Lasst uns über Depressionen reden

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Es trifft so viele, und nicht immer merkt man es ihnen an, jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Der Mann, der auf jeder Party mit seinem Witz die Leute unterhält, die junge Frau, der im Job keine Aufgabe zu viel erscheint. Nach außen funktionieren, innen die Hölle, und keiner merkt es. Wir denken oft, dass Depressive Menschen sind, die sich die Decke über den Kopf ziehen und kraftlos in der Ecke hängen. Das gibt es auch, aber das ist nur ein Teil der Wirklichkeit. Junge sind betroffen wie Ältere, Männer wie Frauen. Arme, Reiche, fast jeden kann es treffen.
Und was ist eine Depression eigentlich? Wie grenzt sie sich von der Traurigkeit ab, von der Angst oder dem Ausgebranntsein, sprich Burnout?  Darüber wissen selbst viele Ärzte nicht Bescheid.

Viele Depressive fürchten den Morgen mehr als den Abend, die Lebenslust des Sommers setzt ihnen mehr zu als der Herbst. Sie empfinden keine Freude mehr, wo Gefühle waren, ist Stein.

Noch immer ist die Angst vor der Stigmatisierung groß, die Angst, sich zu „outen“, die Unsicherheit von Angehörigen, Freunden und Kollegen, damit umzugehen. „Reiß dich mal zusammen“, „Mach mal Urlaub“ – wohlgemeinte Ratschläge, die  überhaupt nicht helfen, im Gegenteil.
Und wer sich dann doch aufrafft und Hilfe sucht, einen Arzt, eine Therapie, der wartet oft erstmal ein paar Wochen auf einen Platz, auch so ein schwer fassbares Detail.

Kein heiteres Thema, nein. Aber so verdammt wichtig. Denn Depression ist eine der schlimmsten Krankheiten überhaupt. Auch, weil es so schwer ist, Worte zu finden. Auch weil es so schwer zu begreifen ist, was das genau ist, das sich in der Seele tut. Keine Hoffnung zu haben, im Nichts zu versinken. Depression ist eine tödliche Krankheit, denn eine erschreckend hohe Zahl von schwerst Betroffenen bringt sich um. Und zwar nicht im tiefsten Leidenstal, sondern sobald es ihnen gut genug geht, damit sie die Kraft, den Schritt zu tun. Ein schwer Depressiver, der plötzlich munter sein Leben ordnet – auf den sollte man achten.

Ich habe aus all dem gelernt, dass ich mit meinen Mitmenschen aufmerksamer sein will, hingucken will, wenn ich das Gefühl habe, da ist einer, der keine echte Freude mehr empfindet, der ist richtig einsam oder übernimmt sich permanent  oder lässt  keinen mehr an sich ran. Einen Beinbruch sieht man, für Krebs gibt es einen Namen, die tiefe Verzweiflung einer Depression, die sieht man oft erstmal nicht.

Wollen wir Vorbilder sein? Dann lohnt es sich, dieses zu lesen

Liebe Freunde des Elbsalons, das ist jetzt nicht der schnuckelige Kulturbeitrag, aber etwas, das mir im Kopf herumgeht und das ich gern teilen möchte. Ich habe neulich in einem Buch sehr bemerkenswerte Sätze von drei Schülerinnen gelesen. Was sie sagen, hat viel mit unserer Gesellschaft zu tun, und es lohnt sich, ihnen zuzuhören:

„Wir glauben, dass viele Leute heute einen Job haben, der sie langweilt, in dem sie unzufrieden sind und den sie nur machen, weil sie Geld dafür bekommen. Sie schleppen sich morgens ins Büro und haben überhaupt keine Freude an ihrer Aufgabe. Und dann muss es ziemlich deprimierend sein, in diesem Beruf auch noch 40 Jahre gefangen zu sein. In der Zeitung steht, dass immer mehr Erwachsene Pillen oder Medikamente nehmen, damit sie nicht allzu traurig werden. Um die Zeit bis zur Rente zu überstehen. Vielleicht hat das damit zu tun, dass die Leute Dinge machen, die sie nicht begeistern. Die sie nicht interessieren. Wo ihnen schlecht wird, richtig übel. Und das hat vielleicht auch damit zu tun, dass sie in der Schule nicht gelernt haben, das zu tun, was ihnen wirklich liegt. Alle sagen, Erwachsene sollen unsere Vorbilder sein. Aber wir sind uns sicher, dass wir solche Vorbilder nicht gebrauchen können.“

Wie verdammt Recht sie haben. Denken wir jemals darüber nach, welches Bild wir abgeben, wenn wir unentwegt über Stress und Überarbeitung stöhnen? Wir klagen über Rückenschmerzen und Kopfschmerzen, sind frustriert, müde, gereizt. Wir fahren morgens mit stressverspannten Gesichern los, kommen abends mit ebensolchen Minen heim. Die Zeitungen sind voll von den Schicksalen Ausgebrannter, ständig werden neue noch schlimmere Zahlen genannt.  Und dann wundern wir uns, dass die Nachwachsenden zurückweichen und sagen: Arbeitsstress, Karriere – mit uns nicht. Sie haben doch Recht!
Warum zeigen wir ihnen nicht Erfüllung und Freude? Dass es sich lohnt, einen Beruf zu haben, in dem man seine Talente einbringen kann. Wie toll es sich anfühlt, wenn man seine Sache gut macht und sich einsetzt, auch wenn das zeitweise sehr stressig sein kann. Aber auch: Wie wichtig es ist, darauf zu achten, dass die Arbeit nicht das Leben überwuchert. Dass es ebenso wichtig ist, Nein zu sagen und neue Wege zu suchen, wenn man in einer Sackgasse steckt. Auch wenn das mit Risiken und vielleicht auch mit heftigen Einbußen behaftet ist. Die Balance zu finden, ist nicht leicht, auch deshalb nicht, weil man  sehr ehrlich mit sich sein muss. Gerade darum ist es wichtig, dass wir offen sind und darüber sprechen, den Diskurs führen, darüber, wie wir Leistung und Erfolg verstehen, wo sie uns bereichern, und wo nicht mehr. Wo die Grenze erreicht ist und der Preis zu hoch. Dann lernen nicht nur die Jungen von uns. Dann lernen wir auch selbst, nämlich ein Leben zu leben, das sich besser anfühlt, als „Ich bin so genervt, ich bin so kaputt“.

Was meint ihr dazu? Was meinen Sie?