Einsamkeit kann Freundin sein. Ein paar Tipps.

Wir, Saskia und Sabine, sind Mutter und Tochter. Manchmal schreiben wir gern zusammen und ergründen die einfachen (und wichtigen) Fragen des Lebens. Zwei Generationen, ein Thema.

Vor einiger Zeit haben wir hier auf Elbsalon schonmal über Einsamkeit geschrieben. Dass es neben den schmerzenden und beängstigenden auch schöne Facetten der Einsamkeit gibt. Die bereichernd sind, die man genießen kann, die man sich aber auch manchmal erst erobern muss.

Ja, toll, aber wie denn eigentlich? Heute teilen wir ein paar unserer Gedanken und Erfahrungen zum Sparring mit der Einsamkeit im Alltag:

 

Tochter.

Szenario: Vorsorge. Das Alleinsein üben. Einfach so, weil es schön ist. Auch dann (oder besonders dann?), wenn man gerade nicht so gern allein ist.
Übung: Dates mit sich selbst ausmachen. Und so Ernst nehmen wie Verabredungen mit jemand anderem.

  • Für Anfänger: Allein spazieren gehen oder sich mit einer Zeitung in ein Café setzen. Die Ruhe genießen, die Gedanken ordnen. Oder unordentlich lassen.
  • Für Fortgeschrittene: Allein ins Kino gehen. So schön. Man guckt ja eh stumm auf eine Leinwand – wozu braucht man eigentlich jedes Mal Begleitung? Dann kann man auch endlich in Ruhe, ohne Genöle von der Seite und ohne jemanden mit Popcorn-Eimern bestechen zu müssen “Alien vs. Predator 9″ oder “Herzen im Sturm 7″ gucken.
  • Für Profis: Allein Ausgehen. Kann anfangs Überwindung kosten, ist aber eine spannende Abwechslung und ermöglicht Erfahrungen, Bekanntschaften und eine Kompromisslosigkeit, die man in Gesellschaft nicht bekommt.
  • Mehr als Alltag? Alleine Reisen. Geht auf allen Leveln, vom Wochenend-City-Trip bis zur Weltumrundung. Unübertroffen, wenn du mich fragst.

Es funktioniert, weil Übung den Meister macht. Immer.

Szenario: Krise. Sie frisst einen auf, die Einsamkeit, schmerzt, nimmt einem die Luft, zum Beispiel nach einer Trennung. Man tigert umher, sucht rastlos Betäubung und Ablenkung.
Übung: Aufhören wegzurennen, sich abzulenken. Hinlegen. Die Einsamkeit über sich rüberwaschen lassen, wie eine Welle am Strand. Akzeptieren, sich ergeben. Hinfühlen, Beobachten. Was passiert mit mir? Wo piekt es im Körper? Ist es wirklich so schlimm? Wie fühlt es sich nach 1 Minute an? Nach 5?
Es funktioniert, weil die Angst vor einer Sache meist schlimmer ist, als die Sache selbst. Was man nicht erfährt, wenn man die Situation stets vermeidet. Und weil das wertfreie Beobachten von körperlichen Empfindungen eine gute Notbremse bei Angstzuständen und Gedankenrasen sein kann. (Da sind sich Buddha und moderne psychotherapeutische Verfahren übrigens einig).

 

Mutter.

Immer seltener finde ich sie schlimm, vielleicht ist das der Segen des Älterwerdens: tausendmal gespürt, tausendmal überlebt. Ich nehme sie als Einladung zur Kreativität und zum wohltuenden Irrsinn.

  1. Der Krisenfall. Ich frage mich: Bin ich wirklich ganz allein? Oder sind da doch Leute, die ich ansprechen könnte: die Nachbarin, Freunde, Familie. Ich zähle jeden auf, den ich anrufen könnte, wenn ich wollte. Da sind immer Menschen, ich bin also gar nicht allein, ich denke das nur.
  2. Einsamkeit löst mich aus Gepflogenheiten: Ich bin einfach nur. Zeit verstreicht. Alles ist, wie es ist. Kein Nutzen, kein Zweck. Sitzen, fühlen, gucken. So eine Art Mini-Zen.
  3. Funktioniert fast immer: Lieblings-Musik auflegen und tanzen, allein im Wohnzimmer. Rumspringen, rumhotten. Total bekoppt und total schön.
  4. Auch ziemlich verrückt, auch wirksam: Sich im Freien platt hinlegen, auf  Balkon/Terrasse/der nächsten Wiese, und in den Himmel gucken. Die Erde trägt und da oben ist seit Jahrmillionen Weltall. Zugehörigkeitsgefühle, ganz groß.
  5. Schreiben. Ein Einsamkeit-Tagebuch anlegen. Egal ob ganze oder halbe Sätze oder nur Gestammel. Alles darf sein, was kommt.
  6. In sich forschen: Was würde ich jetzt gern tun? Kochen? Ausmisten?? Die Bücher sortieren: Welches bereichert mich noch, welches kann weg?  Dito: Kleiderschrank. Einsamkeitszeit ist vor allem: Zeit!
  7. Rausgehen und Fotos von bizarren Formen machen: von Bäumen. Oder Autos. Oder Kanaldeckeln. Oder sich selbst: an jedem Einsamkeits-Tag ein Einsamkeits-Selfie. Warum denn nicht?
  8. Beten. Hilft.
  9. Tochter anrufen.

 

Es ist so gemütlich mit mir. Da heirate ich mich doch einfach selbst

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Zwei Generationen, ein Thema.
Wir, Mutter und Tochter, ergründen die einfachen (und wichtigen) Fragen des Lebens…

Die Mutter. Kennst du Grace Gelder? Sie ist Britin, vor wenigen Tagen war in online-Ausgaben britischer Zeitungen über sie zu lesen: Sie hat geheiratet, sich selbst. Mit Ehering, Ehegelöbnis und 50 Gästen. Sie hat sich sogar den Hochzeitskuss gegeben: mit Hilfe eines Spiegels. Die Menschen haben sie gefeiert und bejubelt, und sie war glücklich.  Heirate dich selbst, es gibt sogar Ratgeber dazu.

Ich finde das befremdlich. Aber wenn ich so um mich herumschaue, hier in Hamburg, unserer Stadt, sehe ich viele eingefleischte Alleinleber, die es eigentlich ebenso machen könnten wie Grace Gelder: sich selbst den Ring anstecken.

Kann es sein, dass man zu lieben verlernt, wenn man lange allein lebt? Dass man die Lust verlernt, sich auf jemand anderen einzulassen, weil es anstrengend ist, weil es die gewohnte Ruhe stört, gewaltige Risiken birgt? Früher dachte ich immer, dass es die höchste Sehnsucht des Single-Menschen sei, sich irgendwann wieder  zu verbinden. Aber inzwischen habe ich meine Zweifel.

Auch bei der Liebesbereitschaft gibt es eine Komfortzone, so wie beim Joggen, man scheut die Anstrengung, bleibt lieber auf dem Sofa liegen und weist bedauernd auf die  Regentropfen draußen: Tja, man würde ja gern, aber. Genauso mit dem Verlieben: Ich will ja, aber da ist  keiner. Keiner, der mich will. Keiner, den ich will.  Keine Zeit, neue Leute kennenzulernen, zu erschöpft, rauszugehen, die Antennen hochzufahren. Zu nervig das Ganze. Mag ja sein.

Beziehungsfaulheit – die neue großstädtische Befindlichkeit. Gut verdienende, gut ausgebildete Singles, die davor  zurückzucken,  aus der komfortablen Unabhängigkeit ihres Lebens mit sich allein herauszutreten. Weil sie in den Jahren der Freiheit kompromissfaul und  bequem geworden sind, weil ihre Toleranzreservoirs ausgetrocknet sind. Vielleicht wird man so, wenn man zu lange alleine lebt. Vielleicht werde ich auch so. Und merke es  nicht. Es ist ja auch enorm verführerisch: Wer sich allein ernähren kann, sich sein Leben angenehm machen kann, kommt wunderbar unzerrupft über die Runden, kann tun, was er möchte, jederzeit.

Diese Freiheit ist eine Errungenschaft, ein Privileg, kostbar. Man kann sich daran gewöhnen. Und plötzlich küsst man sich auf einer Parkbank selbst…

 

Die Tochter. Lustigerweise habe ich heute gerade über die selbe Frage nachgedacht. Also fast – eher auf’s Sozialsein generell bezogen. Ich war die letzten 4 Tage nahezu ununterbrochen alleine. Erst zwei Tage Home Office, abends nur einmal zum Yoga. Dann ein ruhiges Wochenende allein. Das ist für mich eher ungewöhnlich, allein schon weil ich mit meinem Freund zusammenwohne, und auch sonst viel sozial unterwegs bin. Also: Der Freund in Spanien, keine Verabredungen mit Freunden, nur die nötigsten Telefonate, Zeitung lesen, herumdaddeln, Musik hören, aus dem Fenster glotzen, kochen, Kram erledigen. Herrlich. Ich brauchte das mal wieder.

Der erste Tag im sozialen Vakuum ist manchmal gewöhnungsbedürftig und man weiß nicht so recht, wo man sich hintun soll. Dann wird es immer schöner. Irgendwie könnt ich grade ewig so weitermachen, und zwar, je mehr solcher Tage vergehen, desto doller könnt ich das. Man kehrt sich immer mehr in sich, verliert sich in der eigenen Welt, wird immer eckiger und reibungsscheuer. Wie eine Einsiedlerkrebs-Spirale. Und das geht so schnell, dass man schon am 2. Tag plötzlich regelrecht hochschreckt wie ein Tierchen, wenn das Telefon klingelt, und misstrauisch drumrumschleicht um das klingelnde Gerät, und sich fragt, wer da wagt, die heilige Ruhe zu stören. Und ob man zu Normalmenschkonversation grade überhaupt im Stande ist, oder nur Grunzlaute ‚rausbekommt. Ich finde das einen ganz wunderbaren, erholsamen, erdenden Zustand, ich brauche das ab und zu. Aber morgen habe ich einige Termine, tagsüber Job, abends privat, und das ist auch gut. Zum einen, weil ich auch wirklich wieder Lust auf Menschen habe, zum anderen aber auch, weil ich das Gefühl habe, ich MUSS, weil ich sonst wohlmöglich noch sozialphobisch oder sozialunfähig werde und meinen Job nicht mehr machen kann! Naja, nicht wirklich. Du weißt schon. Grunz.

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