Die Kunst der Konversation

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Foto: Cem, Umschlagvignette: Karl Lagerfeld

Was ich im realen Leben und bei Facebook & Co vermisse.

Heiterkeit, Leichtigkeit, Intelligenz, Vielfalt und Liebe in den Gesprächen.

Eine positive und amüsante Konversation ist für mich ein Flirt von Geist und Esprit nicht nur mit sprachlichen Mitteln in angenehmer und anregender Umgebung. Eine gute Konversation ist demnach auch im gewissen Sinn erotisch. Dieser Flirt kann mit einem Blickkontakt, durch Smalltalk, durch einen vieldeutigen Blick oder durch eine Handlung begonnen werden. Der Flirt lebt vom Aufbau, dem Spiel mit Spannung und auch inspirierenden Gedankenblitz. Oder auch durch einen überraschenden Perspektivwechsel im Gespräch.

Das ist heute größtenteils verloren gegangen. Zwischen zwei Menschen, aber auch und insbesondere in größeren Gesellschaften und Online-Plattformen. Florett und offenes Visier statt Schwert und Morgenstern wäre mir lieber.

Vieles ist heute aber zu Marketinggetöse von Lautsprechern oder auch Selbstgerechten und Selbstdarstellern verkommen. Ein echtes Gespräch kommt häufig nicht zustande. Dafür sind die sozialen Medien auch zu schnell, zu überfrachtet, zu voll, zu laut. Zu viel Hintergrundrauschen und Ablenkung. Es fehlt die Ruhe und die Konzentration für ein gutes Gespräch. Das Web ist kein Salon. Eher eine Bahnhofshalle. Manchmal auch eine Bahnhofsmission.

Man kann das Verlorene wieder erlernen. Es ist eine Frage der Herzensbildung. Und der Gemeinschaft der Gefühle und der Haltung Ähnlichgesinnter mit Überraschungsgasten. Frischen Ideen, die en passant vorbei kommen. Ein virtueller und realer moderner Salon. Ein imaginärer Club.

Die sozialen Medien spiegeln die reale Welt wider in meinen Augen. Und auf Dauer auch umgekehrt. Ich habe keine Erwartungen an die sozialen Medien, die ich nicht auch gleichermaßen an die reale Welt haben würde. Ich würde mir wünschen, dass die Online-Konversationen sich Gesprächen unter Freunden angleichen. Befürchte aber eher das Gegenteil. Überspitzt gesagt, viele gleichen ihr Verhalten dem Web an.

Es wäre schön, den Salongedanken in der realen Welt wieder zu beleben. Wieder zurückzukehren in die Welt der Salons in modernem Gewand. Das Leben ist nicht digital. Das Leben ist ein brennender Dornbusch. Hatte ich das schon erwähnt?

Inspiriert durch die Lektüre von Die Kunst der Konversation von Chantal Thomas.

Aus dem Klappentext zum Buch:

Die Geschichte der Konversation wird anhand dreier französischer Berühmtheiten und ihrer Salons erzählt: dem Blauen Zimmer der Madame de Rambouillet im 17. Jahrhundert, den Zusammenkünften bei Madame du Deffand im 18. Jahrhundert und im Schloss der Madame de Staël im 19. Jahrhundert. Konversation ist weit mehr als ein intellektuelles Geplänkel in angenehmer Umgebung, das Austauschen mehr oder weniger literarisch geformter Artigkeiten. Jene drei herausragenden Frauen bemühten sich, jede zu ihrer Zeit, um diese Spielform des Gesprächs, weil sie darin ein emanzipatorisches Moment sahen für sich selbst, die sich vorgesehenen Rollenmodellen verweigerten, aber auch für die Gesellschaft insgesamt. Unabhängig davon, ob sie sich in eine Feenwelt flüchteten, auf das distanzierende Moment des Humors setzten oder an die Literatur als Waffe glaubten: Sie schufen sich mit der Konversation nicht nur selbst Freiräume, sondern hofften darauf, den Umgang ihrer Mitmenschen positiv zu verändern. Und in diesem Glauben an die  gesellschaftsverändernde Kraft der Sprache sind sie erstaunlich modern.

[Links im letzten Zitat auf Wikipedia von mir.]

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