Ü-50-Alert: Warum wir Älteren nicht bequem werden dürfen

Ich sitze mit dem 7-Uhr-Tee in meinem Sessel und überblicke mein Ü-55-Leben: Job gut, Einkommen gut, Kinder gelungen.  Ich habe ein anständiges Ehrenamt, einen fähigen Zahnarzt, ein treuen Automechaniker. Körper und Geist sind in Form. Die großen Schlachten sind geschlagen, nun sind Ruhe und Gelassenheit dran. Ich habe das große Ziel erreicht: Ich bin angekommen.
Oder? War’s das? Was kommt nun? Was kommt in den Jahrzehnten (hoffentlich), die vor mir liegen?
Wir pflegen so eine komische Vorstellung vom Älterwerden. In den jüngeren Jahren rackern und kämpfen wir, stecken zurück, bauen auf, damit es uns irgendwann so gut geht, dass wir uns gepflegt niederlassen und unser Werk genießen können. 30 Jahre lang zurücklehnen und genießen? Sind Tempo, Gestaltungskraft, Aufbruch, Neugier den jungen und mittleren Jahren vorbehalten? Wenn ich in mich lausche, merke ich: Das ist Blödsinn.
Ja, früher waren Ü-55er verbraucht, von harter Arbeit und entbehrungsreichem Leben. So leben wir heute nicht. Wir arbeiten hart, haben Kinder erzogen, viel bewegt. Aber wir sind gesund, fit und lebenslustig wie noch keine Generation vor uns. Manches wird langsamer, Belastbarkeit, Konzentration und Gedächtnis sind nicht mehr 30. Anderes ist gewachsen: Entscheidungsmut, Angstfreiheit, Erfahrung, Effizienz. Fähigkeiten, die wie gemacht sind, um Neues zu versuchen, Experimente zu wagen, sich noch einmal richtig anzustrengen. Und wir meinen: Jetzt kommt das Ausruhen.
Wenn wir älter werden, meinen wir Glück und Zufriedenheit zu kultivieren, indem wir unangenehme Situationen vermeiden. Das schreibt die amerikanische Wissenschaftlerin Lisa Feldman Barrett in einem interessanten Beitrag in der New York Times. Wir haben das ja auch verdient, die Plackerei musst ja für irgendetwas gut sein, und so richten wir uns ein in der Komfortzone, möglichst bequem. Das ist schön, aber sind wir dafür gemacht? Unser großer Antreiber, das Gehirn, mag das gar nicht. Wenn wir aufhören uns anzustrengen, körperlich wie mental, werden all die Schichten dünner, die die wichtigsten Funktionen, die Kraft und Energie speisen. Wir vergeuden unsere Kraft, verlieren die Offenheit und Schärfe unseres Verstandes, werden müde, langweilig und schlaff. Wir dachten immer: Wenn wir alt genug sind, machen wir es uns gemütlich. Was wir übersehen: Wenn wir es uns gemütlich machen, werden wir alt.  Mit „ein bisschen aktiv“ hier und da ist es nicht getan. Wir müssen uns richtig anstrengen, wenn wir die Kraft in uns befeuern wollen. Lisa Feldman Barrett vergleicht den älter werdenden Mensch mit einem Elitesoldaten: Es muss weh tun, wenn Disziplin und Muskeln wachsen sollen. Der Schmerz zeigt, dass die Schwäche weicht. Ich will mich nicht mit einem Marine vergleichen, beileibe nicht. Aber die Übersetzung finde ich aufregend: Der Lebensmuskel muss gefordert werden, er braucht ständig neue Energie. Wir sind zur Anstrengung geboren. Und das heißt: Aufbruch, immer wieder, auch im sogenannten Alter. Wir kommen nie an. Das mit dem Kämpfen hört nie auf. Dass wir irgendwann zur großen Lebensbelohnung wie der Löwe auf dem Felsen ruhen und den Blick stolz über unser Land schweifen lassen – Illusion. Verdammt unbequem, aber eine bessere Nachricht für die Phase Ü 55 gibt es nicht. Es ist eine Aufforderung nicht nur den Körper zu fordern, sondern auch das Hirn: all die bequemen Gedanken zu hinterfragen. Unsere Einstellungen, Urteile und Vorurteile zu überprüfen. Gewohnheiten und Gewissheiten ins Visier zu nehmen. Muster zu entdecken, Gefühlen nachzugehen. Neues zu entdecken und sich einzumischen. Es gibt so viel zu tun.