Havarie

 

Wäre ich staatlich geprüfter Küchenpsychologe, müsste ich mir ein kleineres Trauma unterstellen. Denn ich kann das Wort „Havarie“ nicht unfallfrei schreiben. Aus irgendeinem Grund will ich hinter das erste a immer ein kleines rollendes r setzen. Vielleicht ist mir die Situation, mit einem Schiff in ernsthafte Schwierigkeiten zu geraten, so fremd, dass ich mir nicht merken kann, wie man das Wort schreibt; vielleicht macht mir allein die Vorstellung aber schon so viel Angst, dass ein r in mir herumrollt. Ich weiß es nicht.

Dafür weiß ich, dass Merle Kröger nicht ganz unschuldig ist, dass mir die Urangst zu sterben, gerade so bewusst ist. Und das ist auch ganz richtig so. Verpackt in ein kleines schwarzglänzendes Büchlein erzählt Havarie die Geschichte von knapp 20 Menschen, die auf unterschiedlichen Booten auf dem Mittelmeer unterwegs sind. Oleksij Lewtschenko etwa, der als Ingenieur nicht nur das Beladen seines angerosteten Frachter Siobhan im algerischen Hafen von Ouran überwachen muss sondern auch, dass niemand Falsches unter die Ladung gerät. Oder Security Officer Lalita Masaranghi, deren Freizeit auf der „Spirit of Europe“ sich auf die Stunde zwischen ein und zwei Uhr nachts beschränkt, wenn die Kreuzfahrt-Gäste im Bett sind oder zu betrunken, um noch Ärger zu machen. Garantiert keinen Ärger macht Marwan Fakhouri. Der syrische Arzt arbeitet 15 Decks unter Lalita,um sein Leben. Irgendwann hofft er, wird er den Zustand der Illegalität und die fiebrige Erschöpfung hinter sich lassen und in Europa endlich ein neues Leben anfangen können. Erstmal kommt es dazu nicht. Erstmal geht der philippinische Sänger Joseph Quézon über Bord. Keine Chance auf Rettung. Eine Chance auf Rettung, wenn auch nur eine kleine, haben dafür die elf halb verdursteten Flüchtling, die mit ihrem Schlauchboot in den Kurs der Hochhaus-großen Spirit of Europe geraten. Jeder hat so seine Probleme in der Welt von Merle Kröger, nur manche sind lebensgefährlicher als andere.

Ein Buch, das gruselig nah ans echte Leben gerät. Nicht direkt mein eigenes, aber doch der vielen Flüchtlinge, die im Moment in Hamburg und anderswo stranden. Ein gutes Buch, nur schade, dass all diese Geschichten angerissen werden, die Figuren mich ein kleines Stück in ihr Leben ziehen und dann – plopp – ist das kleine Buch schon wieder aus. Ohne, dass ich wüsste, wie Lalita ihren Suche weiter verfolgt, ohne, dass ich so recht wüsste, wie es für Karims Freundin weitergeht oder für Olek. Schade.

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