß macht es auch, wie die Fotos von Ebbas Website zeigen.
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Auszeit auf einer Altonaer Insel

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Erinnern Sie sich noch an das Buch, das jedem Feriengefühle bescherte, auch, wenn man nicht in Urlaub fahren konnte? In dem der Leser mit an Bord des kleinen weißen Dampfers ging und mit Familie Melcherson auf einer kleinen Schäreninsel voller Abenteuer wieder ausstieg? Erinnern Sie sich an den Sommer, in dem sie Freunde mit Tjorven und Pelle wurden?

Mitte der Sechziger veröffentlichte Astrid Lindgren ihr Buch „Ferien auf Saltkrokan“ und wer sich jetzt im Herbstwetter zurück sehnt in die maritime Sommeridylle, findet sie in der Großen Bergstraße in Altona. Im Cafe Saltkråkan ist der Name Programm: das Frühstück heißt Bootsmann (Sie kennen noch den liebenswürdigen Bernhardiner, der auf jede Bootstour mit musste?), hinter der Kasse läuft der Film zum Buch, und wenn man die Toilette betritt, beginnt im Hintergrund das Meeresrauschen und das Hörspiel beginnt. Natürlich ist alles zweisprachig ausgezeichnet.

Die Bedienungen duzen die Gäste und servieren Hamburger Kaffeespezialitäten mit schwedischen Zimtschnecken. Einmal gratis nachfüllen, der schwedische påtar, ist natürlich inklusive. Im Geiste Astrid Lindgrens sind Kinder willkommen und können sich am Spieltisch vergnügen, während die Eltern die Aussicht auf die Seekarte an der Wand genießen (auf der die fiktive Insel Saltkråkan verzeichnet ist).

Auch für den eigenen Import eignet sich das Cafe: wer noch skandinavische Lakritze braucht, schwedische Seife oder ein nordisches Accessoire, wird hier fündig. Wenn Sie nach skandinavischer Literatur suchen, können Sie Ihre Bücher im Tauschschrank gegen ein neues eintauschen und auch Veranstaltungen mit (oder ohne) nordischem Bezug finden im Cafe statt: Hamburger Livemusik, ein schwedischer Literaturabend oder ein vorweihnachtlicher Glögg-Umtrunk laden auf die Insel in Altona ein.

Mein persönlicher Tipp: eine Auszeit mit dem Kakao, echt schwedischer „O’boy“. Mit dem in der Hand hört man förmlich schon das Tuten des kleinen weißen Dampfers…

Cafe Saltkråkan, Große Bergstrasse 191, 22767 Hamburg, Tel: 040 8709 7073

 

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