Hamburg, Liebe ist pfandtastisch!

Eine Valentinstags-Aktion für Hamburgs Pfandsammler.

Spitzen Aktion für Hamburgs Pfandsammler und Obdachlose von leev, der Made in Hamburg Apfelsaftmanufaktur. Sie haben in ganz Hamburg Buddeln mit einem kleinen Valentinsgruß an über 250 Mülleimern platziert.

Denn „leev“, das bedeutet „Liebe“ auf Plattdeutsch. Ein Share von Euch auch, für die Aktion.

Alle Infos zur Aktion und Interviews mit Hamburger Pfandsammlern findet Ihr hier.

Was ich der gestressten jungen Mutter so gern gesagt hätte

Neulich, in einem Hamburger Bistro, kam ich mit einer jungen Frau ins Gespräch. Sie war aus München und hatte sich in unserer Stadt einen kleine Auszeit gegönnt. Am nächsten Tag stand die Heimreise an, und sie hatte Angst. Sie war Mitte 30, eine bildschöne Frau, zwei kleine Kinder, kein Mann. Ihr Vater kümmerte sich in ihrer Abwesenheit, er war irgendein wichtiger Arzt, Geld war genug da. Sie selbst versuchte, als Fotografin Fuß zu fassen. Sie hatte Angst, nach Hause zu kommen. Hatte Angst, den Wünschen ihrer Kinder nicht zu genügen, den Ansprüchen ihres Vaters nicht, in ihrem Beruf nicht genug zu leisten. Eine nervöse junge Frau mit leichtem Horror im Blick. Sie überlegte minutiös, wie sie ihre Rückkehr zeitlich so einrichten könnte, dass sie vor dem Ansturm noch zwei Stunden für sich hätte. Die Erholung ihres Hamburger Ausflugs war weggeblasen.

Ich konnte sie so gut verstehen, und sie tat mir so leid. Ich habe Ähnliches von anderen jungen Müttern gehört, die sich überlastet fühlten von Ansprüchen. Frauen, die das Gefühl quälte, von Ansprüchen überrollt zu werden und dabei ihrem Leben, dem eigentlichen Leben, hinterherzulaufen. Frauen, die privilegiert sind, gut ausgebildet, und  sich dennoch zermartert fühlen von Angst. Ich möchte sie alle in den Arm nehmen und trösten, so leid tut mir das. Ich bin in einer anderen Lebensphase, meine Kinder sind groß, meine Karriere ist gemacht, ich verdiene genug. Wenn ich all das betrachte und mir überlege, was ich als das Größte und Wichtigste des Ganzen bezeichnen würde: meine Kinder. Diese Hosenkacker, diese Nervensägen. Heute sind sie groß, gehen ihren Weg und ich schaue ihnen zu: wie sie manche Dinge ähnlich, andere ganz anders machen als ich, anders denken als ich. Von ihnen lerne ich viel.

Allein dass es sie gibt, dass ich sie alle paar Wochen sehen, ihre Stimmen hören, sie anfassen kann, erfüllt mich mit, ja, Glück. Das ist Kitsch? Ja, Kitsch, reiner unverfälschter, supergeiler Lebenskitsch. Nein, ich bin keine Hausmutti, ich bin eine sogenannte Karrierefrau, ein Arbeitstier, und die Elternjahre waren nicht leicht. Es war nie genug, nicht für die Kinder, nicht für den Job, nicht für mich. Das ist wohl so. Aber es ist wie mit dem Geburtsschmerz: Es verblasst, man vergisst es, und übrig bleiben: das Glück, dass sie da sind. Der Job, der Erfolg, alles gut, aber nichts wirkt so tief wie diese beiden Wesen, diese beiden inzwischen großen Menschen, sie sind es.

All das hätte ich der verzweifelten jungen Frau gern gesagt: Habe keine Angst, junge Frau aus München, halte durch, es lohnt sich.

Was wir weitergeben

von 17. August 2015 0 No tags Permalink 18

Ich finde, Dove macht ganz tolle Sachen. So wie dieses Filmchen, das ich mir immer mal wieder anschaue, und immer ein paar Tränen verdrücken muss. Natürlich macht das auch der dramaturgische Gänsehautfaktor, aber vor allem die wichtige Botschaft dahinter. Wichtig genug, wie ich finde, um sie hier und überall zu teilen: Wie unser Selbstbild das Selbstbild unserer Kinder prägt.

Zum Glück ist inzwischen ja hinreichend bekannt, dass wir unseren Kindern sagen sollen, dass wir sie dufte finden und sie sich selber auch gut finden sollen.

Aber leben wir ihnen das denn auch vor? Man kann Kindern viel erzählen, eintrichtern, verbieten, vorbeten, erklären. Fakt bleibt, dass sie sich vor allem Dinge bei uns abgucken. Wie wir leben, wie wir handeln, wie wir streiten, wie wir lieben – andere und uns selbst.

Leider finden sich ja gerade Frauen häufig selbst nicht schön. Für ein kleines Mädchen jedoch ist die Mutter die non-plus-ultra-Frau. Unweigerlich schön, unweigerlich nachahmenswert und unweigerlich der Kompass für’s eigene Frauwerden. In einem Blog las ich neulich den schönen Satz (sinngemäß): „für mich war der Bauch meiner Mutter als Kind das Schönste der Welt. Warm, weich, tröstend. Erst mit der Zeit lernte ich von ihr, dass dieser Bauch offenbar zu fett und nicht gut ist.“ Ich wette, diese Mutter hat das nicht gemerkt oder gewollt. Sowas passiert, schnell und unbewusst. Und umso wichtiger ist es, es nicht zu übersehen: Lasst uns unseren Kinder erlauben, sich zu mögen, indem wir es ihnen vorleben. Das stärkt sie mehr als jede Vitaminbombe, verhilft ihnen mehr zu einem zufriedenen Leben als jede Freizeitgestaltung, wappnet sie mehr für Krisen als jeder Selbstbehauptungskurs.

So viele Mütter zermartern sich den Kopf, wie sie eine stets bessere Mutter sein können. Und wie sie als Frauen noch schöner sein können. Mögt euch selbst, und ihr habt eurer Tochter (und euch) bereits einen riesigen Gefallen getan.

Dasselbe gilt natürlich auch für Väter und Söhne.

 

Für alle, die schon einmal geliebt haben

 

Manchmal stöbere ich im Internet in den TED talks. TED ist eine Bühne für Ideen, die es wert sind, verbreitet zu werden – Ideas worth spreading, so das Motto von TED. Wissenschaftler, aber auch Laien, tragen in max. 15 Minuten möglichst prägnant und verständlich ihre Erkenntnisse vor. Perlen sind darunter. Zum Beispiel diese: die amerikanische Paartherapeutin Esther Perel über Untreue in Beziehungen. An alle, die schon einmal geliebt haben, richtet sie sich, und es ist unglaublich spannend, ihr zu folgen. Sie redet klug und witzig, und am Ende ist das Saalpublikum genauso begeistert, wie ich es bin.
Ihre Erkenntnisse hat Esther Perel aus hunderten von Gesprächen mit Paaren gezogen, die sie überall auf der Welt geführt hat.
Hier sind ein paar ihrer Thesen:
– Untreue ist nicht notwendig ein Zeichen, dass die Beziehung kaputt ist, auch glücklich Gebundene gehen fremd
– Viele treibt nicht das Bedürfnis, sich vom Partner abzuwenden, auch nicht die Attraktivität einer anderen Person, sondern die Sehnsucht, sich selbst anders zu erleben. Anders, als es in der Beziehung möglich ist.
– Untreue verletzt tief. Sie zerstört die Sicherheit der exklusiven Intimität, das Urvertrauen in die Beziehung.
– Das Trauma des Betrogenen kann heilen, wenn der Betrügende das Verletzende seines Tuns anerkennt
– Der Betrogene sollte nicht fragen: Was hat der/die andere, was ich nicht habe, sondern: Was hat dir die Sache gegeben, wie hast du dich erlebt?
– Diesen Sehnsüchten Raum zu geben, kann für beide der Anfang einer neuen, lebendigeren Partnerschaft sein.
– Untreue kann, so schmerzhaft sie ist,  die gemeinsamen Beziehung fortentwickeln, erweitern und bereichern. Und so fragt Esther Perel Paare, die einen Betrug überwunden haben: „Eure erste Ehe ist zu Ende. Wollt ihr eine zweite miteinander eingehen?“

Das ist doch richtig schön, oder?

Jon und Alex

Jon und Alex. Das sind diese beiden jungen Männer auf dem Photo. Ein Liebespaar, das einen zärtlichen Moment teilt. Aufgenommen in Alex‘ Wohnung in St. Petersburg in Russland – einem Land, in dem der Preis für schwule Liebe oft Ablehnung, Diskrimierung, Bestrafung und Gewalt ist.

Das Bild stammt vom dänischen Photographen Mads Nissen und ist das World Press Photo des Jahres. Die gesamte Ausstellung „World Press Photo“ ist, wie jedes Jahr, für einen Monat im Foyer von Gruner + Jahr zu bewundern. Sie hat gestern eröffnet. Mehr.

Willkommen, ihr Falten!

Beinah prustete ich meinen Kaffee über meinen Arbeits-Laptop, als ich neulich einen sehr charmanten Artikel von Hannah Weiner in der TAZ las. „Glätte weiß nicht, wie man feiert“, deklariert Frau Weiner, darunter folgt eine zauberhafte „Ode an die Falten“. Hier ein Auszug:

Heißen wir die Gäste doch willkommen, die Zornesfurche, die zwischen den Augenbrauen abhängt. Die Nasolabialfalte, dieser Nerd im Mundwinkel, die Krähenfüße, die nie alleine auftauchen, die Denkerstirn, die bei Rotwein mitphilosophiert, und die süßen Hasenfältchen auf der Nase – immer die ersten auf der Tanzfläche. Je später der Abend, desto wilder das Fest und kurz bevor Erdbeerkinn und Truthahnhals überhaupt da sind, ist sie eskaliert. Kannste nichts machen, ist wie im echten Leben.

So beschreibt die Autorin die „Party im Gesicht“, die wiederum von Parties, aber auch von Leid, von Freude, Erlebtem und Erfahrenem im eigenen Leben zeugt. Es ist schon bizarr, welche Angst viele Menschen, vor allem Frauen, vor Falten haben, oder? Wir wollen alle möglichst lange leben, und haben dann Angst vor genau den Indizien, dass dies gerade zu geschehen scheint. Irgendwer hat eben irgendwann mal erfunden, dass Falten doof sind. Erfinden wir es neu.

Ich bin erst 32 und die Party in meinem Gesicht noch relativ langweilig, so 20 Uhr würde ich sagen – aber die ersten Gäste sind durchaus schon da, eine Clique kleiner Krähenfüße zum Beispiel. Und die Stirnfalte zwischen meinen Augenbrauen, vom Konzentriertgucken, auf die mir meine Tante gern Klebeband raufpappen würde, zur Prophylaxe. „Nö“, denke ich, „mein Gesicht bleibt klebebandfrei, willkommen, olle Stirnfalte“. Zum Glück sind die Falten-Phobiker in meiner Familie die Ausnahme, meine Eltern haben mir eher ein entspanntes und schönes Altern vorgelebt. Aber auch ich denke manchmal kurz, wenn ich beim Blick in den Spiegel einen neuen Partygast entdecke: „Oh Gott – es geht aufs Ende zu!“. Dann merke ich aber, dass es sich dabei um eine Art ankonditionierte Schreckreaktion handelt. Denn wenn diese erste Sekunde vorbei ist, freu ich mich eigentlich immer irgendwie. Ich finde, mit jeder Falte sehe ich weiser und seriöser aus. Es hat doch etwas Romantisches in der Beziehung mit sich selbst, neue Falten im Spiegelbild zu entdecken. Da sieht man die Meilensteine des eigenen Lebensweges aus dem Spiegel winken. Und mein 32-jähriges, entspannt angeknittertes Selbst blickt verschmitzt auf mein pfirsichglattes leicht verschreckt guckendes 17-jähriges Selbst zurück und sagt: „Siehste mal. Wird alles schon ganz gut so, du und das Leben.“

Ich liebe auch die Falten meines Freundes. Ich verrate ihm selten, wenn ich grade schon wieder eine neue erspähe, aber ich sehe sie, freue mich heimlich und knutsche sie, die Falte. Sie erinnert mich daran, dass wir schon eine beträchtliche Zeit gemeinsam durchs Leben spazieren. Und was für eine schöne Zeit das war. Wenn Falten also ein „Zeichen der Zeit“ sind, kann ich es gar nicht abwarten, immer mehr davon zu finden.

Jaja, wir sprechen uns dann nochmal um vier Uhr morgens, wenn schließlich auch Truthahnhals und Erdbeerkinn an der Tür klingeln.

Es ist so gemütlich mit mir. Da heirate ich mich doch einfach selbst

christiane-heuser_pixelio-de

Zwei Generationen, ein Thema.
Wir, Mutter und Tochter, ergründen die einfachen (und wichtigen) Fragen des Lebens…

Die Mutter. Kennst du Grace Gelder? Sie ist Britin, vor wenigen Tagen war in online-Ausgaben britischer Zeitungen über sie zu lesen: Sie hat geheiratet, sich selbst. Mit Ehering, Ehegelöbnis und 50 Gästen. Sie hat sich sogar den Hochzeitskuss gegeben: mit Hilfe eines Spiegels. Die Menschen haben sie gefeiert und bejubelt, und sie war glücklich.  Heirate dich selbst, es gibt sogar Ratgeber dazu.

Ich finde das befremdlich. Aber wenn ich so um mich herumschaue, hier in Hamburg, unserer Stadt, sehe ich viele eingefleischte Alleinleber, die es eigentlich ebenso machen könnten wie Grace Gelder: sich selbst den Ring anstecken.

Kann es sein, dass man zu lieben verlernt, wenn man lange allein lebt? Dass man die Lust verlernt, sich auf jemand anderen einzulassen, weil es anstrengend ist, weil es die gewohnte Ruhe stört, gewaltige Risiken birgt? Früher dachte ich immer, dass es die höchste Sehnsucht des Single-Menschen sei, sich irgendwann wieder  zu verbinden. Aber inzwischen habe ich meine Zweifel.

Auch bei der Liebesbereitschaft gibt es eine Komfortzone, so wie beim Joggen, man scheut die Anstrengung, bleibt lieber auf dem Sofa liegen und weist bedauernd auf die  Regentropfen draußen: Tja, man würde ja gern, aber. Genauso mit dem Verlieben: Ich will ja, aber da ist  keiner. Keiner, der mich will. Keiner, den ich will.  Keine Zeit, neue Leute kennenzulernen, zu erschöpft, rauszugehen, die Antennen hochzufahren. Zu nervig das Ganze. Mag ja sein.

Beziehungsfaulheit – die neue großstädtische Befindlichkeit. Gut verdienende, gut ausgebildete Singles, die davor  zurückzucken,  aus der komfortablen Unabhängigkeit ihres Lebens mit sich allein herauszutreten. Weil sie in den Jahren der Freiheit kompromissfaul und  bequem geworden sind, weil ihre Toleranzreservoirs ausgetrocknet sind. Vielleicht wird man so, wenn man zu lange alleine lebt. Vielleicht werde ich auch so. Und merke es  nicht. Es ist ja auch enorm verführerisch: Wer sich allein ernähren kann, sich sein Leben angenehm machen kann, kommt wunderbar unzerrupft über die Runden, kann tun, was er möchte, jederzeit.

Diese Freiheit ist eine Errungenschaft, ein Privileg, kostbar. Man kann sich daran gewöhnen. Und plötzlich küsst man sich auf einer Parkbank selbst…

 

Die Tochter. Lustigerweise habe ich heute gerade über die selbe Frage nachgedacht. Also fast – eher auf’s Sozialsein generell bezogen. Ich war die letzten 4 Tage nahezu ununterbrochen alleine. Erst zwei Tage Home Office, abends nur einmal zum Yoga. Dann ein ruhiges Wochenende allein. Das ist für mich eher ungewöhnlich, allein schon weil ich mit meinem Freund zusammenwohne, und auch sonst viel sozial unterwegs bin. Also: Der Freund in Spanien, keine Verabredungen mit Freunden, nur die nötigsten Telefonate, Zeitung lesen, herumdaddeln, Musik hören, aus dem Fenster glotzen, kochen, Kram erledigen. Herrlich. Ich brauchte das mal wieder.

Der erste Tag im sozialen Vakuum ist manchmal gewöhnungsbedürftig und man weiß nicht so recht, wo man sich hintun soll. Dann wird es immer schöner. Irgendwie könnt ich grade ewig so weitermachen, und zwar, je mehr solcher Tage vergehen, desto doller könnt ich das. Man kehrt sich immer mehr in sich, verliert sich in der eigenen Welt, wird immer eckiger und reibungsscheuer. Wie eine Einsiedlerkrebs-Spirale. Und das geht so schnell, dass man schon am 2. Tag plötzlich regelrecht hochschreckt wie ein Tierchen, wenn das Telefon klingelt, und misstrauisch drumrumschleicht um das klingelnde Gerät, und sich fragt, wer da wagt, die heilige Ruhe zu stören. Und ob man zu Normalmenschkonversation grade überhaupt im Stande ist, oder nur Grunzlaute ‚rausbekommt. Ich finde das einen ganz wunderbaren, erholsamen, erdenden Zustand, ich brauche das ab und zu. Aber morgen habe ich einige Termine, tagsüber Job, abends privat, und das ist auch gut. Zum einen, weil ich auch wirklich wieder Lust auf Menschen habe, zum anderen aber auch, weil ich das Gefühl habe, ich MUSS, weil ich sonst wohlmöglich noch sozialphobisch oder sozialunfähig werde und meinen Job nicht mehr machen kann! Naja, nicht wirklich. Du weißt schon. Grunz.

Mehr von uns finden Sie auf www.zweimokka.wordpress.com

Wieso füttern Eltern ihre erwachsenen Kinder so gern?

Bild: SarahC.  / pixelio.de
Bild: SarahC. / pixelio.de

Zwei Generationen, ein Thema.

Wir, Mutter und Tochter, ergründen die einfachen (und wirklich wichtigen) Fragen des Lebens…

Die Tochter. Ich bin 31, wohlgenährt, und stelle bereits viele Jahre erfolgreich unter Beweis, dass ich mich ganz fabelhaft eigenständig und sogar ausgewogen ernähren kann. Mehr noch, durch meine leidenschaftliche Liebe zu Essen gab es garantiert noch nie eine Mangelernährung bei mir zu entdecken. Dennoch gibt es eine Personengruppe, die stets meinen nahenden Hungertod vermutet und abzuwenden sucht – meine Eltern und quasi-Schwiegereltern. Ich finde es ja irgendwie süß, wenn die Eltern meines Freundes uns drei Containerladungen Essen aus Berlin mitgeben. (Falls wir ins Hamburg nichts finden, hat man ja schon öfter gehört). Und ebenso, wenn mein Vater mir mit leuchtenden Augen gleich zwei Steaks brät (“damit das Kind mal Fleisch kriegt” – hilfe, ich platze!) oder meine Mutter noch drei Mal nachfragt, ob ich nicht doch ein Stück Kuchen will (“Neiheeein, Mama, ich komme doch grade vom Brunch!”). Nur am Rande – alle vier genannten Elternteile sind im Leben stehende, größtenteils noch berufstätige Eltern, keiner aus der Kategorie Überbesorgt und alle mit vielen Interessen und vollen Terminkalendern. Und doch füttern sie so gern.
Ich will mich gar  nicht beschweren, es hat etwas Rührendes, inmitten all unserer selbstständigen, schnelldrehenden, verkopften Leben. Außerdem ist es ist immer lecker, ich werde ja gerne bekocht oder zum Essen eingeladen, und liebe es, wenn sich die Familie um den Futtertrog zusammenscharrt und gemeinsam gespachtelt, Wein getrunken und Geschichten erzählt werden. Also bloß nicht aufhören! Aber wundern tut es mich schon so manchesmal, und wenn ich mich im Freundeskreis umhöre, scheint es ein verbreitetes Phänomen zu sein.
Klar, manchmal nervt es auch ein bisschen, wenn auch das dritte “Nein danke” unerkannt in der Atmosphäre verhallt –  dann versuche ich, milde zu lächeln und es als Fürsorge zu begreifen. Denn ich vermute, genau das ist es. Fürsorge, verkleidet als Schnitzel oder Himbeerkuchen.

Die Mutter. Ich habe mich schon manchmal selbst gewundert, warum ich euch erwachsenen Menschen das Essen genauso hintertrage, wie meine Eltern mir damals. Was auch mir meistens auf die Nerven ging. Und nun finde ich mich mit meiner ganzen Auf- und Abgeklärtheit in derselben Anordnung wieder.

Jahrelang hat man herangeschleppt, was zum Überleben wichtig ist: Mehl, Nudeln, Tomatendosen, Zucker, Honig, Haferflocken. War immer da. Als Eltern denkt man ja: Es bricht alles zusammen, wenn sich nach Ladenschluss herausstellt: keine Milch im Schrank. Kontrollverlust, ganz schlimm. Gehen die Kinder aus dem Haus, bleibt dieses tief in den Neuronen verankerte elterliche Sorgenrad ja nicht einfach stehen.  Bei mir hat es gut zwei Jahre gedauert, bis ich nach eurem Auszug zum ersten Mal keine Nudeln im Schrank hatte. Das war ein richtiges Event: keine Nudeln im Haus. Heute sind meine Vorratsschränke luftig leer, diese Leere hat nichts Erschreckendes mehr, sie ist schön. Deshalb finde ich es ja selbst so verwunderlich, dass der alte Füttertrieb sofort wieder aufkocht, sobald sich die Kinder ansagen. Es ist wie ein Rückfall: Essen heranschaffen, auftischen, Essen hinterhertragen. Man merkt ja selbst, wie bescheuert das ist, man weiß ja, siehe oben, dass die Kinder das nervt. Manchmal schaue ich mir selbst zu fühle mich etwas hilflos und peinlich dabei. Wofür steht denn Essen?

Essen ist Geborgenheit, Wärme, Wohlbefinden. Mit welchen Mitteln kann ich das euch denn sonst noch geben?  Ihr seid selbstständig, ihr könnt jederzeit aufstehen und gehen. Ihr braucht mich, meinen Schutz, meine Sorge nicht mehr. Na ja, fast nicht mehr. So gesehen sind die elterlichen Tupperdosen voller Essen nicht anderes als eine Art gekochter Liebesbrief.
Dieses und mehr von uns auf zwei mokka

 

Digital Love

Sherin, „Digital Love“, 30 x 40 cm, Acryl und Tusche auf Papier

Die rasche Digitalisierung unserer Gesellschaft macht auch vor der Liebe nicht halt. Für die Digital Natives oder Generation Y, die mit den digitalen Technologien, mit Internet und Mobiltelefon aufgewachsen sind, sind digitale Beziehungen ein Standard. 89 Prozent der 14- bis 29-Jährigen sind regelmäßig im Social Web. Aber auch für die Digital Immigrants, die erst als Erwachsener mit den digitalen Medien in Berührung gekommen sind, ist Beziehungsaufbau und –pflege über das Internet mehr und mehr zur täglichen Gewohnheit oder gar zu einem festen Bestandteil ihres sozialen Netzwerkes geworden.

Wie sich unsere Art zu lieben im digitalen Zeitalter verändert hat, ist ein weiter Diskurs, den ich nur kurz ankratzen möchte. Bei der Idee zu meiner Arbeit „Digital Love“ haben mich die Anmerkungen von Matthias Horx in seinem Buch „Wie wir leben werden“ über die Renaissance der romantischen Liebe begleitet. „Der Handel mit dem Versprechen (Ich bin dein Erlöser) ersetzt die alten genetischen oder finanziellen Angebote. Romantik ist das Selektionsmerkmal der Erlebniskultur, Aussteuer und Währung der individualistischen Partnerwelt“, so Horx. Das Internet ist ein perfektes Vehikel, einen Teil oder gar die ganze Liebesbeziehung zu virtualisieren, aus dem realen Leben und seinen Unwegen bis auf den gewünschten Grad auszugrenzen und somit genügend Freiräume für die Idealisierung, für eine Fernverherrlichung der Geliebten/des Geliebten sicher zu stellen. Dabei muss diese, im Liebesrausch verharrende, romantische Online Beziehung nicht auf tiefe Gefühle verzichten. Im Gegenteil. Wie wundervoll nährt sich jenes Flämmchen der Liebe an Worten und Bildern, die wohl ausgewählt und sehnsüchtig erwartet werden. Eine verführerische Variante der traditionellen Liebesbeziehung, die nach Liebe Suchende nicht selten eine Ernüchterung beschert. In „Digital Love“ konzentrierte ich mich auf den Moment der elektrisierenden Begierde, die Worte oder Bilder von/des Geliebten auslösen. Diese Romantik entspringt der eigenen Gedankenwelt, ist ein Konstrukt von Vorstellungen und Idealen – eben eine virtuelle Liebe, die die Protagonisten dieser Inszenierung „wahre“ Gefühle entwickeln lässt.

 

Das Schweigen der Paare

Paar, Eltern 1947/1952, Foto von den Fotos: @cbasman/instagram.

Vor einiger Zeit in einem kleinen gediegenen Privathotel im Norden. Früh morgens beim Frühstück. Ein ausgesuchtes Buffet mit lokalen Produkten. Sieben Zimmer. Sieben Paare. Gutsituiert. Fünfzig, plus minus zehn. Er im Ralph Lauren Polo Hemd. Sie sportlich adrett und frisiert. Beide mit leicht zerknitterter Fönfrisur. Die Paare sitzen sich an kleinen Zweier-Tischchen genau gegenüber. Keiner spricht. Sie schauen sich nicht einmal an. Er schmiert sich die Leberwurst auf’s Minibrötchen. Sie tupft einen kleinen Klecks Quark auf’s Schwarzbrot. Schweigen. Hackfressen.

Wie lange sind sie zusammen, die Paare? Zehn Jahre? Zwanzig? Mehr? Keiner spricht den anderen an. Schauen sich nicht in die Augen. Lächeln nicht. Sie ignorieren sich. Und das Frühstück. Die Sonne draussen. Den blauen Himmel. Die Vorfreude auf den Tag. Gelangweilt. Stumm. Haben sie sich nichts mehr zu sagen? Ist alles schon gesagt? Müssen sie sich ertragen? Wie muss die Nacht gewesen sein? Geteiltes Bett, halbes Bett? Keiner lächelt. Keiner spricht.

Diese Szenen beobachte ich auch mittags und abends. In Restaurants, in Cafés und Bars. Überall. In allen Lokalen und Vierteln. Anschweigende Paare. Sie erdulden sich. Oder ist es einfach nur stummes Einverständnis? Geheime Taubstummensignale, die ich nicht erdeuten kann? Ein Gefühl der Leere macht sich breit. Kein Händedruck. Berührungsvermeidung. Er legt seine Hand nicht auf ihren Rücken. Keine Tuchfühlung. Sie wirken isoliert. So als ob sie zufällig zusammensitzen. Zusammengewürfelt. Wie im Bus, in der U-Bahn oder auf der Bank in einem überfüllten Park an einem Sonntag. Sind sie glücklich? Zumindestens zufrieden? Ich weiss es nicht. Irgendwie traurig. Das Werben hat nachgelassen. Ist verschwunden. Stumpf wirkt es manchmal. Sie wirken wie die Insassen einer Ehe.

Die Liebe ist abhanden gekommen. Was geblieben ist bei ihnen, ist nur die Aneinandergewöhnung. Manche sagen dazu auch euphemistisch: Vertrautheit. Ich kann mir das bei mir nicht vorstellen. Langweilig. Wer weiss, wo sie alle in Gedanken sind. Und bei wem.

Ich glaube nicht, dass das zwangsläufig so sein muss. Sich öffentlich anschweigende Paare. Das ist kein Naturgesetz der verhaltenspsychologischen Paarforschung. Oder doch?

Lächeln Sie. Lächeln macht jede Frau schön und attraktiv. Auch jeden Mann. Sagen Sie etwas Nettes. Auch wenn’s etwas geflunkert ist. Das macht den Tag.

Die Erotik eines Menschen ist in seinem Blick und seinem Lächeln. Der Blick ist die Seele. Sie ist immer wahr. Im Blick spiegeln sich die Erinnerungen, Erfahrungen und Gefühle des Menschen wieder. Nicht nur beim Blickenden, sondern auch bei dem, der dem anderen in die Augen schaut. Der direkte Blick die Augen des Anderen ist der intensivste und tiefste Kontakt. Ein Blick kann alles ausdrücken. Freude, Melancholie, Einsamkeit oder auch die Liebe. Der Blick ist unnachahmlich. Körper verändern sich. Der Blick nicht. Und das Lächeln. Im Blick erkennt man den Anderen. Im gegenseitigen Blick das Gemeinsame.

Schau mir in die Augen, Kleines. Und lächele mich an. Du bist schön.