Lange Nacht der Literatur

Meistens denken wir uns Literatur als eine eher stille Angelegenheit. Eine Autorin schreibt leise und konzentriert an einem Schreibtisch, vielleicht mit Blick in die Natur zwecks besseren Nachdenkens. Ein Leser sitzt in einem Ohrensessel und vertieft sich in die Buchstabenwelt eines Romans. Jahrhundertlange, ach was: Jahrtausendelang war das anders: Märchen, Sagen und Geschichten wurden erzählt und weiter erzählt.

Daran knüpft die Lange Nacht der Literatur in Hamburg an. Am zweiten September werden Autoren und Schriftstellerinnen an 42 Veranstaltungsorten in und um Hamburg aus ihren Werken vorlesen. Um 17 Uhr geht es los. Mit Gisa Pauly zum Beispiel. Die liest im Pinneberger Bücherwurm aus ihrem Sylt Krimi „Vogelkoje“. In Barmbek liest Mechthild Borrmann um 18 Uhr aus ihrem Roman „Trümmerkind“. Henning Sußebach liest zur selben Zeit in Winterhude aus seinem Reportageband „Deutschland ab vom Wege“. Nur eine halbe Stunde später, um 18:30 Uhr beginnt Fatma Aydemir bei Cohen + Dobernigg im Karoviertel aus ihrem Roman „Ellenbogen“ vorzulesen. Um 19 Uhr wird Stevan Paul aus seinem Roman um den Kochkünstler „Der große Glander“ lesen, in Hamm in der Buchhandlung „Seitenweise“. Die spätesten Veranstaltungen starten um 20 Uhr, etwa das moderierte Gespräch „Mord ohne Grenzen“ von Orkun Ertener und Merle Kröger in der Zinnschmelze in Barmbek. Um 22 Uhr klingt die Lange Nacht der Literatur im Kulturhaus 73 auf der Schanze aus.
Alle Lesungen finden Sie hier.

Nora Gomringer liest Grass

Jakob und Wilhelm Grimm erhalten im Jahr 1838 den ebenso großartigen wie riesengroßen Auftrag ein Wörterbuch der deutschen Sprache zu erstellen. Voller Eifer machen sich die Brüder ans Werk. Aberwitz, Angesicht, Atemkraft – fleißig sammeln sie Wörter und Zitate. Sie hoffen in etwa 15 Jahren das Werk zu vollenden. Barfuß, Bettelbrief, Biermörder – Herkommen und Verwendung erforschen die Beiden und verzetteln sich gründlich.

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Grass‘ Leben

Günter Grass erzählt entlang der Grimm’schen Begriffserklärungen von Leben und Zeitläuften der Brüder, Stationen ihres Lebens, Familie, Freunden, Werken (die Märchen!) und Wirken. 15 Jahre planten Jakob und Wilhelm für die Erarbeitung des Deutschen Wörterbuchs. Tatsächlich wird es erst 123 Jahr später zu Lebzeiten Günter Grass‘ fertig werden. Und so kommt auch Grass von der Grimm’schen Wortkunst immer wieder zum eigenen Leben und seinem 20. Jahrhundert.

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Grimms Wörter

Capriolen, Comödie, Creatur – am Ende ihres Lebens haben Jacob und Wilhelm Grimm nur wenige Buchstaben bewältigt. Und Günter Grass hat mit Grimms Wörter sein letztes Buch veröffentlicht. Daraus haben die Autorin und Poetry Slammerin Nora Gomringer und der Jazz Percussionist Günter „Baby“ Sommer ein Bühnenprogramm entwickelt. Das den Rhythmus und die Schönheit der Sprache feiern, die Fabulierkunst der Gebrüder Grimm und den typischen Sound von Grass feiert. Herausgekommen ist eine Text-Klang-Komposition, in der Worte und Musik ineinander fließen. Die Schlaginstrumente des Freejazzers Sommer treiben die Sprache der Dichterin vor sich her, die hier mal zart, mal knallend den Worten Günter Grass ihre Stimme leitet. Mal verstärken sich die beiden, dann lösen sie sich ab, dann besänftigen sie wieder. An Ende übernehmen die Gäste im kleinen Saal der Laeiszhalle und klatschen laut kräftig Beifall.

Joy Fielding @ Harbourfront Literatur Festival

von 29. September 2016 0 , , Permalink 6

Besonders bei Frauen ist die kanadische Autorin Joy Fielding außerordentlich beliebt. Am Dienstag war sie in Hamburg auf dem Harbourfront Literaturfestival zu Gast und schon im Aufzug zum Übel und Gefährlich war die Welt weiblich. Kurz glaubten wir, Frau Fielding führe mit uns hinauf in den vierten Stock, eine Leserin meinte sie vom Foto in der Zeitung wieder zu erkennen und nickte verschwörerisch in ihre Richtung.

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Havarie

 

Wäre ich staatlich geprüfter Küchenpsychologe, müsste ich mir ein kleineres Trauma unterstellen. Denn ich kann das Wort „Havarie“ nicht unfallfrei schreiben. Aus irgendeinem Grund will ich hinter das erste a immer ein kleines rollendes r setzen. Vielleicht ist mir die Situation, mit einem Schiff in ernsthafte Schwierigkeiten zu geraten, so fremd, dass ich mir nicht merken kann, wie man das Wort schreibt; vielleicht macht mir allein die Vorstellung aber schon so viel Angst, dass ein r in mir herumrollt. Ich weiß es nicht.

Dafür weiß ich, dass Merle Kröger nicht ganz unschuldig ist, dass mir die Urangst zu sterben, gerade so bewusst ist. Und das ist auch ganz richtig so. Verpackt in ein kleines schwarzglänzendes Büchlein erzählt Havarie die Geschichte von knapp 20 Menschen, die auf unterschiedlichen Booten auf dem Mittelmeer unterwegs sind. Oleksij Lewtschenko etwa, der als Ingenieur nicht nur das Beladen seines angerosteten Frachter Siobhan im algerischen Hafen von Ouran überwachen muss sondern auch, dass niemand Falsches unter die Ladung gerät. Oder Security Officer Lalita Masaranghi, deren Freizeit auf der „Spirit of Europe“ sich auf die Stunde zwischen ein und zwei Uhr nachts beschränkt, wenn die Kreuzfahrt-Gäste im Bett sind oder zu betrunken, um noch Ärger zu machen. Garantiert keinen Ärger macht Marwan Fakhouri. Der syrische Arzt arbeitet 15 Decks unter Lalita,um sein Leben. Irgendwann hofft er, wird er den Zustand der Illegalität und die fiebrige Erschöpfung hinter sich lassen und in Europa endlich ein neues Leben anfangen können. Erstmal kommt es dazu nicht. Erstmal geht der philippinische Sänger Joseph Quézon über Bord. Keine Chance auf Rettung. Eine Chance auf Rettung, wenn auch nur eine kleine, haben dafür die elf halb verdursteten Flüchtling, die mit ihrem Schlauchboot in den Kurs der Hochhaus-großen Spirit of Europe geraten. Jeder hat so seine Probleme in der Welt von Merle Kröger, nur manche sind lebensgefährlicher als andere.

Ein Buch, das gruselig nah ans echte Leben gerät. Nicht direkt mein eigenes, aber doch der vielen Flüchtlinge, die im Moment in Hamburg und anderswo stranden. Ein gutes Buch, nur schade, dass all diese Geschichten angerissen werden, die Figuren mich ein kleines Stück in ihr Leben ziehen und dann – plopp – ist das kleine Buch schon wieder aus. Ohne, dass ich wüsste, wie Lalita ihren Suche weiter verfolgt, ohne, dass ich so recht wüsste, wie es für Karims Freundin weitergeht oder für Olek. Schade.

Der Schmerz

 

von Zeruya Shalev. Wirklich, es gibt wahnsinnig viel, was einem Bewohner Israels Schmerzen bereiten könnte: Die ungelöste Palästinenser-Frage, das mitunter feindliche Verhältnis zu den Nachbarstaaten, Leider in der Region, eine gelegentlich turbulente Gestaltung des politischen Lebens in der einzigen (!) Demokratie der Region. Bei der israelischen Erfolgsautorin Zeruya Shalev verlagert sich der Schmerz eher nach innen. Ihre Ich-Erzählerin Iris leidet verschiedentlich unter körperlichen und seelischen Beschwerden. Vor Jahren wurde sie Opfer eine Sprengstoffattentats auf einen Linienbus, seither strahlt der Schmerz aus der Hüfte unablässig in ihre Leben.

Maria Schrader - Elbsalon

Dagegen kann weder ihr beruflicher Erfolg als Direktroin einer Schule, noch ihr netter, über Jahre vielleicht ein bisschen langweilig gewordener Ehemann etwas anrichten. Ihre fast erwachsenen Kinder Omer und Alma können es nicht, die schon gar nicht. Tochter Ala ist vor kurzem nach Tel Aviv gezogen und kommt mit dem erwachsenen Leben zur Sorge der Eltern nur mäßig zurecht. Sie verstrickt sich in eine Liebesbeziehung zu ihrem viel älteren Chef. Und dann trifft Iris in der Schmerzsprechstunde ihre Jugendliebe Eitan wieder. Fast dreißig Jahre haben sie sich nicht gesehen, aber nur ist er mit einem Schlag wieder da, der Schmerz so plötzlich und unerwartet von ihm verlassen worden zu sein, die Gefühle von damals.

Zeruya Shalev

Noch weiß ich nicht, wie die Geschichte ausgeht, die Zeruya Shalev gestern Abend beim Harbour Front Literatur Festival in wenigen hebräischen Sätzen angedeutet und Maria Schrader wunderschön auf Deutsch zum Leben erweckt hat. Aber ich weiß, dass ich herausfinden werde, was die Autorin im Gespräch mit Moderatorin Shelly Kupferberg  hat anklingen lassen.

Im übrigen sei im Nachtrag erwähnt, dass die israelische Bürgerin Zeruya Shalev am liebsten zwar an einem anderen friedlicheren, weniger heißen Ort als Israel leben würde, dass die Dinge die Kriege, politischen und gesellschaftlichen Streitigkeiten in ihrer Heimat sie aber keineswegs kalt lassen. Im Gegenteil.

Es geht uns gold!

 

Oder wie Meike Winnemuth es ausdrückt, wir haben „das unverschämte Glück auf der Welt zu sein“. In ihrem neuesten Buch Um es kurz zu machen hat die Autorin ihre Kolumnen aus der Myself, dem Stern und dem SZ Magazin zusammen getragen. Die ehemalige Ein-Kleid-Besitzerin, ehemalige Weltreisende, ehemalige Bloggerin erzählt vom Glück am Leben zu sein… äh und manchmal von den kleinen und großen Aufregern damit.

Gestern Abend kam Frau Winnemuth in die St. Katharinen Kirche zum Harbourfront Literaturfestival um einige ihrer Texte vorzulesen. Wir alle hatten einen vergnüglichen Abend und ich ein paar Erkenntnisse.

Erstens: Das Hirn eines Kolumnenschreibers funktioniert wie der Münzföhn im Städtischen Schwimmbad. Es läuft eine Weile heiß … und dann geht er aus. Sagt zumindest Axel Hacke, erzählt Meike Winnemuth.

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Autoren sind auch nur Menschen

Meistens dauert es ja recht lange, bis ein Roman vor einem liegt. Worte und Gedanken müssen ge- und erfunden werden. Lange Tage, Abende, Nächte vielleicht sitzt der Autor allein mit sich und seiner Welt am Schreibtisch. Später liest der Lektor, merkt hier etwas an fragt da nach. Verwirft eine Kritik, hält an einer anderen fest. Die Menschen in der Buchproduktion kümmern sich um das richtige Layout, die Druckerei, ach zig Kleinigkeiten, der Grafiker gestaltet einen Einband. Die Mitarbeiter in der Presseabteilung schwirren (virtuell und wirklich) aus.

Und eines schönen Tages im Spätsommer, rechtzeitig vor dem Bücherherbst um genau zu sein, sind lauter Bücher deutscher Autoren da, die alle eine Vergangenheit und Wurzeln im Ausland haben.

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HAM.LIT

Dirk Laucke – Foto: Thorsten Wulff

Das Übel & Gefährlich im Bunker an der Feldstraße in St.Pauli wird für eine Nacht wieder zur literarischen Flaniermeile: 15 Autoren und Autorinnen lesen bei Hamburgs lässiger Lesenacht parallel auf drei Bühnen. Gleichzeitig spielen drei Bands.

Die jungen Literaten haben bereits fürs Theater geschrieben, auf Bühnen gespielt, im Nahen Osten unterrichtet, Preise gewonnen, erste Bücher veröffentlicht oder sich längst etabliert.

Im diesem Jahr dabei u. a.:

-Die gefeierten Hamburger Autorinnen Nino Haratischwili (siehe Video) und Karen Köhler.-Die Open Mike Preisträger Dmitrij Gawrisch und Jens Eisel.

-Die aufregenden Neu- und Wiederentdeckungen: Maruan Paschen, Verena Günter und Heike Geißler.

-Der Dramatiker Dirk Laucke, der die Premiere seines Romandebüts feiert.

-Der Buchautor Alexander Posch und die Hamburger Theaterautorin Ulrike Syha, die gemeinsam mit Schauspieler Jörn Knebel liest.

-Linus Westheuser und Carolin Callies, die ihre  ihren Lyrikdebüts vorstellen.

-Thomas Melle und Kristof Magnusson lesen aus ihren neuesten Romanen.

THOMAS MELLE

Und zum Abschluss des Abends: Kirsten Fuchs.

Die Musik kommt von Rakede, Joco und dem Bürgermeister der Nacht.

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Karen Köhler – Foto: Julia Klug
HAM.LIT – Lange Nacht junger Literatur und Musik
Do, 05.02.2015, Beginn 19:30
Ort: Uebel&Gefährlich und Terrace Hill
Feldstraße 66 (Medienbunker), 20359 Hamburg

Der Buchmarkt in Zahlen & Hamburg als Literaturstadt

BücherFoto: Jonas Wölk

„Man muss ja schließlich wissen, womit man es zu tun hat“, sage ich immer und deswegen kommen wir heute mal zu ein paar Zahlen, Daten und Fakten rund um mein allerliebstes Thema: Literatur.

Im vergangenen Jahr, also 2013, haben die deutschen Verlage insgesamt 81.919 Titel in Erstauflage herausgebracht. Zählt man die Neuauflagen hinzu, dann waren es sogar 92.600 Titel. Bei 10.978 dieser Werke handelte es sich um Taschenbücher. Hierbei steht Belletristik mit 33,8% Anteil am Gesamtumsatz an erster Stelle der Warengruppen. Es folgen Kinder- und Jugendbücher mit 15,8% und Ratgeber mit 14,5%. Ausgehend von der Titelproduktion der Erstausgaben belegt Hamburg für das Jahr 2013 den dritten Platz des Rankings der wichtigsten Verlagsorte. 4.661 neue Werke wurden von unseren Verlagen herausgegeben. Vor uns, auf den zweiten Platz, schaffte es München (8.238) und den Titel „Wichtigster Verlagsort“ holte sich Berlin (9.278). [Quelle: Börsenblatt]

Bleiben wir mal in Hamburg: Neben den großen Verlagshäusern, wie Hoffmann und Campe, Rowohlt, dem Carlsen-Verlag oder der Oetinger-Gruppe, gibt es in der Hansestadt auch zahlreiche kleinere Verlage. Im Bereich Kinder- und Jugendbuch ist unserer Stadt führend und auch als Talentschmiede für Illustration und Graphic Novel einzigartig in Deutschland.

Für an dieser Materie Interessierte findet, unter dem Titel „Die Buchmacher. Wie in Hamburg Literatur entsteht“, am 11. September 2014 eine kostenlose (!) Veranstaltung zur Hamburger Literaturszene im NDR Radio Haus statt. Weitere Infos hierzu finden Sie unter www.harbourfront-hamburg.com.

Und wer sich näher mit Hamburgs Spezialgebiet, Graphic Novel, auseinandersetzen möchte, dem empfehle ich wärmstens den Internationalen Graphic Novel Salon, am 18. September 2014.