Rilkes Briefe an einen jungen Dichter – Gänsehaut pur

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Sommer ist Lesezeit, und ich möchte für ein ganz besonderes Buch werben. Rainer Maria Rilke: Briefe an einen jungen Dichter.

Der junge Franz Xaver Kappus fasst sich ein Herz und schickt dem berühmten Rilke seine ersten Dichtversuche, mit der Bitte um Kritik und Rat. Rilke nimmt sich auf  einfühlsame und lebenskluge Weise des jungen Mannes an. Es entspinnt sich ein Austausch, zehn Briefe schreibt Rilke, sie sind in dem Buch zu lesen. Wie er Kappus ermuntert, das Beliebte und Einfache  zu meiden und sich selbst zu erspüren in der Tiefe der Einsamkeit, die der junge Franz Xaver so fürchtet, das ist wunderschön. Seine eigene Stimme soll er ergründen, sich Zeit nehmen, sich nicht entmutigen lassen und nichts fürchten,  nicht die Schwere und nicht die Einsamkeit.  Alles Schöpferische komme aus der Einsamkeit, schreibt Rilke, und wie sollte das Gefühl von Einsamkeit nicht groß sein? Einsamkeit ist groß. Aus Angst davor bauten wir uns ein Netz aus Ritualen, flüchten in Gemeinschaft und Geselligkeit, seien sie noch so oberflächlich und nervtötend. Schrieb Rilke, vor 100 Jahren, und es klingt wie heute.

Er fühle sich den Seinen so fern, jammert der junge Mann um die Weihnachtszeit, wunderbar, antwortet Rilke, das gibt Ihnen die Chance, Ihren eigenen Raum zu weiten. Was soll man da noch sagen. Lesen! Und jedem heranwachsenden Menschen, der mit dem Großwerden kämpft, schenken.

Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter, Edition Suhrkamp

 

 

 

 

Einsamkeit kann Freundin sein. Ein paar Tipps.

Wir, Saskia und Sabine, sind Mutter und Tochter. Manchmal schreiben wir gern zusammen und ergründen die einfachen (und wichtigen) Fragen des Lebens. Zwei Generationen, ein Thema.

Vor einiger Zeit haben wir hier auf Elbsalon schonmal über Einsamkeit geschrieben. Dass es neben den schmerzenden und beängstigenden auch schöne Facetten der Einsamkeit gibt. Die bereichernd sind, die man genießen kann, die man sich aber auch manchmal erst erobern muss.

Ja, toll, aber wie denn eigentlich? Heute teilen wir ein paar unserer Gedanken und Erfahrungen zum Sparring mit der Einsamkeit im Alltag:

 

Tochter.

Szenario: Vorsorge. Das Alleinsein üben. Einfach so, weil es schön ist. Auch dann (oder besonders dann?), wenn man gerade nicht so gern allein ist.
Übung: Dates mit sich selbst ausmachen. Und so Ernst nehmen wie Verabredungen mit jemand anderem.

  • Für Anfänger: Allein spazieren gehen oder sich mit einer Zeitung in ein Café setzen. Die Ruhe genießen, die Gedanken ordnen. Oder unordentlich lassen.
  • Für Fortgeschrittene: Allein ins Kino gehen. So schön. Man guckt ja eh stumm auf eine Leinwand – wozu braucht man eigentlich jedes Mal Begleitung? Dann kann man auch endlich in Ruhe, ohne Genöle von der Seite und ohne jemanden mit Popcorn-Eimern bestechen zu müssen “Alien vs. Predator 9″ oder “Herzen im Sturm 7″ gucken.
  • Für Profis: Allein Ausgehen. Kann anfangs Überwindung kosten, ist aber eine spannende Abwechslung und ermöglicht Erfahrungen, Bekanntschaften und eine Kompromisslosigkeit, die man in Gesellschaft nicht bekommt.
  • Mehr als Alltag? Alleine Reisen. Geht auf allen Leveln, vom Wochenend-City-Trip bis zur Weltumrundung. Unübertroffen, wenn du mich fragst.

Es funktioniert, weil Übung den Meister macht. Immer.

Szenario: Krise. Sie frisst einen auf, die Einsamkeit, schmerzt, nimmt einem die Luft, zum Beispiel nach einer Trennung. Man tigert umher, sucht rastlos Betäubung und Ablenkung.
Übung: Aufhören wegzurennen, sich abzulenken. Hinlegen. Die Einsamkeit über sich rüberwaschen lassen, wie eine Welle am Strand. Akzeptieren, sich ergeben. Hinfühlen, Beobachten. Was passiert mit mir? Wo piekt es im Körper? Ist es wirklich so schlimm? Wie fühlt es sich nach 1 Minute an? Nach 5?
Es funktioniert, weil die Angst vor einer Sache meist schlimmer ist, als die Sache selbst. Was man nicht erfährt, wenn man die Situation stets vermeidet. Und weil das wertfreie Beobachten von körperlichen Empfindungen eine gute Notbremse bei Angstzuständen und Gedankenrasen sein kann. (Da sind sich Buddha und moderne psychotherapeutische Verfahren übrigens einig).

 

Mutter.

Immer seltener finde ich sie schlimm, vielleicht ist das der Segen des Älterwerdens: tausendmal gespürt, tausendmal überlebt. Ich nehme sie als Einladung zur Kreativität und zum wohltuenden Irrsinn.

  1. Der Krisenfall. Ich frage mich: Bin ich wirklich ganz allein? Oder sind da doch Leute, die ich ansprechen könnte: die Nachbarin, Freunde, Familie. Ich zähle jeden auf, den ich anrufen könnte, wenn ich wollte. Da sind immer Menschen, ich bin also gar nicht allein, ich denke das nur.
  2. Einsamkeit löst mich aus Gepflogenheiten: Ich bin einfach nur. Zeit verstreicht. Alles ist, wie es ist. Kein Nutzen, kein Zweck. Sitzen, fühlen, gucken. So eine Art Mini-Zen.
  3. Funktioniert fast immer: Lieblings-Musik auflegen und tanzen, allein im Wohnzimmer. Rumspringen, rumhotten. Total bekoppt und total schön.
  4. Auch ziemlich verrückt, auch wirksam: Sich im Freien platt hinlegen, auf  Balkon/Terrasse/der nächsten Wiese, und in den Himmel gucken. Die Erde trägt und da oben ist seit Jahrmillionen Weltall. Zugehörigkeitsgefühle, ganz groß.
  5. Schreiben. Ein Einsamkeit-Tagebuch anlegen. Egal ob ganze oder halbe Sätze oder nur Gestammel. Alles darf sein, was kommt.
  6. In sich forschen: Was würde ich jetzt gern tun? Kochen? Ausmisten?? Die Bücher sortieren: Welches bereichert mich noch, welches kann weg?  Dito: Kleiderschrank. Einsamkeitszeit ist vor allem: Zeit!
  7. Rausgehen und Fotos von bizarren Formen machen: von Bäumen. Oder Autos. Oder Kanaldeckeln. Oder sich selbst: an jedem Einsamkeits-Tag ein Einsamkeits-Selfie. Warum denn nicht?
  8. Beten. Hilft.
  9. Tochter anrufen.

 

Die Farben der Einsamkeit – wer hätte geglaubt, dass sie so schön sein können?

Zwei Generationen, ein Thema.
Wir, Mutter und Tochter, ergründen die einfachen (und wichtigen) Fragen des Lebens…

Die Mutter. Ist es schlimm, wenn man am Ende des Wochenendes feststellt, dass man auf die Montagsfrage: „Na, und was hast du Tolles gemacht am Wochenende?“ nichts Tolles wird berichten können? „Ich war allein mit mir.“ Das sagt man doch nicht. Das E-Wort, das sagt keiner gern. Dabei hat Einsamkeit so viele verschiedene Farben, und viele sind schön: Das zufriedene Einssein mit sich selbst. Das etwas unsicher vor sich hintappernde Alleinsein, weil gerade niemand da ist. Das angenehm geborgene Einsamsein unter Menschen. Das verlorene Einsamsein unter Menschen. Das stimmige Beisichsein neben dem Partner. Die Verlorenheit neben ihm. Die angenehme, gut erträgliche, vorübergehende Einsiedelei.  Aber wir schauen nicht gern genau hin. Alleinsein, Einsamsein ist maximal uncool. Es gibt kaum etwas Defizitäreres, als nicht ständig umringt zu sein von lauter lustigen Freunden. Einsamkeit ist wie ein Makel, wer sie fühlt, schämt sich meist. Das ist schade, denn allein mit sich zu sein, kann  ungemein köstlich sein. Zufrieden mit sich, sich geborgen fühlend in der Welt, dem Treiben zuschauen können, aus der Distanz und dennoch sich zugehörig wissend. Herrlich, zumindest für Menschen, die von Naturell her nicht topgesellig sind. Manchmal braucht man das Alleinsein, um sich neu zu justieren, Dinge zu durchdenken und sich seinen Weg zu bahnen durchs Lebensdickicht. Klar, das fühlt sich nicht immer gut an. Und natürlich gibt es da auch die dunkle Verzweiflung, das Gefühl ausgeworfen zu sein aus den gemeinschaftlichen Zusammenhängen, ungesehen, ungeliebt, unangebunden. Man stelle sich vor, es wäre normal, dieses offen zu sagen, ohne Scham. Bei seinem Nachbarn zu klingeln und zu sagen: “Du, ich fühle mich so abgekoppelt von allem, hast du mal kurz Zeit für mich und vielleicht einen Tee?” Einsamkeit wäre kein Aussatz, sondern einer dieser Zustände, die zu diesem Leben gehören wie die Wetterfühligkeit.

Was sagst du?

Die Tochter. Einsamkeit. Ich liebe das Thema, es fasziniert mich so. Gibt es ein anderes Gefühl, das so alltäglich und normalmenschlich ist und zugleich so gefürchtet? Die arme kleine Einsamkeit, so viel besser als ihr Ruf, möchte manchmal eigentlich unser Freund sein, und wir lassen sie nicht, rennen schreiend weg. Ja, es gibt dunkle, verzweifelte, andauernde, krankmachende Einsamkeit. Aber heute sprechen wir ja über die schönen Farbschattierungen, über das Alleinsein, die „gute“ Einsamkeit, die Hand in Hand mit dem Sozialsein geht. Nur dass „gut“ nicht unbedingt „einfach“ heißt. Liegt hier der große Irrglaube, dass sich alles immer unmittelbar spaßig und wohlig anfühlen muss, damit es ein „gutes“ Gefühl sein darf? Viele andere gute, lohnende Dinge im Leben muss man sich doch auch erst erarbeiten, da sind sich alle einig. Auch die Einsamkeit ist vielleicht ein Gefühl, dessen gute Seiten wir uns manchmal erst erobern müssen. Grade in unserem Reizüberflutungs- und Social-Media-Zeitalter ist es ja manchmal geradezu absurd, ganz für sich zu sein. Dabei liegt hier so großes Glück versteckt. Das, welches uns erlaubt, die eigene Gesellschaft zu genießen, uns als wertig und genügend zu empfinden. Und im Stande, etwas Fehlendes in uns selbst du füllen, statt von anderen zu verlangen, dies zu übernehmen. Das Glück, das einen als guter Alleinseier auch oft zum besseren Zusammenseier macht, weil man den anderen mehr will als braucht, durch’s bei sich sein auch den anderen besser sehen kann, und in Krisen nicht so schnell den Boden unter den Füßen verliert.
Klingt das, als hielte ich Einsamkeit für eine einzige Party? Das ist nicht so. Aber ich glaube, dass sich mit etwas Mut und Ausdauer die Schönheit in der Einsamkeit entdecken lässt. Das Erleben, dass es neben der Verbindung zu anderen Menschen eine weitere Verbindung gibt, die zu sich selbst und vielleicht auch die zu etwas Größerem. Die ist immer da. Man fällt nicht unaufhörlich, sondern landet auf irgendetwas, was man von oben – wenn man nur von der Ferne guckt – nicht erkennen kann. Und fühlt sich dann plötzlich freier und sicherer in der Welt als vorher. Ich glaube, jeder hat diese Fähigkeit irgendwo, wir kommen doch allein in die Welt, wir gehen allein, in unserem Sein sind wir ohnehin allein, nur wie kommen wir dahin (zurück) uns an diesem Alleinsein zu freuen und Kraft daraus zu schöpfen, statt es zu fürchten?