Angst essen Seele auf

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Angst ist ein schlechter Ratgeber haben sich ein paar begabte Zeichner und ein Journalist gedacht. In verschiedenen Arbeitskonstellationen haben sie Fakten rund um Flüchtlinge und Deutschland recherchiert um die 15 wichtigsten Besorgnisse zu entkräften. Nicht mit Parolen sondern mit Wissen und der ausdrücklichen Bitte dies zu teilen.* Hinter Bildkorrektur stecken: Aike Arndt, Tim Dinter, FÖRM, Hamed Eshrat, Serafine Frey, Matthias Gubig, Jens Harder, Jim Avignon, Alex Jordan, Alexandra Klobouk, Sebastian Lörscher, Mawil, Moritz Stetter, Henning Wagenbreth, Barbara Yelin und Felix Denk (Journalist, Text und Recherche).

  • * Bitte Teilen, please share, it´s creative common! (cc BY-NC-ND)

Ahmad – vier Monate später

„Es gibt so viele Neuigkeiten, Saskia! Ich bin der rundum erneuerte Ahmad! “ schreibt mir Ahmad vor ein paar Wochen über Facebook. Wir verabreden uns. „Lass uns in der Bucerius Law School treffen, da geh ich jetzt hin“. Mir fällt die Kinnlade runter. Ob’s da ein Café gibt, frage ich. „Es ist eine Law School“, sagt er, „natürlich gibt es Kaffee.“  Touché.

Kleiner Rückblick: Vor vier Monaten schrieb ich hier über Ahmad – den 22-jährigen Syrer, noch zittrig von der Flucht aus dem zerbombten Idlib, mürbe vom Zehnerzimmer in der Unterkunft Schnackenburgallee, geplagt von Sorge um den in Wien verlorenen kleinen Bruder.

Jetzt, vier Monate später hier in einer Café-Ecke der renommierten Jura-Hochschule, sitzt ein ruhiger, angekommener Ahmad vor mir. Seit unserem letzten Treffen hat sich viel verändert.  Im August hat er sich noch nach irgendeinem Zeitvertreib gesehnt – davon, sein fast beendetes Jurastudium hier fortzusetzen, hat er nur in der Ferne geträumt. Jetzt studiert er an der BLS als internationaler Austauschstudent, der Kontakt kam über eine Zufallsbekanntschaft auf einem Fest zustande. Ein baldiger Abschluss oder Anerkennung seiner Leistungen aus Syrien ist aktuell zwar noch nicht in Sicht, das ist bei Recht wohl immer schwierig. Aber er kann zumindest erst einmal weiterstudieren. Außerdem hat er einen HiWi-Job am Max-Planck-Institut in Aussicht und statt in der Massenunterkunft wohnt er inzwischen in einer WG – mit Ann-Christin, dem Mädchen, das ihm geholfen hat, seinen kleinen Bruder sicher von Wien nach Hamburg zu bugsieren. Tammam geht inzwischen übrigens hier zur Schule, für ihn hat Ahmad inzwischen die Vormundschaft übernommen. Ann-Christin hilft ihm, mit Behörden zu kommunizieren. Tammam wohnt auch bei Ann-Christin, Ahmads älterer Bruder Tarek hat Unterschlupf bei einer Familie gefunden.

„Jetzt muss ich noch Deutsch lernen, wann soll ich das noch schaffen.. ich bin jetzt auch immer busy busy busy“, lacht er.

Ahmad ist charmant, bescheiden und vernünftig, mich wundert es nicht, dass seine offene, freundliche Art rechts und links Herzen und Türen öffnet. Ahmad sieht das anders, er fühlt sich beschenkt. Er berichtet von der großen Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft, die er hier in Deutschland erfährt. „Das sind alles fremde Menschen, die mir da helfen. Einfach so, ohne etwas dafür zu wollen, sie wollen nicht mal Dank. Sowas habe ich vorher noch nie erlebt.“ Er sieht beim Erzählen beinah benommen aus. „Besonders Ann-Christin“, erzählt er. „Sie hilft mir bei allem. Sofort. Sie will nichts dafür. Ich glaube, sie ist ein Engel. Sie muss ein Engel sein.“

Es freut mich sehr, was Ahmad da erfährt. Für ihn und für uns. Was möglich ist hier, nebst allem Schrecken. Die vielen Geschichten von menschlicher Größe und Ausdauer, bei den Kommenden und den Hiesigen, die die Krise mit hervorbringt.

Ahmads Eltern sind immernoch in Syrien, versteckt auf dem Land beim Großvater. Von normalem Leben könne keine Rede sein, aber sie fühlten sich vergleichsweise sicher. Momentan. Das kann sich jeden Tag ändern, alles ist im Schwebezustand. Ahmads Schwester hat inzwischen ihr Baby gekommen, beide sind gesund.  Ich frage, wie er sich wünscht, dass es weitergeht, ob er gerne langfristig hier leben und seine Familie nachholen will, oder zurück nach Syrien gehen. Ob er, trotz toller neuer Perspektiven hier, nicht auch ab und zu Heimweh hat. Es fällt ihm schwer, auf diese Fragen zu antworten. Ich glaube, es ist eine sehr schwierige Frage. Weil diese Heimat, nach der er sich einerseits sehnt, andererseits aktuell unter einem Terrorregime steht. „Irgendwann möchte ich schon zurück, wenn Frieden ist“, sagt er schließlich. „Aber vorher möchte ich hier arbeiten. Ich will Deutschland etwas zurückgeben“.

 

Ahmad möchte an dieser Stelle der Bucerius Law School und dem Max-Planck-Institut danken.

Das Gespräch führte ich erneut auf Englisch und habe es frei übersetzt.

Havarie

 

Wäre ich staatlich geprüfter Küchenpsychologe, müsste ich mir ein kleineres Trauma unterstellen. Denn ich kann das Wort „Havarie“ nicht unfallfrei schreiben. Aus irgendeinem Grund will ich hinter das erste a immer ein kleines rollendes r setzen. Vielleicht ist mir die Situation, mit einem Schiff in ernsthafte Schwierigkeiten zu geraten, so fremd, dass ich mir nicht merken kann, wie man das Wort schreibt; vielleicht macht mir allein die Vorstellung aber schon so viel Angst, dass ein r in mir herumrollt. Ich weiß es nicht.

Dafür weiß ich, dass Merle Kröger nicht ganz unschuldig ist, dass mir die Urangst zu sterben, gerade so bewusst ist. Und das ist auch ganz richtig so. Verpackt in ein kleines schwarzglänzendes Büchlein erzählt Havarie die Geschichte von knapp 20 Menschen, die auf unterschiedlichen Booten auf dem Mittelmeer unterwegs sind. Oleksij Lewtschenko etwa, der als Ingenieur nicht nur das Beladen seines angerosteten Frachter Siobhan im algerischen Hafen von Ouran überwachen muss sondern auch, dass niemand Falsches unter die Ladung gerät. Oder Security Officer Lalita Masaranghi, deren Freizeit auf der „Spirit of Europe“ sich auf die Stunde zwischen ein und zwei Uhr nachts beschränkt, wenn die Kreuzfahrt-Gäste im Bett sind oder zu betrunken, um noch Ärger zu machen. Garantiert keinen Ärger macht Marwan Fakhouri. Der syrische Arzt arbeitet 15 Decks unter Lalita,um sein Leben. Irgendwann hofft er, wird er den Zustand der Illegalität und die fiebrige Erschöpfung hinter sich lassen und in Europa endlich ein neues Leben anfangen können. Erstmal kommt es dazu nicht. Erstmal geht der philippinische Sänger Joseph Quézon über Bord. Keine Chance auf Rettung. Eine Chance auf Rettung, wenn auch nur eine kleine, haben dafür die elf halb verdursteten Flüchtling, die mit ihrem Schlauchboot in den Kurs der Hochhaus-großen Spirit of Europe geraten. Jeder hat so seine Probleme in der Welt von Merle Kröger, nur manche sind lebensgefährlicher als andere.

Ein Buch, das gruselig nah ans echte Leben gerät. Nicht direkt mein eigenes, aber doch der vielen Flüchtlinge, die im Moment in Hamburg und anderswo stranden. Ein gutes Buch, nur schade, dass all diese Geschichten angerissen werden, die Figuren mich ein kleines Stück in ihr Leben ziehen und dann – plopp – ist das kleine Buch schon wieder aus. Ohne, dass ich wüsste, wie Lalita ihren Suche weiter verfolgt, ohne, dass ich so recht wüsste, wie es für Karims Freundin weitergeht oder für Olek. Schade.

Wie kann ich Flüchtlingen in Hamburg konkret helfen?

Hamburg zeigt Herz – immer mehr Menschen fragen sich: „Wie kann ich Flüchtlingen in meiner Stadt konkret helfen?“. Wenn Sie auch etwas tun möchten, aber nicht genau wissen, was, wie und wo – hier eine kleine, handverlesene Linksammlung:

Eine Auflistung von Hilfsmöglichkeiten in Hamburger Stadtteilen, inkl. einer Emailadresse und Telefonnummer für direktes Anbieten von Zeit oder Sachspenden. Eine weitere Liste von Ehrenamtsvereinen, nach Stadtteilen sortiert, befindet sich hier (jeweils mit Kontaktinformationen).

In einer Email an die Behörde für Arbeit, Soziales, Familie Integration Hamburg können Sie umschreiben, in welchem Stadtteil, Bereich und mit welchem Zeitkontingent Sie sich ehrenamtlich engagieren oder was Sie spenden möchten: fluechtlinge@basfi.hamburg.de. (ich erhielt bereits nach einem Tag eine dankbare Antwort aus der Wohnunterkunft Grandweg.)

  www.wie-kann-ich-helfen.info listet deutschlandweit laufende Projekte und Hilfsmöglichkeiten.

  www.flüchtlinge-willkommen.de – einem Flüchtling einen Platz in der WG oder eigenem Zuhause anbieten, das Projekt hilft bei der Finanzierung, z.T. durch Microfunding.

  Übersicht vom NDR über konkrete Hilfsmöglichkeiten in den einzelnen Bundesländern.

  Wer eine eigene Idee für ein Hilfsprojekt hat, kann außerdem Förderung beim Fonds »Flüchtlinge & Ehrenamt« beantragen, in den bereits 16 Hamburger Stiftungen eingezahlt haben. „Ziel ist es, in einem unbürokratischen und zügigen Verfahren Menschen, die sich ehrenamtlich zu dem Thema engagieren, Zugang zu flexiblen und behördenunabhängigen Ressourcen zu bieten“.

Einmal Flüchtling sein – ein Albtraum

Ich hatte vor ein paar Wochen einen Traum. Ich habe, wie in echt,  in meiner Wohnung in Eimsbüttel neben meinem Freund geschlafen, und plötzlich bin ich aufgewacht (Traum), weil es furchtbar gekracht und unsere Wohnung gebebt hat. Paula, die Tochter unserer Nachbarin, hat geschrien. Ich war orientierungslos, mein Herz raste, und jemand brüllte draußen „Bomben, sie werfen Bomben!!“. Ich rüttelte hysterisch an meinem Freund, voller Panik, dass ich ihn nicht wachkriege, nicht retten kann, verlieren werde. Es gelang mir zum Glück, wir rannten auf die Straße (was macht man denn, wenn man bombardiert wird?? Drin bleiben? Rausrennen? Damit hatte ich mich doch noch nie beschäftigt!). Der Rest des Traumes war ein angsterfülltes Chaos, Menschen, die die Bellealliancestraße und die Fruchtallee entlang rannten, Staub, Blut, Weinen, Lärm, Tote, Trümmer, Angst.

Ich weiß nicht, wer „sie“ (die Bombenwerfer) waren, ich weiß nur, wie benommen, erschüttert und schließlich erleichtert ich war, als ich aufwachte. Alles ruhig auf der Bellealliancestraße. Puh. Das war das nächste, was ich jemals zu einem Kriegserlebnis hatte. Es ist für mich fast unvorstellbar, dass es Menschen gibt, die das tatsächlich so erleben. Viele, täglich.

An diesen Traum denke ich oft, wenn ich über Krieg, über Flüchtlinge und Flüchtlingspolitik lese. So auch am Wochenende, als nahezu 1000 Menschen einen grausamen Tod starben, auf einer Reise, von der sie sich eigentlich Sicherheit und Frieden erhofften.

Wären wir in meinem Traum, in dem Krieg in Europa tobte, auch geflüchtet? Was wäre mit unseren Eltern gewesen? Und wohin wären wir geflüchtet? Nach Amerika? Mit Delta Airlines mit Tomatensaft und On-Board-Entertainment oder mit einem lebensgefährlichen Schlepperboot von Cuxhaven aus, frierend, hungrig, durstig, zusammengedrängt mit halb Eimsbüttel, Schnelsen und Norderstedt? Wie geht flüchten?

Ich weiß darüber nicht viel, weil ich das unglaubliche Glück habe, darüber nur in der Zeitung zu lesen, sicher auf meinem Eimsbüttler Balkon in der Sonne, vor mir ein Biodinkelbrötchen und einen frischen Apfelsaft von glücklichen, freilaufenden Äpfeln aus der Region. Danke. Ich weiß auch, dass ich es toll finde, und es mein Herz wärmt, wenn ich Geschichten über auch biodinkelbrötchenkonsumierende Mitmenschen höre oder lese, die Flüchtlinge in ihrem Zuhause aufnehmen (wie Hildegard und Werner, 89), ein Kennenlern-Abendessen mit Flüchtlingen veranstalten (wie einige Elbsalonis), oder ein Projekt durchgesetzt haben, indem junge Flüchtlinge mit unsicherem Aufenthaltstatus die Chance auf eine Ausbildung bekommen (wie meine Kollegin aus der Fortbildung). Und ich weiß, dass es mich traurig macht, wenn ich über die Katastrophe im Mittelmeer lese, über Tröglitz, über Demos gegen Flüchtlingsheime, über Anfeindung und Abschottung.

„Jede Nacht Schüsse. Deine Frau weint im Schlaf. Dein Sohn kam gestern nicht mehr nach Hause. Keine Zeit für Trauer. Gestern wurde das Haus deines Nachbarn getroffen. Du musst deine Familie in Sicherheit bringen. Dein Leben in eine Tasche. In Deutschland ist es ruhiger. Aber nicht jeder gönnt dir diese Ruhe. Du vermisst deinen Sohn.“

Mit Zitaten wie diesen versucht auch die Social Media Kampagne vom Blog EierundHerz zu verdeutlichen, dass ein „Flüchtling“ genausowenig auf dieses Wort reduziert werden sollte, wie ein Gefangener auf eine Zahl, sondern dass dahinter jeweils ein Mensch steckt. Mit Familie, Nachbarn, einem Haus, einem Mittwoch-Abend-Stammtisch, einem Job, Ängsten, Hobbies, einer Reisetasche von Tchibo (oder dem syrischen Äquivalent von Tchibo) und möglicherweise einer Vorliebe für Biodinkelbrötchen. Einer, der viel davon gerade verloren hat, und etwas Schreckliches durchmacht. Ich hoffe, dass auch diejenigen Mensch in unserem schönen Land, die bisher noch nicht vermögen, ihre irrationalen Ängste zu überwinden, es zunehmend schaffen, ihr Herz zu öffnen, und zu erkennen: „Wer flüchten musste, verdient ein wenig Frieden. End of story.“*

*das ist das Motto der erwähnten Kampagne von EierundHerz

Wie wir mit Emad und Mohamed einen ungewöhnlichen Abend verbrachten

Gestern waren Mohamed, in der Mitte, und Emad, links, zum Abendessen bei uns, drei „Elbsalonis“. Mohamed, 42, und Emad, 30, sind kurdische Syrer, die aus ihrer Heimat im Nordosten Syriens geflohen sind und jetzt im Asylanten-Auffanglager Schwarzenbergweg in Harburg warten, was wird. Sie sind mit Tina gekommen, die sich dort in ihrer Freizeit um Flüchtlinge kümmert. Wir alle wollen einfach einen schönen Abend miteinander verbringen, essen, reden, Geschichten austauschen.

Erstmal sitzen wir etwas befangen um den gedeckten Tisch herum, es gibt Hühnchen, Kartoffeln und Salat, die Suppe dampft. Muhamad und Emad können erst wenige Brocken Deutsch, sie haben kaum Gelegenheit, ihr Deutsch anzuwenden, weil sich in ihrem Alltag sowenig Kontakte mit Deutschsprachigen ergeben. Auch das soll an diesem Abend anders sein.

Mohamed ist Philosophielehrer, Emad Anästhesietechniker. Seit neun Monaten sind sie unterwegs, Schlepper haben ihnen geholfen, gegen horrendes Geld. Sie haben eine monatelange Odyssee hinter sich, haben Tausende Euro bezahlt, um endlich in Hamburg zu sein und zählen die Tage und Wochen und Monate, bis sie Familien endlich wiedersehen können.  Mohamed und Emad zeigen uns Fotos, Frauen, Kinder, ein Haus mit einem Orangenbaum davor. Das Handy zum Skypen und Simsen ist ihr wichtigster Besitz. So oft es geht haben sie Kontakt.

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Denn ihre Heimat ist zerstört, zerrissen von dem Krieg zwischen den Schergen Assads und den Widerstandskämpfern, dazu die Angst vor der IS. Wer gegen wen – selbst Mohamed und Emad blicken kaum noch durch. Sie wissen nur, dass ihre Familien nicht sicher sind, dass der Terror und die Kämpfe ihr Leben bedrohen. Das Warten, sagt Mohamed, fällt so furchtbar schwer. Er will so schnell wie möglich Deutsch lernen, so viel Deutsch sprechen wie möglich, damit er sich eine Arbeit suchen, am besten als Dolmetscher, und dann seine Familie nach Deutschland holen kann. Er zeigt uns Fotos von seinem Leben in Syrien, zeigt seine drei Kinder, seine Frau, atemberaubend hübsch ist sie, Mohamed kommt aus dem Strahlen kaum noch heraus.

Wir radebrechen uns eine Unterhaltung zusammen, essen und lachen. Sie bringen uns ein paar ordentliche Schimpfwörter auf Kurdisch bei, Emad lässt auf seinem Handy kurdische Musik laufen und grinst. Warum, fragen wir uns, machen wir so etwas nicht öfter? Es braucht so wenig und es ist so leicht, einfach Mensch und Mensch zu sein. Mal zuzuhören, mitzufühlen, über die gleiche Art von Scherz zu lachen.

Tina versteht sogar schon ein paar Brocken Kurdisch. Sie ist 27 und kümmert sich ehrenamtlich um Flüchtlinge im Hamburger Camp, hilft bei den endlosen Behördengängen, zeigt ihren die Stadt, hört zu. Da wir nicht einfach ins Asylantenheim spazieren und Leute einladen konnten, hatten wir sie gebeten, uns Kontakte zu vermitteln. Die Idee kam durch einen Zeitungsbericht über eine Schwedischlehrerin in Stockholm, die Flüchlingsdinner veranstaltet und vermittelt, damit die Flüchtlinge Gelegenheit finden, das gelernte Schwedisch  zu sprechen und einfach mal Mensch und nicht Flüchtling zu sein. Wir haben im Elbsalon darüber gepostet.

Nach unserem Abend sind wir überzeugter denn je von der Idee und wollen es  wieder machen. Nicht nur die Flüchtlinge haben etwas davon, auch wir. So viele Vorurteile liegen im Weg. Stellt euch vor, ihr selbst wäret Tausende von Kilometern geflohen, hättet Strapazen ohne Ende hinter euch, und wärt nun fremd in einem Land, dessen Sprache ihr nicht sprecht und dessen Menschen euch misstrauisch beäugen. Und eure Liebsten, die ihr seit Monaten nicht gesehen habt, sind weit, weit weg und womöglich in Gefahr. Haben wir nicht ein irres Glück, dass wir gemütlich im Wohnzimmer sitzen und unser Bier schlürfen dürfen?

Tina sagt, dass ausrangierte Fahrräder außerordentlich nützlich sind. Oder ausrangierte Laptops. Damit können Männer wie Mohamed und Emad Deutsch lernen, lesen und schreiben.

 

Am nächsten Tag hat uns Mohamed seine Eindrücke von unserem gemeinsamen Abend geschrieben:

Hannah und ihre Freunde Sabine und Inga haben uns zu einem Abendessen in ihre Wohnung eingeladen. Wir haben eine schöne Zeit mit deutschem Glück und Freude verbracht.
Wir haben zusammen getrunken und tauschten uns in Gesprächen über Syrien allgemein und insbesondere über die Kurden aus, mit den paar deutschen Wörtern, die wir in diesen Monaten gelernt haben, und manchmal auf Englisch.
Es ist für uns wichtig und notwendig hier in unserer zweiten Heimat die deutsche Sprache zu lernen, um nützlich  sein zu können und um uns weiterzuentwickeln.
Wir erleben viel Freundlichkeit von Deutschen und Liebe zu den Menschen, und wir erleben, dass Ausländer aus verschiedensten Ländern ohne Diskriminierung akzeptiert werden.
Es war ein besonderer Tag für uns, wir waren froh und glücklich über die nette Einladung.
Mit unserer Liebe und Respekt, die aus dem Herzen kommen.
Mohamed Omer

 

 

 

„Willkommen auf Deutsch“: Appel ist überall

Foto: Pier 53

Stellen Sie sich vor, es würde beschlossen, in Hamburg-Mitte 36.000 Flüchtlinge unterzubringen. Vermutlich gäbe es darauf eine Reaktion der Anwohner. So war es auch in Appel, einem 400-Einwohner-Dorf im Landkreis Harburg. Dreiundfünfzig Asylsuchende sollten hier in einem ehemaligen Altenheim Platz finden. Carsten Rau und Hauke Wendler haben darüber einen Film gemacht. Eine Dokumentation, die ein Jahr lang beiden Seiten folgt: den Neuankömmlingen, die sich nach einem Zuhause sehnen und den Ortsansässigen, die sich von der Politik übergangen fühlen. Malik und Larisa genauso wie Herrn Prahm und Frau Oelker. Die Regisseure geben der Asylfrage Gesichter und Stimmen.

„Willkommen auf Deutsch“ schildert, was passiert, wenn der Nachbar plötzlich Syrer, Tschetschenin oder Pakistani ist. Der Dokumentarfilm zeigt die achtzigjährige Ingeborg, die sich rührend um die kleinen Flüchtlingskinder kümmert und nimmt den Zuschauer in der nächsten Szene mit auf die Gemeinderatssitzung, bei der die Bürgerinitiative versucht, das Flüchtlingsheim zu verhindern.

Das Geschehen spielt sich ganz in unserer Nähe ab: Im Landkreis Harburg, der sich zwischen der Lüneburger Heide und Hamburg erstreckt. Zwischen Backsteinhäusern, Weideland und dem täglich zweimal fahrenden Bus nach Winsen scheint hier die Welt noch in Ordnung zu sein. Bis das Weltgeschehen die Idylle einholt und die Landkreisverwaltung den Gemeinden Appel und Tespe Flüchtlinge zuteilt. Stellvertretend für 295 Landkreise in Deutschland zeigt der Film, wie ganz ’normale‘ deutsche Bürger mit Asylbewerbern umgehen – im Positiven wie im Negativen.  Was passiert, wenn Menschen aufeinander prallen, die sich fremd sind? Sehen Sie es ab sofort im Abaton.

 

Der Dokumentarfilm „Willkommen auf Deutsch“ läuft ab sofort im Abaton. Am 30. März um 20 Uhr kommem neben Regisseur Hauke Wendler auch Helga Rodenbeck (Runder Tisch Blankenese. Hilfe für Flüchtlinge), Claudia Pausch (Flüchtlingsinitiative am Holstenkamp) und Dietrich Gerster (Referent Menschenrechte und Migration ZMÖ) zur Vorstellung. Am 8.+29. April um 20 Uhr ist der Regisseur Hauke Wendler vor Ort. 

Come dine with me

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Last Saturday, I had guests for dinner. It is something that happens every now and then at my blue table. Young people in their twenties usually from different backgrounds, often different nationalities gather around that table, the first one my mother owned  when she herself was in her twenties. I put on that Spotify playlist, light the brass candle holders and uncork the red wine. That’s what I always do and that is what I did last Saturday as well. Actually, it was like any Saturday dinner with guests. Just that those guests did not come from Sweden or Spain or the South of Germany. They came from Syria and they did not come voluntarily.

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Last year, Ebba Åkerman, a Swedish language teacher for immigrants, came up with the brilliant idea of the “Invitationsdepartmentet”, a Ministry of Dinner Invitations. She realized that refugees and immigrants are “let into the country but not into the society”. That’s why she started matching natives and immigrants who met for dinner together.

In Hamburg, we also have hundreds of refugees. They live in container camps with other refugees and contact with Germans is scarce or lacking. For the Germans, the refugee question is mostly a political topic that is discussed in media, it’s numbers, not people. In short: Hamburg, like probably any German city, is a perfect starting point for a German Ministry of Invitations.

Through friends I contacted Tina, an inspiring young woman who hangs out with the refugees and helps them with trips to the authorities. I asked her if she thought it would be a good idea and if the refugees would be up for a dinner with us. They were.

Last Saturday, I had guests for dinner. Young people in their twenties, from different backgrounds, different nationalities: two German girls, Sarah and Tina, and two Syrian guys. A PR professional, an engineer, an English graduate, an economist. We talked about Hamburg, about studying, about food, about parties, about what our parents do. We told each other of our childhood homes. We could have been a group of exchange students. When you sit down for a casual dinner, there is little difference between these guests, refugees, and other international friends if you don’t choose to focus on it.

 

Flüchtlingshilfe am Esstisch – denn was verbindet besser, als gemeinsam zu essen?

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Foto: Casper Hedberg for The New York Times

 

Das ist Ebba Akerman, Schwedischlehrerin in Stockholm. Sie unterrichtet Flüchtlinge in Schwedisch. Eines Tages im letzten Sommer, nach einem Gespräch mit einem ihrer Schüler, wurde ihr klar, dass die meisten Flüchtlinge ihr Schwedisch kaum anwenden können, weil sie kaum Kontakt zu Schwedischen Menschen haben. Das darf nicht sein, das muss sich ändern, sagte Ebba sich, und hatte eine Idee: Was bringt Menschen leichter zusammen, als gemeinsam zu essen? Also lud sie Flüchtlinge zu sich nach Hause zum Essen ein und ermunterte Freunde und Bekannte, es ebenso zu tun. Sie gründete ein „Einladungsministerium“ und vermittelte immer mehr Kontakte. Mittlerweile kann sie sich vor Anfragen nicht retten, überall im Land organisieren Schweden solche Essen, viele Hundert sind es inzwischen. TV und Zeitungen berichteten, sogar die New York Times schrieb über Ebbas Projekt.

„Wir lassen die Menschen in unser Land, aber nicht in unsere Gesellschaft“, sagt Ebba.

Die Einladungen zum gemeinsamen Essen sind ein kleiner Schritt, aber oft mit großer Wirkung. Sie schaffen Begegnungen und Gespräche auf Augenhöhe, die Fremdheit weicht auf, auf beiden Seiten, zumindest für einen Abend. In der „Zeit“ dieser Woche wird im Dossier die Geschichte einer Geografielehrerin aus Syrien erzählt, die nach Schweden geflohen ist, und nach Monaten der Einsamkeit eine solche Einladung zum Essen annimmt. Ihre klammen Gefühle werden beschrieben, als sie die Treppe in die Wohnung hochsteigt, die Angst, was sie erwarten möge. Aber auch die Beklommenheit ihrer beiden Gastgeber. Wer kommt da? Was redet man? Und dann ergibt es sich, sie reden und lachen und essen den ganzen Lachsauflauf. Einen so schönen Abend hatten sie lange nicht mehr, das sagen alle drei. Es ist doch eigentlich so einfach: Etwas kochen, den Tisch decken, das kann jeder.
Auf ihrer Website www.invitationsdepartementet.eu erklärt Ebba Akerman ihr Projekt und bietet  Hilfe bei der Organisation an. Man kann sie anmailen. Sie selbst hat mittlerweile mehr als 40 Essen veranstaltet und eine Menge Erfahrung, die sie weitergeben kann.

Warum nicht auch in Hamburg? Die Hamburger zeigen sich sehr hilfsbereit, viele Initiativen bieten Flüchtlingen Unterstützung. Jemanden einzuladen und zu bewirten, um ihm (und sich selbst) für ein paar Stunden die Fremdheit zu nehmen, das wäre ein Beitrag, den auch die leisten können, die sonst zu wenig Zeit haben, sich zu engagieren.

Und Spaß macht es auch, wie die Fotos von Ebbas Website zeigen.
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