„Willkommen auf Deutsch“: Appel ist überall

Foto: Pier 53

Stellen Sie sich vor, es würde beschlossen, in Hamburg-Mitte 36.000 Flüchtlinge unterzubringen. Vermutlich gäbe es darauf eine Reaktion der Anwohner. So war es auch in Appel, einem 400-Einwohner-Dorf im Landkreis Harburg. Dreiundfünfzig Asylsuchende sollten hier in einem ehemaligen Altenheim Platz finden. Carsten Rau und Hauke Wendler haben darüber einen Film gemacht. Eine Dokumentation, die ein Jahr lang beiden Seiten folgt: den Neuankömmlingen, die sich nach einem Zuhause sehnen und den Ortsansässigen, die sich von der Politik übergangen fühlen. Malik und Larisa genauso wie Herrn Prahm und Frau Oelker. Die Regisseure geben der Asylfrage Gesichter und Stimmen.

„Willkommen auf Deutsch“ schildert, was passiert, wenn der Nachbar plötzlich Syrer, Tschetschenin oder Pakistani ist. Der Dokumentarfilm zeigt die achtzigjährige Ingeborg, die sich rührend um die kleinen Flüchtlingskinder kümmert und nimmt den Zuschauer in der nächsten Szene mit auf die Gemeinderatssitzung, bei der die Bürgerinitiative versucht, das Flüchtlingsheim zu verhindern.

Das Geschehen spielt sich ganz in unserer Nähe ab: Im Landkreis Harburg, der sich zwischen der Lüneburger Heide und Hamburg erstreckt. Zwischen Backsteinhäusern, Weideland und dem täglich zweimal fahrenden Bus nach Winsen scheint hier die Welt noch in Ordnung zu sein. Bis das Weltgeschehen die Idylle einholt und die Landkreisverwaltung den Gemeinden Appel und Tespe Flüchtlinge zuteilt. Stellvertretend für 295 Landkreise in Deutschland zeigt der Film, wie ganz ’normale‘ deutsche Bürger mit Asylbewerbern umgehen – im Positiven wie im Negativen.  Was passiert, wenn Menschen aufeinander prallen, die sich fremd sind? Sehen Sie es ab sofort im Abaton.

 

Der Dokumentarfilm „Willkommen auf Deutsch“ läuft ab sofort im Abaton. Am 30. März um 20 Uhr kommem neben Regisseur Hauke Wendler auch Helga Rodenbeck (Runder Tisch Blankenese. Hilfe für Flüchtlinge), Claudia Pausch (Flüchtlingsinitiative am Holstenkamp) und Dietrich Gerster (Referent Menschenrechte und Migration ZMÖ) zur Vorstellung. Am 8.+29. April um 20 Uhr ist der Regisseur Hauke Wendler vor Ort. 

BIRDMAN ODER (DIE UNVERHOFFTE MACHT DER AHNUNGSLOSIGKEIT)

Birdman ist eine schwarze Komödie, die die Geschichte des Schauspielers Riggan Thompson (Michael Keaton) erzählt, der durch die Darstellung eines Superhelden einst berühmt wurde, aber nun eher zu den abgehalfterten Hollywood-Stars gehört. Durch seine Inszenierung eines ambitionierten neuen Theaterstücks am Broadway versucht er eine Wiederbelebung seiner dahin siechenden Karriere. Es handelt es sich um ein tollkühnes Unterfangen und der frühere Kino-Superheld hegt größte Hoffnungen, dass dieses kreative Wagnis ihn als wahren Künstler legitimiert.

Während die Premiere des Stücks unaufhaltsam näher rückt, wird der Hauptdarsteller des Stücks durch einen Unfall bei den Proben verletzt und muss ersetzt werden. Riggans engagiert widerwillig Mike Shiner (Edward Norton) – der zwar unberechenbar ist, aber viele Ticketverkäufe garantiert. Er kommt jedoch nicht mit dem eigenwilligen  Shiner klar, der ihn womöglich bei der Aufführung in den Schatten stellen wird. Je näher die Premiere rückt, umso mehr andere Komplikationen gibt es, sowohl durch vielen Frauen in seinem Leben, als auch durch ihn selbst verursacht…

Der renommierte mexikanische Regisseur und Filmproduzent Alejandro González Inárritu nimmt in diesem Künstlerdrama die Unterhaltungsindustrie komplett auseinander.

In diesem Monat hat Birdman gleich neun Oscar –Nominierungen erhalten. Die Besetzung von Michael Keaton als halb vergessenen Ex-Superhelden-Darsteller ist natürlich eine Anspielung auf seine Hauptrolle in Batman und Batmans Rückkehr. Alejandro González Inárritu, der schon mit Filmen wie „Babel“ und „Biutiful“, großartige Filme geschaffen hat, gelingt auch mit dieser existenziellen Komödie beeindruckendes Kino und Michael Keaton spielt die Rolle seines Lebens.

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Birdman läuft ab Donnerstag, den 29. Januar 2015 im Zeise Kino und wird im Original im Savoy und im Abaton gezeigt.

Schwarzer Humor in WILD TALES

Der Episodenfilm WILD TALES “ des argentinischen Regisseurs Damián Szifron ist Kino ohne Netz und doppelten Boden, durch und durch argentinisch und gleichzeitig so universal, dass er allen den Spiegel vorhält. Der Film heißt im Originaltitel „Relatos Salvajes“ und ist in Argentinien einer der erfolgreichsten Streifen aller Zeiten.

Zum Äußersten getrieben in einer unberechenbaren, dem ständigem Wandel ausgesetzten Realität, überschreiten die Figuren in WILD TALES den schmalen Grat, der Zivilisation von Barbarei trennt. Der Verrat eines Liebenden, die Konfrontation mit einer vergessen geglaubten Vergangenheit und die Gewalt, die sich aus täglichen Begegnungen ergibt, treiben die Protagonisten immer weiter in den Wahnsinn. Bei ihrem Kampf heißt es Auge um Auge und Zahn um Zahn und je weiter sie in diese Richtung getrieben werden, desto mehr lassen sie sich fallen und geben sich dem verbotenen Vergnügen hin, die Kontrolle zu verlieren.

Mit WILD TALES ist dem argentinischen Filmemacher Damián Szifrón ein Meisterwerk gelungen, eine sechs Geschichten umfassende Anthologie, in der jede einzelne Sequenz auf ungeheure und ungeheuer aberwitzige Weise eskaliert. Schrecken und Komik wechseln sich ab. WILD TALES IST ein Film voll von fürchterlich schwarzem Humor und Anklänge an Filme von Quentin Tarantino, den Coen-Brüdern und Pedro Almodóvar kommen auf.

Läuft ab 8.Januar 2015 im ABATON, Hamburg.

THE CUT: Ein mutiger Film

Fatih Akın erzählt die Geschichte des armenischen Dorfschmieds Nazaret, seiner Familie und der versuchten Auslöschung seines Volkes durch die Nationalisten im Osmanischen Reich während der erste Weltkrieg im fernen Europa tobte und acht Jahre vor der Gründung der heutigen Türkei. Er erzählt von einer sehr schmerzhaften Zeit in den Wirren des zusammenbrechenden Imperiums. Ein sehr schwieriges Thema. Ein sehr dunkles Kapitel, das heute noch in der Türkei um seine Anerkennung und auf seine Aufarbeitung wartet. Er erzählt die Geschichte aus der Perspektive der Opfer. Ein mutiger und bewegender Film. Fatih Akın ist Sohn türkischer Einwanderer. Geboren 1973 im hamburger Stadtteil Altona.

Er erzählt sie in großen Bildern als Epos, die an Hollywoodtraditionen anknüpfen. Martin Scorsese zollte ihm Respekt:

THE CUT ist ein echtes Epos in einer Tradition, an die sich heute niemand mehr heranwagt. Fatih Akins sehr persönliche Antwort auf ein tragisches Kapitel der Weltgeschichte ist von großer Intensität, Schönheit und beeindruckender Erhabenheit. Dieser Film ist mir in vielerlei Hinsicht sehr wertvoll.

Ihm gelingt der Balanceakt. Fatih Akin über „The Cut“ im Interview mit Matthias Greuling (Wiener Zeitung, celluloid Filmmagazin), geführt am 3.9.2014 in Venedig.

Mardin, 1915: Eines Nachts treibt die türkische Gendarmerie alle armenischen Männer zusammen. Auch der junge Schmied Nazaret Manoogian wird von seiner Familie getrennt. Nachdem es ihm gelingt, den Horror des Völkermordes zu überleben, erreicht ihn Jahre später die Nachricht, dass auch seine Zwillingstöchter am Leben sind. Besessen von dem Gedanken, sie wiederzufinden, folgt er ihren Spuren.

Sie führen ihn von den Wüsten Mesopotamiens über Havanna bis in die kargen, einsamen Prärien North Dakotas. Auf seiner Odyssee begegnet er den unterschiedlichsten Menschen: engelsgleichen und gütigen Charakteren, aber auch dem Teufel in Menschengestalt.

THE CUT ist Drama, Abenteuerfilm und Western zugleich. Obwohl der Film die Welt vor 100 Jahren beschreibt, ist er brandaktuell, denn er erzählt von Krieg und Vertreibung. Aber auch von der Kraft der Liebe und der Hoffnung, die uns Unvorstellbares leisten lässt.

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Fatih Akin mit 35mm-Kamera bei den Dreharbeiten zu „The Cut“ Foto: Pandora Film

Mit THE CUT vollendet Fatih Akın seine Trilogie „Liebe, Tod und Teufel“. Ging es in „Gegen die Wand“ (2004) um den unbedingten Lebenswillen einer jungen Deutschtürkin, die erleben muss, dass zwischen Schmerz und Liebe oft nur eine Haaresbreite liegt, so erzählte „Auf der anderen Seite“ (2007) die Geschichte von sechs Menschen, deren Wege sich kreuzen, ohne sich zu berühren. Erst der Tod führt sie zusammen. THE CUT widmet sich nun dem „Teufel“. Der Film handelt vom Bösen im Menschen, davon, was wir anderen Menschen antun. Unbewusst oder willentlich, denn die Grenze zwischen Gut und Böse ist oft fließend. Auch der letzte Teil der Trilogie ist geprägt von Fatih Akins Sicht auf die Welt: „THE CUT ist ein sehr persönlicher Film geworden, der sich inhaltlich mit meinem Gewissen und formal mit meiner Liebe zum Kino auseinandersetzt“.

THE CUT, Deutschland 2014 • Laenge: 138 • Regie: Fatih Akın • Schauspieler: Tahar Rahim, Akin Gazi, George Georgiou • Kinostart im Zeise Kino am Donnerstag, den 16.10.14

Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit

von 7. Oktober 2014 0 , Permalink 4

Der italienische Regisseur Uberto Pasolini, der übrigens nicht mit Pier Paolo Pasolini, dafür aber mit Luchino Vinsconti verwandet ist und in London lebt, hat ein neues kleines Meisterwerk geschaffen: „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“ ist sanft und voller Sehnsucht und setzt sich mit der Traurigkeit des Todes und der Schönheit des Lebens auseinander. Der Hauptdarsteller und Held, Mr May, hinreißend gespielt von Hauptdarsteller Eddie Marsan, kümmert sich bei der Londoner Stadtverwaltung hingebungsvoll um Verstorbene, die keine Verwandten haben. Mr May ist selber eine  tragischer Held, aber eines Tages passiert bei seiner akribischen Spurensuche im Leben der Verstorbenen auch in seinem eigenen Leben eine kleine Überraschung.

Diese Woche im ALABAMA Kino auf Kampnagel, Jarrestraße 20, Hamburg

 

A Tribute to James Brown

James Brown wird in den USA als „Godfather of Soul“ und auch als „Founding Father of Funk“ gefeiert. Der amerikanische Regisseur Tate Taylor hat sein Leben mit Chadwick Boseman als James Brown In GET ON UP verfilmt. In dieser Woche kommt der Film ins Kino und die MOJO Residents MASTER QUEST & RENEGADES OF JAZZ widmen aus diesem Anlass den nächsten ESSENTIALS Abend am Samstag, dem 11. Oktober, der Soullegende.

Der Film GET ON UP zeichnet das bewegte Leben von James Brown, der aus ärmliche Verhältnisse stammte und zu einer der bedeutendsten und prägendsten Musiker des 20. Jahrhunderts wurde.

A Tribute to James Brown, MOJO CLUB, 11.10.2014 ab 23.00 h, Reeperbahn , Hamburg

GET ON UP, Universal Picture, ab 9. Oktober im Passage Kino, Hamburg

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Filmfest Hamburg zeigt JAUJA

Der argentinische Kult-Regisseur Lisandro Alonso hat einen außergewöhnlichen Film inszeniert, der zusätzlich von den fabelhaften Bildern des hervorragenden Kameramanns profitiert.

Jauja ist ein sagenumwobener Ortt in Südamerika, in dem Glück, Überfluss und Freude herrschen soll. Im 19. Jahrhundert wurden viele Expeditionen unternommen, um dieses Land zu finden, aber alle, die versuchten diesen Ort zu finden, sind nie wieder zurückgekehrt.

Viele Expeditionen haben schon versucht, das Land zu finden.  Alle, die versuchten, den Ort zu finden, sind jedoch verschwunden.

Der Däne Gunnar Denisen, der von seiner 15 jährigen Tochter begleitet wird, ist in Patagonien mit einem Tross von Militärs unterwegs, die einen Vernichtungsfeldzug gegen die indigene Bevölkerung führen. Doch eines Tages verliebt sich die Tochter sich in einen jungen Mann und verschwindet spurlos. Denisen, halb verrückt vor Sorge, macht sich auf die Suche nach ihr und begibt sich dabei auf einen einsamen Trip, auf dem Zeit und Raum verschwinden.

JAUJA beim Filmfest Hamburg, Fr, 3.Oktober – 21:45 h, Abaton Kino, Allende-Platz 3, 20146 Hamburg,

 

„Welcome To New York“

Der exzentrische amerikanische Regisseur Abel Ferrara, der in der Bronx geboren wurde, legt in vielen seiner Filme schonungslos menschliche und gesellschaftliche Abgründe frei. Sein Drama „Welcome to New York“, ist offensichtlich von der Dominique-Strauss-Kahn-Affäre inspiriert.

Frankreichs Starschauspieler Gérard Depardieu spielt einen machthungrigen Wirtschaftsboss, der immer tiefer in einen Sex-Skandal versinkt. Champagner-Duschen, Sex-Orgien, dicke Zigarren und ein rücksichtsloser, machthungriger Macho: Strauss-Kahns Alter Ego Mr. Devereaux holt sich in Welcome to New York die Gespielinnen für seine unersättliche, gewalttätige Sexgier bis in die Chefetagen. Der Film, der bis an die Grenzen des Pornographischen geht, porträtiert Aufstieg und Absturz des französischen Sozialisten, der im 2011 in New Yorker verhaftet wurde, weil ihn eine Hotelangestellte, wegen sexueller Nötigung anzeigte.

Laut Strauss-Kahns Anwalt ist der Film, der zunächst nur als „Video On Demand“  gezeigt wurde,  „ekelhaft und rufschädigend“ und Strauss-Kahn prozessiert dagegen. Allerdings wirkt der gewaltige, aufgedunsene Gérard Depardieu in der Rolle dieses sexsüchtigen Machos auch unfreiwillig komisch.

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Regisseur Abel Ferrara – Foto: Antje Verena

Filmfest Hamburg, Di, 30.09. – 21:15 Passage Kino,  Mönckebergstraße 17, 20095 Hamburg

 

Film ab!

Wer seine selbstgedrehten Filme oder Präsentationen mal in einer exklusiven Umgebung zeigen will und dabei seinen Gästen gemütliche Sitzgelegenheiten bieten will, wird hier fündig. Dieses kleine, elegante und schalldichte Privat-Kino heißt Club Charles, ist mit 16 originalen Eames Lounge Chairs ausgestattet und liegt im Kontorviertel unweit des Chile-Hauses. Es kann tagsüber und abends gemietet werden.

 places |  coworking | Kontorhausviertel | Schopenstehl 15 | 20095 Hamburg

 

Si-o-se Pol – Die letzten Tage des Parvis Karimpour (UPDATE)

Ramin Yazdani in einer Szene von „Si-o-se Pol – Die letzten Tage des Parvis Karimpour“

UPDATE : Grossartigst! Das hamburger Road Movie “Si-o-se Pol”, das höchst erfolgreich auf vielen renommierten internationalen Filmfestivals in Europa, den USA und in Asien läuft und dabei viele Preise bisher gewonnen hat, hat nun auch in Südkorea beim großen Filmfestival den FRIEDENSNOBELPREIS FÜR FILM gewonnen, den 4th Kim Daejung Nobel Peace Film Art Special Award 2014. Ganz herzliche Glückwünsche an den Autor und Regisseur Henna Peschel aus Hamburg und sein Team!! Wir freuen uns sehr!!!

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„Si-o-se Pol“ ist ein Road Movie und ein Drama über Flucht und Freundschaft im Migrantenmilieu, das momentan höchst erfolgreich auf vielen internationalen renommierten Filmfestivals in Europa, den USA und in Asien läuft. Vor Kurzem gewann das beeindruckende Portrait eines Flüchtlings, der nach Europa kommt, den Großen Preis auf dem 2014 Arizona International Film Festival. Gratuliere dem Regisseur Henrik Peschel und der Produktion aus Hamburg!

Ich hatte schon vorvergangenes Jahr während der Dreharbeiten einiges über den Film gehört und war sehr gespannt, was dabei herausgekommen ist. Deshalb stelle ich heute „Si-o-se Pol“ vor:

Bevor der todkranke Parvis Karimpour (Ramin Yazdani) stirbt, will er sich mit seiner Tochter Nasrin aussöhnen. Illegal reist er mit einer Gruppe von Flüchtlingen in Spanien ein. Er schlägt sich nach Madrid durch, wo er seine aus dem Iran geflohene Tochter vermutet.

Er findet Zuflucht in der von einer Wirtschaftskrise schwer angeschlagenen Metropole. Hier begegnet er zwei Migranten, die ebenfalls in Schwierigkeiten stecken. Der Italiener Fabrizio (Christian Concilio), ein gescheiterter Pianist, hält sich mit Putzjobs über Wasser. Almut (Pheline Roggan) hingegen, eine verwöhnte junge Deutsche, ist ihrem Freund nach Madrid gefolgt. Sie sucht ihren Platz im Leben und träumt davon, einen Schmuckladen aufzumachen.

In der Suche nach der verlorenen Tochter finden die Drei eine gemeinsame Aufgabe. Parvis schöpft wieder Hoffnung. Mit seinem Optimismus reißt er Fabrizio und Almut aus ihrer Lethargie. Einem neuen Hinweis folgend machen sich die Drei in Almuts Auto Richtung Norden auf.

Henrik Peschel, Montblanc-Drehbuchpreisträger beim Filmfest Hamburg, drehte 2012 an Originalschauplätzen in Spanien und Frankreich. Nicht zuletzt ganze sieben im Film gesprochene Sprachen zeigen, in, wie Einwanderung 2012 in Europa konkret aussieht. Die Dialoge sind in Deutsch, Englisch, Spanisch, Persisch, Arabisch, Französisch, Italienisch mit deutschen Untertiteln. Gedreht wurde an Drehorten in Madrid, Valencia, Vernet-les-Bains in High-end Cinemascope und HD.

Die Hauptrollen besetzte er mit erfolgreichen Kinoschauspielern wie Ramin Yazdani (Iron Sky) und Pheline Roggan (Soul Kitchen, Russendisko), die Nebenrollen mit erfahrenen spanischen Schauspielern, wie z.B. Abdelatif Hwidar (Goya-Preisträger 2008). Für die Bildgestaltung zeichnet Kristian Leschner verantwortlich (Kamera für Grimme-Preisträger 2012 & 2013 „Der Tatortreiniger“).

Erstaunlich aufwendig für eine Produktion aus Hamburg, die nicht über Budgets im Hollywood-Format verfügt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und braucht keinen Vergleich zu scheuen. Ganz im Gegenteil. Gesucht wird noch ein deutscher Verleih, damit er auch in unsere Kinos kommen kann.

 

 

Interview mit Regisseur und Drehbuchautor Henrik Peschel:

Herr Peschel, wie sind Sie auf die Idee zu „Si-o-se Pol“ gekommen?

Als ich bei einer Recherche-Reise das alte Madrider Arbeiterviertel Lavapies kennenlernte, kam mir die Idee, meine Geschichte dort anzusiedeln. Ich wollte ursprünglich über einen Flüchtling schreiben, der unter Lebensgefahr nach Europa kommt. Doch in Spaniens Hauptstadt wurde mir klar, dass das, was dort passiert, noch spannender sein könnte. Mittlerweile leben dort über eine Million Migranten aus Asien, Nahost und Südamerika, ein großer Teil davon illegal und ohne Papiere. Das alte Innenstadt- Viertel Lavapies mit seinen bröckelnden Fassaden ist so groß wie eine deutsche Kleinstadt. Hier finden die Illegalen Unterschlupf und versuchen, irgendwie zu überleben. Doch trotz aller Probleme herrscht eine friedliche, wenn gleich chaotische Atmosphäre. Man hilft sich untereinander, so gut es geht, obmit Jobs, Unterkunft oder Kontakten. Diese Solidarität hat mich inspiriert.

Welche Kernbotschaft hat Si-o-se Pol?

Egal wie weit der Weg ist, in diesem Fall ja mehrere tausend Kilometer aus dem Iran nach Europa, es lohnt sich immer, alles zu versuchen, um sein Ziel zu erreichen. Parvis sucht in Spanien seine einzige Tochter und findet dort neue Freunde. Selbst halb verhungert hat er doch immer ein Ohr für den depressiven Ex-Pianisten Fabrizio und für die junge Almut, die sich in der fremden Metropole von ihrem Manager-Freund alleingelassen fühlt. Vielleicht rettet Parvis ihr sogar das Leben. Freundschaft, Solidarität und echtes Interesse sind das, was wir immer geben können und was die Menschen oft so sehr vermissen.

Wofür steht der Filmtitel Si-o-se Pol?

Si-o-se Pol ist das persische Wort für die „33-Bogen-Brücke“, ein mächtiges Bauwerk in Isfahan. Es ist mehrere hundert Meter lang und gilt unter Architekten als eine der schönsten historischen Brücken der Welt. Die Hauptfigur Parvis kommt aus Isfahan und hat wunderschöne Kindheitserinnerungen an die Brücke.

Welchen persönlichen Bezug haben Sie zu der Migrations-Thematik?

Ich arbeitete 2003 als Kameramann an einem Dokumentarfilm für das ZDF in Süd-Ost-Asien mit. Dort lernte ich das erste Mal persönlich Flüchtlinge kennen. Mich beeindruckte ihr grundsätzlich positives Denken, obwohl manche Anlass gehabt hätten, den Kopf hängen zu lassen. In den Slums der indonesischen Hauptstadt Djakarta z.B. ist die Hilfsbereitschaft einiger Bewohner so groß, dass sie sich in Vereinen für obdachlose Straßenkinder engagieren, obwohl sie selbst fast mittellos sind. Etwas, das wir meiner Meinung nach in Deutschland so nicht kennen.

Was waren Ihre Beweggründe, einen iranischen Flüchtling als Hauptfigur zu wählen?

Bei meinen Recherchen und Interviews mit Flüchtlingen und Exilpolitikern in Deutschland hörte ich aufwühlende Geschichten über die Lage Oppositioneller im Iran. Menschenrechte werden oft komplett missachtet. Insbesondere nach der gescheiterten „grünen Revolution“ 2009 wurden die Verfolgung und die Lage in den Gefängnissen immer schlimmer. Mich haben diese Missstände sehr berührt, und ich entschloss mich, sie zum Auslöser meiner Geschichte zu machen.

Spanien steckt gerade in einer wirtschaftlichen Krise, wie war die Stimmung während des Drehs vor Ort?

Viele Spanier sind arbeitslos und auf dem Sprung, ihre Heimat zu verlassen. Sie fragten uns oft nach persönlichen Kontakten zu deutschen Firmen, bei denen sie sich gerne bewerben würden. Auch viele renommierte Schauspieler haben immer weniger zu tun. Mit Begeisterung wurde unsere Geschichte aufgenommen und man unterstützte uns, in dem wir z.B. kostenlos in Locations wie Restaurants oder Läden vor Ort drehen durften.

Wie haben Sie die Arbeit mit dem deutsch-spanischen Team erlebt?

Sprachlich lief es nahezu reibungslos, da fast alle etwas Englisch sprachen und dolmetschten zwischen Deutschen, Spaniern, Italienern, Persern und Arabern. Die Afrikaner sprachen fast nur Französisch, aber verstanden trotzdem meine Regieanweisungen und waren voll engagiert.

Warum haben Sie die Hauptrolle mit Ramin Yazdani besetzt?

Ramin Yazdani umgibt eine Aura der Lebensweisheit. So konnte er die Figur des Parvis, die von großer Hoffnung geprägt ist, glaubhaft darstellen. Darüber hinaus besitzt Ramin das seltene Talent, kleine, feine Gesten anzubieten, die im Kino viel besser funktionieren als der große, ausholende Auftritt.

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Wie konnten Sie die bekannte Schauspielerin Pheline Roggan für Ihren Film gewinnen?

Pheline Roggan war fasziniert davon, wie aktuell die Geschichte die Krise in Südeuropa zeigt. Es reizte sie, mit der Rolle der Almut die Abgründe eines verzweifelten Menschen auszuloten.

Der Film ist visuell sehr ansprechend. Was schätzen Sie an dem renommierten Kameramann Kristian Leschner?

Kristian Leschners Bildsprache beruht auf Reduktion. Er hat mit passenden Farben und viel vorhandenem natürlichen Licht eine Stimmung erzeugt, in der die Szenen glaubhaft wurden. Trotz der schweren und düsteren Geschichte gelang es Kristian, die Landschaften Spaniens in leichten,schwerelosen Bildern zu zeigen.

Erstmalig haben Sie einen Film für ein internationales Publikum gedreht.

Die Botschaft des Films ist universell und hoffentlich überall verständlich: Es gibt immer Hoffnung auf Freundschaft. Auch unter widrigsten Umständen kann man etwas für andere tun und Mitgefühl zeigen.

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Henrik Peschel, genannt Henna, geboren 1967 in Hamburg, arbeitet seit Anfang der 1990er Jahre im Filmgeschäft. Das Filmemachen hat er sich autodidaktisch angeeignet. Zunächst begann er mit Musikvideos für Tocotronic und Frank Black von den Pixies. Mit seinen Anfang der 1990er Jahre auf Super-8 gedrehten Kurzfilmen „Rollo Aller!“ und „Rollo Aller! 2“ über zwei sympathische Loser, die der Gesellschaft entfliehen wollen, erreichte Peschel in Hamburg Kultstatus. Musiker, Autor und Entertainer Rocko Schamoni spielt eine der Hauptrollen.

Anfangs drehte er oft mit kleinem Team und übernahm viele Funktionen selbst. Wie in den Filmen von Klaus Lemke, bei dem er in zwei Produktionen die Kamera führte, wirkten in Peschels Filmen oft Laiendarsteller mit, es wird an Originalschauplätzen und auch spontan und improvisiert gedreht. Sein Schauspielerensemble setzte sich anfangs zum Teil aus Musikern der Hamburger Musikszene und sogenannten Hamburger Schule zusammen. Den anderen Teil bilden renommierte deutsche Theater-, Film- und Fernsehschauspieler, wie zum Beispiel Adam Bousdoukos, Timo Jacobs oder Uli Pleßmann.

Mit der Produktion von „Si-o-se Pol“ fand 2012 ein Umbruch in Peschels Arbeitsweise statt. Als Kameramann gewann er Kristian Leschner, der die Kamera bei der 2012 und 2013 mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Serie „Der Tatortreiniger“ führte. Alle Rollen besetzte er mit professionellen Schauspielern wie Ramin Yazdani, Pheline Roggan, Christian Concilio, sowie dem Goya-Preisträger Abdelatif Hwidar. Mit der an Originalschauplätzen gedrehten Geschichte eines illegal nach Spanien eingereisten persischen Flüchtlings greift er in „Si-o-se Pol“ ein aktuelles Thema auf.

Seine Arbeit wurde u.a. mit dem Montblanc Drehbuchpreis beim Filmfest Hamburg ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm „Punk im Dschungel“ (Kamera Henrik Peschel) war 2008 in der Kategorie „Information & Kultur“ für den Adolf-Grimme-Preis nominiert. Peschel veranstaltet jährlich in Hamburg ein Filmfestival mit dem Titel Elbblick. Er war Jurymitglied beim Filmfest Hamburg und Unerhört – Das internationale Musikfilmfestival.

Alle Fotos und der Filmtrailer mit freundlicher Genehmigung der Filmproduktion Five Seven Films UG, Hamburg.