Ü-50-Alert: Wo sind die Männer?

Es gibt in meiner Generation ein neue Art von Frauen. Tolle Frauen, schlaue Frauen, schöne Frauen. Die eines gemeinsam haben: Sie leben allein, und zwar meist recht vergnügt. Nach der letzten zerbrochenen Beziehung, nach der Bewältigung von Schmerz und Pein, merken sie: Man muss nicht Paar sein, um ein gutes Leben zu führen.

Freude am Job, an Freunden, an Kultur, Urlauben, gemütlichen Wochenenden auf dem Sofa, an erwachsenen Kindern und schnuffeligen Kindeskindern, das bringt schon eine Menge Gewicht in die Glücksbilanz. Wir – ich sage mal „wir“, denn ich gehöre auch dazu: Also wir sind mit Anstand und in Schönheit gereift, haben die Abgründe des Lebens und unsere eigenen kennengelernt. Wir sind offen für die Welt, lernen Schifferklavier und Tangotanzen, bringen Flüchtlingen Deutsch bei, bloggen, durchwandern das Land von West nach Ost und von Nord nach Süd, sind fit, lebensklug, lustig, flirtbereit. Wow.

Und wie wir so durchs Leben streifen und immer neue tolle Frauen treffen, merken wir, das eines fehlt: Wo sind die Männer?

Rein rechnerisch müssten ebenso viele da sein, die auch gereift und lustig und in denselben Gefilden unterwegs sein müssten. Aber sie sind nicht da. Hallo, ihr alleinlebenden großartigen Ü-50-Männer, wo seid ihr? Kluge, erfahrende, humorvolle, neugierige, spaßbereite Ü-50-Männer, die ebensolche Frauen zu schätzen wissen. Mögt ihr uns nicht? Sind wir euch zu alt? Zu uncool, zu anstrengend?

Lasst uns offen reden, erzählt uns, was ihr wünscht, wie ihr tickt, wovon ihr träumt. Ihr müsst doch auch, genau wie wir, die düsteren Seiten, die Verirrungen, die  Idiotien und die Grandezza des Lebens kennengelernt haben. Ihr müsst doch, genau wie wir, gereift und geschliffen und voller Lust auf den bunten Herbst des Lebens sein. Wo finden wir euch? Keine Angst, wir wollen euch nicht binden, nicht festklammern, wir wollen euch einfach nur kennenlernen und Spaß mit euch haben. Oder mögt ihr die Formulierung „Herbst des Lebens“ nicht? Dann würden wir euch gern bekehren. Der Herbst ist eine wundervolle Jahreszeit. Fühlt sich fast wie ein zweiter Frühling an.

Meldet euch, wir tun euch nichts.

Hart, sanft, mit wem? Wie ist der Sex, den wir uns wünschen?

Sherin: Laura

Um den Sex ist es in unserer Gesellschaft ist es nicht gut bestellt, sagt Volkmar Sigusch, der Altmeister der Sexualforschung, in der aktuellen Ausgabe der “Zeit”. Um ein paar interessante Details herauszupicken:

  • 95 Prozent der Sexualakte (was für ein Wort!) finden in festen Beziehungen statt. Die Kehrseite: Singles, die immerhin 25 Prozent der Befragten ausmachen, gehen leer aus. Es laufen in unserem Land also sehr viele sexuell einsame, unerfüllte Menschen herum.
  • Junge Männer sind irritiert: Klicken sie ins Internet, erleben sie Männer nur als  Potenzprotze, die es  Frauen “besorgen”. Die Frauen im echten Leben wollen das aber so gar nicht. An diesem Dilemma zerbrechen viele, sagt Sigusch.
  • Ältere Männer geben sich gern als Nimmersatt und am liebsten in Richtung jüngere Frau. In der Regel, so zitiert Sigusch die Sexualforschung, sind solche Männer impotent.

Offenbar hat die Freizügigkeit nicht nur Glückliche geschaffen. Sex ist verfügbarer denn je, für jeden, alles, kaum noch Tabus. Aber haben wir eine Kultur der Erotik, in der Leute wirklich über den Sex reden, den sie sich wünschen? Haben wir eine Sprache, die echt und offen ist? Bilder, die so sind? Nein, haben wir nicht. Wir bewegen uns in Klischees. Was für alle verfügbar gezeigt wird, ist eine schauspielerische Darstellung von Sex: Was in öffentlicher Performance zu sehen ist, hat  mit  den Wünschen der meisten Leute nicht viel zu tun hat. Frauen wünschen sich keine omnipotenten Stecher. Und Männer fühlen sich unter Druck durch diese vermeintliche Wirklichkeit, siehe oben.  Wo aber finden wir das, was mit den realen Wünschen zu tun hat? Wo alles möglich ist: Trieb und Zärtlichkeit. Begehren und Scham. Lust und Angst? In Wahrheit haben wir diese Kultur nicht. Wir haben unendliche Möglichkeiten, wenn wir im Netz “porn” eingeben, ist alles da, was Körpertechnik hergibt. Aber was hat das mit unseren Wünschen im echten Leben zu tun? Wie sprechen wir über uns? Wie loten wir aus, was wir von all dem für uns haben wollen, und was nicht? Welche Worte benutzen wir, welche Gefühle lassen wir zu. “Du, ich kriege heute vielleicht keinen hoch, aber ich hätte trotzdem gern Sex mit dir”. Wo im Internet finden wir das?

Soll ich bi werden?

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Sherin, Two Women

Ich mag Männer, und zwar sehr. Aber manchmal, das muss ich leider sagen, machen sie mich ratlos. Gerade im gehobenen Alter über 50, und das ist meine Preisklasse. Die Selbstgewissheit, mit der man so durchs Leben wandert, nicht mehr rechts und nicht mehr links guckt, nicht zuhört, sondern nonstop sendet: die Steuer, die Maut, der Löw. Haben sie denn keine Fragen mehr ans Leben? Wollen sie denn niemanden mehr inspirieren? Wollt sie für niemanden mehr lecker und lockend sein?

Natürlich sind nicht alle Männer so, es gibt wunderbare, interessante, sensitive Männer – elbsalon-Männer. Aber es gibt eben auch ein paar zuviele von den  anderen, und die frage ich: Habt ihr es nicht nötig, anspruchsvollen Frauen zu gefallen? Ist das reizlos? Findet ihr die Frauen reizlos? Den Umgang mit ihnen? Mich würde das wirklich interessieren.

Vor ein paar Wochen war ich auf einer Party, da war alles sehr anders, es waren fast nur Frauen. Viele dieser Frauen waren so inspirierend, so neugierig, so witzig und selbstironisch. Gepflegt, ja, mit um die 50 waren die richtig lecker. Und als wir so tanzten, leicht angeschickert und fröhlich, einander nette Dinge sagten, da dachte ich mir: Holla! Warum eigentlich nicht?

Ja, warum eigentlich nicht?

Sind wir nicht alle etwas bi? Der legendäre Sexualforscher Arthur Kinsey schrieb in seinem Report, dass die überwiegende Mehrheit der Männer und Frauen sich gelegentlich zum eignen Geschlecht hingezogen fühlte, Männer sogar noch mehr als Frauen (Warum, liebe Männer, erzählt ihr nie davon, es wäre so interessant!). Und während wir immer noch so tun, als wäre der Mensch entweder hetero oder homo, geht die moderne Sexualforschung davon aus, dass beides nur die Pole einer ganzen Bandbreite von Schattierungen sind. Die meisten haben irgendwann im Leben mal Lust auf das eigene Geschlecht, manchmal nur im Kopf, manchmal als vorübergehende Spielerei. Die Grenze schwimmt. Vieles ist möglich. Ich finde das aufregend.