Joy Fielding @ Harbourfront Literatur Festival

von 29. September 2016 0 , , Permalink 6

Besonders bei Frauen ist die kanadische Autorin Joy Fielding außerordentlich beliebt. Am Dienstag war sie in Hamburg auf dem Harbourfront Literaturfestival zu Gast und schon im Aufzug zum Übel und Gefährlich war die Welt weiblich. Kurz glaubten wir, Frau Fielding führe mit uns hinauf in den vierten Stock, eine Leserin meinte sie vom Foto in der Zeitung wieder zu erkennen und nickte verschwörerisch in ihre Richtung.

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Als schließlich Joy Fielding in Begleitung von Suzanne von Borsody und Margarete von Schwarzkopf die Bühne betritt, wird schnell klar, sie ist deutlich lebendiger, aktiver und ein bisschen älter als auf den Autorenfotos ihrer Bestseller. Mit der Moderatorin des Abends Margarete von Schwarzkopf plaudert sie über den weiblichen Tick, stets die Schuld auf sich zu nehmen, Ängste, Glück, Töchter und Enkelkinder.

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Dann liest sie ein kurzes Stück aus dem englischen Original, bevor Suzanne von Borsody nahtlos in den Moment einsteigt, als Caroline Shipley einen merkwürdigen Telefonanruf erhält. Die 17-Jährige Anruferin sucht mit heller Stimme und gestammelten Sätzen Caroline in eine Gespräch zu verwickeln. Vielleicht, so glaubt das junge Mädchen, sei sie Carolines Tochter Samantha, die vor 15 Jahren aus einem Hotelzimmer verschwand. Suzanne von Borsody ist großartig, sie liest nicht einfach einen, zugegeben lebhaften und spannenden Text vor, nein: Sie spielt. Wir hören die skeptische ältere Caroline, die es morgens eilig hat und sich nicht auf die unsichere Stimme aus dem fernen Vancouver einlassen will. Kurz hören wir Samanthas ältere Schwester mit ihrer Mutter plaudern, jung und unbekümmert, wie man mit Anfang 20 ist. Hunter, der inzwischen geschiedene Ehemann ist aus dem Hintergrund zu vernehmen. Er ist längst zu einem neuen Leben mit junger Frau und zwei kleinen Kindern weiter gezogen.
15 Jahre zuvor war auch sein Leben in Scherben zerbrochen: Caroline und ihr damaliger Mann Hunter wollen den Hochzeitstag gemeinsam mit ihren beiden kleinen Töchtern in einem schicken Hotel in Mexiko verbringen. Was als schöner entspannter Urlaub beginnt, wandelt sich in einer halben Stunde zur Hölle auf Erden. Während Caroline und ihr Mann draußen vor dem Hotel mit Freunden zu Abend essen, wird oben Baby Samantha entführt. Polizei und Hotelmanager werden gerufen – vergebens. Die kleine Samantha bleibt verschwunden und Caroline eine gebrochene Frau.

Wer sich an den Fall der vor einigen Jahren in Portugal verschwunden kleinen Madeleine erinnert fühlt, wird von Joy Fielding bestätigt. Diese schreckliche Geschichte habe sie in Nachdenken gebracht, erzählt sie Margarete von Schwarzkopf. So hat die Autorin einen Thriller entwickelt, der das in der Wirklichkeit bis heute ungelöste Rätsel der britischen Familie, zumindest in der Fantasie löst. Aber die Wahrheit, die Caroline und mit ihr die Leserin nach und nach erfährt, ist erschreckend. Joy Fielding baut eine raffinierte Dramaturgie auf, die einen beim Lesen mitfiebern und ängstigen lässt., während sich Schritt für Schritt, Seite für Seite die unheilvolle Geschichte in Rückblenden und in der Gegenwart entfaltet.

Das Harbourfront Literatur Festival läuft noch bis zum 24. Oktober. Joy Fieldings Roman finden Sie hier. Und Suzanne von Borsody wird im Januar kommenden Jahres am Ernst Deutsch Theater mit Der letzte Vorhang gastieren.

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