Was hat es eigentlich mit dieser Geburtstagsneurose auf sich?

 

Zwei Generationen, ein Thema.
Wir, Mutter und Tochter, ergründen die einfachen (und wichtigen) Fragen des Lebens…

Die Tochter. Ein Geburtstag nach dem anderen im Moment. Viel feiern. Schön! Oder? Ich seh‘ mich um und frag mich, warum so viel an ihrem Geburtstag viel angespannter sind als sonst. Was hat es eigentlich mit dieser Geburtstagsneurose auf sich? So wie Weihnachten der Tag des Familien- und Silvester der Tag des Beziehungsknatsches zu sein scheint, ist der Geburtstag wohl der Tag des Knatsches mit sich selbst. Der Geburtstag naht, und auch die Gelassenen unter meinen Bekannten zeigen zumindest milde Anzeichen von Hysterie. Zumindest Zerissenheit. Soll ich feiern, oder nicht? Ach, nur ein gewöhnlicher Tag – aber wehe er verstreicht sang- und klanglos! Iwo, keine Geschenke – niemand hat sich Mühe gemacht! Ich will gefeiert werden – aber bloß nicht zu viel Aufsehen! Gratulieren mir genug Leute auf Facebook (fragt man sich natürlich nur heimlich, denn da steht man ja drüber)? Lieben mich eigentlich genug Leute? Liebt mich eigentlich überhaupt irgendjemand?? Da brodelt doch oft klammheimlich, neben der einfachen Frage der Tagesgestaltung, noch ein großer Topf ganz anderer Fragen. Stehe ich im Leben wo ich will? Erfolg? Liebe? Gesundheit? Oh Graus! Ein Hurra auf solche Reflexionen, aber warum kommen die bei so vielen tsunamiartig an diesem einen Tag, statt, sagen wir mal, wenn es irgendwie stimmiger und weniger willkürlich erscheint. An meinem 28. Geburtstag war ich grade eine Weile allein in Indien. Ich war seit wenigen Tagen dort, und hatte das Glück, schon herzallerliebste Menschen zu kennen, mit denen ich den Tag verbrachte. Toll! Jedoch interessierte sich niemand dafür, dass ich Geburtstag hatte. Da hatte ich plötzlich Heimweh und tat mir selbst leid. Später erst lernte ich, dass der Geburtstag in Indien einfach nicht so eine große Rolle spielt. Da werden andere Sachen mehr gefeiert. An meinem Geburtstag war zum Beispiel grad Diwali, eins der wichtigsten hinduistischen Feste, das Fest der Lichter. Stahl mir komplett die Show, klar. „Kernaussage des Festes ist der Sieg des Guten über das Böse, Licht über Dunkelheit und das Erkennen eigener innerer Stärken.“ erklärt Wikipedia über Diwali. Uff, ziemlich starke Konkurrenz zum Feiern der Relevanz der eigenen Person für die Welt! In dem Jahr beschloss ich, den Geburtstag zukünftig etwas indischer anzugehen. Und finde das sehr entspannend.

Die Mutter. Eine Freundin von mir interessiert sich nicht für Geburtstage, den eigenen nicht, den ihres Mannes nicht, die ihrer Freunde nicht. Wir gratulieren uns nie, wir denken einfach nie dran. Es tut der Freundschaft keinen Abbruch, es ist nicht wichtig. Ich finde das erfrischend.

Irgendwann in den 40ern ist mir unangenehm aufgefallen, dass Geburtstag so blöde mit dem Älterwerden gekoppelt ist. Jedes Jahr ein Jahr mehr auf der Uhr, pfui. Ich will, dass mir der Geburtstagsgott neue Jahre schenkt und mir nicht schon wieder eins wegnimmt. Und mir das dann auch noch deutlich aufs Geburtstagstablett schmiert: OH, du hast Geburtstag, wie toll. Nee, ist nicht toll. Ich bin gegen Geburtstag. Gegen die Anrufe von Menschen, die sich das ganze Jahr nicht melden. Warum an diesem Tag? Jeder andere Tag täte es auch. Ich bin gegen das mulmige Gefühl, feiern zu müssen. Ich will feiern, wann ich Lust habe. Ich brauche diesen Tag nicht, um mich zu freuen, dass ich geboren wurde. Natürlich freue ich mich über Geschenke, total, aber die gefallen mir an jedem anderen Tag im Jahr genauso gut.

Bilanz ziehe ich am Jahresende, und über die Güte meines Lebens denke ich zu anderen Gelegenheiten nach. Dazu brauche ich diesen einen Tag im November nicht. Einer wird mir dennoch fehlen: der Fleurop-Bote, der jedes Jahr klingelte, mit einem Strauß von meiner Mutter. So zuverlässig, Jahr für Jahr, sehr untypisch für sie. Dieses Jahr wird es keinen mehr von ihr geben. Vielleicht kaufe ich mir selbst einen. Vielleicht fange ich dieses Jahr damit an, mir an meinem Geburtstag einen Strauß hinzustellen. Und versöhne mich mit dem Geburtstagsgott.

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Es ist so gemütlich mit mir. Da heirate ich mich doch einfach selbst

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Zwei Generationen, ein Thema.
Wir, Mutter und Tochter, ergründen die einfachen (und wichtigen) Fragen des Lebens…

Die Mutter. Kennst du Grace Gelder? Sie ist Britin, vor wenigen Tagen war in online-Ausgaben britischer Zeitungen über sie zu lesen: Sie hat geheiratet, sich selbst. Mit Ehering, Ehegelöbnis und 50 Gästen. Sie hat sich sogar den Hochzeitskuss gegeben: mit Hilfe eines Spiegels. Die Menschen haben sie gefeiert und bejubelt, und sie war glücklich.  Heirate dich selbst, es gibt sogar Ratgeber dazu.

Ich finde das befremdlich. Aber wenn ich so um mich herumschaue, hier in Hamburg, unserer Stadt, sehe ich viele eingefleischte Alleinleber, die es eigentlich ebenso machen könnten wie Grace Gelder: sich selbst den Ring anstecken.

Kann es sein, dass man zu lieben verlernt, wenn man lange allein lebt? Dass man die Lust verlernt, sich auf jemand anderen einzulassen, weil es anstrengend ist, weil es die gewohnte Ruhe stört, gewaltige Risiken birgt? Früher dachte ich immer, dass es die höchste Sehnsucht des Single-Menschen sei, sich irgendwann wieder  zu verbinden. Aber inzwischen habe ich meine Zweifel.

Auch bei der Liebesbereitschaft gibt es eine Komfortzone, so wie beim Joggen, man scheut die Anstrengung, bleibt lieber auf dem Sofa liegen und weist bedauernd auf die  Regentropfen draußen: Tja, man würde ja gern, aber. Genauso mit dem Verlieben: Ich will ja, aber da ist  keiner. Keiner, der mich will. Keiner, den ich will.  Keine Zeit, neue Leute kennenzulernen, zu erschöpft, rauszugehen, die Antennen hochzufahren. Zu nervig das Ganze. Mag ja sein.

Beziehungsfaulheit – die neue großstädtische Befindlichkeit. Gut verdienende, gut ausgebildete Singles, die davor  zurückzucken,  aus der komfortablen Unabhängigkeit ihres Lebens mit sich allein herauszutreten. Weil sie in den Jahren der Freiheit kompromissfaul und  bequem geworden sind, weil ihre Toleranzreservoirs ausgetrocknet sind. Vielleicht wird man so, wenn man zu lange alleine lebt. Vielleicht werde ich auch so. Und merke es  nicht. Es ist ja auch enorm verführerisch: Wer sich allein ernähren kann, sich sein Leben angenehm machen kann, kommt wunderbar unzerrupft über die Runden, kann tun, was er möchte, jederzeit.

Diese Freiheit ist eine Errungenschaft, ein Privileg, kostbar. Man kann sich daran gewöhnen. Und plötzlich küsst man sich auf einer Parkbank selbst…

 

Die Tochter. Lustigerweise habe ich heute gerade über die selbe Frage nachgedacht. Also fast – eher auf’s Sozialsein generell bezogen. Ich war die letzten 4 Tage nahezu ununterbrochen alleine. Erst zwei Tage Home Office, abends nur einmal zum Yoga. Dann ein ruhiges Wochenende allein. Das ist für mich eher ungewöhnlich, allein schon weil ich mit meinem Freund zusammenwohne, und auch sonst viel sozial unterwegs bin. Also: Der Freund in Spanien, keine Verabredungen mit Freunden, nur die nötigsten Telefonate, Zeitung lesen, herumdaddeln, Musik hören, aus dem Fenster glotzen, kochen, Kram erledigen. Herrlich. Ich brauchte das mal wieder.

Der erste Tag im sozialen Vakuum ist manchmal gewöhnungsbedürftig und man weiß nicht so recht, wo man sich hintun soll. Dann wird es immer schöner. Irgendwie könnt ich grade ewig so weitermachen, und zwar, je mehr solcher Tage vergehen, desto doller könnt ich das. Man kehrt sich immer mehr in sich, verliert sich in der eigenen Welt, wird immer eckiger und reibungsscheuer. Wie eine Einsiedlerkrebs-Spirale. Und das geht so schnell, dass man schon am 2. Tag plötzlich regelrecht hochschreckt wie ein Tierchen, wenn das Telefon klingelt, und misstrauisch drumrumschleicht um das klingelnde Gerät, und sich fragt, wer da wagt, die heilige Ruhe zu stören. Und ob man zu Normalmenschkonversation grade überhaupt im Stande ist, oder nur Grunzlaute ‚rausbekommt. Ich finde das einen ganz wunderbaren, erholsamen, erdenden Zustand, ich brauche das ab und zu. Aber morgen habe ich einige Termine, tagsüber Job, abends privat, und das ist auch gut. Zum einen, weil ich auch wirklich wieder Lust auf Menschen habe, zum anderen aber auch, weil ich das Gefühl habe, ich MUSS, weil ich sonst wohlmöglich noch sozialphobisch oder sozialunfähig werde und meinen Job nicht mehr machen kann! Naja, nicht wirklich. Du weißt schon. Grunz.

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Kunst und Sünde – Eine Nacht der Sinne

Enjoy_Sherin_Fetish_140901Enjoy, von Sherin.

Die Fassade des Catoniums ist unscheinbar, wie viele andere in diesem Viertel aus Wohnblöcken und Bürogebäuden. Als wir uns dem Gebäude nähern bemerkt der Taxifahrer, dass die meisten Frauen, die sich auf dem Parkplatz tummeln, High Heels tragen. Die gesamte Gesellschaft ist vorrangig in Schwarz gekleidet. Ich erzähle ihm von der Kunst und Sünde, der Party, die heute in diesem Teil Hamburgs stattfindet. „Ich habe mir schon gedacht, dass hier ein besonderer Event stattfindet“ sagt der Taxifahrer schmunzelt und verabschiedet sich. „Die Partymacher wollen keine Grenzen, sie wollen Orgien.“, so die beschreibenden Wort zur Veranstaltung. Dies kann ein reizvoller Aspekt sein, der dazu animiert, auf der nächsten „Kunst und Sünde“ dabei zu sein. Es muss aber auch nicht abschrecken. Alles ist optional. Alles kann, nichts muss. Die Toleranz, die eine solche Party trägt, ist spürbar. Ein Vermächtnis unter Gleichgesinnten. Die unterschiedlichen Räume und Ebenen lassen jeden seinen Platz für seine Stimmungen und Vorlieben finden. Ein breites Spektrum an Musik, das Techno und Gothic bewusst ausklammert, lässt die Tanzfläche bis in den Morgen hinein nicht leer werden. An eine große Wand gebeamte Bilder zum Thema „Erotik“ bieten dem Kunstliebhaber visuelle Genüsse. Ab September werde ich mit meinen Arbeiten in Sherins Wunderland der Erotik entführen. Seit Shade of Grey die Bestsellerlisten erobert hat, sind Fetisch, Bondage und SM aus ihrem Nischendasein in den Fokus des allgemeinen Interesses gerutscht. Zumindest lässt die Fülle an Buchbesprechungen und Kommentaren in allen deutschen Magazinen und Zeitungen sowie der Anzahl der verkauften Bücher darauf schließen. Auf der „Kunst und Sünde“ kann man mal ausprobieren, wie es um die eigenen Neigungen und Vorlieben steht.

Kunst und Sünde. Catonium, 22. September 2014, 22.00 Uhr.

Die schöpferische Kraft der Ganzheit

4.9.2011
„Anima und Animus“ von Sherin. 40 x 50 cm, Tinte auf Papier.

Das archetypisch Weibliche und Männliche in Frau und Mann bezeichnet der Psychologe C.G. Jung mit den Begriffen Anima und Animus. Doch die Idee, dass der Mensch in seiner Vollkommenheit ursprünglich männlich und weiblich war, hat eine lange Tradition. Es erzählt die Mähr, dass diese androgynen Wesen intelligent, kraftvoll und schön waren. Aus Angst vor der Macht dieser Kreaturen, haben die Götter ihre Eigenschaften auf die Frau und den Mann verteilt. Seither versuchen die Geschlechter, diese Ganzheit wieder zu finden, die ihnen das Gefühl von Vollkommenheit, Bewusstsein ihrer Potenz und Glück beschert.

Auf den Weg zur Selbsterkenntnis ist die Auseinandersetzung mit den weiblichen und männlichen Anteilen in uns ein wichtiger Schritt. In der öffentlichen Diskussion über die Eigenschaften von Mann und Frau vermischen sich oft geschlechterspezifische Merkmale und Fähigkeiten, die sich in Laufe der gesellschaftlichen Entwicklung manifestiert haben. Während in früheren Generationen die Geschlechterrollen noch genau definiert und von allgemeiner Gültigkeit waren (z.B. Dominanz des Mannes), bröckeln diese Bilder zunehmend. Umso dringlicher wird es, zu erforschen, was die eigenen weiblichen und männlichen Anteile sind? Wie definiere ich mich als Mann oder als Frau? Wie finde ich durch das Blendwerk medialer Prototypen zu meiner eigenen sexuellen Identität. Hart, sanft, mit wem? Wie ist der Sex, den wir uns wünschen? Diese Fragen können erst beantwortet werden, wenn wir uns von hergebrachten Klischees befreien, das Archetypische vor dem Hintergrund veränderter gesellschaftlicher Bedingungen wie der Gleichberechtigung von Mann und Frau neu entdecken. Eine wundervolle Reise zu den eigenen Bedürfnissen und sehr viel Potenzial, Sexualität als schöpferische Kraft zu entdecken. Eine persönliche Bereicherung und auch frischer Wind auf dem Tummelplatz der Liebe.

Hart, sanft, mit wem? Wie ist der Sex, den wir uns wünschen?

Sherin: Laura

Um den Sex ist es in unserer Gesellschaft ist es nicht gut bestellt, sagt Volkmar Sigusch, der Altmeister der Sexualforschung, in der aktuellen Ausgabe der “Zeit”. Um ein paar interessante Details herauszupicken:

  • 95 Prozent der Sexualakte (was für ein Wort!) finden in festen Beziehungen statt. Die Kehrseite: Singles, die immerhin 25 Prozent der Befragten ausmachen, gehen leer aus. Es laufen in unserem Land also sehr viele sexuell einsame, unerfüllte Menschen herum.
  • Junge Männer sind irritiert: Klicken sie ins Internet, erleben sie Männer nur als  Potenzprotze, die es  Frauen “besorgen”. Die Frauen im echten Leben wollen das aber so gar nicht. An diesem Dilemma zerbrechen viele, sagt Sigusch.
  • Ältere Männer geben sich gern als Nimmersatt und am liebsten in Richtung jüngere Frau. In der Regel, so zitiert Sigusch die Sexualforschung, sind solche Männer impotent.

Offenbar hat die Freizügigkeit nicht nur Glückliche geschaffen. Sex ist verfügbarer denn je, für jeden, alles, kaum noch Tabus. Aber haben wir eine Kultur der Erotik, in der Leute wirklich über den Sex reden, den sie sich wünschen? Haben wir eine Sprache, die echt und offen ist? Bilder, die so sind? Nein, haben wir nicht. Wir bewegen uns in Klischees. Was für alle verfügbar gezeigt wird, ist eine schauspielerische Darstellung von Sex: Was in öffentlicher Performance zu sehen ist, hat  mit  den Wünschen der meisten Leute nicht viel zu tun hat. Frauen wünschen sich keine omnipotenten Stecher. Und Männer fühlen sich unter Druck durch diese vermeintliche Wirklichkeit, siehe oben.  Wo aber finden wir das, was mit den realen Wünschen zu tun hat? Wo alles möglich ist: Trieb und Zärtlichkeit. Begehren und Scham. Lust und Angst? In Wahrheit haben wir diese Kultur nicht. Wir haben unendliche Möglichkeiten, wenn wir im Netz “porn” eingeben, ist alles da, was Körpertechnik hergibt. Aber was hat das mit unseren Wünschen im echten Leben zu tun? Wie sprechen wir über uns? Wie loten wir aus, was wir von all dem für uns haben wollen, und was nicht? Welche Worte benutzen wir, welche Gefühle lassen wir zu. “Du, ich kriege heute vielleicht keinen hoch, aber ich hätte trotzdem gern Sex mit dir”. Wo im Internet finden wir das?

Die Farben der Einsamkeit – wer hätte geglaubt, dass sie so schön sein können?

Zwei Generationen, ein Thema.
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Die Mutter. Ist es schlimm, wenn man am Ende des Wochenendes feststellt, dass man auf die Montagsfrage: „Na, und was hast du Tolles gemacht am Wochenende?“ nichts Tolles wird berichten können? „Ich war allein mit mir.“ Das sagt man doch nicht. Das E-Wort, das sagt keiner gern. Dabei hat Einsamkeit so viele verschiedene Farben, und viele sind schön: Das zufriedene Einssein mit sich selbst. Das etwas unsicher vor sich hintappernde Alleinsein, weil gerade niemand da ist. Das angenehm geborgene Einsamsein unter Menschen. Das verlorene Einsamsein unter Menschen. Das stimmige Beisichsein neben dem Partner. Die Verlorenheit neben ihm. Die angenehme, gut erträgliche, vorübergehende Einsiedelei.  Aber wir schauen nicht gern genau hin. Alleinsein, Einsamsein ist maximal uncool. Es gibt kaum etwas Defizitäreres, als nicht ständig umringt zu sein von lauter lustigen Freunden. Einsamkeit ist wie ein Makel, wer sie fühlt, schämt sich meist. Das ist schade, denn allein mit sich zu sein, kann  ungemein köstlich sein. Zufrieden mit sich, sich geborgen fühlend in der Welt, dem Treiben zuschauen können, aus der Distanz und dennoch sich zugehörig wissend. Herrlich, zumindest für Menschen, die von Naturell her nicht topgesellig sind. Manchmal braucht man das Alleinsein, um sich neu zu justieren, Dinge zu durchdenken und sich seinen Weg zu bahnen durchs Lebensdickicht. Klar, das fühlt sich nicht immer gut an. Und natürlich gibt es da auch die dunkle Verzweiflung, das Gefühl ausgeworfen zu sein aus den gemeinschaftlichen Zusammenhängen, ungesehen, ungeliebt, unangebunden. Man stelle sich vor, es wäre normal, dieses offen zu sagen, ohne Scham. Bei seinem Nachbarn zu klingeln und zu sagen: “Du, ich fühle mich so abgekoppelt von allem, hast du mal kurz Zeit für mich und vielleicht einen Tee?” Einsamkeit wäre kein Aussatz, sondern einer dieser Zustände, die zu diesem Leben gehören wie die Wetterfühligkeit.

Was sagst du?

Die Tochter. Einsamkeit. Ich liebe das Thema, es fasziniert mich so. Gibt es ein anderes Gefühl, das so alltäglich und normalmenschlich ist und zugleich so gefürchtet? Die arme kleine Einsamkeit, so viel besser als ihr Ruf, möchte manchmal eigentlich unser Freund sein, und wir lassen sie nicht, rennen schreiend weg. Ja, es gibt dunkle, verzweifelte, andauernde, krankmachende Einsamkeit. Aber heute sprechen wir ja über die schönen Farbschattierungen, über das Alleinsein, die „gute“ Einsamkeit, die Hand in Hand mit dem Sozialsein geht. Nur dass „gut“ nicht unbedingt „einfach“ heißt. Liegt hier der große Irrglaube, dass sich alles immer unmittelbar spaßig und wohlig anfühlen muss, damit es ein „gutes“ Gefühl sein darf? Viele andere gute, lohnende Dinge im Leben muss man sich doch auch erst erarbeiten, da sind sich alle einig. Auch die Einsamkeit ist vielleicht ein Gefühl, dessen gute Seiten wir uns manchmal erst erobern müssen. Grade in unserem Reizüberflutungs- und Social-Media-Zeitalter ist es ja manchmal geradezu absurd, ganz für sich zu sein. Dabei liegt hier so großes Glück versteckt. Das, welches uns erlaubt, die eigene Gesellschaft zu genießen, uns als wertig und genügend zu empfinden. Und im Stande, etwas Fehlendes in uns selbst du füllen, statt von anderen zu verlangen, dies zu übernehmen. Das Glück, das einen als guter Alleinseier auch oft zum besseren Zusammenseier macht, weil man den anderen mehr will als braucht, durch’s bei sich sein auch den anderen besser sehen kann, und in Krisen nicht so schnell den Boden unter den Füßen verliert.
Klingt das, als hielte ich Einsamkeit für eine einzige Party? Das ist nicht so. Aber ich glaube, dass sich mit etwas Mut und Ausdauer die Schönheit in der Einsamkeit entdecken lässt. Das Erleben, dass es neben der Verbindung zu anderen Menschen eine weitere Verbindung gibt, die zu sich selbst und vielleicht auch die zu etwas Größerem. Die ist immer da. Man fällt nicht unaufhörlich, sondern landet auf irgendetwas, was man von oben – wenn man nur von der Ferne guckt – nicht erkennen kann. Und fühlt sich dann plötzlich freier und sicherer in der Welt als vorher. Ich glaube, jeder hat diese Fähigkeit irgendwo, wir kommen doch allein in die Welt, wir gehen allein, in unserem Sein sind wir ohnehin allein, nur wie kommen wir dahin (zurück) uns an diesem Alleinsein zu freuen und Kraft daraus zu schöpfen, statt es zu fürchten?

 

Digital Love

Sherin, „Digital Love“, 30 x 40 cm, Acryl und Tusche auf Papier

Die rasche Digitalisierung unserer Gesellschaft macht auch vor der Liebe nicht halt. Für die Digital Natives oder Generation Y, die mit den digitalen Technologien, mit Internet und Mobiltelefon aufgewachsen sind, sind digitale Beziehungen ein Standard. 89 Prozent der 14- bis 29-Jährigen sind regelmäßig im Social Web. Aber auch für die Digital Immigrants, die erst als Erwachsener mit den digitalen Medien in Berührung gekommen sind, ist Beziehungsaufbau und –pflege über das Internet mehr und mehr zur täglichen Gewohnheit oder gar zu einem festen Bestandteil ihres sozialen Netzwerkes geworden.

Wie sich unsere Art zu lieben im digitalen Zeitalter verändert hat, ist ein weiter Diskurs, den ich nur kurz ankratzen möchte. Bei der Idee zu meiner Arbeit „Digital Love“ haben mich die Anmerkungen von Matthias Horx in seinem Buch „Wie wir leben werden“ über die Renaissance der romantischen Liebe begleitet. „Der Handel mit dem Versprechen (Ich bin dein Erlöser) ersetzt die alten genetischen oder finanziellen Angebote. Romantik ist das Selektionsmerkmal der Erlebniskultur, Aussteuer und Währung der individualistischen Partnerwelt“, so Horx. Das Internet ist ein perfektes Vehikel, einen Teil oder gar die ganze Liebesbeziehung zu virtualisieren, aus dem realen Leben und seinen Unwegen bis auf den gewünschten Grad auszugrenzen und somit genügend Freiräume für die Idealisierung, für eine Fernverherrlichung der Geliebten/des Geliebten sicher zu stellen. Dabei muss diese, im Liebesrausch verharrende, romantische Online Beziehung nicht auf tiefe Gefühle verzichten. Im Gegenteil. Wie wundervoll nährt sich jenes Flämmchen der Liebe an Worten und Bildern, die wohl ausgewählt und sehnsüchtig erwartet werden. Eine verführerische Variante der traditionellen Liebesbeziehung, die nach Liebe Suchende nicht selten eine Ernüchterung beschert. In „Digital Love“ konzentrierte ich mich auf den Moment der elektrisierenden Begierde, die Worte oder Bilder von/des Geliebten auslösen. Diese Romantik entspringt der eigenen Gedankenwelt, ist ein Konstrukt von Vorstellungen und Idealen – eben eine virtuelle Liebe, die die Protagonisten dieser Inszenierung „wahre“ Gefühle entwickeln lässt.

 

Das Schweigen der Paare

Paar, Eltern 1947/1952, Foto von den Fotos: @cbasman/instagram.

Vor einiger Zeit in einem kleinen gediegenen Privathotel im Norden. Früh morgens beim Frühstück. Ein ausgesuchtes Buffet mit lokalen Produkten. Sieben Zimmer. Sieben Paare. Gutsituiert. Fünfzig, plus minus zehn. Er im Ralph Lauren Polo Hemd. Sie sportlich adrett und frisiert. Beide mit leicht zerknitterter Fönfrisur. Die Paare sitzen sich an kleinen Zweier-Tischchen genau gegenüber. Keiner spricht. Sie schauen sich nicht einmal an. Er schmiert sich die Leberwurst auf’s Minibrötchen. Sie tupft einen kleinen Klecks Quark auf’s Schwarzbrot. Schweigen. Hackfressen.

Wie lange sind sie zusammen, die Paare? Zehn Jahre? Zwanzig? Mehr? Keiner spricht den anderen an. Schauen sich nicht in die Augen. Lächeln nicht. Sie ignorieren sich. Und das Frühstück. Die Sonne draussen. Den blauen Himmel. Die Vorfreude auf den Tag. Gelangweilt. Stumm. Haben sie sich nichts mehr zu sagen? Ist alles schon gesagt? Müssen sie sich ertragen? Wie muss die Nacht gewesen sein? Geteiltes Bett, halbes Bett? Keiner lächelt. Keiner spricht.

Diese Szenen beobachte ich auch mittags und abends. In Restaurants, in Cafés und Bars. Überall. In allen Lokalen und Vierteln. Anschweigende Paare. Sie erdulden sich. Oder ist es einfach nur stummes Einverständnis? Geheime Taubstummensignale, die ich nicht erdeuten kann? Ein Gefühl der Leere macht sich breit. Kein Händedruck. Berührungsvermeidung. Er legt seine Hand nicht auf ihren Rücken. Keine Tuchfühlung. Sie wirken isoliert. So als ob sie zufällig zusammensitzen. Zusammengewürfelt. Wie im Bus, in der U-Bahn oder auf der Bank in einem überfüllten Park an einem Sonntag. Sind sie glücklich? Zumindestens zufrieden? Ich weiss es nicht. Irgendwie traurig. Das Werben hat nachgelassen. Ist verschwunden. Stumpf wirkt es manchmal. Sie wirken wie die Insassen einer Ehe.

Die Liebe ist abhanden gekommen. Was geblieben ist bei ihnen, ist nur die Aneinandergewöhnung. Manche sagen dazu auch euphemistisch: Vertrautheit. Ich kann mir das bei mir nicht vorstellen. Langweilig. Wer weiss, wo sie alle in Gedanken sind. Und bei wem.

Ich glaube nicht, dass das zwangsläufig so sein muss. Sich öffentlich anschweigende Paare. Das ist kein Naturgesetz der verhaltenspsychologischen Paarforschung. Oder doch?

Lächeln Sie. Lächeln macht jede Frau schön und attraktiv. Auch jeden Mann. Sagen Sie etwas Nettes. Auch wenn’s etwas geflunkert ist. Das macht den Tag.

Die Erotik eines Menschen ist in seinem Blick und seinem Lächeln. Der Blick ist die Seele. Sie ist immer wahr. Im Blick spiegeln sich die Erinnerungen, Erfahrungen und Gefühle des Menschen wieder. Nicht nur beim Blickenden, sondern auch bei dem, der dem anderen in die Augen schaut. Der direkte Blick die Augen des Anderen ist der intensivste und tiefste Kontakt. Ein Blick kann alles ausdrücken. Freude, Melancholie, Einsamkeit oder auch die Liebe. Der Blick ist unnachahmlich. Körper verändern sich. Der Blick nicht. Und das Lächeln. Im Blick erkennt man den Anderen. Im gegenseitigen Blick das Gemeinsame.

Schau mir in die Augen, Kleines. Und lächele mich an. Du bist schön.

Charme



Irgendwie scheinen sie auszusterben oder zumindest weniger zu werden: Frauen und Männer mit einem unwiderstehlichen Charme. Sexy sollte er sein und verführerisch und zugleich auch noch authentisch und fast unschuldig oder doch auch ein ganz klein wenig berechnend? Eine unkopierbare Mischung aus subtilen Gesten und Gesichtsausdrücken, die einen innerlich berührt und dahin schmelzen lässt.

Kann man ihn lernen, diesen Charme, oder üben oder sind einige Auserwählte einfach damit gesegnet? Es soll doch sogar diese legendären Schurken geben, die ihren Charme im richtigen Moment spielen lassen und einsetzen und damit ihr Gegenüber schachmatt setzen.

Was ist Charme denn nun überhaupt? Ein inszenierter Blick aus dem Augenwinkel oder ein ganz cooler Spruch? Eigentlich eher nicht, beides kann leicht wie trainiert wirken. Nein, Charme hat eher mit Respekt vor dem anderen zu tun und einer unsichtbaren Grenze oder Aura, die der Sender besitzt, in deren Bann er aber andere hineinziehen kann. Menschen mit Charme schenken anderen ihre volle Aufmerksamkeit, ein offenes Lachen, einen intensiven Blick und das gefällt uns und wir fühlen uns gut. Sie sind empathisch und spüren sich selbst und die anderen.

 

Allerdings darf das nicht geschauspielert sein, es muss echt und glaubwürdig sein. Wenn Sie sich innerlich selbstbewusst auf Ihre Stärken besinnen, ohne damit anzugeben, können Sie sich entspannen, tief durchatmen und lächeln oder sogar strahlend lachen. Und dann punkten Sie mit dem Spiel mit Worten und Augenblicken. Wenn Sie dann noch eine unaufdringliche Schlagfertigkeit beherrschen, die den anderen nicht einschüchtert, sondern zur Folge hat, dass er sich verstanden und gemocht fühlt, sind Sie schon fast am Ziel.

Und dann üben, üben, üben, bis Sie das Spiel beherrschen. Sie werden bemerken, dass es nicht nur Ihnen Spaß macht. Dafür ist es übrigens nie zu spät und Sie haben alle Zeit der Welt.

Plaudern wir noch oder flirten wir schon?

Zwei Generationen, ein Thema.

Wir, Sabine und Saskia, Mutter und Tochter, ergründen die einfachen Fragen des Lebens…

DIE MUTTER. Beim Thema Flirten knirschen meine Scharniere etwas. Wann habe ich zuletzt einen Mann angesprochen, der mir gefiel? Wann gefiel mir ein Mann zuletzt?? Sehr langes Nachdenken. Lassen wir das mal. Andererseits habe ich oft Lust, Leute anzusprechen, weil mir irgendetwas an ihnen gefällt, weil ich sie schön, interessant, sexy finde.
Es gibt so eine Art Menschflirten: Anschauen, anlachen, Kompliment machen, egal ob Mann oder Frau, jung oder alt. So eine kurze Verbindung, die nichts mit Anmachen zu tun hat. Das Buch, das Sie da lesen, kenne ich, es ist toll. Sie haben irre schöne Augen, darf ich das sagen? Wo haben Sie diese Schuhe her? –  ganz schlicht.
Mein britischer Freund Stuart ist Meister darin. Er stellt sich mit unverhohlener Neugier freundlichst lächelnd vor einen Menschen hin und sagt: “Hallo, ich bin Stuart, und wer sind Sie so?” Und schon reden sie und reden. Dieses Menschenflirten ist eine sehr erquickliche Angelegenheit,  wie ein kurzer flüchtiger Seelenkuss. Das braucht keine gestelzt witzigen Intros, es geht nicht darum, jemanden zu beeindrucken oder “herumzubekommen”, das wird ja vielleicht sowieso weniger. Trotzdem ist das Menschenflirten durchaus erotisch: Dieses kurze Berühren, dieser kurz Funke des einander Erkennens als Mensch fühlt sich manchmal nicht weniger befriedigend an als Sex.
DIE TOCHTER. Mir hat ‘mal jemand gesagt, ich würde mit allen flirten. So’n Quatsch, dachte ich, du findest einfach nur, dass jede Freundlichkeit und jede Kontaktaufnahme Flirten ist. Ich gern gelegentlich mit fremden Menschen. Menschenflirten? Vielleicht. Dieses zwischenmenschliche Schnacken, wenn sich’s ergibt. „Cooles T-Shirt“ zu einer Frau im Club, „was liest du denn da?“ zu einem Kind in der Bahn mir gegenüber, „welch’ erfrischender Sommerregen!“ zu einem Mann an der Ampel, an der wir grade beide das schlammige Spritzwasser vom vorbeifahrenden LKW abbekommen haben.
„Man weckt vielleicht falsche Erwartungen, wenn man jemandem vom anderen Geschlecht anspricht und es aber dann nur platonisch meint“, sagte neulich ein Bekannter von mir. „Öhm“ sagte ich, „welche Erwartungen wecke ich denn mit „Hallo“?“. Ich möchte in einer Welt leben, in der man Freundlich- und Fröhlichkeiten auch mit Fremden tauschen kann, ohne zwangläufig unter Flirtverdacht zu geraten. In der zum Erwartungen erzeugen oder Fremdflirten mehr als „cooles T-Shirt“ gehört.
Klar – einige solcher ungestelzten Ansprachen eigenen sich auch wenn man tatsächlich auf Flirtkurs ist. Heißt das, weil man auch damit flirten kann, flirtet man immer damit? Nö. Wird das Plaudern für Flirten gehalten, lässt sich das doch leicht aufklären! Wird das Flirten für Plaudern gehalten – super. Man ist authentischer und kann unerkannt wieder aus der Unterhaltung heraussurfen, wenn man feststellt, die Wellenlänge ist mikroskopisch. Und ein möglicher Korb fühlt sich nicht so strohig an.

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