Cuneo und die Frauen – 110 Jahre Cuneo

Franca und Franco Cuneo

Im Paradies, aus dem wir angeblich vertrieben wurden wegen eines rotbackigen Apfels, vergnügten sich natürlich ganz unschuldig Mann und Frau. Und weil das Cuneo das Paradies auf Erden ist, vergnügen sich auch hier nicht nur mit rotbackigen Äpfeln Männlein und Weiblein – unschuldig schuldig. Das Programm der herrlichen Musikbox sorgt für Tanz und Verzückung. Franco Cuneo, der geniale Neuerfinder dieser unendlich sentimental phantastischen Hafenkneipe, Franco hat aus der Hafenkneipe für Seeleute, Spieler, leichte Mädchen, Goldfälscher und falsche Carusos Italien auf St. Pauli kreiert, die Wiedergeburt des Paradieses an der Davidstraße, ein Künstlerrestaurant, das über Jahrzehnte hinweg das Wohnzimmer bedeutender MalerInnen, Kunstfälscher, Regisseure, Schauspieler und Schauspielerinnen, Sänger, Intendanten und Filmemacher, Politiker und Journalisten gewesen und noch immer ist. Dieses Kunstwerk hat er mit seinem Charme und mit einer gigantischen Schaffensfreude, mit tollen Ideen und mit Power kreiert und ganz besonders mit seinem feinen, mit seinem guten Gefühl für Menschen, für die bunte Mischung seiner ungezählten Paradiesvögel.

Nun, da die Zeit des Alters gekommen ist, die Zeit des lächelnden Rückzugs, der Übergabe, nun waren seine Weisheit und sein Genie noch einmal ganz besonders gefordert. Wie viel schönes Geschirr wird nicht zerscheppert bei der Übergabe des Ererbten, des Geschaffenen an die nächste Generation?

Aber auch hier erwies sich Franco Cuneo als ein klarsichtiger Träumer – er sah sich in seinem schönen Nest nach Nachfolge um.

Im Hintergrund wirkten ja seit eh und jeh, das war schon so bei Giovani, dem Vater, still und fein die Frauen. Francos beide gewichtigsten Musen, seine Schutzengel und Stürmeberuhigerinnen im Hintergrund wirkten still und fein:  Francos unbestechliche Schwester Mafalda und seine starke Frau, Karin Cuneo. Ohne diese beiden genialen und dabei ganz uneitlen Frauen hätte es das Cuneo-Paradies gewiss nie in dieser coolen Schönheit gegeben, wie wir es Abend für Abend genießen.

Cuneo_Sigrid_Rothe

Cuneo – Foto: Sigrid Rothe

Jetzt tritt der weise König ab – und weil er weise ist, übergibt er das Regiment seiner Tochter Franca, die alle seine guten Gaben und dazu die von ihrer Mutter Karin in sich vereinigt. Eine Frau ist nun Königin des Paradieses an der Davidstraße. Und darum wollen wir anlässlich des 110ten Cuneo-Geburtstags jubelnd und überschwänglich das schöne Regiment von Franca Cuneo und aller Cuneo-Frauen feiern. Der Mann hatte seinen Auftritt: Franco hat ihn prächtig genützt und hat ein unvergleichliches Werk über bald sechs Jahrzehnte vollbracht. Jetzt geht dieser Diamant an die Tochter über: Die starken Frauen, lange im Wirbel der Eitelkeiten übersehen, sollen an diesem 110. Geburtstag in den Himmel gehoben und für alle tagtäglich harte Gasthaus-Plage gefeiert werden.

Klaus Pohl, Schauspieler und Schriftsteller über „sein Cuneo“.
Cuneo 110 Anni – Gala zum 110. Geburtstag des Restaurants Cuneo – 4. Mai 2015, 20 Uhr, St. Pauli Theater, Hamburg