The Lady Is A Tramp

Dee Dee Bridgewater

Dee Dee Bridgewater

Schon rein äußerlich ist die Dame eine Wucht: Sinnlich runde Figur, volles weibliches Gesicht, große strahlende Augen, großer Mund … und keine Haare. Dazu eine samtweiche Stimme, der man anhört, das sie aus einem vollen Klangkörper schöpfen kann. Dee Dee Bridgewater, die große alte Lady des amerikanischen Jazz, kommt nach Hamburg. In den 1970er Jahren fing sie in New York zu singen an. Heute gehört sie zu den großen Jazz-Stimmen. Sie hat mit Sonny Rollins, Dizzy Gillespie und Roy Ayers Musik gemacht, für Barack Obama gesungen. Und nun wird sie das auch für die Hamburger tun. Dee Dee Bridgewater kommt zum Elbjazz. Am Festival Freitag wird sie gemeinsam mit dem finnischen Nationalorchester sowie dem Trompeter Irvin Mayfield, im Nebenberuf Leiter des New Orleans Jazz Orchester, auftreten. Wir dürfen gespannt sein auf Big Band Jazz mit ein bisschen divenhafter Dramatik. Ich freue mich drauf.

Wollen wir Vorbilder sein? Dann lohnt es sich, dieses zu lesen

Liebe Freunde des Elbsalons, das ist jetzt nicht der schnuckelige Kulturbeitrag, aber etwas, das mir im Kopf herumgeht und das ich gern teilen möchte. Ich habe neulich in einem Buch sehr bemerkenswerte Sätze von drei Schülerinnen gelesen. Was sie sagen, hat viel mit unserer Gesellschaft zu tun, und es lohnt sich, ihnen zuzuhören:

„Wir glauben, dass viele Leute heute einen Job haben, der sie langweilt, in dem sie unzufrieden sind und den sie nur machen, weil sie Geld dafür bekommen. Sie schleppen sich morgens ins Büro und haben überhaupt keine Freude an ihrer Aufgabe. Und dann muss es ziemlich deprimierend sein, in diesem Beruf auch noch 40 Jahre gefangen zu sein. In der Zeitung steht, dass immer mehr Erwachsene Pillen oder Medikamente nehmen, damit sie nicht allzu traurig werden. Um die Zeit bis zur Rente zu überstehen. Vielleicht hat das damit zu tun, dass die Leute Dinge machen, die sie nicht begeistern. Die sie nicht interessieren. Wo ihnen schlecht wird, richtig übel. Und das hat vielleicht auch damit zu tun, dass sie in der Schule nicht gelernt haben, das zu tun, was ihnen wirklich liegt. Alle sagen, Erwachsene sollen unsere Vorbilder sein. Aber wir sind uns sicher, dass wir solche Vorbilder nicht gebrauchen können.“

Wie verdammt Recht sie haben. Denken wir jemals darüber nach, welches Bild wir abgeben, wenn wir unentwegt über Stress und Überarbeitung stöhnen? Wir klagen über Rückenschmerzen und Kopfschmerzen, sind frustriert, müde, gereizt. Wir fahren morgens mit stressverspannten Gesichern los, kommen abends mit ebensolchen Minen heim. Die Zeitungen sind voll von den Schicksalen Ausgebrannter, ständig werden neue noch schlimmere Zahlen genannt.  Und dann wundern wir uns, dass die Nachwachsenden zurückweichen und sagen: Arbeitsstress, Karriere – mit uns nicht. Sie haben doch Recht!
Warum zeigen wir ihnen nicht Erfüllung und Freude? Dass es sich lohnt, einen Beruf zu haben, in dem man seine Talente einbringen kann. Wie toll es sich anfühlt, wenn man seine Sache gut macht und sich einsetzt, auch wenn das zeitweise sehr stressig sein kann. Aber auch: Wie wichtig es ist, darauf zu achten, dass die Arbeit nicht das Leben überwuchert. Dass es ebenso wichtig ist, Nein zu sagen und neue Wege zu suchen, wenn man in einer Sackgasse steckt. Auch wenn das mit Risiken und vielleicht auch mit heftigen Einbußen behaftet ist. Die Balance zu finden, ist nicht leicht, auch deshalb nicht, weil man  sehr ehrlich mit sich sein muss. Gerade darum ist es wichtig, dass wir offen sind und darüber sprechen, den Diskurs führen, darüber, wie wir Leistung und Erfolg verstehen, wo sie uns bereichern, und wo nicht mehr. Wo die Grenze erreicht ist und der Preis zu hoch. Dann lernen nicht nur die Jungen von uns. Dann lernen wir auch selbst, nämlich ein Leben zu leben, das sich besser anfühlt, als „Ich bin so genervt, ich bin so kaputt“.

Was meint ihr dazu? Was meinen Sie?