Lasst uns über ein echt fieses Gefühl reden

 

Im Moment beschäftige ich mit Wut. Beruflich, weil es ein spannendes journalistisches Thema ist. Und privat, weil ich manchmal jemandem gern eine reinhauen möchte. Und dann nicht einmal den Mut finde, Pieps zu sagen. Weil: Man macht das ja nicht. Man ist ja lieb und kultiviert und so ausgeglichen. Und so cool. Ich nicht. Ich bin nicht cool. In mir wühlt manchmal der Ärger, und ich weiß nicht, wohin damit. Ich gehe dann raus, renne durch den Wald, oder gieße mir einen Wein ein und rauche. Ganz schlecht, ganz falsch.

Die Wut, unser stärkstes und, ist ja wahr, potenziell zerstörerischstes Gefühl. Sie ist gar nicht wohl gelitten. Mädchen lernen das früh: Sei lieb, sei brav, passe dich an. Rumbrüllen? Macht man nicht, Türen knallen, fluchen, kreischen – no! Die erwachsenen Mädchen (die Jungs haben immerhin den Fußball) machen dann Achtsamkeits- und Entspannungskurse. Sie üben, ihre miesen Wallungen mit Abstand zu betrachten, wertfrei und freundlich zu beobachten und vorbeifließen zu lassen im Strom des alltäglichen Irrsinns. Ist ja auch sinnvoll. Wäre ja nicht gut, wenn hier jeder, allem, was da gärt, seinen Lauf ließe. Der erwachsene Mensch, vernunftbegabt und diszipliniert, hat sich am Riemen zu reißen, sonst funktioniert das Zusammenleben nicht, siehe Wutbürger, die dann Trumps wählen oder AfD. Nein, ein Wutbürger will ich nicht sein. Aber ein Wutmensch, ein gepflegter, ja, das will ich sein, manchmal.

Betrachten wir dieses Gefühl. Wütend sind wir, wenn uns etwas gewaltig gegen den Strich geht. Wenn uns einer nervt und piesackt, respektlos und gemein behandelt. Wenn wir uns anstrengen und doch gegen die Wand laufen. Wenn wir kein Gehör finden. Wenn jemand über unsere Grenzen latscht, uns ausnutzt, betrügt, missachtet. Und was ist dann? Wir sind gefrustet, ärgerlich, strunzwütend. Die Wut ist wie ein Wächter am Grenzzaun, der aufpasst und bereit ist, aufzubegehren und Stopp zu schreien: Bis hierhin und nicht weiter. Auch das: Ist doch eigentlich ganz sinnvoll. Warum nur sind wir so darauf getrimmt, diese Impulse wegzudrücken?

Neulich saß ich in einem Workshop über friedliches Reden und die etwa 15 Anwesenden wurden gefragt, über welches Gefühl sie am dringendsten reden wollten. Na, Angst, dachte ich. Irrtum. Bei „Wut“ schossen die Arme in die Höhe: Darüber wollten sie reden, alle. Denn sie schlucken und schlucken, um ja die Wucht zu bezwingen, die da dräut. Wie geht das denn auch, angemessen und gepflegt wütend zu sein? Wir üben es ja nicht. Ich ja auch nicht. Und das Ergebnis ist: kein Mut zur Wut.

Diese schlimme starke Emotion ist gar nicht das Problem, die ist ja da, die haben wir. Das Problem ist, dass wir nicht wissen, wie wir damit umgehen sollen. Wir wollen authentisch sein, wir wollen Position beziehen, wir wollen rausholen aus dem Leben, was geht. Aber diesen einen Treiber, der uns auf unserem Weg begegnet – Ärger, Frust, Wut –, den drücken und therapieren wir weg. Wir schlucken sie herunter, und je mehr wir davon schlucken, je freundlicher und gelassener wir sein wollen, je intensivier wir atmen und meditieren, desto gefährlicher wird dieses Gebräu. Also noch mehr atmen! Mache ich auch, denn ich habe Angst vor dem Vulkan, der da ausbrechen könnte. Wenn der explodiert, bleibt kein Halm mehr stehen. Denke ich und drücke weg, Techniken gibt es ja zu Hauf. Und verpasse wieder eine Chance, Klartext zu reden, Position zu beziehen: Schluss hier, nicht mit mir! Freundlich bin ich, feige, bin ich. Wut zu zeigen kostet Mut. Wut macht einen nackt. Da fällt die „Ich bin so nett, ich ruhe in mir“-Fassade, plopps, herunter und sichtbar werde: ich. In der Wut zeige ich mich, nicht schön.

Und ich meine nicht diese kleine, sexy Kreisch-Wut der Frauen, sondern dieses ungeschminkte, elementare Aufbegehren aus dem innersten Ur-Sud. Diese Schwester der Zerstörung, die gnadenlos, wild und böse ist. Wir tun anderen damit etwas an, weil wir meinen, dass sie uns etwas angetan haben. Wir reißen etwas auf, weil wir meinen, dass etwas überhaupt nicht in Ordnung ist. Wir sollten ihr einen Platz verschaffen und Pflege und Worte und Rituale. Natürlich haut sie rein, natürlich muss hinterher wieder aufgeräumt werden, entschuldigt, verziehen, geredet, in (neue) Ordnung gebracht werden. Wut schafft Kontakt, Reibung, Berührung. Sie gibt uns die Chance, miteinander zu begradigen, was verrutscht war. Wir Gelassenheits-Atmer verrennen uns in das Paradoxon der Wut: Je doller wir versuchen, sie zu bannen, desto unbeherrschbarer erscheint sie.

Ich plädiere hiermit für die Rehabilitierung der Wut. Für den Mut zur Wut, zur gepflegten, wohlgemerkt. Muss ich lernen, will ich lernen.

Noch eine Zigarette? Ja, aber das ist dann wirklich die letzte.

 

Mein Tipp gegen die Büffel im Kopf

Viele Hamburger sind jetzt in den Ferien. Andere bleiben hier und ärgern sich weiter über Staus, U-Bahn-Ersatzverkehr und die eine oder andere Nervensäge im Job. Dagegen hilft: Gelassenheit. Aber wie geht das? Wie wird man gelassen, wenn der Vordermann die Ampelfarbe nicht schnallt? Nein, einfach ist es nicht, aber es lässt sich üben: mit Meditation und anderen Übungen der Achtsamkeit. Der Dalai Lama musst auch ein Leben lang üben, bis er so wurde, wie er ist: Ruhe und Heiterkeit in Person. Hier sind einige der Erkenntnisse, die Wissenschaftler über die Wirkung dieser Techniken gewonnen haben:

  1. Wer meditiert ist besser in der Lage, von stressigen Erlebnissen Abstand zu nehmen
  2. Der Wille, eine Veränderung oder ein Vorhaben durchzuhalten, wächst
  3.  Negative Gefühle (Wut, Ärger, Angst) nehmen ab. Reizbarkeit lässt nach
  4. Wir werden nachsichtiger und gnädiger mit uns selbst
  5. Meditation macht belastbarer
  6. Wir können uns besser konzentrieren
  7. Das Gehirn bleibt länger frisch

Um das zu erlangen, muss man nicht stundenlang im unbequemen Schneidersitz verharren. Es geht einfacher: Jeden Morgen 10 Minuten bequem sitzen, die Augen schließen und dem Atem lauschen: ein, aus, ein, aus. Und jetzt kommt’s: Auf Gedanken und Gefühlen nicht herumkauen, sonders sie weiterziehen  lassen, und wenn sie sich im Kopf festkrallen wollen, die Aufmerksamkeit immer wieder auf den Atem lenken. Immer wieder, immer wieder, ohne Druck, in aller Ruhe. Mit Geduld und Beharrlichkeit lässt sich das Gewölle von Ärger, Sorgen und sonstigem Furor zügeln und, ja, Gelassenheit kehrt ein. Der kleine Lama in uns lebt auf.

Die 7 Erkenntnisse habe ich aus einem Heft vom stern gefischt: Achtsamkeit & Gesundheit, in dem viel Interessantes und Nützliches über die Kunst der Gelassenheit steht. Leider ist es nicht mehr im Handel, man kann es sich aber als App bei iTunes bestellen.