„Ich wollte mich durchsichtig hungern. Ich wollte nur noch weg.“

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Foto Waage e.V.

Tatjana, 29,  war eine Meisterin darin, ihre Umwelt über das zu täuschen, was mit ihr war: Ihr Leben bestand   aus Erbrechen, Essen, Erbrechen. Sie war essgestört, viele Jahre lang. Katja Riemann spricht Tatjanas Geschichte, zehn eindrucksvolle Minuten lang: Tatjana, die  als Kind mit ihren Eltern aus Kasachstan nach Hamburg kam. Der die übergewichtige Mutter Druck machte, ja nie zuzunehmen: „Damit du niemals so aussehen musst wie ich.“

Tatjana entwickelte eine Essstörung, das war ihr Ausweg aus der familiären Misere.  „Ich habe alle Gefühle aufs Essen projiziert, egal ob Enttäuschungen oder Stress. Ich habe nur funktioniert, habe es jedem Recht gemacht, nur nicht mir selbst.“

„Das Essen hat nie gemeckert, das Essen war still“. Das ist so ein Satz, der hängen bleibt. Aishas Satz. Die Schauspielerin Nina Hoger liest ihre Geschichte. Auch Aisha, 25, fand Trost im Essen. Sich mit Essen vollzustopfen tröstete sie nach den Anfeindungen ihrer Familie, die sie als Kind wegen ihrer Fülligkeit demütigte und beschimpfte.  Aisha flüchtete in eine Bulimie, Essen und Erbrechen, bis zu zehn Mal am Tag. „Mein Vater hat immer alles kontrolliert. Die Essstörung konnte ich selbst kontrollieren“. Aber sie schämte und sie hasste sich dafür.

Die Schauspielerin Tine Wittler liest Kristina, Bestsellerautorin Susanne Fröhlich ist Cathrin.

Kristina, 19: Mit 17 fing sie mit einer Diät an, wog am Ende nur noch 39 Kilo. Sie zählte permanent Kalorien, recherchierte Kalorien, wog sich jeden Tag mehrmals. Es war das Wichtigste in ihrem Leben. Sie ließ sich von niemandem reinreden: „Ich will das jetzt so machen“. Sie hatte Haarausfall und fror ununterbrochen, aber „Hauptsache dünn“.

Cathrin, 24, übernahm sich in ihrer Tanzausbildung. Glich den Druck mit Essen aus: erst Hungern, dann Bulimie. „Jedes Mal, wenn ich ein Problem hatte, mit dem ich nicht umgehen konnte oder ein Gefühl, das ich nicht einordnen könnte, griff ich zum Essen.“ Sie fühlte sich dann wie abgeschaltet. Das Erbrechen war ein Fluchtweg. „Wenn ich einsam war, war das Essen ein Trost. Rastlosigkeit, Einsamkeit, Selbstzweifel wurden durch Essen und Erbrechen übertüncht. Mit dem Essen konnte ich diese Gedanken verdrängen“. Bei ihrer Mutter fand sie keine Hilfe, der Vater interessierte sich ohnehin nie für sie.

Worum geht es hier?

Essgeschichten heißt das Projekt des Hamburger Vereins Waage e.V., einem kleinen, feinen Fachzentrum für Essstörungen.

Die Idee ist einfach und wirkungsvoll: Sechs Prominente geben sechs jungen Hamburger Frauen, die an schweren Essstörungen litten, ihre Stimme. In Takes von zehn bis 15 Minuten erzählen sie, wie alles kam: der Druck, die Einsamkeit, die Angst. Wie sie Ausgleich im Essen suchten und hineinglitten in den zerstörerischen Sog von Hungern, Schlingen, Erbrechen. Sie erzählen von Schlankheitswahn und Seelenpein, von immenser Willenskraft, von der Angst, um Hilfe zu bitten.  Weil sie dann Schwäche zeigen müssten.

„Ich wollte nur noch weg, mich durchsichtig hungern“, sagt die 24-jährige Helena, der die Sängerin Janine Meyer ihre Stimme lieh.

Eindrücklicher als jeder Zeitungsbericht vermitteln diese sechs Stimmen die Not essgestörter junger Menschen, von denen es hierzulande so unfassbar viele gibt.  Plötzlich versteht man, was sie in diese Krankheit treibt und was sie darin finden. Und man versteht, wie wichtig ein Verein wie Waage e.V. ist. Mädchen und junge Frauen, aber auch ihre Angehörigen finden hier eine Anlaufstelle, anonym und geschützt. Sie können anrufen, hingehen oder mailen, werden aufgefangen und, wenn sie bereit sind, weitergeleitet an kompetente Stellen, die ihnen aus der Krankheit heraus helfen können.

waage-hh.de ist die Website. In der Mediathek finden sich die hörenswerten Essgeschichten. Ein Take mit Nina Petri wird demnächst online gestellt, sechs Lesungen, in denen Angehörige zu Wort kommen, sind in Arbeit. Auch prominente Männerstimmen, die essgestörten Jungen und Mädchen Ausdruck verleihen, werden von den Waage-Leuten gesucht.

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