Die Farben der Einsamkeit – wer hätte geglaubt, dass sie so schön sein können?

Zwei Generationen, ein Thema.
Wir, Mutter und Tochter, ergründen die einfachen (und wichtigen) Fragen des Lebens…

Die Mutter. Ist es schlimm, wenn man am Ende des Wochenendes feststellt, dass man auf die Montagsfrage: „Na, und was hast du Tolles gemacht am Wochenende?“ nichts Tolles wird berichten können? „Ich war allein mit mir.“ Das sagt man doch nicht. Das E-Wort, das sagt keiner gern. Dabei hat Einsamkeit so viele verschiedene Farben, und viele sind schön: Das zufriedene Einssein mit sich selbst. Das etwas unsicher vor sich hintappernde Alleinsein, weil gerade niemand da ist. Das angenehm geborgene Einsamsein unter Menschen. Das verlorene Einsamsein unter Menschen. Das stimmige Beisichsein neben dem Partner. Die Verlorenheit neben ihm. Die angenehme, gut erträgliche, vorübergehende Einsiedelei.  Aber wir schauen nicht gern genau hin. Alleinsein, Einsamsein ist maximal uncool. Es gibt kaum etwas Defizitäreres, als nicht ständig umringt zu sein von lauter lustigen Freunden. Einsamkeit ist wie ein Makel, wer sie fühlt, schämt sich meist. Das ist schade, denn allein mit sich zu sein, kann  ungemein köstlich sein. Zufrieden mit sich, sich geborgen fühlend in der Welt, dem Treiben zuschauen können, aus der Distanz und dennoch sich zugehörig wissend. Herrlich, zumindest für Menschen, die von Naturell her nicht topgesellig sind. Manchmal braucht man das Alleinsein, um sich neu zu justieren, Dinge zu durchdenken und sich seinen Weg zu bahnen durchs Lebensdickicht. Klar, das fühlt sich nicht immer gut an. Und natürlich gibt es da auch die dunkle Verzweiflung, das Gefühl ausgeworfen zu sein aus den gemeinschaftlichen Zusammenhängen, ungesehen, ungeliebt, unangebunden. Man stelle sich vor, es wäre normal, dieses offen zu sagen, ohne Scham. Bei seinem Nachbarn zu klingeln und zu sagen: “Du, ich fühle mich so abgekoppelt von allem, hast du mal kurz Zeit für mich und vielleicht einen Tee?” Einsamkeit wäre kein Aussatz, sondern einer dieser Zustände, die zu diesem Leben gehören wie die Wetterfühligkeit.

Was sagst du?

Die Tochter. Einsamkeit. Ich liebe das Thema, es fasziniert mich so. Gibt es ein anderes Gefühl, das so alltäglich und normalmenschlich ist und zugleich so gefürchtet? Die arme kleine Einsamkeit, so viel besser als ihr Ruf, möchte manchmal eigentlich unser Freund sein, und wir lassen sie nicht, rennen schreiend weg. Ja, es gibt dunkle, verzweifelte, andauernde, krankmachende Einsamkeit. Aber heute sprechen wir ja über die schönen Farbschattierungen, über das Alleinsein, die „gute“ Einsamkeit, die Hand in Hand mit dem Sozialsein geht. Nur dass „gut“ nicht unbedingt „einfach“ heißt. Liegt hier der große Irrglaube, dass sich alles immer unmittelbar spaßig und wohlig anfühlen muss, damit es ein „gutes“ Gefühl sein darf? Viele andere gute, lohnende Dinge im Leben muss man sich doch auch erst erarbeiten, da sind sich alle einig. Auch die Einsamkeit ist vielleicht ein Gefühl, dessen gute Seiten wir uns manchmal erst erobern müssen. Grade in unserem Reizüberflutungs- und Social-Media-Zeitalter ist es ja manchmal geradezu absurd, ganz für sich zu sein. Dabei liegt hier so großes Glück versteckt. Das, welches uns erlaubt, die eigene Gesellschaft zu genießen, uns als wertig und genügend zu empfinden. Und im Stande, etwas Fehlendes in uns selbst du füllen, statt von anderen zu verlangen, dies zu übernehmen. Das Glück, das einen als guter Alleinseier auch oft zum besseren Zusammenseier macht, weil man den anderen mehr will als braucht, durch’s bei sich sein auch den anderen besser sehen kann, und in Krisen nicht so schnell den Boden unter den Füßen verliert.
Klingt das, als hielte ich Einsamkeit für eine einzige Party? Das ist nicht so. Aber ich glaube, dass sich mit etwas Mut und Ausdauer die Schönheit in der Einsamkeit entdecken lässt. Das Erleben, dass es neben der Verbindung zu anderen Menschen eine weitere Verbindung gibt, die zu sich selbst und vielleicht auch die zu etwas Größerem. Die ist immer da. Man fällt nicht unaufhörlich, sondern landet auf irgendetwas, was man von oben – wenn man nur von der Ferne guckt – nicht erkennen kann. Und fühlt sich dann plötzlich freier und sicherer in der Welt als vorher. Ich glaube, jeder hat diese Fähigkeit irgendwo, wir kommen doch allein in die Welt, wir gehen allein, in unserem Sein sind wir ohnehin allein, nur wie kommen wir dahin (zurück) uns an diesem Alleinsein zu freuen und Kraft daraus zu schöpfen, statt es zu fürchten?

 

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2 Kommentare
  • Cem
    August 11, 2014

    Zwischen Alleinsein und Einsamkeit gibt es einen wichtigen Unterschied, finde ich. Alleinsein ist selbstgewählt. Einsamkeit nicht.

    Beispielhaft diese Passage aus der „Welt“:

    „Alleinsein und Einsamkeit zu unterscheiden sei äußerst wichtig, betont John Cacioppo, der versierteste Einsamkeitsforscher der Welt. Denn beides habe zunächst einmal nichts miteinander zu tun. Einsamkeit, so sagt der Psychologe von der University of Chicago, ist nicht an die An- und Abwesenheit von Menschen gebunden. Sie sei auch nicht an die Anzahl von Menschen gebunden, die man kennt. Wer einsam sei, dem fehlten nicht einfach Menschen – sondern das Gefühl, von ihnen beachtet zu werden, anerkannt und gebraucht. Es charakterisiert eine tiefe Unzufriedenheit mit den Beziehungen, die schon bestehen.“

    Quelle des Zitats: http://m.welt.de/gesundheit/psychologie/article122448909/Was-Alleinsein-von-Einsamkeit-unterscheidet.html

    Wir sind vielleicht gerne „allein“. Aber die meisten selten gerne „einsam“. Alleinsein kann man sicher üben. Einsamkeit muss man vielleicht ertragen.

    Gutes Format: Mutter/Tochter-Gespräche. Wie wohl Vater/Sohn-Gespräche ablaufen würden?!

    • Sabine
      August 11, 2014

      Das ist richtig: In der Psychologie wird Einsamkeit meist als (sozialer) Mangel besprochen, in den Geisteswissenschaften hingegen oft als etwas Positives, und in der Religion als der höchste Bewusstseinszustand und größte Nähe zu Gott. Es lohnt sich also, den Zustand der Einsamkeit mal anders zu deuten, als die Psychologie das gemeinhin tut. Einsam ist zweisam geteilt durch 2, und gemeinsam ist einsam mal x . Will sagen: Wir alle sind, wenn wir allein sind, ein-sam. Es ist die kleinste Einheit unseres Seins. Wenn wir darauf verzichten, die Einsamkeit von vornherein negativ aufzuladen, haben wir die Chance, ihre bereichernden Facetten zu erfahren. Denn die hat sie. Ja, die blöden, die hat sie auch.

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