Das Teehaus

»Das Teehaus« von Lao She ist ein Klassiker des modernen chinesischen Theaters . Das Beijing People’s Art Theatre, gegründet 1952, gilt als Chinas prestigeträchtigstes Schauspielhaus  und mit diesem Stück geht es seit 1980 auch auf internationale Gastspielreisen.

Es zeigt die Geschichte des Teehausbesitzers Wang Lifa über einen Zeitraum von fünfzig Jahren: von 1898, der Zeit der  Qing-Dynastie und ihren ersten Versuchen, das Land zu reformieren, über die frühen Tage der Republik im Jahre 1918 bis 1945, nach dem Ende des zweiten chinesisch-japanischen Krieges.

Beijing People's Art Theatre: „Das Teehaus“ von Lao She. Szenenfoto © Beijing People's Art Theatre

Beijing People’s Art Theatre: „Das Teehaus“ von Lao She. Szenenfoto © Beijing People’s Art Theatre

Das Teehaus ist ein Spiegel der chinesischen Gesellschaft, seine Gäste und Besucher repräsentieren den gesellschaftlichen Wandel in den unterschiedlichen Zeitabschnitten, der Zuschauer verfolgt Karrieren und Niederlagen Einzelner und erlebt immer wieder die Ausbrüche von Gewalt und politischen Katastrophen, die auch das Teehaus in Mitleidenschaft ziehen. Sein Besitzer Wang, hat das Teehaus von seinem Vater geerbt und tut alles, um das Lebenswerk seines Vaters weiter zu führen. Es kämpft gegen  alle Widerstände, selbst noch im hohen Alter, bis er eines Tages nicht mehr weitermachen kann.

Das Teehaus von Lao She- –  Gastspiel des Beijing People’s Art Theatre – Am: 2. und 3.7.2015 / 20 Uhr / SchauSpielHaus- In chinesischer Sprache mit deutschen Übertiteln.

 

Siri Hustvedt liest aus ihrem neuen Roman

Foto: Luigi Novi

Der neue Roman der US-Amerikanerin Siri Hustvedt, »Die gleißende Welt« (Rowohlt) wird in den USA als ihr bestes Buch gehandelt:

Nach dem Tod des New Yorker Kunsthändlers Felix Lord startet seine Witwe Harriet Burden ein radikales Experiment. Weil Künstlerinnen in der auf allen Ebenen von Männern dominierten Kunstwelt nur zweite Wahl sind, wählt Harriet einen Guerillaweg zu Respekt und Anerkennung: Sie findet drei junge Künstler, die Harriets Installationen als ihre eigenen ausgeben – mit riesigem Erfolg, die Kunstszene steht Kopf. Als Rune, einer der drei «Maskenmänner», sich entschließt, den feministischen Coup zu sabotieren und ihr Werk als sein Werk auszugeben, stürzt Harry in eine Existenzkrise … Die gleißende Welt ist ein aufregender Roman: raffiniert in der Konstruktion, klar und unerbittlich in der Sache.

Hustvedt spielt mit Identitäten und leuchtet die Biografie ihrer schillernden Heldin  aus diversen Blickwinkeln aus. Schicht um Schicht zeigt sie ein Individuum in all seinen Widersprüchen, bis der Kern der Existenz zutage tritt: Der Kampf um Anerkennung und Menschlichkeit. In ihrem funkelnden Roman übersetzt die brillante Autorin ihre Gedanken in anspruchsvolle Literatur – erhellend, unterhaltsam, den Widerstreit der Geschlechter hintersinnig in Grund und Boden stampfend.

Siri Hustvedt studierte Literatur an der Columbia University und promovierte mit einer Arbeit über Charles Dickens. Bislang hat sie sechs Romane publiziert (Rowohlt Verlag) und ist zugleich sie  profilierte Essayistin. Mit ihrem Roman »Was ich liebte« hatte sie ihren internationalen Durchbruch erzielt.

Moderation: Julika Griem, Deutscher Text: Bettina Stucky

Lesung am 3. Juni 2015 / 20 Uhr im SchauSpielHaus

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Der Engel schwieg – Lesung zum 8. Mai 1945 – mit Charly Hübner

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8. Mai 1945: Ein junger Deserteur, nur knapp einer Hinrichtung entronnen, kehrt in seine total zerstörte Heimatstadt zurück. Er sucht Brot, eine Bleibe, Menschen, denen er nahe sein kann. Was er findet, sind Überlebende, die die Toten beneiden. „Es wird nichts vom Krieg erzählt, kaum etwas von der Nachkriegszeit, diesem Dorado des Schwarzhandels und der Korruption: gezeigt werden nur Menschen dieser Zeit, ihr Hunger. Und eine Liebesgeschichte, klar und spröde, die der Phrasenlosigkeit der ,heimkehrenden‘ Generation entspricht.“ (Heinrich Böll)Der Roman, 1949/50 geschrieben, erschien erst posthum 1992. Vierzig Jahre zuvor hatte Bölls Verlag in Opladen das Manuskript zurückgesandt mit dem Einwand, der Lesergeschmack müsse berücksichtigt werden, das Kriegsthema sei nicht mehr erwünscht. Tatsächlich gelingt Böll einer der wenigen Nachkriegstexte, die eine annähernde Vorstellung von der Tiefe des Entsetzens der Menschen in den Ruinen vermittelt. Er zeigt aber auch Protagonisten der Restauration, die ihre Geschäfte weiterbetreiben, als sei nichts geschehen – Händler einer auf Besitzerwerb und Egoismus begründeten neuen Gesellschaft

Charly_Hübner_IMGP4916Charly Hübner alias Alexander Bukow (Rainer Lück)

Lesung Heinrich Böll: Der Engel schwieg Freitag – mit Charly Hübner und Anne Müller, 8. Mai 2015 / 20.00 Uhr / SchauSpielHausKarten unter Tel. 040.248713 oder kartenservice@schauspielhaus.de

Heimweh und Verbrechen

Die Intendantin des Schauspielhauses Karin Baier hat in ihrer Debütsaison in diesem Jahr den renommierten Schweizer Regisseur Christoph Marthaler nach Hamburg zurückgeholt. „Heimweh und Verbrechen“ heißt das Stück, das in Hamburg uraufgeführt wurde. Mich hat es sehr beeindruckt und ich habe noch lange darüber nachgedacht, auch als ich mir neulich endlich einmal die originalgetreuen Nachbauten der Hamburger Auswandererhallen in Wilhelmsburg angesehen habe.

Die Halle auf der großartigen Bühne von Anna Viehbrock von „Heimweh und Verbrechen“ ist die nachgebaute Auswanderhalle, die der HAPAG-Reeder Albert Ballin 1901 errichten ließ. Aber sie enthält auch architektonische Elemente von Bahnhöfen und Kirchen, sie hat eine Tribüne, einen Zeugenstand, einen Speisesaal und eine Krankenecke. An der Wand prangt der damalige Claim der Hamburger Schifffahrtslinie HAPAG „Mein Feld ist die Welt!“.

Das Stück handelt von der „Schweizer Krankheit“, der „Maladie Suisse“, dem Heimweh und von Verbrechen, die mit dieser „Erkrankung“ begründet werden. Der Titel des Theaterstücks wurde der gleichnamigen Dissertation des Philosophen Karl Jaspers entlehnt, die er 1909 schrieb und in der er sich u. a. mit Fällen beschäftigte, in denen junge Dienstmädchen heimtückische Morde an ihren Schützlingen begangen hatten. Jaspers Erklärung dafür war mangelnde Anpassungsfähigkeit und ein beschränkter Horizont der Heimwehkranken.

Aber „Heimweh und Verbrechen“ ist keine Dokumentation oder Interpretation, sondern es verstört und strengt an. Manchmal möchte man über die Absurditäten lachen, aber die Dauer zieht sich derart hin, dass es an die Schmerzgrenze reicht. Die Heimwehkranken auf der Bühne singen fast pausenlos ernervierende Heimat- und Volkslieder, mal sprechen sie im Chor, mal reden sie schwyzerdütsch, mal französisch und manchmal hat man Mühe ihnen zu folgen. Sie klagen pausenlos ihr Leid, sie zetern und streiten und verkriechen sich sogar unter den Teppich. Die Lieder, und Schlager werden immer hysterischer und die Stimmung immer aufgewiegelter und schizophrener.

Foto: Walter Mair/Schauspielhaus Hamburg/Keystone

Foto: Walter Mair/Schauspielhaus Hamburg/Keystone

Bei der Premiere standen auf der Bühne auch zwei leere Holzboote. Ein Indiz für die ins Leere laufenden Hoffnungen der Boote, die versuchen die Festung Europa zu erreichen. Was treibt die Menschen in Deutschland, in der Schweiz  und dem übrigen Europa an, zu immer vehementeren Patrioten zu werden, die sich aus „Heimatliebe“ abschotten? In der kriegs- und krisengeschüttelten Welt sind 50 Millionen Menschen auf der Flucht. Hat diese Menschen vielleicht auch das Heim-Weh befallen? Marthaler arbeitet ja auch immer mit viel Witz und Ironie, von daher sind seine Stücke sicherlich nicht nur als reine ideologische Kritiken zu verstehen, sondern zeichnen immer ein komplexeres Bild, das auch sentimental ist und grotesk, aber eben auch menschlich. „Heimweh und Verbrechen“ – eine starke Inszenierung. Falls Sie das Stück noch nicht gesehen haben, lassen Sie sich die Chance in dieser Saison nicht entgehen.

HEIMWEH UND VERBRECHEN von Christoph Marthaler, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg, nächste Aufführung am 27. September und 30. Oktober 2014.