Dieser Park in Bangkok und was meine Mutter damit zu tun hat

Neulich war ich für ein paar Urlaubstage in Bangkok und ließ mich treiben durch  diese laute, irre, quicklebendige Stadt. Nahe des Königspalasts strandete ich in einem Park, ein schattiges öffentliches Areal, etwa viermal so groß wie der Hamburger Innocentiapark. Mitten drin war dieser Fitnessplatz. Alte Menschen turnten an schlichten Geräten, nichts Dolles, aber gut genug, um Arme, Rumpf und Beine zu kräftigen. Sie machten dort ihre Leibesübungen, manche von ihnen waren schon so betagt, dass nur noch kleine Bewegungen wie in Zeitlupe möglich waren. Jeder, wie er konnte. Dazwischen spielten Kinder, kickten Jugendliche und auf den Wegen drehten die Feierabendjogger ihre Runden. Südländische Feierabendheiterkeit. Und die Alten mittendrin, sie gehörten dazu.

Mich berührte das, ich konnte mich gar nicht satt sehen an diesen selbstverständlichen Miteinander. Wo gibt es das bei? Wo haben wir solche Orte, wo Alte und Junge sich im Alltäglichen so nahe kommen, ihre Dinge verrichten, nebeneinander ihren Platz haben?  Alte Menschen, hineingemischt in das  Leben.

Meine Mutter lebte in einem Altersheim, so wie das üblich bei uns ist. Es war ein angenehmes Heim, im Grünen gelegen. Wohngruppen,  ordentliche Betreuung rund um, alles ganz modern. Wir mussten uns um kaum etwas kümmern. Wir hatten ja auch vor lauter Arbeit gar keine Zeit. In dem Heim findet sie Ihresgleichen, Gespräche, Bewegung, Pflege und Anregung, so dachten wir uns das. Ich besuchte sie jede Woche, und mit der Zeit begriff, dass das Quatsch ist, was wir uns da ausdenken.

Wir schieben die Alten in eine Kunstwelt, weil wir keine Zeit haben, für sie zu sorgen. Und weil das ein unangenehmer Gedanke ist, und sowieso alles um dieses Thema herum unangenehm ist, verdrängen wir das lieber schnell. Kreisspiele mit Luftballon, Singen, Adventsbasar, Weihnachtsfeier, Keksteller – ist ja auch alles da. Aber es ist eine Mickey-Maus-Welt. Sie sind nur noch unter sich, sie nehmen an der Gesellschaft nicht mehr teil.  Wir schneiden sie ab von ihren gesellschaftlichen Bezügen, und denken, weil Alt gleich Alt ist, werden die es schon nett miteinander haben. Die wenigsten der Heimbewohner gingen noch nach draußen, sie sahen nichts anderes mehr als diese Räumlichkeiten und die anderen Alten.

Warten auf die nächste Mahlzeit und den Besuch der Verwandten, das überwiegend füllte die Zeit. Ich habe mich oft geschämt, wenn ich nach den Besuchen in mein Auto stieg und zurück in mein Leben fuhr.  In diesem Park in Bangkok musste ich daran denken. Es hätte meiner Mutter gefallen, das Turnen mittendrin.

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