Jazz im Oberhafen

von 2. September 2015 0 , , Permalink 7

Das Tolle am Jazz ist ja, dass er so stark mit der Improvisation lebt. Es ist gar nicht so einfach zu sagen, was Jazz auszeichnet. Das Tonsystem? Die Noten sind dieselben, die auch in der klassischen europäischen Musik gespielt werden. Das lässt sich auch für Melodik und Harmonien sagen. Die Rhythmen sind oft anders, es wird geswingt und gegroovt. Das stimmt schon.* Vor allem aber lebt der Jazz in all seinen Spielarten davon, dass sich die Musik im Moment des Zusammenspiels entwickelt. Jazzer halten sich nicht sklavisch an Noten. Nee, sie improvisieren, jammen, spielen nach dem Gefühl des Augenblicks und den Vorlagen der Mitspieler. Wie gut, dass der Saxophonspieler Benjamin Koppel, Kirk Knuffke am Kornett, Toby Andersson am Bass und Ferenc Nemeth am Schlagzeug alles gestandene Jazzspieler sind. Denn am vergangenen Samstag standen sie zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne. Nach nur anderthalb Tagen Probe.

Tina Heine begrüßt die Gäste

Die Elbjazz-Macher rund um Tina Heine hatten zu einem neuen Tracks 424-Konzert in die gleichnamige Halle am Oberhafen eingeladen. Allein die Halle 424 ist einen Besuch wert. Jedes Mal bisher war sie anders und jedes Mal ganz poetisch dekoriert. Hier lächelt ein weißer Engel still auf das Publikum, dort bilden knorrige Äste ein Hirschgeweih. Das Ende eines lauen Sommerabends bahnte sich an, als das erwartungsfrohe Publikum langsam in die Halle kam. Tina Heine zündet eben noch ein paar Kerzen an, es wurde Wein ausgeschenkt und Quiche gereicht. Alles so, wie ich es mir bei einer netten Einladung unter Freunden wünscht.

Und dann betreten die vier Musiker die Bühne, hinter ihnen schickt die Sonne das letzte warme Abendlicht in den Raum. Und alles klingt richtig. Warm und leise tropfen die warmen Töne des Kornetts in den Raum, immer wieder angetrieben von Benjamin Koppels Saxophon. Gelegentlich setzt Ferenc Nemeth auf seinen Schlagzeugen den Rhythmus, unterstützt vom sonoren Bass Toby Anderssons, der irgendwann die rhythmische Führung übernimmt, bis das Saxophon sich in den Vordergrund spielt. Improvisiert wirken höchstens die lustigen Ansagen von Benjamin Koppel: „Hi … oh dieses Mirko riecht nach kaltem Kaffee, ähm, unser nächster Song heißt „Go“ aber es wäre nett, wenn Sie dablieben.“ Schließlich wollen die vier Jungs unbedingt weiter spielen, das spüren wir im Publikum in jeder Minute.

Am Ende des zweiteiligen Konzerts kündigt Benjamin Koppel das letzte Stück an: „Wir spielen jetzt noch einen Song und dann werden wir von der Bühne gehen. Aber es wäre sehr nett, wenn Sie sich an die Konvention halten könnten, um eine Zugabe zu klatschen. In Wahrheit haben wir nämlich noch einen Song im Gepäck, den wir sehr gerne für Sie spielen möchten.“ Wir haben uns nicht an die Gepflogenheiten gehalten. Und auch nach dem nun aber wirklich als letztem Stück geplanten Song so lange geklatscht, bis die Musiker wieder auf die Bühne kamen.

  • *Aber im Zweifel kommen auch Triolen und Rhythmus – Verschiebungen schon mal in der Klassik vor.
    ** Natürlich hat er es eigentlich auf englisch gesagt. Also etwa so: „Hi … oh this Microphon smells of old coffee, ähm, our next song is called „Go“ but it would be nice if you stayed.“
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