Einmal Flüchtling sein – ein Albtraum

Ich hatte vor ein paar Wochen einen Traum. Ich habe, wie in echt,  in meiner Wohnung in Eimsbüttel neben meinem Freund geschlafen, und plötzlich bin ich aufgewacht (Traum), weil es furchtbar gekracht und unsere Wohnung gebebt hat. Paula, die Tochter unserer Nachbarin, hat geschrien. Ich war orientierungslos, mein Herz raste, und jemand brüllte draußen „Bomben, sie werfen Bomben!!“. Ich rüttelte hysterisch an meinem Freund, voller Panik, dass ich ihn nicht wachkriege, nicht retten kann, verlieren werde. Es gelang mir zum Glück, wir rannten auf die Straße (was macht man denn, wenn man bombardiert wird?? Drin bleiben? Rausrennen? Damit hatte ich mich doch noch nie beschäftigt!). Der Rest des Traumes war ein angsterfülltes Chaos, Menschen, die die Bellealliancestraße und die Fruchtallee entlang rannten, Staub, Blut, Weinen, Lärm, Tote, Trümmer, Angst.

Ich weiß nicht, wer „sie“ (die Bombenwerfer) waren, ich weiß nur, wie benommen, erschüttert und schließlich erleichtert ich war, als ich aufwachte. Alles ruhig auf der Bellealliancestraße. Puh. Das war das nächste, was ich jemals zu einem Kriegserlebnis hatte. Es ist für mich fast unvorstellbar, dass es Menschen gibt, die das tatsächlich so erleben. Viele, täglich.

An diesen Traum denke ich oft, wenn ich über Krieg, über Flüchtlinge und Flüchtlingspolitik lese. So auch am Wochenende, als nahezu 1000 Menschen einen grausamen Tod starben, auf einer Reise, von der sie sich eigentlich Sicherheit und Frieden erhofften.

Wären wir in meinem Traum, in dem Krieg in Europa tobte, auch geflüchtet? Was wäre mit unseren Eltern gewesen? Und wohin wären wir geflüchtet? Nach Amerika? Mit Delta Airlines mit Tomatensaft und On-Board-Entertainment oder mit einem lebensgefährlichen Schlepperboot von Cuxhaven aus, frierend, hungrig, durstig, zusammengedrängt mit halb Eimsbüttel, Schnelsen und Norderstedt? Wie geht flüchten?

Ich weiß darüber nicht viel, weil ich das unglaubliche Glück habe, darüber nur in der Zeitung zu lesen, sicher auf meinem Eimsbüttler Balkon in der Sonne, vor mir ein Biodinkelbrötchen und einen frischen Apfelsaft von glücklichen, freilaufenden Äpfeln aus der Region. Danke. Ich weiß auch, dass ich es toll finde, und es mein Herz wärmt, wenn ich Geschichten über auch biodinkelbrötchenkonsumierende Mitmenschen höre oder lese, die Flüchtlinge in ihrem Zuhause aufnehmen (wie Hildegard und Werner, 89), ein Kennenlern-Abendessen mit Flüchtlingen veranstalten (wie einige Elbsalonis), oder ein Projekt durchgesetzt haben, indem junge Flüchtlinge mit unsicherem Aufenthaltstatus die Chance auf eine Ausbildung bekommen (wie meine Kollegin aus der Fortbildung). Und ich weiß, dass es mich traurig macht, wenn ich über die Katastrophe im Mittelmeer lese, über Tröglitz, über Demos gegen Flüchtlingsheime, über Anfeindung und Abschottung.

„Jede Nacht Schüsse. Deine Frau weint im Schlaf. Dein Sohn kam gestern nicht mehr nach Hause. Keine Zeit für Trauer. Gestern wurde das Haus deines Nachbarn getroffen. Du musst deine Familie in Sicherheit bringen. Dein Leben in eine Tasche. In Deutschland ist es ruhiger. Aber nicht jeder gönnt dir diese Ruhe. Du vermisst deinen Sohn.“

Mit Zitaten wie diesen versucht auch die Social Media Kampagne vom Blog EierundHerz zu verdeutlichen, dass ein „Flüchtling“ genausowenig auf dieses Wort reduziert werden sollte, wie ein Gefangener auf eine Zahl, sondern dass dahinter jeweils ein Mensch steckt. Mit Familie, Nachbarn, einem Haus, einem Mittwoch-Abend-Stammtisch, einem Job, Ängsten, Hobbies, einer Reisetasche von Tchibo (oder dem syrischen Äquivalent von Tchibo) und möglicherweise einer Vorliebe für Biodinkelbrötchen. Einer, der viel davon gerade verloren hat, und etwas Schreckliches durchmacht. Ich hoffe, dass auch diejenigen Mensch in unserem schönen Land, die bisher noch nicht vermögen, ihre irrationalen Ängste zu überwinden, es zunehmend schaffen, ihr Herz zu öffnen, und zu erkennen: „Wer flüchten musste, verdient ein wenig Frieden. End of story.“*

*das ist das Motto der erwähnten Kampagne von EierundHerz