Was hat es eigentlich mit dieser Geburtstagsneurose auf sich?

 

Zwei Generationen, ein Thema.
Wir, Mutter und Tochter, ergründen die einfachen (und wichtigen) Fragen des Lebens…

Die Tochter. Ein Geburtstag nach dem anderen im Moment. Viel feiern. Schön! Oder? Ich seh‘ mich um und frag mich, warum so viel an ihrem Geburtstag viel angespannter sind als sonst. Was hat es eigentlich mit dieser Geburtstagsneurose auf sich? So wie Weihnachten der Tag des Familien- und Silvester der Tag des Beziehungsknatsches zu sein scheint, ist der Geburtstag wohl der Tag des Knatsches mit sich selbst. Der Geburtstag naht, und auch die Gelassenen unter meinen Bekannten zeigen zumindest milde Anzeichen von Hysterie. Zumindest Zerissenheit. Soll ich feiern, oder nicht? Ach, nur ein gewöhnlicher Tag – aber wehe er verstreicht sang- und klanglos! Iwo, keine Geschenke – niemand hat sich Mühe gemacht! Ich will gefeiert werden – aber bloß nicht zu viel Aufsehen! Gratulieren mir genug Leute auf Facebook (fragt man sich natürlich nur heimlich, denn da steht man ja drüber)? Lieben mich eigentlich genug Leute? Liebt mich eigentlich überhaupt irgendjemand?? Da brodelt doch oft klammheimlich, neben der einfachen Frage der Tagesgestaltung, noch ein großer Topf ganz anderer Fragen. Stehe ich im Leben wo ich will? Erfolg? Liebe? Gesundheit? Oh Graus! Ein Hurra auf solche Reflexionen, aber warum kommen die bei so vielen tsunamiartig an diesem einen Tag, statt, sagen wir mal, wenn es irgendwie stimmiger und weniger willkürlich erscheint. An meinem 28. Geburtstag war ich grade eine Weile allein in Indien. Ich war seit wenigen Tagen dort, und hatte das Glück, schon herzallerliebste Menschen zu kennen, mit denen ich den Tag verbrachte. Toll! Jedoch interessierte sich niemand dafür, dass ich Geburtstag hatte. Da hatte ich plötzlich Heimweh und tat mir selbst leid. Später erst lernte ich, dass der Geburtstag in Indien einfach nicht so eine große Rolle spielt. Da werden andere Sachen mehr gefeiert. An meinem Geburtstag war zum Beispiel grad Diwali, eins der wichtigsten hinduistischen Feste, das Fest der Lichter. Stahl mir komplett die Show, klar. „Kernaussage des Festes ist der Sieg des Guten über das Böse, Licht über Dunkelheit und das Erkennen eigener innerer Stärken.“ erklärt Wikipedia über Diwali. Uff, ziemlich starke Konkurrenz zum Feiern der Relevanz der eigenen Person für die Welt! In dem Jahr beschloss ich, den Geburtstag zukünftig etwas indischer anzugehen. Und finde das sehr entspannend.

Die Mutter. Eine Freundin von mir interessiert sich nicht für Geburtstage, den eigenen nicht, den ihres Mannes nicht, die ihrer Freunde nicht. Wir gratulieren uns nie, wir denken einfach nie dran. Es tut der Freundschaft keinen Abbruch, es ist nicht wichtig. Ich finde das erfrischend.

Irgendwann in den 40ern ist mir unangenehm aufgefallen, dass Geburtstag so blöde mit dem Älterwerden gekoppelt ist. Jedes Jahr ein Jahr mehr auf der Uhr, pfui. Ich will, dass mir der Geburtstagsgott neue Jahre schenkt und mir nicht schon wieder eins wegnimmt. Und mir das dann auch noch deutlich aufs Geburtstagstablett schmiert: OH, du hast Geburtstag, wie toll. Nee, ist nicht toll. Ich bin gegen Geburtstag. Gegen die Anrufe von Menschen, die sich das ganze Jahr nicht melden. Warum an diesem Tag? Jeder andere Tag täte es auch. Ich bin gegen das mulmige Gefühl, feiern zu müssen. Ich will feiern, wann ich Lust habe. Ich brauche diesen Tag nicht, um mich zu freuen, dass ich geboren wurde. Natürlich freue ich mich über Geschenke, total, aber die gefallen mir an jedem anderen Tag im Jahr genauso gut.

Bilanz ziehe ich am Jahresende, und über die Güte meines Lebens denke ich zu anderen Gelegenheiten nach. Dazu brauche ich diesen einen Tag im November nicht. Einer wird mir dennoch fehlen: der Fleurop-Bote, der jedes Jahr klingelte, mit einem Strauß von meiner Mutter. So zuverlässig, Jahr für Jahr, sehr untypisch für sie. Dieses Jahr wird es keinen mehr von ihr geben. Vielleicht kaufe ich mir selbst einen. Vielleicht fange ich dieses Jahr damit an, mir an meinem Geburtstag einen Strauß hinzustellen. Und versöhne mich mit dem Geburtstagsgott.

Mehr von uns finden Sie auf www.zweimokka.wordpress.com