Open Flair

Festivals haben ihre ganz eigene Dynamik.* Egal ob Klassik, Jazz, Rock oder Kleinkunst, egal ob direkt vor der Haustür oder weit weg in der Provinz, sie entreißen einen dem Alltag. Für ein paar Tage oder Stunden ist man ganz weit weg, lauscht, tanzt, unterhält sich.

So erging es mir am vorletzten Wochenende. Das Open Flair in Eschwege* ist unter den Festivals der Gemischtwarenladen. Es gibt Kleinkunst, Comedy, große Rockbands (Beatsteaks, Kraftklub, Monsters of Liedermaching), unbekannte, noch nicht so bekannte und Szene-bekannte Bands (Kitty, Daisy and Lewis, Django 3000), Straßenkunst. Ach und immer wieder Momente, die uns Gäste überraschen und einen Moment verzaubern.

2015-8-7 Rattenfänger von Hameln

Die Gesichte der Passanten, als der Rattenfänger von Hameln nebst überlebensgroßen Ratten sich seinen Weg durch die Zuschauermenge auf dem Festivalgelände bahnte, hier eine Ratte glucksend ein Stück Pizza stahl, dort jemanden hysterisch ankicherte, wechselten von ein bisschen verängstigt, überrascht zu strahlendem Lachen. Das Flair dazu changierte zwischen lauer Sommerluft, herbem Biergeruch, Nachtclubgefühl und Freibad.

Im Vorfeld hatte ich mich auf die Musik von Kitty, Daisy and Lewis gefreut. Deshalb mussten wir nach dem Konzert der Beatsteaks in leichte Hektik ausbrechen, um einen Platz möglichst weit vorne zu ergattern. Roher, kratziger Jukebox-Sound, von Hand gespielt. Das Konzert mitten auf der Flussinsel war toll. Gemeinsam mit anderen Fans freuten wir uns gemeinsam vor, bis die Durham Schwestern in, äh, glitzernden Ganzkörperkondomen die Bühne betraten, gefolgt von Bruder Lewis, der wie die Elten einen Anzug trug. Wirklich Zeit über die Bühnenklamotten nachzudenken, bleibt nicht. Die drei legen mitsamt Eltern und Gaststar an der Trompete los. „Baby, bye, bye,“, „Goin‘ up the Country“ Ein Stunde Tanzen und Mitsingen später versuchen wir sie lauthals zum Weitersingen zu überreden. Vergeblich, da ist die Festivalleitung unerbittlich.

Samstag Nachmittag überrascht uns eine kleine Lokomotive, die Lukas aus Lummerland gehören könnte. Erfreute Menschen sitzen jeweils zu zweit bei einem Glas Sekt an einem runden Tischchen, vorne lente der Lokomotivführer, hinten singt swingend eine blonde Dame. Wie gerne wäre ich mitgefahren. Ich habe aber keine Zeit, erstens weil ein großes rosa Schwein im Weg herum liegt und ich schauen muss, was es damit auf sich hat und zweitens, weil gleich die Donots spielen.

Eine Stunde Punkrock später sind wir reif für etwas Abwechslung. Flanieren durch die Gegend, essen hier eine Bratwurst da eine Pommes, dann noch ein bisschen Kuchen und da drauf ein Bier. Da Tolle am Erwachsensein ist übrigens, dass niemand einem das verbietet, auch wenn’s garantiert nicht gesund ist. Wir fühlen uns wie Teenager ohne Eltern. „In der Pubertät“ singen die U-Bahn-Kontrolleure a capella und wir mit.

Wie gut, dass nächstes Jahr wieder ein Open Flair stattfindet.

* Eschwege liegt in der nordhessischen Provinz. Von Hamburg aus ist man trotzdem in gut dreieinhalb Stunden da.

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