Das Schweigen der Paare

Paar, Eltern 1947/1952, Foto von den Fotos: @cbasman/instagram.

Vor einiger Zeit in einem kleinen gediegenen Privathotel im Norden. Früh morgens beim Frühstück. Ein ausgesuchtes Buffet mit lokalen Produkten. Sieben Zimmer. Sieben Paare. Gutsituiert. Fünfzig, plus minus zehn. Er im Ralph Lauren Polo Hemd. Sie sportlich adrett und frisiert. Beide mit leicht zerknitterter Fönfrisur. Die Paare sitzen sich an kleinen Zweier-Tischchen genau gegenüber. Keiner spricht. Sie schauen sich nicht einmal an. Er schmiert sich die Leberwurst auf’s Minibrötchen. Sie tupft einen kleinen Klecks Quark auf’s Schwarzbrot. Schweigen. Hackfressen.

Wie lange sind sie zusammen, die Paare? Zehn Jahre? Zwanzig? Mehr? Keiner spricht den anderen an. Schauen sich nicht in die Augen. Lächeln nicht. Sie ignorieren sich. Und das Frühstück. Die Sonne draussen. Den blauen Himmel. Die Vorfreude auf den Tag. Gelangweilt. Stumm. Haben sie sich nichts mehr zu sagen? Ist alles schon gesagt? Müssen sie sich ertragen? Wie muss die Nacht gewesen sein? Geteiltes Bett, halbes Bett? Keiner lächelt. Keiner spricht.

Diese Szenen beobachte ich auch mittags und abends. In Restaurants, in Cafés und Bars. Überall. In allen Lokalen und Vierteln. Anschweigende Paare. Sie erdulden sich. Oder ist es einfach nur stummes Einverständnis? Geheime Taubstummensignale, die ich nicht erdeuten kann? Ein Gefühl der Leere macht sich breit. Kein Händedruck. Berührungsvermeidung. Er legt seine Hand nicht auf ihren Rücken. Keine Tuchfühlung. Sie wirken isoliert. So als ob sie zufällig zusammensitzen. Zusammengewürfelt. Wie im Bus, in der U-Bahn oder auf der Bank in einem überfüllten Park an einem Sonntag. Sind sie glücklich? Zumindestens zufrieden? Ich weiss es nicht. Irgendwie traurig. Das Werben hat nachgelassen. Ist verschwunden. Stumpf wirkt es manchmal. Sie wirken wie die Insassen einer Ehe.

Die Liebe ist abhanden gekommen. Was geblieben ist bei ihnen, ist nur die Aneinandergewöhnung. Manche sagen dazu auch euphemistisch: Vertrautheit. Ich kann mir das bei mir nicht vorstellen. Langweilig. Wer weiss, wo sie alle in Gedanken sind. Und bei wem.

Ich glaube nicht, dass das zwangsläufig so sein muss. Sich öffentlich anschweigende Paare. Das ist kein Naturgesetz der verhaltenspsychologischen Paarforschung. Oder doch?

Lächeln Sie. Lächeln macht jede Frau schön und attraktiv. Auch jeden Mann. Sagen Sie etwas Nettes. Auch wenn’s etwas geflunkert ist. Das macht den Tag.

Die Erotik eines Menschen ist in seinem Blick und seinem Lächeln. Der Blick ist die Seele. Sie ist immer wahr. Im Blick spiegeln sich die Erinnerungen, Erfahrungen und Gefühle des Menschen wieder. Nicht nur beim Blickenden, sondern auch bei dem, der dem anderen in die Augen schaut. Der direkte Blick die Augen des Anderen ist der intensivste und tiefste Kontakt. Ein Blick kann alles ausdrücken. Freude, Melancholie, Einsamkeit oder auch die Liebe. Der Blick ist unnachahmlich. Körper verändern sich. Der Blick nicht. Und das Lächeln. Im Blick erkennt man den Anderen. Im gegenseitigen Blick das Gemeinsame.

Schau mir in die Augen, Kleines. Und lächele mich an. Du bist schön.

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4 Kommentare
  • Heike Rost
    August 1, 2014

    So sollte es sein: Dass die Berührungen niemals aufhören, die Liebe nicht verschwindet und verlischt, dass man sich nicht im Schweigen arrangiert. Ein wunderbarer Text, lieber Cem. Danke dafür!

  • Stevan Paul
    August 1, 2014

    Man kann es aber auch genau anders herum betrachten. Meine Frau und ich, wir lieben uns (immer noch) sehr und dennoch schweigen auch wir manchmal im Restaurant, hängen den eigenen Gedanken nach, die Zweisamkeit hat Pause – von außen gesehen. Tatsächlich aber, ist das Gegenteil der Fall. Als wir das erstmal gewahr wurden, dass wir uns gerade im Restaurant anschweigen, lachten und scherzten wir darüber, dass wir „jetzt auch so ein schreckliches altes Paar sind, dass sich nichts mehr zu sagen hat“. Heute wissen wir mehr und haben gelernt, dass man auch miteinander schweigen kann und soll, miteinander schweigen zu können, kann auch ein schöner Beweis für eine gewachsene Bindung sein-das ist nämlich garnicht so leicht. Manchmal sitzen wir dabei sogar nebeneinander (weil wir beide gerne ins Lokal schauen) und dann freuen wir uns heinmlich über die jungen Leute, die etwas Mitleidig herüber sehen. Wenn die wüssten!

    • Cem
      August 1, 2014

      Richtig, lieber Stevan. Das gibt es natürlich auch. Wenn ich euch beide sehe, habt ihr aber auch keine „Hackfressen“, sondern ihr schwingt nebeneinander sitzend im Gleichklang der Alphawellen. Bei den beschriebenen Paaren macht sich aber Frost bemerkbar. Die sehe ich jeden Tag. Überall. meine Eltern (auf dem Foto) waren das Gegenteil. Sie waren 53 Jahre glücklich verheiratet und haben sich immer unterstützt und zueinander gehalten. Auch in sehr schwierigen Zeiten. Immer den anderen im Blick. Und immer mit einem liebenden und aufmunternden Blick.

      Übrigens, ich sitze auch immer neben meiner Begleitung. Sehr ungern genau gegenüber.

      PS: Das Hotel war übrigens seinerzeit das Hotel Hahn in Schleswig. Sehr empfehlenswert.

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