Rendez-vous mit Kurt Cobain

Foto: gettyimages  Michael Linssen

Anfang der Woche fuhr ich im Auto zur Arbeit. Es regnete waagerecht, es war grau und kalt. Ich hörte wie immer Radio, sie sagten, Kurt Cobain wäre heute 50 geworden und sie spielten „Smells like Teen spirit“. Das Stück rockte los und es traf mich wie ein Schlag. Ich sah die Nässe draußen, den ewig gleichen Weg zur Arbeit, die ewig gleichen Rituale, aufstehen, Geld verdienen, Essen kaufen, wieder arbeiten, wieder Essen kaufen, Konto checken, Urlaub machen, älter werden, tot. Nicht, dass ich Nirvanafan wäre. Auch ist Rock nicht meine Musik, noch ist der Weg Kurt Cobains mein Vorbild, ich weiß ja nichtmal, wie seine Stücke heißen, außerdem erschoss sich der Arme mit Ende 20. Aber in diesem Moment war da etwas. Warum machen wir das? Warum ist der Lebensweg so, wie er ist, durchgetaktet, ausgerichtet an Sicherheit, Komfort, Wohlleben? Ich mag mein Leben ja, will da gar nicht raus. Klagen auf höchstem Niveau, pfui, und trotzdem: Wo ist der Mut geblieben? Der Aufruhr? Das Rausspringen und etwas wagen? Der Wind des Neuen um die Nase, das Herzzittern und Angstkotzen? Es fällt mir schwer, das aufzuschreiben, weil ich das Klischee fürchte: Ja, ja, ältere Frau, satt und unerfüllt, färbt sich Haarsträhne blau, lernt Tangotanzen und italienisch Kochen auf Stromboli. Wer über die Sehnsucht spricht, nach Neuland, Wildheit und einfach was anderem verlangt, der kommt gleich in Schublade: unbefriedigt.
Dabei hat diese Sehnsucht überhaupt nichts mit dem Alter zu tun. Ich kenne 20-Jährige, 30-Jährige, 40-Jährige, die ebenso an dem Weg zweifeln, den sie fast automatisch gehen und gehen sollen, weil es der Weg ist, den man nun mal geht. Die ebenso fragen: Will ich das eigentlich? Die sich gefangen fühlen in Gewohnheiten, Routinen, Bürokratien, Hierarchien, CV-gerechtem Lebenslauf. Ist da nicht etwas anderes, das in einem wiegt und wogt und manchmal bohrt, so laut, dass es einen zersprengen möchte? Wir reden so selten darüber, und wenn immer etwas verschämt. Der andere könnte ja lachen und sagen: pah, du träumst. Ja, na und, ich träume. Du nicht?
Und was ist deine Sehnsucht? Welch fabelhafte Frage, um ein Gespräch zu eröffnen. Auf einer Party einen Bekannten oder Fremden das zu fragen. Was fragen wir stattdessen: Und wo geht’s hin im Urlaub? Oder: Was macht der Job? Oder: Was macht der Hausbau? Oder: Was machst du so? Das ist interessanter, ja? Quatsch.
Ich plädiere hiermit dafür, dass wir mehr über unsere Sehnsüchte sprechen und nicht vor Peinlichkeit lieber schweigen. Wir hätten Gesprächsstoff über Generationen hinweg. Würden die Gedanken und Gefühle unserer Kinder besser verstehen, weil sie unseren eigenen ähneln. Würden sehen, dass Menschen, die das Leben der Arrivierten kritisch sehen, den richtigen Sensor haben. Wir könnten lernen von ihnen und sie von uns, wenn wir ehrlich über das sprächen, was uns im Innersten bewegt, die Träume vom Ausbruch, auch die Angst und Mutlosigkeit, ja auch die. Wir würden uns weicher zeigen und durchlässiger. Stattdessen reden wir mit auerhahnmäßig geschwellter Brust vom Müssen und Erreichen, von Erfolgen, Status, Schönheit und Geld. Das ist ja auch alles gut. Aber wo lassen wir denn die Träume, die Sehnsucht? Die Literatur, die Musik, die Kunst werden aus ihr gespeist, wir rennen in die Konzerte und in die Museen, und wir selbst tun so, als wären die Wallungen in uns second best.
Kurt Cobain hat das Älterwerden nie erlebt. Die Wahrheit womöglich hat ihn zerschmettert. Anderen mag sie helfen, den Mut zu behalten, dass rechts und links noch etwas anderes liegt. Es würde vielen von uns guttun, darüber zu reden.

Ü-50-Alert: Wo sind die Männer?

Es gibt in meiner Generation ein neue Art von Frauen. Tolle Frauen, schlaue Frauen, schöne Frauen. Die eines gemeinsam haben: Sie leben allein, und zwar meist recht vergnügt. Nach der letzten zerbrochenen Beziehung, nach der Bewältigung von Schmerz und Pein, merken sie: Man muss nicht Paar sein, um ein gutes Leben zu führen.

Freude am Job, an Freunden, an Kultur, Urlauben, gemütlichen Wochenenden auf dem Sofa, an erwachsenen Kindern und schnuffeligen Kindeskindern, das bringt schon eine Menge Gewicht in die Glücksbilanz. Wir – ich sage mal „wir“, denn ich gehöre auch dazu: Also wir sind mit Anstand und in Schönheit gereift, haben die Abgründe des Lebens und unsere eigenen kennengelernt. Wir sind offen für die Welt, lernen Schifferklavier und Tangotanzen, bringen Flüchtlingen Deutsch bei, bloggen, durchwandern das Land von West nach Ost und von Nord nach Süd, sind fit, lebensklug, lustig, flirtbereit. Wow.

Und wie wir so durchs Leben streifen und immer neue tolle Frauen treffen, merken wir, das eines fehlt: Wo sind die Männer?

Rein rechnerisch müssten ebenso viele da sein, die auch gereift und lustig und in denselben Gefilden unterwegs sein müssten. Aber sie sind nicht da. Hallo, ihr alleinlebenden großartigen Ü-50-Männer, wo seid ihr? Kluge, erfahrende, humorvolle, neugierige, spaßbereite Ü-50-Männer, die ebensolche Frauen zu schätzen wissen. Mögt ihr uns nicht? Sind wir euch zu alt? Zu uncool, zu anstrengend?

Lasst uns offen reden, erzählt uns, was ihr wünscht, wie ihr tickt, wovon ihr träumt. Ihr müsst doch auch, genau wie wir, die düsteren Seiten, die Verirrungen, die  Idiotien und die Grandezza des Lebens kennengelernt haben. Ihr müsst doch, genau wie wir, gereift und geschliffen und voller Lust auf den bunten Herbst des Lebens sein. Wo finden wir euch? Keine Angst, wir wollen euch nicht binden, nicht festklammern, wir wollen euch einfach nur kennenlernen und Spaß mit euch haben. Oder mögt ihr die Formulierung „Herbst des Lebens“ nicht? Dann würden wir euch gern bekehren. Der Herbst ist eine wundervolle Jahreszeit. Fühlt sich fast wie ein zweiter Frühling an.

Meldet euch, wir tun euch nichts.

Ü-50-Alert: Warum wir Älteren nicht bequem werden dürfen

Ich sitze mit dem 7-Uhr-Tee in meinem Sessel und überblicke mein Ü-55-Leben: Job gut, Einkommen gut, Kinder gelungen.  Ich habe ein anständiges Ehrenamt, einen fähigen Zahnarzt, ein treuen Automechaniker. Körper und Geist sind in Form. Die großen Schlachten sind geschlagen, nun sind Ruhe und Gelassenheit dran. Ich habe das große Ziel erreicht: Ich bin angekommen.
Oder? War’s das? Was kommt nun? Was kommt in den Jahrzehnten (hoffentlich), die vor mir liegen?
Wir pflegen so eine komische Vorstellung vom Älterwerden. In den jüngeren Jahren rackern und kämpfen wir, stecken zurück, bauen auf, damit es uns irgendwann so gut geht, dass wir uns gepflegt niederlassen und unser Werk genießen können. 30 Jahre lang zurücklehnen und genießen? Sind Tempo, Gestaltungskraft, Aufbruch, Neugier den jungen und mittleren Jahren vorbehalten? Wenn ich in mich lausche, merke ich: Das ist Blödsinn.
Ja, früher waren Ü-55er verbraucht, von harter Arbeit und entbehrungsreichem Leben. So leben wir heute nicht. Wir arbeiten hart, haben Kinder erzogen, viel bewegt. Aber wir sind gesund, fit und lebenslustig wie noch keine Generation vor uns. Manches wird langsamer, Belastbarkeit, Konzentration und Gedächtnis sind nicht mehr 30. Anderes ist gewachsen: Entscheidungsmut, Angstfreiheit, Erfahrung, Effizienz. Fähigkeiten, die wie gemacht sind, um Neues zu versuchen, Experimente zu wagen, sich noch einmal richtig anzustrengen. Und wir meinen: Jetzt kommt das Ausruhen.
Wenn wir älter werden, meinen wir Glück und Zufriedenheit zu kultivieren, indem wir unangenehme Situationen vermeiden. Das schreibt die amerikanische Wissenschaftlerin Lisa Feldman Barrett in einem interessanten Beitrag in der New York Times. Wir haben das ja auch verdient, die Plackerei musst ja für irgendetwas gut sein, und so richten wir uns ein in der Komfortzone, möglichst bequem. Das ist schön, aber sind wir dafür gemacht? Unser großer Antreiber, das Gehirn, mag das gar nicht. Wenn wir aufhören uns anzustrengen, körperlich wie mental, werden all die Schichten dünner, die die wichtigsten Funktionen, die Kraft und Energie speisen. Wir vergeuden unsere Kraft, verlieren die Offenheit und Schärfe unseres Verstandes, werden müde, langweilig und schlaff. Wir dachten immer: Wenn wir alt genug sind, machen wir es uns gemütlich. Was wir übersehen: Wenn wir es uns gemütlich machen, werden wir alt.  Mit „ein bisschen aktiv“ hier und da ist es nicht getan. Wir müssen uns richtig anstrengen, wenn wir die Kraft in uns befeuern wollen. Lisa Feldman Barrett vergleicht den älter werdenden Mensch mit einem Elitesoldaten: Es muss weh tun, wenn Disziplin und Muskeln wachsen sollen. Der Schmerz zeigt, dass die Schwäche weicht. Ich will mich nicht mit einem Marine vergleichen, beileibe nicht. Aber die Übersetzung finde ich aufregend: Der Lebensmuskel muss gefordert werden, er braucht ständig neue Energie. Wir sind zur Anstrengung geboren. Und das heißt: Aufbruch, immer wieder, auch im sogenannten Alter. Wir kommen nie an. Das mit dem Kämpfen hört nie auf. Dass wir irgendwann zur großen Lebensbelohnung wie der Löwe auf dem Felsen ruhen und den Blick stolz über unser Land schweifen lassen – Illusion. Verdammt unbequem, aber eine bessere Nachricht für die Phase Ü 55 gibt es nicht. Es ist eine Aufforderung nicht nur den Körper zu fordern, sondern auch das Hirn: all die bequemen Gedanken zu hinterfragen. Unsere Einstellungen, Urteile und Vorurteile zu überprüfen. Gewohnheiten und Gewissheiten ins Visier zu nehmen. Muster zu entdecken, Gefühlen nachzugehen. Neues zu entdecken und sich einzumischen. Es gibt so viel zu tun.

Haben auch Sie Lust, neue Leute kennenzulernen?

restaurant-690975_640

 

Es wird Herbst. Zeit für Begegnungen, und der Elbsalon öffnet seine Tür: Dinner for ten.

Wir suchen zehn Hamburger, die neugierig auf neue Leute sind. Die gemeinsam mit uns an einem Tisch sitzen, essen, trinken, reden, lachen, sich vergnügen wollen.

Ein Salon nicht virtuell, sondern in echt.

Wann? Am 6. November.
Wo? An einem tollen Ort in Hamburg, den wir rechtzeitig bekannt geben.
Wer? Fünf Frauen und fünf Männer, eher 55 als 35, eher ungebunden als verbandelt.
Und dann? Ein Stammtisch? Neue Freunde? Neue Liebe? Wir sind offen.

Haben Sie Lust, dabei zu sein? Dann senden Sie uns eine Email mit ein paar Sätzen über sich an: info@elbsalon.de. Wir freuen uns.

Liebe Elbsalon-Leser,
herzlichen Dank für die vielen Anmeldungen zum ersten „Dinner for ten“. Wir haben unter allen, die sich bis jetzt angemeldet haben, zehn Teilnehmer ausgelost, die wir per Email benachrichtigt haben. 
Wir freuen uns auf den Abend!

Für alle, die schon einmal geliebt haben

 

Manchmal stöbere ich im Internet in den TED talks. TED ist eine Bühne für Ideen, die es wert sind, verbreitet zu werden – Ideas worth spreading, so das Motto von TED. Wissenschaftler, aber auch Laien, tragen in max. 15 Minuten möglichst prägnant und verständlich ihre Erkenntnisse vor. Perlen sind darunter. Zum Beispiel diese: die amerikanische Paartherapeutin Esther Perel über Untreue in Beziehungen. An alle, die schon einmal geliebt haben, richtet sie sich, und es ist unglaublich spannend, ihr zu folgen. Sie redet klug und witzig, und am Ende ist das Saalpublikum genauso begeistert, wie ich es bin.
Ihre Erkenntnisse hat Esther Perel aus hunderten von Gesprächen mit Paaren gezogen, die sie überall auf der Welt geführt hat.
Hier sind ein paar ihrer Thesen:
– Untreue ist nicht notwendig ein Zeichen, dass die Beziehung kaputt ist, auch glücklich Gebundene gehen fremd
– Viele treibt nicht das Bedürfnis, sich vom Partner abzuwenden, auch nicht die Attraktivität einer anderen Person, sondern die Sehnsucht, sich selbst anders zu erleben. Anders, als es in der Beziehung möglich ist.
– Untreue verletzt tief. Sie zerstört die Sicherheit der exklusiven Intimität, das Urvertrauen in die Beziehung.
– Das Trauma des Betrogenen kann heilen, wenn der Betrügende das Verletzende seines Tuns anerkennt
– Der Betrogene sollte nicht fragen: Was hat der/die andere, was ich nicht habe, sondern: Was hat dir die Sache gegeben, wie hast du dich erlebt?
– Diesen Sehnsüchten Raum zu geben, kann für beide der Anfang einer neuen, lebendigeren Partnerschaft sein.
– Untreue kann, so schmerzhaft sie ist,  die gemeinsamen Beziehung fortentwickeln, erweitern und bereichern. Und so fragt Esther Perel Paare, die einen Betrug überwunden haben: „Eure erste Ehe ist zu Ende. Wollt ihr eine zweite miteinander eingehen?“

Das ist doch richtig schön, oder?

Warum Tagebücher glücklich machen

diary

„Ich reise niemals ohne mein Tagebuch. Schließlich sollte man  im Zug immer etwas Spannendes zu lesen  dabei haben.“
Oscar Wilde

Oscar Wilde, Susan Sontag und meine Nachbarin haben eines gemeinsam: Sie schrieben bzw. schreiben Tagebuch. Leidenschaftlich.
Fast jeden Tag hält meine Nachbarin ihre Erlebnisse fest, schmückt mit Zeichnungen aus, ergänzt mit Fotos, Ausrissen, allem, was für sie inspirierend und wichtig war. Etwa 1,50 Meter misst die Reihe der Kladden, die sie im Laufe der Jahre gefüllt hat. Sie kann nachlesen, wie sie vor drei, sieben oder zehn Jahren gefühlt hat und wie sie sich verändert hat. Das Tagebuch ist wie ein roter Faden durch ihr Leben mit seinen Auf- und Abs, Links- und Rechtsherums. Welch ein Schatz.

hideseek4

Die Intellektuelle Susan Sontag hinterließ ihrem Sohn 100 Bände. Tagebuch schreiben sei viel mehr, als sich dem Papier offener und ehrlicher anzuvertrauen als möglicherweise einer anderen Person, hatte sie einmal gesagt. In ihrem Tagebuch sei sie emotional und geistig unabhängig: „Ich erschaffe mich selbst.“

Ganz so groß muss es natürlich nicht sein, es geht kleiner. Psychologen haben Menschen gebeten, eine Weile lang jeden Abend drei Sachen aufzuschreiben, die gut waren und Freude machten. Diese Menschen  fühlten  sich viel zufriedener als davor, und der Zustand hielt lange.
Will sagen: Tagebuch schreiben wäre ein guter Vorsatz für 2015. Ein Schulheft reicht oder eine schlichte schwarze Kladde von Mujii. Geschrieben wird natürlich mit Füller.
Die Fotos und die Zitate stammen von Brain Pickings, dem Blog der amerikanischen Journalistin Maria Popova. Gekonnt verknüpft sie Fundstücke aus Kultur, Philosophie, Psychologie – lesenswert!

Weihnachten allein? Fabelhaft!

Vor ein paar Jahren war es das erste Mal, und es war schrecklich. Die Kinder waren auf Reisen, einen Mann gab es nicht, und während rundherum die Familien zusammenströmten, um gemeinsam zu feiern, saß ich da, ohne Geschenke auspacken und ohne Bäumchen: allein. Grauenvoll. Freunde erbarmten sich meiner und luden mich ein. Und so saß ich da und heulte in die Suppe. Ich hatte versagt. Ich hatte es in meinem Leben nicht geschafft, eine ordentliche Ehe auf die Beine zustellen, meine Familie zusammenzuhalten. Meine Güte, was tat ich mir leid.
Vergangenes Jahr war es wieder soweit. Kinder wieder auf Reisen, kein Mann. Aber diesmal war es anders. Ich wusste, wie es sich anfühlte, der Schrecken war weg. Eigentlich schön, so ohne Verpflichtung. Und machen wir uns nichts vor: Wie viele der Familien, die sich unterm Baum versammeln, tun das gern? Aus Gesprächen mit Freunden und Kollegen weiß ich doch, wie nervig sie das Ganze finden und wie froh sie sind, wenn es überstandeni ist. Ich dachte an einen Freund, der vor Jahren auch mal allein war an Weihnachten und nachts an die Ostsee gefahren war, allein über den Strand ging und den Wellen lauschte. Ein anderer Freund erzählte von Wüstentouren, die er über die Weihnachtstage unternommen hatte, von den Momenten völliger Einsamkeit im Nichts. Nächte, die er nie  vergessen wird, weil sie so intensiv und einzigartig waren. Eine entfernte Verwandte, die allein nach Israel verreiste, um die Geburtsgrotte zu besuchen (mit Tausenden anderen, allein war sie da bestimmt nicht).
Wir überfrachten Weihnachten so.
Wie war es nun, letztes Jahr, das zweite Mal allein? Es war toll. Ich habe mir den Abend mit mir selbst schön gemacht, Kerzen angezündet, meine Entenbrust gebrutzelt, danach pappsatt DER PATE, Teil 3, geguckt. Rund herum waren, wie beim ersten Mal, die Familien und feierten. Und in meiner Wohnung war ich, prostete den Fotos meiner Lieben zu und war sehr eins mit mir. Dieses Jahr habe ich etwas anderes vor. Aber nächstes Jahr probiere ich das mit dem Meer mal aus. Allein an der Ostsee, oben drüber die Sterne. Besser geht es doch eigentlich nicht.

Vier Schwestern, 40 Jahre: So schön sind die Spuren des Lebens

Nicholas Nixon, 1975

Nicholas Nixon, 1975, New Canaan, Connecticut

Eines Tages, es ist fast 40 Jahre her, fragte der amerikanische Fotograf Nicholas Nixon seine Frau, ob er sie und ihre drei Schwestern fotografieren dürfe. Er durfte, und daraus entstand ein Projekt, das ihn ein Leben lang begleitete. Jedes Jahr fotografierte er die Schwestern seitdem, 40 Bilder. Immer in der selben Reihenfolge stehen sie und schauen mit dem gleichenpräsenten Blick ins Bild. Es ist, als  schauten sie einen direkt an: Hallo, hier sind wir, Heather, Mimi, Bebe und Laurie. Bebe, die Zweite von rechts, ist die Frau des Fotografen. 40 Bilder: Es ist faszinierend, die Entwicklung dieser Gesichter zu sehen, in den ersten Jahren verändern sie  sich kaum, nur langsam weicht der Schmelz; man schaut zu, wie  das Leben sich eingräbt, und dann kommen die Spuren des Alters plötzlich ganz schnell, wie im Zeitraffer. Was beeindruckt, über all die Jahre, ist die Schönheit dieser Frauen, die Klarheit und Intensität ihres Blicks. Und die Verbindung, die aus jedem Foto spricht: Wie sie dastehen, sich beiläufig anfassen, das zeugt von einer lebenslangen Intimität, die neidisch macht. Aber wer sagt, dass es wirklich so ist. Was ihnen im Leben widerfahren ist, ob sie geliebt, gelitten, ihr Glück gefunden haben, darüber sagen die Fotografien  nichts. Und auch ihre wahren Gefühle zueinander – da halten die vier Schwestern dicht.

Im November stellt Nixon seine Serie im MoMa in New York aus (liebe Hamburger, gerade im November lohnt sich ein Trip nach NY…)

Diese beiden Fotos stammen von der Website des New York Times Magazine www.nytimes.com. Alle 40 sind hier zu sehen, inklusive der  letzten Aufnahme, die Nicholas Nixon zum ersten Mal präsentiert.

Nicholas NIxon, 2014

Nicholas Nixon, 2014, Wellfleet, Massachussets

Was hat es eigentlich mit dieser Geburtstagsneurose auf sich?

 

Zwei Generationen, ein Thema.
Wir, Mutter und Tochter, ergründen die einfachen (und wichtigen) Fragen des Lebens…

Die Tochter. Ein Geburtstag nach dem anderen im Moment. Viel feiern. Schön! Oder? Ich seh‘ mich um und frag mich, warum so viel an ihrem Geburtstag viel angespannter sind als sonst. Was hat es eigentlich mit dieser Geburtstagsneurose auf sich? So wie Weihnachten der Tag des Familien- und Silvester der Tag des Beziehungsknatsches zu sein scheint, ist der Geburtstag wohl der Tag des Knatsches mit sich selbst. Der Geburtstag naht, und auch die Gelassenen unter meinen Bekannten zeigen zumindest milde Anzeichen von Hysterie. Zumindest Zerissenheit. Soll ich feiern, oder nicht? Ach, nur ein gewöhnlicher Tag – aber wehe er verstreicht sang- und klanglos! Iwo, keine Geschenke – niemand hat sich Mühe gemacht! Ich will gefeiert werden – aber bloß nicht zu viel Aufsehen! Gratulieren mir genug Leute auf Facebook (fragt man sich natürlich nur heimlich, denn da steht man ja drüber)? Lieben mich eigentlich genug Leute? Liebt mich eigentlich überhaupt irgendjemand?? Da brodelt doch oft klammheimlich, neben der einfachen Frage der Tagesgestaltung, noch ein großer Topf ganz anderer Fragen. Stehe ich im Leben wo ich will? Erfolg? Liebe? Gesundheit? Oh Graus! Ein Hurra auf solche Reflexionen, aber warum kommen die bei so vielen tsunamiartig an diesem einen Tag, statt, sagen wir mal, wenn es irgendwie stimmiger und weniger willkürlich erscheint. An meinem 28. Geburtstag war ich grade eine Weile allein in Indien. Ich war seit wenigen Tagen dort, und hatte das Glück, schon herzallerliebste Menschen zu kennen, mit denen ich den Tag verbrachte. Toll! Jedoch interessierte sich niemand dafür, dass ich Geburtstag hatte. Da hatte ich plötzlich Heimweh und tat mir selbst leid. Später erst lernte ich, dass der Geburtstag in Indien einfach nicht so eine große Rolle spielt. Da werden andere Sachen mehr gefeiert. An meinem Geburtstag war zum Beispiel grad Diwali, eins der wichtigsten hinduistischen Feste, das Fest der Lichter. Stahl mir komplett die Show, klar. „Kernaussage des Festes ist der Sieg des Guten über das Böse, Licht über Dunkelheit und das Erkennen eigener innerer Stärken.“ erklärt Wikipedia über Diwali. Uff, ziemlich starke Konkurrenz zum Feiern der Relevanz der eigenen Person für die Welt! In dem Jahr beschloss ich, den Geburtstag zukünftig etwas indischer anzugehen. Und finde das sehr entspannend.

Die Mutter. Eine Freundin von mir interessiert sich nicht für Geburtstage, den eigenen nicht, den ihres Mannes nicht, die ihrer Freunde nicht. Wir gratulieren uns nie, wir denken einfach nie dran. Es tut der Freundschaft keinen Abbruch, es ist nicht wichtig. Ich finde das erfrischend.

Irgendwann in den 40ern ist mir unangenehm aufgefallen, dass Geburtstag so blöde mit dem Älterwerden gekoppelt ist. Jedes Jahr ein Jahr mehr auf der Uhr, pfui. Ich will, dass mir der Geburtstagsgott neue Jahre schenkt und mir nicht schon wieder eins wegnimmt. Und mir das dann auch noch deutlich aufs Geburtstagstablett schmiert: OH, du hast Geburtstag, wie toll. Nee, ist nicht toll. Ich bin gegen Geburtstag. Gegen die Anrufe von Menschen, die sich das ganze Jahr nicht melden. Warum an diesem Tag? Jeder andere Tag täte es auch. Ich bin gegen das mulmige Gefühl, feiern zu müssen. Ich will feiern, wann ich Lust habe. Ich brauche diesen Tag nicht, um mich zu freuen, dass ich geboren wurde. Natürlich freue ich mich über Geschenke, total, aber die gefallen mir an jedem anderen Tag im Jahr genauso gut.

Bilanz ziehe ich am Jahresende, und über die Güte meines Lebens denke ich zu anderen Gelegenheiten nach. Dazu brauche ich diesen einen Tag im November nicht. Einer wird mir dennoch fehlen: der Fleurop-Bote, der jedes Jahr klingelte, mit einem Strauß von meiner Mutter. So zuverlässig, Jahr für Jahr, sehr untypisch für sie. Dieses Jahr wird es keinen mehr von ihr geben. Vielleicht kaufe ich mir selbst einen. Vielleicht fange ich dieses Jahr damit an, mir an meinem Geburtstag einen Strauß hinzustellen. Und versöhne mich mit dem Geburtstagsgott.

Mehr von uns finden Sie auf www.zweimokka.wordpress.com

Es ist so gemütlich mit mir. Da heirate ich mich doch einfach selbst

christiane-heuser_pixelio-de

Zwei Generationen, ein Thema.
Wir, Mutter und Tochter, ergründen die einfachen (und wichtigen) Fragen des Lebens…

Die Mutter. Kennst du Grace Gelder? Sie ist Britin, vor wenigen Tagen war in online-Ausgaben britischer Zeitungen über sie zu lesen: Sie hat geheiratet, sich selbst. Mit Ehering, Ehegelöbnis und 50 Gästen. Sie hat sich sogar den Hochzeitskuss gegeben: mit Hilfe eines Spiegels. Die Menschen haben sie gefeiert und bejubelt, und sie war glücklich.  Heirate dich selbst, es gibt sogar Ratgeber dazu.

Ich finde das befremdlich. Aber wenn ich so um mich herumschaue, hier in Hamburg, unserer Stadt, sehe ich viele eingefleischte Alleinleber, die es eigentlich ebenso machen könnten wie Grace Gelder: sich selbst den Ring anstecken.

Kann es sein, dass man zu lieben verlernt, wenn man lange allein lebt? Dass man die Lust verlernt, sich auf jemand anderen einzulassen, weil es anstrengend ist, weil es die gewohnte Ruhe stört, gewaltige Risiken birgt? Früher dachte ich immer, dass es die höchste Sehnsucht des Single-Menschen sei, sich irgendwann wieder  zu verbinden. Aber inzwischen habe ich meine Zweifel.

Auch bei der Liebesbereitschaft gibt es eine Komfortzone, so wie beim Joggen, man scheut die Anstrengung, bleibt lieber auf dem Sofa liegen und weist bedauernd auf die  Regentropfen draußen: Tja, man würde ja gern, aber. Genauso mit dem Verlieben: Ich will ja, aber da ist  keiner. Keiner, der mich will. Keiner, den ich will.  Keine Zeit, neue Leute kennenzulernen, zu erschöpft, rauszugehen, die Antennen hochzufahren. Zu nervig das Ganze. Mag ja sein.

Beziehungsfaulheit – die neue großstädtische Befindlichkeit. Gut verdienende, gut ausgebildete Singles, die davor  zurückzucken,  aus der komfortablen Unabhängigkeit ihres Lebens mit sich allein herauszutreten. Weil sie in den Jahren der Freiheit kompromissfaul und  bequem geworden sind, weil ihre Toleranzreservoirs ausgetrocknet sind. Vielleicht wird man so, wenn man zu lange alleine lebt. Vielleicht werde ich auch so. Und merke es  nicht. Es ist ja auch enorm verführerisch: Wer sich allein ernähren kann, sich sein Leben angenehm machen kann, kommt wunderbar unzerrupft über die Runden, kann tun, was er möchte, jederzeit.

Diese Freiheit ist eine Errungenschaft, ein Privileg, kostbar. Man kann sich daran gewöhnen. Und plötzlich küsst man sich auf einer Parkbank selbst…

 

Die Tochter. Lustigerweise habe ich heute gerade über die selbe Frage nachgedacht. Also fast – eher auf’s Sozialsein generell bezogen. Ich war die letzten 4 Tage nahezu ununterbrochen alleine. Erst zwei Tage Home Office, abends nur einmal zum Yoga. Dann ein ruhiges Wochenende allein. Das ist für mich eher ungewöhnlich, allein schon weil ich mit meinem Freund zusammenwohne, und auch sonst viel sozial unterwegs bin. Also: Der Freund in Spanien, keine Verabredungen mit Freunden, nur die nötigsten Telefonate, Zeitung lesen, herumdaddeln, Musik hören, aus dem Fenster glotzen, kochen, Kram erledigen. Herrlich. Ich brauchte das mal wieder.

Der erste Tag im sozialen Vakuum ist manchmal gewöhnungsbedürftig und man weiß nicht so recht, wo man sich hintun soll. Dann wird es immer schöner. Irgendwie könnt ich grade ewig so weitermachen, und zwar, je mehr solcher Tage vergehen, desto doller könnt ich das. Man kehrt sich immer mehr in sich, verliert sich in der eigenen Welt, wird immer eckiger und reibungsscheuer. Wie eine Einsiedlerkrebs-Spirale. Und das geht so schnell, dass man schon am 2. Tag plötzlich regelrecht hochschreckt wie ein Tierchen, wenn das Telefon klingelt, und misstrauisch drumrumschleicht um das klingelnde Gerät, und sich fragt, wer da wagt, die heilige Ruhe zu stören. Und ob man zu Normalmenschkonversation grade überhaupt im Stande ist, oder nur Grunzlaute ‚rausbekommt. Ich finde das einen ganz wunderbaren, erholsamen, erdenden Zustand, ich brauche das ab und zu. Aber morgen habe ich einige Termine, tagsüber Job, abends privat, und das ist auch gut. Zum einen, weil ich auch wirklich wieder Lust auf Menschen habe, zum anderen aber auch, weil ich das Gefühl habe, ich MUSS, weil ich sonst wohlmöglich noch sozialphobisch oder sozialunfähig werde und meinen Job nicht mehr machen kann! Naja, nicht wirklich. Du weißt schon. Grunz.

Mehr von uns finden Sie auf www.zweimokka.wordpress.com