Wieso füttern Eltern ihre erwachsenen Kinder so gern?

Bild: SarahC.  / pixelio.de
Bild: SarahC. / pixelio.de

Zwei Generationen, ein Thema.

Wir, Mutter und Tochter, ergründen die einfachen (und wirklich wichtigen) Fragen des Lebens…

Die Tochter. Ich bin 31, wohlgenährt, und stelle bereits viele Jahre erfolgreich unter Beweis, dass ich mich ganz fabelhaft eigenständig und sogar ausgewogen ernähren kann. Mehr noch, durch meine leidenschaftliche Liebe zu Essen gab es garantiert noch nie eine Mangelernährung bei mir zu entdecken. Dennoch gibt es eine Personengruppe, die stets meinen nahenden Hungertod vermutet und abzuwenden sucht – meine Eltern und quasi-Schwiegereltern. Ich finde es ja irgendwie süß, wenn die Eltern meines Freundes uns drei Containerladungen Essen aus Berlin mitgeben. (Falls wir ins Hamburg nichts finden, hat man ja schon öfter gehört). Und ebenso, wenn mein Vater mir mit leuchtenden Augen gleich zwei Steaks brät (“damit das Kind mal Fleisch kriegt” – hilfe, ich platze!) oder meine Mutter noch drei Mal nachfragt, ob ich nicht doch ein Stück Kuchen will (“Neiheeein, Mama, ich komme doch grade vom Brunch!”). Nur am Rande – alle vier genannten Elternteile sind im Leben stehende, größtenteils noch berufstätige Eltern, keiner aus der Kategorie Überbesorgt und alle mit vielen Interessen und vollen Terminkalendern. Und doch füttern sie so gern.
Ich will mich gar  nicht beschweren, es hat etwas Rührendes, inmitten all unserer selbstständigen, schnelldrehenden, verkopften Leben. Außerdem ist es ist immer lecker, ich werde ja gerne bekocht oder zum Essen eingeladen, und liebe es, wenn sich die Familie um den Futtertrog zusammenscharrt und gemeinsam gespachtelt, Wein getrunken und Geschichten erzählt werden. Also bloß nicht aufhören! Aber wundern tut es mich schon so manchesmal, und wenn ich mich im Freundeskreis umhöre, scheint es ein verbreitetes Phänomen zu sein.
Klar, manchmal nervt es auch ein bisschen, wenn auch das dritte “Nein danke” unerkannt in der Atmosphäre verhallt –  dann versuche ich, milde zu lächeln und es als Fürsorge zu begreifen. Denn ich vermute, genau das ist es. Fürsorge, verkleidet als Schnitzel oder Himbeerkuchen.

Die Mutter. Ich habe mich schon manchmal selbst gewundert, warum ich euch erwachsenen Menschen das Essen genauso hintertrage, wie meine Eltern mir damals. Was auch mir meistens auf die Nerven ging. Und nun finde ich mich mit meiner ganzen Auf- und Abgeklärtheit in derselben Anordnung wieder.

Jahrelang hat man herangeschleppt, was zum Überleben wichtig ist: Mehl, Nudeln, Tomatendosen, Zucker, Honig, Haferflocken. War immer da. Als Eltern denkt man ja: Es bricht alles zusammen, wenn sich nach Ladenschluss herausstellt: keine Milch im Schrank. Kontrollverlust, ganz schlimm. Gehen die Kinder aus dem Haus, bleibt dieses tief in den Neuronen verankerte elterliche Sorgenrad ja nicht einfach stehen.  Bei mir hat es gut zwei Jahre gedauert, bis ich nach eurem Auszug zum ersten Mal keine Nudeln im Schrank hatte. Das war ein richtiges Event: keine Nudeln im Haus. Heute sind meine Vorratsschränke luftig leer, diese Leere hat nichts Erschreckendes mehr, sie ist schön. Deshalb finde ich es ja selbst so verwunderlich, dass der alte Füttertrieb sofort wieder aufkocht, sobald sich die Kinder ansagen. Es ist wie ein Rückfall: Essen heranschaffen, auftischen, Essen hinterhertragen. Man merkt ja selbst, wie bescheuert das ist, man weiß ja, siehe oben, dass die Kinder das nervt. Manchmal schaue ich mir selbst zu fühle mich etwas hilflos und peinlich dabei. Wofür steht denn Essen?

Essen ist Geborgenheit, Wärme, Wohlbefinden. Mit welchen Mitteln kann ich das euch denn sonst noch geben?  Ihr seid selbstständig, ihr könnt jederzeit aufstehen und gehen. Ihr braucht mich, meinen Schutz, meine Sorge nicht mehr. Na ja, fast nicht mehr. So gesehen sind die elterlichen Tupperdosen voller Essen nicht anderes als eine Art gekochter Liebesbrief.
Dieses und mehr von uns auf zwei mokka