Wie wir mit Emad und Mohamed einen ungewöhnlichen Abend verbrachten

Gestern waren Mohamed, in der Mitte, und Emad, links, zum Abendessen bei uns, drei „Elbsalonis“. Mohamed, 42, und Emad, 30, sind kurdische Syrer, die aus ihrer Heimat im Nordosten Syriens geflohen sind und jetzt im Asylanten-Auffanglager Schwarzenbergweg in Harburg warten, was wird. Sie sind mit Tina gekommen, die sich dort in ihrer Freizeit um Flüchtlinge kümmert. Wir alle wollen einfach einen schönen Abend miteinander verbringen, essen, reden, Geschichten austauschen.

Erstmal sitzen wir etwas befangen um den gedeckten Tisch herum, es gibt Hühnchen, Kartoffeln und Salat, die Suppe dampft. Muhamad und Emad können erst wenige Brocken Deutsch, sie haben kaum Gelegenheit, ihr Deutsch anzuwenden, weil sich in ihrem Alltag sowenig Kontakte mit Deutschsprachigen ergeben. Auch das soll an diesem Abend anders sein.

Mohamed ist Philosophielehrer, Emad Anästhesietechniker. Seit neun Monaten sind sie unterwegs, Schlepper haben ihnen geholfen, gegen horrendes Geld. Sie haben eine monatelange Odyssee hinter sich, haben Tausende Euro bezahlt, um endlich in Hamburg zu sein und zählen die Tage und Wochen und Monate, bis sie Familien endlich wiedersehen können.  Mohamed und Emad zeigen uns Fotos, Frauen, Kinder, ein Haus mit einem Orangenbaum davor. Das Handy zum Skypen und Simsen ist ihr wichtigster Besitz. So oft es geht haben sie Kontakt.

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Denn ihre Heimat ist zerstört, zerrissen von dem Krieg zwischen den Schergen Assads und den Widerstandskämpfern, dazu die Angst vor der IS. Wer gegen wen – selbst Mohamed und Emad blicken kaum noch durch. Sie wissen nur, dass ihre Familien nicht sicher sind, dass der Terror und die Kämpfe ihr Leben bedrohen. Das Warten, sagt Mohamed, fällt so furchtbar schwer. Er will so schnell wie möglich Deutsch lernen, so viel Deutsch sprechen wie möglich, damit er sich eine Arbeit suchen, am besten als Dolmetscher, und dann seine Familie nach Deutschland holen kann. Er zeigt uns Fotos von seinem Leben in Syrien, zeigt seine drei Kinder, seine Frau, atemberaubend hübsch ist sie, Mohamed kommt aus dem Strahlen kaum noch heraus.

Wir radebrechen uns eine Unterhaltung zusammen, essen und lachen. Sie bringen uns ein paar ordentliche Schimpfwörter auf Kurdisch bei, Emad lässt auf seinem Handy kurdische Musik laufen und grinst. Warum, fragen wir uns, machen wir so etwas nicht öfter? Es braucht so wenig und es ist so leicht, einfach Mensch und Mensch zu sein. Mal zuzuhören, mitzufühlen, über die gleiche Art von Scherz zu lachen.

Tina versteht sogar schon ein paar Brocken Kurdisch. Sie ist 27 und kümmert sich ehrenamtlich um Flüchtlinge im Hamburger Camp, hilft bei den endlosen Behördengängen, zeigt ihren die Stadt, hört zu. Da wir nicht einfach ins Asylantenheim spazieren und Leute einladen konnten, hatten wir sie gebeten, uns Kontakte zu vermitteln. Die Idee kam durch einen Zeitungsbericht über eine Schwedischlehrerin in Stockholm, die Flüchlingsdinner veranstaltet und vermittelt, damit die Flüchtlinge Gelegenheit finden, das gelernte Schwedisch  zu sprechen und einfach mal Mensch und nicht Flüchtling zu sein. Wir haben im Elbsalon darüber gepostet.

Nach unserem Abend sind wir überzeugter denn je von der Idee und wollen es  wieder machen. Nicht nur die Flüchtlinge haben etwas davon, auch wir. So viele Vorurteile liegen im Weg. Stellt euch vor, ihr selbst wäret Tausende von Kilometern geflohen, hättet Strapazen ohne Ende hinter euch, und wärt nun fremd in einem Land, dessen Sprache ihr nicht sprecht und dessen Menschen euch misstrauisch beäugen. Und eure Liebsten, die ihr seit Monaten nicht gesehen habt, sind weit, weit weg und womöglich in Gefahr. Haben wir nicht ein irres Glück, dass wir gemütlich im Wohnzimmer sitzen und unser Bier schlürfen dürfen?

Tina sagt, dass ausrangierte Fahrräder außerordentlich nützlich sind. Oder ausrangierte Laptops. Damit können Männer wie Mohamed und Emad Deutsch lernen, lesen und schreiben.

 

Am nächsten Tag hat uns Mohamed seine Eindrücke von unserem gemeinsamen Abend geschrieben:

Hannah und ihre Freunde Sabine und Inga haben uns zu einem Abendessen in ihre Wohnung eingeladen. Wir haben eine schöne Zeit mit deutschem Glück und Freude verbracht.
Wir haben zusammen getrunken und tauschten uns in Gesprächen über Syrien allgemein und insbesondere über die Kurden aus, mit den paar deutschen Wörtern, die wir in diesen Monaten gelernt haben, und manchmal auf Englisch.
Es ist für uns wichtig und notwendig hier in unserer zweiten Heimat die deutsche Sprache zu lernen, um nützlich  sein zu können und um uns weiterzuentwickeln.
Wir erleben viel Freundlichkeit von Deutschen und Liebe zu den Menschen, und wir erleben, dass Ausländer aus verschiedensten Ländern ohne Diskriminierung akzeptiert werden.
Es war ein besonderer Tag für uns, wir waren froh und glücklich über die nette Einladung.
Mit unserer Liebe und Respekt, die aus dem Herzen kommen.
Mohamed Omer

 

 

 

Flüchtlingshilfe am Esstisch – denn was verbindet besser, als gemeinsam zu essen?

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Foto: Casper Hedberg for The New York Times

 

Das ist Ebba Akerman, Schwedischlehrerin in Stockholm. Sie unterrichtet Flüchtlinge in Schwedisch. Eines Tages im letzten Sommer, nach einem Gespräch mit einem ihrer Schüler, wurde ihr klar, dass die meisten Flüchtlinge ihr Schwedisch kaum anwenden können, weil sie kaum Kontakt zu Schwedischen Menschen haben. Das darf nicht sein, das muss sich ändern, sagte Ebba sich, und hatte eine Idee: Was bringt Menschen leichter zusammen, als gemeinsam zu essen? Also lud sie Flüchtlinge zu sich nach Hause zum Essen ein und ermunterte Freunde und Bekannte, es ebenso zu tun. Sie gründete ein „Einladungsministerium“ und vermittelte immer mehr Kontakte. Mittlerweile kann sie sich vor Anfragen nicht retten, überall im Land organisieren Schweden solche Essen, viele Hundert sind es inzwischen. TV und Zeitungen berichteten, sogar die New York Times schrieb über Ebbas Projekt.

„Wir lassen die Menschen in unser Land, aber nicht in unsere Gesellschaft“, sagt Ebba.

Die Einladungen zum gemeinsamen Essen sind ein kleiner Schritt, aber oft mit großer Wirkung. Sie schaffen Begegnungen und Gespräche auf Augenhöhe, die Fremdheit weicht auf, auf beiden Seiten, zumindest für einen Abend. In der „Zeit“ dieser Woche wird im Dossier die Geschichte einer Geografielehrerin aus Syrien erzählt, die nach Schweden geflohen ist, und nach Monaten der Einsamkeit eine solche Einladung zum Essen annimmt. Ihre klammen Gefühle werden beschrieben, als sie die Treppe in die Wohnung hochsteigt, die Angst, was sie erwarten möge. Aber auch die Beklommenheit ihrer beiden Gastgeber. Wer kommt da? Was redet man? Und dann ergibt es sich, sie reden und lachen und essen den ganzen Lachsauflauf. Einen so schönen Abend hatten sie lange nicht mehr, das sagen alle drei. Es ist doch eigentlich so einfach: Etwas kochen, den Tisch decken, das kann jeder.
Auf ihrer Website www.invitationsdepartementet.eu erklärt Ebba Akerman ihr Projekt und bietet  Hilfe bei der Organisation an. Man kann sie anmailen. Sie selbst hat mittlerweile mehr als 40 Essen veranstaltet und eine Menge Erfahrung, die sie weitergeben kann.

Warum nicht auch in Hamburg? Die Hamburger zeigen sich sehr hilfsbereit, viele Initiativen bieten Flüchtlingen Unterstützung. Jemanden einzuladen und zu bewirten, um ihm (und sich selbst) für ein paar Stunden die Fremdheit zu nehmen, das wäre ein Beitrag, den auch die leisten können, die sonst zu wenig Zeit haben, sich zu engagieren.

Und Spaß macht es auch, wie die Fotos von Ebbas Website zeigen.
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