Die Haut

Hamburg43Curzio Malaparte (9. Juni 1898 ; † 19. Juli 1957) war das Pseudonym des italienischen Journalisten und Schriftstellers Kurt Erich Suckert, einer starken, schillernden Persönlichkeit. Malaparte wurde mit seinen umstrittenen Antikriegsbüchern Büchern „Kaputt“ (1944) und „Die Haut“ (1949), berühmt.

Malaparte war Ende der 20er Jahre Chefredakteur der italienischen Tageszeitung La Stampa. Aufgrund seiner Kritik an der Regierung wurde er zu fünf Jahren Verbannung und Hausarrest verurteilt. Im Zweiten Weltkrieg war Malaparte Kriegsberichterstatter in Deutschland.

Über die grausame „Operation Gomorrha“, den „Feuersturm“, der große Teile von Hamburg in der Zeit von 25. Juli bis 3. August 1943 vollständig zerstörte und 34.000 Menschen das Leben kostete und und 125.000 Menschen schwer verletzte, schreibt er in seinem Buch „Die Haut“:

…die beiden Freunde saßen im Dunkel und sprachen über die Schreckenstage von Hamburg. Die Berichte des dortigen italienischen Konsuls schilderten entsetzliche Tatsachen. Die Phosphorbomben hatten ganze Viertel der Stadt in Brand gesetzt und eine große Zahl von Todesopfern gefordert – soweit nichts Ungewohntes, auch Deutsche waren sterblich. Aber Tausende und Tausende von Unglücklichen, mit brennendem Phosphor übergossen, hatten sich, in der Hoffnung, auf diese Weise das verzehrende Feuer löschen zu können, in die Kanäle gestürzt, die Hamburg in allen Richtungen durchziehen, in den Fluß, in den Hafen, in die Teiche und selbst in die Brunnen der öffentlichen Anlagen, oder sie hatten sich in den Splittergräben, die zu vorläufigen Deckung im Fall eines unvorhergesehenen Angriff überall auf Straßen und Plätzen ausgehoben waren, mit Erde zuschütten lassen; dort krallten sie sich an die Uferböschung oder an Boote und Kähne fest, hielten sich bis zum Munde unter Wasser getaucht, blieben bis zum Hals in die Erde eingegraben und warteten, das die deutschen Behörden irgendeine Hilfe und irgendein Mittel gegen dieses heimtückische Feuer ausfindig machen würden. Denn Phosphor wirkt in der Art, dass er sich wie ein klebriger Aussatz an der Haut festfrisst und nur bei der Berührung mit Luft zu brennen anfängt. Sobald diese Unglücklichen einen Arm aus der Erde oder dem Wasser herausstreckten, loderte dieser Arm wie eine Fackel auf. Um sich eggen diese Marter zu schützen, waren die Unglücklichen gezwungen, unter Wasser getaucht oder in die Erde eingegraben zu bleiben, wie die Verdammten in Dantes „Inferno“. Rettungskommandos zogen von einem zum anderen, gaben ihnen zu trinken und zu essen, banden sie mit Tauen ans Ufer, damit sie nicht von Müdigkeit überwältigt untersinken und ertrinken müssten; man versuchte bald diese, bald jene Salbe und Einreibung, doch vergeblich: sobald man einen Arm oder eine Schulter behandelte, die einen Augenblick lang aus dem Wasser oder der Erde herausgestreckt wurde, leckten die Flammen sofort wieder empor gleich züngelnden Schlangen, und es fand sich kein Mittel, um das Weiterfressen dieses brennenden Aussatzes einzudämmen.
Ein paar Tage lang bot Hamburg einen Anblick wie Dite, die Höllenstadt Dantes.…

Aus Malaparte, Die Haut, Stahlberg Verlag 1950
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