Lasst uns über Depressionen reden

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Es trifft so viele, und nicht immer merkt man es ihnen an, jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Der Mann, der auf jeder Party mit seinem Witz die Leute unterhält, die junge Frau, der im Job keine Aufgabe zu viel erscheint. Nach außen funktionieren, innen die Hölle, und keiner merkt es. Wir denken oft, dass Depressive Menschen sind, die sich die Decke über den Kopf ziehen und kraftlos in der Ecke hängen. Das gibt es auch, aber das ist nur ein Teil der Wirklichkeit. Junge sind betroffen wie Ältere, Männer wie Frauen. Arme, Reiche, fast jeden kann es treffen.
Und was ist eine Depression eigentlich? Wie grenzt sie sich von der Traurigkeit ab, von der Angst oder dem Ausgebranntsein, sprich Burnout?  Darüber wissen selbst viele Ärzte nicht Bescheid.

Viele Depressive fürchten den Morgen mehr als den Abend, die Lebenslust des Sommers setzt ihnen mehr zu als der Herbst. Sie empfinden keine Freude mehr, wo Gefühle waren, ist Stein.

Noch immer ist die Angst vor der Stigmatisierung groß, die Angst, sich zu „outen“, die Unsicherheit von Angehörigen, Freunden und Kollegen, damit umzugehen. „Reiß dich mal zusammen“, „Mach mal Urlaub“ – wohlgemeinte Ratschläge, die  überhaupt nicht helfen, im Gegenteil.
Und wer sich dann doch aufrafft und Hilfe sucht, einen Arzt, eine Therapie, der wartet oft erstmal ein paar Wochen auf einen Platz, auch so ein schwer fassbares Detail.

Kein heiteres Thema, nein. Aber so verdammt wichtig. Denn Depression ist eine der schlimmsten Krankheiten überhaupt. Auch, weil es so schwer ist, Worte zu finden. Auch weil es so schwer zu begreifen ist, was das genau ist, das sich in der Seele tut. Keine Hoffnung zu haben, im Nichts zu versinken. Depression ist eine tödliche Krankheit, denn eine erschreckend hohe Zahl von schwerst Betroffenen bringt sich um. Und zwar nicht im tiefsten Leidenstal, sondern sobald es ihnen gut genug geht, damit sie die Kraft, den Schritt zu tun. Ein schwer Depressiver, der plötzlich munter sein Leben ordnet – auf den sollte man achten.

Ich habe aus all dem gelernt, dass ich mit meinen Mitmenschen aufmerksamer sein will, hingucken will, wenn ich das Gefühl habe, da ist einer, der keine echte Freude mehr empfindet, der ist richtig einsam oder übernimmt sich permanent  oder lässt  keinen mehr an sich ran. Einen Beinbruch sieht man, für Krebs gibt es einen Namen, die tiefe Verzweiflung einer Depression, die sieht man oft erstmal nicht.

Mein schrecklich schönes Wohnprojekt

Foto: Hans-Jörg Deggert / pixelio.de

In Hamburg sprießen Wohnprojekte und Baugemeinschaften. In vielen Teilen der Stadt tun sich Menschen zusammen, um in Gemeinschaft zu leben: Alte, Junge, Familien, Singles, Paare kaufen vereint ein Grundstück, bauen Wohnungen, gestalten ihr Leben gemeinsam. Schöne Idee.

Ich lebe seit fast zehn Jahren in so einem Wohnprojekt, im Grünen. Wir pflegen gemeinsam ein großes Grundstück, auf dem in die Häuser mit den Wohnungen stehen, in den wir leben. Als ich damals dort eingerückt bin, waren die Häuser schon fertig. Als ich zur Besichtigung kam, saßen Menschen beim Grillen zusammen, schauten mir freundlich entgegen, die große Wiese blühte bunt. Eine Woche brauchte ich, um mich zu entscheiden, kratzte mein Geld zusammen, kündigte meine Eppendorfer Wohnung und kaufte mich rein.
Tja, so war das damals. Ich werde oft von Menschen, die das Alleinleben satt haben und die auch im Gemeinschaft leben möchten, gefragt: Na, wie isses? Und dann muss ich nachdenken: Ja, wie isses? Am Anfang viel Begeisterung. Hach, wir helfen einander. Die Alten den Jungen mit den kleinen Kindern. „Generationen übergreifend“ ist ja so eine dieser schönen Ideen. Hach, wir feiern zusammen, machen Feuer an unserer Feuerstelle, grillen zusammen, trinken Bier, quatschen. Helfen uns, haben Spaß miteinander, mögen uns.

Nun ja.

Also, ich liebe Feuer. Wenn ich mal eines entzünde auf unserer großen Fläche mit Blick auf die Pferdewiese, kommt nach einer Stunde einer mit der Gießkanne und sagt, dass der Rauch in seine Wohnung zieht und ihn am Schlafen stört. Kann ich verstehen. Die Familien mit den Kindern sind  froh, dass sich ihre Kinder endlich mal austoben können, aber bitte schön, nicht zu laut, und das Spielzeug bitte abends wegräumen, man könnte ja drüber fallen. Und nicht mit dem Fußball auf die Beete. Und nicht mittags. Kann ich auch alles verstehen. Aber ist das der Sinn der Sache? Um den Standort des großen Trampolins gab es monatelange Diskussionen, weil: Irgendeiner fühlt sich immer gestört. Ein Marillenbäumchen zwischen die Autos pflanzen, nee, das geht nicht, das muss diskutiert werden, die Früchte könnten ja auf die Autos fallen. Es gibt regelmäßige Gartentage, das Grundstück muss ja gepflegt werden. Aber was heißt: gepflegt? Die einen wollen schnurgerade Rasenkanten und fegen wie der Teufel. Den anderen ist das schnurz. Schon gibt’s Ärger. Aber da man ja gemeinsam ist und so euphorisch begonnen hat, wird der nicht ausgesprochen, sondern man brumpft vor sich hin. Grützige Stimmung. Tach. Und dann die, die sich an nichts beteiligen. Die hinnehmen, dass andere die Arbeit machen, die zu keiner Sitzung kommen, während sich die anderen abends miteinander den Hintern platt sitzen.

Die Regularien einer solchen Wohn-Gemeinschaft sind eigentlich ganz einfach: Auf ordnungsgemäß abzuhaltenden Sitzungen, mit Tagesordnung und zu unterzeichnenden Protokollen, kann jeder sein Anliegen einbringen, dafür werden, und dann wird abgestimmt. Mal muss der eine schlucken, was er nicht will, mal der andere. Demokratie halt. Aber so einfach ist das ja nicht. Offenbar haben Menschen einen nur schwer zu stillenden Drang, sich zu empören, beleidigt zu sein, aufzurechnen, was sie geleistet haben und die anderen nicht. Und so verbröselt allmählich der Spaß.

Kurzum: In den zehn Jahren Wohnprojekt habe ich viel gelernt.
1. Man kommt aus seiner Haut nicht raus, auch ich nicht.
2. Beleidigtsein ist offenbar ein Genusszustand.
3. Alles besser wissen auch.
4. Gemeinschaft ist ein Konsumgut: Manche wollen einfach nur, dass andere die Arbeit machen.
5. Jeder hält sich für mordstolerant.
6. Manche Leute mag man einfach nicht.
7. Das einzig wirklich Wichtige ist eine belastbare Streitkultur.
8. Die Wenigsten können das: gut streiten.
9. Vor allem die Psychokursgestählten, glauben gern, dass sie es gut können. Stimmt aber nicht.
10. Man kann auch in Gemeinschaft verdammt einsam sein.
11. Ich würde es wieder machen.
Warum?
Weil es sozial gelenkig hält. Denn die Weisheit, dass man niemanden ändern kann, außer sich selbst, bewahrheitet sich hier auch.
Am Ende kommt es auf mich selbst an, wenn ich etwas erreichen will. Meine Toleranz, meine Initiative, meine Bereitschaft, etwas zu tun. Komfortzone? Geht nicht.
Nach zehn Jahren sind die Erwartungen gründlich abgeblättert, fast alle sind enttäuscht, der Grillplatz ist leer, die bunten Blumen sind abgeblüht. Wir sind auf Null. Vielleicht muss das so sein, damit es am Ende gelingt, vielleicht das normal. Aber das sagt einem vorher keiner.

 

Rendez-vous mit Kurt Cobain

Anfang der Woche fuhr ich im Auto zur Arbeit. Es regnete waagerecht, es war grau und kalt. Ich hörte wie immer Radio, sie sagten, Kurt Cobain wäre heute 50 geworden und sie spielten „Smells like Teen spirit“. Das Stück rockte los und es traf mich wie ein Schlag. Ich sah die Nässe draußen, den ewig gleichen Weg zur Arbeit, die ewig gleichen Rituale, aufstehen, Geld verdienen, Essen kaufen, wieder arbeiten, wieder Essen kaufen, Konto checken, Urlaub machen, älter werden, tot. Nicht, dass ich Nirvanafan wäre. Auch ist Rock nicht meine Musik, noch ist der Weg Kurt Cobains mein Vorbild, ich weiß ja nicht mal, wie seine Stücke heißen, außerdem erschoss sich der Arme mit Ende 20. Aber in diesem Moment war da etwas. Warum machen wir das? Warum ist der Lebensweg so, wie er ist, durchgetaktet, ausgerichtet an Sicherheit, Komfort, Wohlleben? Ich mag mein Leben ja, will da gar nicht raus. Klagen auf höchstem Niveau, pfui, und trotzdem: Wo ist der Mut geblieben? Der Aufruhr? Das Rausspringen und etwas wagen? Der Wind des Neuen um die Nase, das Herzzittern und Angstkotzen? Es fällt mir schwer, das aufzuschreiben, weil ich das Klischee fürchte: Ja, ja, ältere Frau, satt und unerfüllt, färbt sich Haarsträhne blau, lernt Tangotanzen und italienisch Kochen auf Stromboli. Wer über die Sehnsucht spricht, nach Neuland, Wildheit und einfach was anderem verlangt, der kommt gleich in Schublade: unbefriedigt.
Dabei hat diese Sehnsucht überhaupt nichts mit dem Alter zu tun. Ich kenne 20-Jährige, 30-Jährige, 40-Jährige, die ebenso an dem Weg zweifeln, den sie fast automatisch gehen und gehen sollen, weil es der Weg ist, den man nun mal geht. Die ebenso fragen: Will ich das eigentlich? Die sich gefangen fühlen in Gewohnheiten, Routinen, Bürokratien, Hierarchien, CV-gerechtem Lebenslauf. Ist da nicht etwas anderes, das in einem wiegt und wogt und manchmal bohrt, so laut, dass es einen zersprengen möchte? Wir reden so selten darüber, und wenn immer etwas verschämt. Der andere könnte ja lachen und sagen: pah, du träumst. Ja, na und, ich träume. Du nicht?
Und was ist deine Sehnsucht? Welch fabelhafte Frage, um ein Gespräch zu eröffnen. Auf einer Party einen Bekannten oder Fremden das zu fragen. Was fragen wir stattdessen: Und wo geht’s hin im Urlaub? Oder: Was macht der Job? Oder: Was macht der Hausbau? Oder: Was machst du so? Das ist interessanter, ja? Quatsch.
Ich plädiere hiermit dafür, dass wir mehr über unsere Sehnsüchte sprechen und nicht vor Peinlichkeit lieber schweigen. Wir hätten Gesprächsstoff über Generationen hinweg. Würden die Gedanken und Gefühle unserer Kinder besser verstehen, weil sie unseren eigenen ähneln. Würden sehen, dass Menschen, die das Leben der Arrivierten kritisch sehen, den richtigen Sensor haben. Wir könnten lernen von ihnen und sie von uns, wenn wir ehrlich über das sprächen, was uns im Innersten bewegt, die Träume vom Ausbruch, auch die Angst und Mutlosigkeit, ja auch die. Wir würden uns weicher zeigen und durchlässiger. Stattdessen reden wir mit auerhahnmäßig geschwellter Brust vom Müssen und Erreichen, von Erfolgen, Status, Schönheit und Geld. Das ist ja auch alles gut. Aber wo lassen wir denn die Träume, die Sehnsucht? Die Literatur, die Musik, die Kunst werden aus ihr gespeist, wir rennen in die Konzerte und in die Museen, und wir selbst tun so, als wären die Wallungen in uns second best.
Kurt Cobain hat das Älterwerden nie erlebt. Die Wahrheit womöglich hat ihn zerschmettert. Anderen mag sie helfen, den Mut zu behalten, dass rechts und links noch etwas anderes liegt. Es würde vielen von uns guttun, darüber zu reden.

Ü-50-Alert: Wo sind die Männer?

Es gibt in meiner Generation ein neue Art von Frauen. Tolle Frauen, schlaue Frauen, schöne Frauen. Die eines gemeinsam haben: Sie leben allein, und zwar meist recht vergnügt. Nach der letzten zerbrochenen Beziehung, nach der Bewältigung von Schmerz und Pein, merken sie: Man muss nicht Paar sein, um ein gutes Leben zu führen.

Freude am Job, an Freunden, an Kultur, Urlauben, gemütlichen Wochenenden auf dem Sofa, an erwachsenen Kindern und schnuffeligen Kindeskindern, das bringt schon eine Menge Gewicht in die Glücksbilanz. Wir – ich sage mal „wir“, denn ich gehöre auch dazu: Also wir sind mit Anstand und in Schönheit gereift, haben die Abgründe des Lebens und unsere eigenen kennengelernt. Wir sind offen für die Welt, lernen Schifferklavier und Tangotanzen, bringen Flüchtlingen Deutsch bei, bloggen, durchwandern das Land von West nach Ost und von Nord nach Süd, sind fit, lebensklug, lustig, flirtbereit. Wow.

Und wie wir so durchs Leben streifen und immer neue tolle Frauen treffen, merken wir, das eines fehlt: Wo sind die Männer?

Rein rechnerisch müssten ebenso viele da sein, die auch gereift und lustig und in denselben Gefilden unterwegs sein müssten. Aber sie sind nicht da. Hallo, ihr alleinlebenden großartigen Ü-50-Männer, wo seid ihr? Kluge, erfahrende, humorvolle, neugierige, spaßbereite Ü-50-Männer, die ebensolche Frauen zu schätzen wissen. Mögt ihr uns nicht? Sind wir euch zu alt? Zu uncool, zu anstrengend?

Lasst uns offen reden, erzählt uns, was ihr wünscht, wie ihr tickt, wovon ihr träumt. Ihr müsst doch auch, genau wie wir, die düsteren Seiten, die Verirrungen, die  Idiotien und die Grandezza des Lebens kennengelernt haben. Ihr müsst doch, genau wie wir, gereift und geschliffen und voller Lust auf den bunten Herbst des Lebens sein. Wo finden wir euch? Keine Angst, wir wollen euch nicht binden, nicht festklammern, wir wollen euch einfach nur kennenlernen und Spaß mit euch haben. Oder mögt ihr die Formulierung „Herbst des Lebens“ nicht? Dann würden wir euch gern bekehren. Der Herbst ist eine wundervolle Jahreszeit. Fühlt sich fast wie ein zweiter Frühling an.

Meldet euch, wir tun euch nichts.

Ü-50-Alert: Warum wir Älteren nicht bequem werden dürfen

Ich sitze mit dem 7-Uhr-Tee in meinem Sessel und überblicke mein Ü-55-Leben: Job gut, Einkommen gut, Kinder gelungen.  Ich habe ein anständiges Ehrenamt, einen fähigen Zahnarzt, ein treuen Automechaniker. Körper und Geist sind in Form. Die großen Schlachten sind geschlagen, nun sind Ruhe und Gelassenheit dran. Ich habe das große Ziel erreicht: Ich bin angekommen.
Oder? War’s das? Was kommt nun? Was kommt in den Jahrzehnten (hoffentlich), die vor mir liegen?
Wir pflegen so eine komische Vorstellung vom Älterwerden. In den jüngeren Jahren rackern und kämpfen wir, stecken zurück, bauen auf, damit es uns irgendwann so gut geht, dass wir uns gepflegt niederlassen und unser Werk genießen können. 30 Jahre lang zurücklehnen und genießen? Sind Tempo, Gestaltungskraft, Aufbruch, Neugier den jungen und mittleren Jahren vorbehalten? Wenn ich in mich lausche, merke ich: Das ist Blödsinn.
Ja, früher waren Ü-55er verbraucht, von harter Arbeit und entbehrungsreichem Leben. So leben wir heute nicht. Wir arbeiten hart, haben Kinder erzogen, viel bewegt. Aber wir sind gesund, fit und lebenslustig wie noch keine Generation vor uns. Manches wird langsamer, Belastbarkeit, Konzentration und Gedächtnis sind nicht mehr 30. Anderes ist gewachsen: Entscheidungsmut, Angstfreiheit, Erfahrung, Effizienz. Fähigkeiten, die wie gemacht sind, um Neues zu versuchen, Experimente zu wagen, sich noch einmal richtig anzustrengen. Und wir meinen: Jetzt kommt das Ausruhen.
Wenn wir älter werden, meinen wir Glück und Zufriedenheit zu kultivieren, indem wir unangenehme Situationen vermeiden. Das schreibt die amerikanische Wissenschaftlerin Lisa Feldman Barrett in einem interessanten Beitrag in der New York Times. Wir haben das ja auch verdient, die Plackerei musst ja für irgendetwas gut sein, und so richten wir uns ein in der Komfortzone, möglichst bequem. Das ist schön, aber sind wir dafür gemacht? Unser großer Antreiber, das Gehirn, mag das gar nicht. Wenn wir aufhören uns anzustrengen, körperlich wie mental, werden all die Schichten dünner, die die wichtigsten Funktionen, die Kraft und Energie speisen. Wir vergeuden unsere Kraft, verlieren die Offenheit und Schärfe unseres Verstandes, werden müde, langweilig und schlaff. Wir dachten immer: Wenn wir alt genug sind, machen wir es uns gemütlich. Was wir übersehen: Wenn wir es uns gemütlich machen, werden wir alt.  Mit „ein bisschen aktiv“ hier und da ist es nicht getan. Wir müssen uns richtig anstrengen, wenn wir die Kraft in uns befeuern wollen. Lisa Feldman Barrett vergleicht den älter werdenden Mensch mit einem Elitesoldaten: Es muss weh tun, wenn Disziplin und Muskeln wachsen sollen. Der Schmerz zeigt, dass die Schwäche weicht. Ich will mich nicht mit einem Marine vergleichen, beileibe nicht. Aber die Übersetzung finde ich aufregend: Der Lebensmuskel muss gefordert werden, er braucht ständig neue Energie. Wir sind zur Anstrengung geboren. Und das heißt: Aufbruch, immer wieder, auch im sogenannten Alter. Wir kommen nie an. Das mit dem Kämpfen hört nie auf. Dass wir irgendwann zur großen Lebensbelohnung wie der Löwe auf dem Felsen ruhen und den Blick stolz über unser Land schweifen lassen – Illusion. Verdammt unbequem, aber eine bessere Nachricht für die Phase Ü 55 gibt es nicht. Es ist eine Aufforderung nicht nur den Körper zu fordern, sondern auch das Hirn: all die bequemen Gedanken zu hinterfragen. Unsere Einstellungen, Urteile und Vorurteile zu überprüfen. Gewohnheiten und Gewissheiten ins Visier zu nehmen. Muster zu entdecken, Gefühlen nachzugehen. Neues zu entdecken und sich einzumischen. Es gibt so viel zu tun.

Haben auch Sie Lust, neue Leute kennenzulernen?

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Es wird Herbst. Zeit für Begegnungen, und der Elbsalon öffnet seine Tür: Dinner for ten.

Wir suchen zehn Hamburger, die neugierig auf neue Leute sind. Die gemeinsam mit uns an einem Tisch sitzen, essen, trinken, reden, lachen, sich vergnügen wollen.

Ein Salon nicht virtuell, sondern in echt.

Wann? Am 6. November.
Wo? An einem tollen Ort in Hamburg, den wir rechtzeitig bekannt geben.
Wer? Fünf Frauen und fünf Männer, eher 55 als 35, eher ungebunden als verbandelt.
Und dann? Ein Stammtisch? Neue Freunde? Neue Liebe? Wir sind offen.

Haben Sie Lust, dabei zu sein? Dann senden Sie uns eine Email mit ein paar Sätzen über sich an: info@elbsalon.de. Wir freuen uns.

Liebe Elbsalon-Leser,
herzlichen Dank für die vielen Anmeldungen zum ersten „Dinner for ten“. Wir haben unter allen, die sich bis jetzt angemeldet haben, zehn Teilnehmer ausgelost, die wir per Email benachrichtigt haben. 
Wir freuen uns auf den Abend!

Für alle, die schon einmal geliebt haben

 

Manchmal stöbere ich im Internet in den TED talks. TED ist eine Bühne für Ideen, die es wert sind, verbreitet zu werden – Ideas worth spreading, so das Motto von TED. Wissenschaftler, aber auch Laien, tragen in max. 15 Minuten möglichst prägnant und verständlich ihre Erkenntnisse vor. Perlen sind darunter. Zum Beispiel diese: die amerikanische Paartherapeutin Esther Perel über Untreue in Beziehungen. An alle, die schon einmal geliebt haben, richtet sie sich, und es ist unglaublich spannend, ihr zu folgen. Sie redet klug und witzig, und am Ende ist das Saalpublikum genauso begeistert, wie ich es bin.
Ihre Erkenntnisse hat Esther Perel aus hunderten von Gesprächen mit Paaren gezogen, die sie überall auf der Welt geführt hat.
Hier sind ein paar ihrer Thesen:
– Untreue ist nicht notwendig ein Zeichen, dass die Beziehung kaputt ist, auch glücklich Gebundene gehen fremd
– Viele treibt nicht das Bedürfnis, sich vom Partner abzuwenden, auch nicht die Attraktivität einer anderen Person, sondern die Sehnsucht, sich selbst anders zu erleben. Anders, als es in der Beziehung möglich ist.
– Untreue verletzt tief. Sie zerstört die Sicherheit der exklusiven Intimität, das Urvertrauen in die Beziehung.
– Das Trauma des Betrogenen kann heilen, wenn der Betrügende das Verletzende seines Tuns anerkennt
– Der Betrogene sollte nicht fragen: Was hat der/die andere, was ich nicht habe, sondern: Was hat dir die Sache gegeben, wie hast du dich erlebt?
– Diesen Sehnsüchten Raum zu geben, kann für beide der Anfang einer neuen, lebendigeren Partnerschaft sein.
– Untreue kann, so schmerzhaft sie ist,  die gemeinsamen Beziehung fortentwickeln, erweitern und bereichern. Und so fragt Esther Perel Paare, die einen Betrug überwunden haben: „Eure erste Ehe ist zu Ende. Wollt ihr eine zweite miteinander eingehen?“

Das ist doch richtig schön, oder?

Warum Tagebücher glücklich machen

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„Ich reise niemals ohne mein Tagebuch. Schließlich sollte man  im Zug immer etwas Spannendes zu lesen  dabei haben.“
Oscar Wilde

Oscar Wilde, Susan Sontag und meine Nachbarin haben eines gemeinsam: Sie schrieben bzw. schreiben Tagebuch. Leidenschaftlich.
Fast jeden Tag hält meine Nachbarin ihre Erlebnisse fest, schmückt mit Zeichnungen aus, ergänzt mit Fotos, Ausrissen, allem, was für sie inspirierend und wichtig war. Etwa 1,50 Meter misst die Reihe der Kladden, die sie im Laufe der Jahre gefüllt hat. Sie kann nachlesen, wie sie vor drei, sieben oder zehn Jahren gefühlt hat und wie sie sich verändert hat. Das Tagebuch ist wie ein roter Faden durch ihr Leben mit seinen Auf- und Abs, Links- und Rechtsherums. Welch ein Schatz.

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Die Intellektuelle Susan Sontag hinterließ ihrem Sohn 100 Bände. Tagebuch schreiben sei viel mehr, als sich dem Papier offener und ehrlicher anzuvertrauen als möglicherweise einer anderen Person, hatte sie einmal gesagt. In ihrem Tagebuch sei sie emotional und geistig unabhängig: „Ich erschaffe mich selbst.“

Ganz so groß muss es natürlich nicht sein, es geht kleiner. Psychologen haben Menschen gebeten, eine Weile lang jeden Abend drei Sachen aufzuschreiben, die gut waren und Freude machten. Diese Menschen  fühlten  sich viel zufriedener als davor, und der Zustand hielt lange.
Will sagen: Tagebuch schreiben wäre ein guter Vorsatz für 2015. Ein Schulheft reicht oder eine schlichte schwarze Kladde von Mujii. Geschrieben wird natürlich mit Füller.
Die Fotos und die Zitate stammen von Brain Pickings, dem Blog der amerikanischen Journalistin Maria Popova. Gekonnt verknüpft sie Fundstücke aus Kultur, Philosophie, Psychologie – lesenswert!

Weihnachten allein? Fabelhaft!

Vor ein paar Jahren war es das erste Mal, und es war schrecklich. Die Kinder waren auf Reisen, einen Mann gab es nicht, und während rundherum die Familien zusammenströmten, um gemeinsam zu feiern, saß ich da, ohne Geschenke auspacken und ohne Bäumchen: allein. Grauenvoll. Freunde erbarmten sich meiner und luden mich ein. Und so saß ich da und heulte in die Suppe. Ich hatte versagt. Ich hatte es in meinem Leben nicht geschafft, eine ordentliche Ehe auf die Beine zustellen, meine Familie zusammenzuhalten. Meine Güte, was tat ich mir leid.
Vergangenes Jahr war es wieder soweit. Kinder wieder auf Reisen, kein Mann. Aber diesmal war es anders. Ich wusste, wie es sich anfühlte, der Schrecken war weg. Eigentlich schön, so ohne Verpflichtung. Und machen wir uns nichts vor: Wie viele der Familien, die sich unterm Baum versammeln, tun das gern? Aus Gesprächen mit Freunden und Kollegen weiß ich doch, wie nervig sie das Ganze finden und wie froh sie sind, wenn es überstandeni ist. Ich dachte an einen Freund, der vor Jahren auch mal allein war an Weihnachten und nachts an die Ostsee gefahren war, allein über den Strand ging und den Wellen lauschte. Ein anderer Freund erzählte von Wüstentouren, die er über die Weihnachtstage unternommen hatte, von den Momenten völliger Einsamkeit im Nichts. Nächte, die er nie  vergessen wird, weil sie so intensiv und einzigartig waren. Eine entfernte Verwandte, die allein nach Israel verreiste, um die Geburtsgrotte zu besuchen (mit Tausenden anderen, allein war sie da bestimmt nicht).
Wir überfrachten Weihnachten so.
Wie war es nun, letztes Jahr, das zweite Mal allein? Es war toll. Ich habe mir den Abend mit mir selbst schön gemacht, Kerzen angezündet, meine Entenbrust gebrutzelt, danach pappsatt DER PATE, Teil 3, geguckt. Rund herum waren, wie beim ersten Mal, die Familien und feierten. Und in meiner Wohnung war ich, prostete den Fotos meiner Lieben zu und war sehr eins mit mir. Dieses Jahr habe ich etwas anderes vor. Aber nächstes Jahr probiere ich das mit dem Meer mal aus. Allein an der Ostsee, oben drüber die Sterne. Besser geht es doch eigentlich nicht.

Vier Schwestern, 40 Jahre: So schön sind die Spuren des Lebens

Nicholas Nixon, 1975

Nicholas Nixon, 1975, New Canaan, Connecticut

Eines Tages, es ist fast 40 Jahre her, fragte der amerikanische Fotograf Nicholas Nixon seine Frau, ob er sie und ihre drei Schwestern fotografieren dürfe. Er durfte, und daraus entstand ein Projekt, das ihn ein Leben lang begleitete. Jedes Jahr fotografierte er die Schwestern seitdem, 40 Bilder. Immer in der selben Reihenfolge stehen sie und schauen mit dem gleichenpräsenten Blick ins Bild. Es ist, als  schauten sie einen direkt an: Hallo, hier sind wir, Heather, Mimi, Bebe und Laurie. Bebe, die Zweite von rechts, ist die Frau des Fotografen. 40 Bilder: Es ist faszinierend, die Entwicklung dieser Gesichter zu sehen, in den ersten Jahren verändern sie  sich kaum, nur langsam weicht der Schmelz; man schaut zu, wie  das Leben sich eingräbt, und dann kommen die Spuren des Alters plötzlich ganz schnell, wie im Zeitraffer. Was beeindruckt, über all die Jahre, ist die Schönheit dieser Frauen, die Klarheit und Intensität ihres Blicks. Und die Verbindung, die aus jedem Foto spricht: Wie sie dastehen, sich beiläufig anfassen, das zeugt von einer lebenslangen Intimität, die neidisch macht. Aber wer sagt, dass es wirklich so ist. Was ihnen im Leben widerfahren ist, ob sie geliebt, gelitten, ihr Glück gefunden haben, darüber sagen die Fotografien  nichts. Und auch ihre wahren Gefühle zueinander – da halten die vier Schwestern dicht.

Im November stellt Nixon seine Serie im MoMa in New York aus (liebe Hamburger, gerade im November lohnt sich ein Trip nach NY…)

Diese beiden Fotos stammen von der Website des New York Times Magazine www.nytimes.com. Alle 40 sind hier zu sehen, inklusive der  letzten Aufnahme, die Nicholas Nixon zum ersten Mal präsentiert.

Nicholas NIxon, 2014

Nicholas Nixon, 2014, Wellfleet, Massachussets