Mauerfall: Wo waren Sie heute vor genau 25 Jahren?

Geschichte fand auch schon OHNE Internet, Smartphones, WLAN, Soziale Medien, Privatfernsehen statt! Vom Mauerfall erfuhren wir alle erst am guten alten öffentlich-rechtlichen Fernseher. Wir hatten ja nichts damals.

Jeder in Deutschland weiß, wo er in der Nacht des 9. November 1989 gewesen ist und was er gemacht hat.

Ich war an dem Abend in Hamburg erst spät gegen zehn Uhr aus dem Büro nach Hause gekommen. Müde und abgespannt hatte ich noch vor, ein Angebot für einen Kunden zu schreiben. Die Zeit drängte und ich musste es am nächsten Morgen, Freitag früh, abgeben. Meine Ehefrau und unser neu geborener Sohn schliefen schon.

Um meinen Kopf etwas frei zu machen, schaltete ich den Fernseher ein. Das erste Bild, was ich sah, war ein schlecht ausgeleuchtetes Studio mit einigen aufgeregten berliner Journalisten, die konfus über etwas redeten. Offenbar eine improviserte Sendung. Zwischendurch hektische Schaltungen zum SFB-Reporter Robin Lautenbach, der draussen in der kalten Nacht vor einer Handkamera stand, und immer wieder den Satz wiederholte: „Also hier ist nichts los“. Ich verstand gar nichts. Auch einige andere Sender der dritten Programme zeigten die gleiche Sendung. Ich hatte die Sache mit Schabowski und der legendären Pressekonferenz einige Stunden vorher gar nicht mitbekommen.

Ich blieb fasziniert und gespannt an der Sendung kleben. Irgend etwas war passiert. Das verstand ich. Ich hatte aber immer noch keine Vorstellung, was es sein könnte. Es gärte in der damaligen DDR. Montagsdemonstrationen, Sprechchöre mit „Wir sind das Volk!“, schwarz-rot-goldene Fahnen aus denen Hammer und Zirkel ausgeschnitten waren, sogar die bundesdeutsche Nationalhymne wurde dabei gesungen. Das Undenkbare war eingetreten. Die Stimmung in diesen Tagen schwankte zwischen Euphorie – und Angst vor einer Eskalation und einem militärischen Eingreifen der Sicherheitskräfte der DDR.

Plötzlich während einer Aussenschalte auf den frierenden und völlig einsam vor der Mauer stehenden Lautenbach huschte ein junger Mann hinten durchs Bild, um wieder zurückzukommen. Lautenbach griff sich den Mann und fragte ihn, woher er komme. Von drüben? Nee, grinsend, er sei aus Westen. Minuten später jedoch kamen immer mehr Menschen ins Bild. Aus Berlin Mitte. Aus Treptow. Aus Pankow, Lichtenberg, Marzahn. Heftig in die Kamera winkend, lachend, singend und schreiend.

Der Rest ist Geschichte. Lautenbachs Kamerateam rückte immer näher an den Grenzübergang, drang in die Sperrzone ein, filmte live die glücklichen Gesichter und verdutzten Grenzer, die sichtbar bemüht waren, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten.

Tagelang danach hing auch über Hamburg noch der Geruch der Zweitakter aus Schwerin, Zarrentin und den anderen grenznahen Orten, die am nächsten Morgen in die Hansestadt strömten. Es war der bisher grösste Moment der deutschen Geschichte. Auch für mich der bewegenste historische Augenblick, den ich persönlich erlebt habe.

Ein winziger Nachtrag noch: In dieser Nacht hatte ich mein Angebot noch fertig geschrieben. Noch vor dem endgültigen Mauerfall durch die Mauerspechte und kurz vor Mitternacht. Und ich habe den Auftrag am Folgetag erhalten.

Hier die Ereignisse der Nacht in der journalistischen Sicht und chronologischen Reihenfolge.

Und wo waren Sie in dieser Nacht?! Wie haben Sie den Mauerfall erlebt?

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3 Kommentare
  • Petra A. Bauer
    November 9, 2014

    Am 9. November 1989 war ich im Kreißsaal der Frauenklinik Pulsstr. in Charlottenburg und habe um 11:08 Uhr unser erstes Kind zur Welt gebracht. Wir fuhren direkt danach nach Hause und haben den restlichen Tag damit zugebracht, unseren Sohn zu bestaunen, das kleine Wunder. Dabei haben wir das große Wunder draußen gar nicht bemerkt.
    Als unsere Hebamme am nächsten Morgen kam und fragte, ob wir gehört hätten, dass die Mauer offen sei, haben wir ihr kein Wort geglaubt, bis wir aus dem Fenster schauten und Trabbis auf der Straße sahen.
    Ein Berliner Autohaus hatte dann die Patenschaft für alle Ost- und Westberliner „Novemberkinder“ übernommen und bis zum 18. Geburtstag in jedem Jahr eine große Feier veranstaltet.
    War schon ne krasse Zeit.
    Lieben Gruß
    Petra

    • Cem
      November 9, 2014

      Sehr schöne Geschichte, liebe Petra! Dann gratuliert der ELBSALON.de deinem Sohn heute zum 25’sten! Alles Gute und alles Liebe!! 😉

  • Petra A. Bauer
    November 9, 2014

    Vielen Dank, lieber Cem und Elbsalon.de! Ich richte die Glückwünsche aus 🙂

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