Kaukasische Schnecken in Hamburg

Schnecken sind nicht als besonders agil bekannt. Doch genau damit sind sie besonders wertvoll für die biogeografische Forschung: Wo man sie aufsammelt, sind sie in der Regel auch heimisch – im Gegensatz zum Beispiel zu einem Schmetterling auf Durchreise. Ihre Verbreitung, ihre Anpassungen an die Umweltbedingungen und ihre vielfältigen Erscheinungsformen können wichtige Fragen der Artentstehung beantworten. Ein Team des Centrums für Naturkunde (CeNak) hat im Kaukasus ein entsprechendes Forschungsprojekt durchgeführt und präsentiert seine Arbeit ab März in einer Sonderausstellung im Zoologischen Museum. Ein Tipp für Gross und Klein, besonders Empfehlungswert ist für die Familien mit Kindern.

Interview mit Prof. Dr. Bernard Hausdorf

Sonderausstellung „Biogeografie der Landschnecken der Kaukasusregion“  im Zoologischen Museum der Universität Hamburg, Martin-Luther-King-Platz 3, 20146 Hamburg.

Die Weitere Informationen können Sie auf der Internetseite http://www.caucasus-snails.uni-hamburg.de/index.html finden.

„Es ist alles wie ein Traum“

Ich treffe mich mit Ahmad in Altona.  Anfangs starrt er auf sein Handy und ist sehr unruhig. Ich möchte ihm eine Rhabarberschorle aus dem Edeka mitbringen, er lehnt dankend ab. „Bevor mein Bruder sicher bei mir ist, kann ich irgendwie gar nichts zu mir nehmen – ich habe riesige Angst um ihn, er ist erst 16.“ Sein Handy vibriert und klingelt laufend. Er entschuldigt sich. „Das sind meine Eltern, die machen sich solche Sorgen“.

Ahmad ist 22 und seit vier Wochen in Hamburg. Er wohnt in einer Unterkunft im Hamburger Norden, zusammen mit seinem älteren Bruder. Sein jüngerer Bruder (16) ist vor ein paar Tagen in Wien gelandet und hat kein Geld für ein Ticket nach Hamburg, er schläft  auf der Straße. Ahmad ist ununterbrochen am Organisieren. Noch während wir sprechen, findet sich über die Facebookgruppe „Unterstützung für Flüchtlinge – Netzwerk Hamburg“ eine Mitfahrgelegenheit einen Tag drauf. Ahmad fällt sichtlich ein Stein vom Herzen.

Wir laufen die neue große Bergstraße entlang, setzen uns auf eine Bank.  „Ich hatte Angst, wie die Menschen mich hier aufnehmen, man hört ja einiges. Aber wir werden sehr nett und respektvoll von allen behandelt.“ In der Unterkunft teile er sich ein großes Zimmer mit neun weiteren Leuten. „Es ist ok, aber anstrengend, einige der Leute nerven ziemlich. Aber egal, besser als Krieg.“

Ahmad kommt aus Idlib in Nordsyrien. Er hat Jura studiert, noch ein Semester und er hätte seinen Abschluss gehabt. „Es war seit Jahren durch den Bürgerkrieg wirklich furchtbar in Idlib. Man musste  jeden Tag damit rechnen, dass man morgens zur Uni geht und abends nicht zurückkommt.“ Er zeigt auf einen Eisladen gegenüber von IKEA. „Stell dir vor, das Haus ist einfach morgen nicht mehr da.“ Viele Freunde seien gestorben, durch Bomben, weil sie eingezogen wurden oder an den falschen Polizisten geraten sind. „Wenn der deine Nase nicht mochte, konnte es sein, dass du spurlos verschwindest, bis deine Familie irgendwann erfährt, du seist tot. Dann kam vor einigen Monaten der IS nach Idlib. Da war dann alles vorbei, wer fliehen konnte, floh.“

Ob ich vom IS gehört hätte, fragt er. „Niemand in Syrien versteht, was da vor sich geht, wirklich niemand“, sagt er kopfschüttelnd. Seine Eltern hätten Unterschlupf auf dem Land gefunden, zusammen mit seiner schwangeren Schwester, und zumindest die Söhne angefleht, das Land zu verlassen. Erst die beiden älteren, und wenn sie es überlebten, der jüngere. So machten sich Ahmad und sein Bruder schweren Herzens auf den Weg – mit Hilfe einer abzockerischen Schlepperbande, 10 Tage im Dschungel verstecken, eine dieser abenteuerlichen Geschichten.

„Es ist wie ein komischer Traum“ sagt er. Das spürt man, hinter der höflichen, aufgeweckten und tapferen Fassade wirkt Ahmad nervös und gedankenverloren. „Ich vermisse meine Familie, meine Uni, meine Freunde, die Straßen. Aber es ist halt Krieg dort. Und ich mag Deutschland auch sehr, vor allem Hamburg, ich würde gerne hierbleiben. Im Moment weiß ich noch gar nichts, ob ich bleiben darf, ob ich in eine andere Unterkunft muss, ob mein Bruder bleiben darf… nichts ist sicher, das macht mir Angst.“

Er will so schnell wie möglich arbeiten, und später fertig studieren.  „Dieses Nichtstun gerade ist überhaupt nichts für mich“. Ahmad hat nun eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre, aber noch keine Arbeitserlaubnis. „Ich würde erstmal jeden Job machen, Straßen fegen, mir egal.“ Er könne die Leute nicht verstehen, die herkommen, nur um Geld zu beziehen. „Ich bin nicht hier für’s Geld, meiner Familie geht es finanziell gut, ich bin hier für eine Zukunft.“ Ahmad fängt demnächst Deutschunterricht an, hat sich über Facebook bereits privat ein Sprachtandem und ein paar Leute zum Musizieren gesucht – er spielt Klavier. Ein Keyboard hat er bereits geschenkt bekommen. „Ich will so schnell wie möglich die Sprache lernen, mich integrieren, deutsche Freunde finden. Aber ihr Deutschen seid ja immer so busy busy busy“, sagt er und lacht.

„Manche Sachen machen mir ehrlichgesagt auch Angst hier. Ich habe neulich am Bahnhof eine Jugendliche gesehen, die ihren Vater angeschrien hätte. In Syrien tun wir, was unsere Eltern sagen. Was wenn ich hier mal eine Familie gründe, und meine Tochter mich auch so anschreit?“

Aber das Thema eigene Familie sei eh noch nicht aktuell. Eine Freundin hatte Ahmad bisher nicht. „In Syrien spricht man ein Mädchen nicht einfach an, um sie kennenzulernen, dann wirst du komisch beäugt. Stattdessen gehst du zu ihren Eltern und fragst, ob du sie heiraten darfst.“ Ich schmunzel und erzähle ihm, dass sich bei uns die Leute immer erst acht Jahre kennenlernen wollen, bevor sie heiraten. Er lacht und sagt, das fände er besser, man soll sich schließlich auch lieben, wenn man heiratet. Ob er seine Eltern herholen will, frage ich „Ach ich weiß nicht. Einerseits ja, weil ich will, dass sie sicher sind. Aber ich weiß sie wären nicht glücklich hier. Mein Vater ist so einer, der geht zu Hause über die Straße und redet mit jedem, kennt jeden. Hier wäre er einsam.“

Als wir uns verabschieden, dankt er mir, dass er mir das erzählen durfte. Dabei habe ich doch zu danken. „Es war gut darüber zu reden“, sagt Ahmad. „Ich hoffe, hier kann es gut werden für mich und meine Familie, und ich schaffe es, mich einzuleben.. es ist alles so anders als zu Hause“. Mich überfällt erneut das Bedürfnis, ihm zu sagen, dass er sich etwas Zeit geben soll. „Wenn ich erst seit vier Wochen in deinem Land wäre, ich wäre völlig wirr im Kopf“, sage ich. Er lacht.

Als ich am Ende ein Foto von ihm schießen möchte, interessiert sich Ahmad sofort für meine Kamera. „Wieviele Megapixel? 18, cool. Ich würde auch gern Fotos machen.“ „Du, ich habe noch meine alte Digitalkamera zu Hause rumliegen, die kannst du gerne haben“. „Nein, nein“, wehrt er ab, „wenn dann möchte ich dir etwas dafür bezahlen, und das ist im Moment schwer.“ Wir einigen uns darauf, dass ich sie ihm leihe.

Das Interview führte ich mit Ahmad auf Englisch und habe es frei übersetzt. Ahmads Englisch ist gut – sein Vater ist Englischlehrer.

Si-o-se Pol – Die letzten Tage des Parvis Karimpour (UPDATE)

Ramin Yazdani in einer Szene von „Si-o-se Pol – Die letzten Tage des Parvis Karimpour“

UPDATE : Grossartigst! Das hamburger Road Movie “Si-o-se Pol”, das höchst erfolgreich auf vielen renommierten internationalen Filmfestivals in Europa, den USA und in Asien läuft und dabei viele Preise bisher gewonnen hat, hat nun auch in Südkorea beim großen Filmfestival den FRIEDENSNOBELPREIS FÜR FILM gewonnen, den 4th Kim Daejung Nobel Peace Film Art Special Award 2014. Ganz herzliche Glückwünsche an den Autor und Regisseur Henna Peschel aus Hamburg und sein Team!! Wir freuen uns sehr!!!

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„Si-o-se Pol“ ist ein Road Movie und ein Drama über Flucht und Freundschaft im Migrantenmilieu, das momentan höchst erfolgreich auf vielen internationalen renommierten Filmfestivals in Europa, den USA und in Asien läuft. Vor Kurzem gewann das beeindruckende Portrait eines Flüchtlings, der nach Europa kommt, den Großen Preis auf dem 2014 Arizona International Film Festival. Gratuliere dem Regisseur Henrik Peschel und der Produktion aus Hamburg!

Ich hatte schon vorvergangenes Jahr während der Dreharbeiten einiges über den Film gehört und war sehr gespannt, was dabei herausgekommen ist. Deshalb stelle ich heute „Si-o-se Pol“ vor:

Bevor der todkranke Parvis Karimpour (Ramin Yazdani) stirbt, will er sich mit seiner Tochter Nasrin aussöhnen. Illegal reist er mit einer Gruppe von Flüchtlingen in Spanien ein. Er schlägt sich nach Madrid durch, wo er seine aus dem Iran geflohene Tochter vermutet.

Er findet Zuflucht in der von einer Wirtschaftskrise schwer angeschlagenen Metropole. Hier begegnet er zwei Migranten, die ebenfalls in Schwierigkeiten stecken. Der Italiener Fabrizio (Christian Concilio), ein gescheiterter Pianist, hält sich mit Putzjobs über Wasser. Almut (Pheline Roggan) hingegen, eine verwöhnte junge Deutsche, ist ihrem Freund nach Madrid gefolgt. Sie sucht ihren Platz im Leben und träumt davon, einen Schmuckladen aufzumachen.

In der Suche nach der verlorenen Tochter finden die Drei eine gemeinsame Aufgabe. Parvis schöpft wieder Hoffnung. Mit seinem Optimismus reißt er Fabrizio und Almut aus ihrer Lethargie. Einem neuen Hinweis folgend machen sich die Drei in Almuts Auto Richtung Norden auf.

Henrik Peschel, Montblanc-Drehbuchpreisträger beim Filmfest Hamburg, drehte 2012 an Originalschauplätzen in Spanien und Frankreich. Nicht zuletzt ganze sieben im Film gesprochene Sprachen zeigen, in, wie Einwanderung 2012 in Europa konkret aussieht. Die Dialoge sind in Deutsch, Englisch, Spanisch, Persisch, Arabisch, Französisch, Italienisch mit deutschen Untertiteln. Gedreht wurde an Drehorten in Madrid, Valencia, Vernet-les-Bains in High-end Cinemascope und HD.

Die Hauptrollen besetzte er mit erfolgreichen Kinoschauspielern wie Ramin Yazdani (Iron Sky) und Pheline Roggan (Soul Kitchen, Russendisko), die Nebenrollen mit erfahrenen spanischen Schauspielern, wie z.B. Abdelatif Hwidar (Goya-Preisträger 2008). Für die Bildgestaltung zeichnet Kristian Leschner verantwortlich (Kamera für Grimme-Preisträger 2012 & 2013 „Der Tatortreiniger“).

Erstaunlich aufwendig für eine Produktion aus Hamburg, die nicht über Budgets im Hollywood-Format verfügt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und braucht keinen Vergleich zu scheuen. Ganz im Gegenteil. Gesucht wird noch ein deutscher Verleih, damit er auch in unsere Kinos kommen kann.

 

 

Interview mit Regisseur und Drehbuchautor Henrik Peschel:

Herr Peschel, wie sind Sie auf die Idee zu „Si-o-se Pol“ gekommen?

Als ich bei einer Recherche-Reise das alte Madrider Arbeiterviertel Lavapies kennenlernte, kam mir die Idee, meine Geschichte dort anzusiedeln. Ich wollte ursprünglich über einen Flüchtling schreiben, der unter Lebensgefahr nach Europa kommt. Doch in Spaniens Hauptstadt wurde mir klar, dass das, was dort passiert, noch spannender sein könnte. Mittlerweile leben dort über eine Million Migranten aus Asien, Nahost und Südamerika, ein großer Teil davon illegal und ohne Papiere. Das alte Innenstadt- Viertel Lavapies mit seinen bröckelnden Fassaden ist so groß wie eine deutsche Kleinstadt. Hier finden die Illegalen Unterschlupf und versuchen, irgendwie zu überleben. Doch trotz aller Probleme herrscht eine friedliche, wenn gleich chaotische Atmosphäre. Man hilft sich untereinander, so gut es geht, obmit Jobs, Unterkunft oder Kontakten. Diese Solidarität hat mich inspiriert.

Welche Kernbotschaft hat Si-o-se Pol?

Egal wie weit der Weg ist, in diesem Fall ja mehrere tausend Kilometer aus dem Iran nach Europa, es lohnt sich immer, alles zu versuchen, um sein Ziel zu erreichen. Parvis sucht in Spanien seine einzige Tochter und findet dort neue Freunde. Selbst halb verhungert hat er doch immer ein Ohr für den depressiven Ex-Pianisten Fabrizio und für die junge Almut, die sich in der fremden Metropole von ihrem Manager-Freund alleingelassen fühlt. Vielleicht rettet Parvis ihr sogar das Leben. Freundschaft, Solidarität und echtes Interesse sind das, was wir immer geben können und was die Menschen oft so sehr vermissen.

Wofür steht der Filmtitel Si-o-se Pol?

Si-o-se Pol ist das persische Wort für die „33-Bogen-Brücke“, ein mächtiges Bauwerk in Isfahan. Es ist mehrere hundert Meter lang und gilt unter Architekten als eine der schönsten historischen Brücken der Welt. Die Hauptfigur Parvis kommt aus Isfahan und hat wunderschöne Kindheitserinnerungen an die Brücke.

Welchen persönlichen Bezug haben Sie zu der Migrations-Thematik?

Ich arbeitete 2003 als Kameramann an einem Dokumentarfilm für das ZDF in Süd-Ost-Asien mit. Dort lernte ich das erste Mal persönlich Flüchtlinge kennen. Mich beeindruckte ihr grundsätzlich positives Denken, obwohl manche Anlass gehabt hätten, den Kopf hängen zu lassen. In den Slums der indonesischen Hauptstadt Djakarta z.B. ist die Hilfsbereitschaft einiger Bewohner so groß, dass sie sich in Vereinen für obdachlose Straßenkinder engagieren, obwohl sie selbst fast mittellos sind. Etwas, das wir meiner Meinung nach in Deutschland so nicht kennen.

Was waren Ihre Beweggründe, einen iranischen Flüchtling als Hauptfigur zu wählen?

Bei meinen Recherchen und Interviews mit Flüchtlingen und Exilpolitikern in Deutschland hörte ich aufwühlende Geschichten über die Lage Oppositioneller im Iran. Menschenrechte werden oft komplett missachtet. Insbesondere nach der gescheiterten „grünen Revolution“ 2009 wurden die Verfolgung und die Lage in den Gefängnissen immer schlimmer. Mich haben diese Missstände sehr berührt, und ich entschloss mich, sie zum Auslöser meiner Geschichte zu machen.

Spanien steckt gerade in einer wirtschaftlichen Krise, wie war die Stimmung während des Drehs vor Ort?

Viele Spanier sind arbeitslos und auf dem Sprung, ihre Heimat zu verlassen. Sie fragten uns oft nach persönlichen Kontakten zu deutschen Firmen, bei denen sie sich gerne bewerben würden. Auch viele renommierte Schauspieler haben immer weniger zu tun. Mit Begeisterung wurde unsere Geschichte aufgenommen und man unterstützte uns, in dem wir z.B. kostenlos in Locations wie Restaurants oder Läden vor Ort drehen durften.

Wie haben Sie die Arbeit mit dem deutsch-spanischen Team erlebt?

Sprachlich lief es nahezu reibungslos, da fast alle etwas Englisch sprachen und dolmetschten zwischen Deutschen, Spaniern, Italienern, Persern und Arabern. Die Afrikaner sprachen fast nur Französisch, aber verstanden trotzdem meine Regieanweisungen und waren voll engagiert.

Warum haben Sie die Hauptrolle mit Ramin Yazdani besetzt?

Ramin Yazdani umgibt eine Aura der Lebensweisheit. So konnte er die Figur des Parvis, die von großer Hoffnung geprägt ist, glaubhaft darstellen. Darüber hinaus besitzt Ramin das seltene Talent, kleine, feine Gesten anzubieten, die im Kino viel besser funktionieren als der große, ausholende Auftritt.

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Wie konnten Sie die bekannte Schauspielerin Pheline Roggan für Ihren Film gewinnen?

Pheline Roggan war fasziniert davon, wie aktuell die Geschichte die Krise in Südeuropa zeigt. Es reizte sie, mit der Rolle der Almut die Abgründe eines verzweifelten Menschen auszuloten.

Der Film ist visuell sehr ansprechend. Was schätzen Sie an dem renommierten Kameramann Kristian Leschner?

Kristian Leschners Bildsprache beruht auf Reduktion. Er hat mit passenden Farben und viel vorhandenem natürlichen Licht eine Stimmung erzeugt, in der die Szenen glaubhaft wurden. Trotz der schweren und düsteren Geschichte gelang es Kristian, die Landschaften Spaniens in leichten,schwerelosen Bildern zu zeigen.

Erstmalig haben Sie einen Film für ein internationales Publikum gedreht.

Die Botschaft des Films ist universell und hoffentlich überall verständlich: Es gibt immer Hoffnung auf Freundschaft. Auch unter widrigsten Umständen kann man etwas für andere tun und Mitgefühl zeigen.

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Henrik Peschel, genannt Henna, geboren 1967 in Hamburg, arbeitet seit Anfang der 1990er Jahre im Filmgeschäft. Das Filmemachen hat er sich autodidaktisch angeeignet. Zunächst begann er mit Musikvideos für Tocotronic und Frank Black von den Pixies. Mit seinen Anfang der 1990er Jahre auf Super-8 gedrehten Kurzfilmen „Rollo Aller!“ und „Rollo Aller! 2“ über zwei sympathische Loser, die der Gesellschaft entfliehen wollen, erreichte Peschel in Hamburg Kultstatus. Musiker, Autor und Entertainer Rocko Schamoni spielt eine der Hauptrollen.

Anfangs drehte er oft mit kleinem Team und übernahm viele Funktionen selbst. Wie in den Filmen von Klaus Lemke, bei dem er in zwei Produktionen die Kamera führte, wirkten in Peschels Filmen oft Laiendarsteller mit, es wird an Originalschauplätzen und auch spontan und improvisiert gedreht. Sein Schauspielerensemble setzte sich anfangs zum Teil aus Musikern der Hamburger Musikszene und sogenannten Hamburger Schule zusammen. Den anderen Teil bilden renommierte deutsche Theater-, Film- und Fernsehschauspieler, wie zum Beispiel Adam Bousdoukos, Timo Jacobs oder Uli Pleßmann.

Mit der Produktion von „Si-o-se Pol“ fand 2012 ein Umbruch in Peschels Arbeitsweise statt. Als Kameramann gewann er Kristian Leschner, der die Kamera bei der 2012 und 2013 mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Serie „Der Tatortreiniger“ führte. Alle Rollen besetzte er mit professionellen Schauspielern wie Ramin Yazdani, Pheline Roggan, Christian Concilio, sowie dem Goya-Preisträger Abdelatif Hwidar. Mit der an Originalschauplätzen gedrehten Geschichte eines illegal nach Spanien eingereisten persischen Flüchtlings greift er in „Si-o-se Pol“ ein aktuelles Thema auf.

Seine Arbeit wurde u.a. mit dem Montblanc Drehbuchpreis beim Filmfest Hamburg ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm „Punk im Dschungel“ (Kamera Henrik Peschel) war 2008 in der Kategorie „Information & Kultur“ für den Adolf-Grimme-Preis nominiert. Peschel veranstaltet jährlich in Hamburg ein Filmfestival mit dem Titel Elbblick. Er war Jurymitglied beim Filmfest Hamburg und Unerhört – Das internationale Musikfilmfestival.

Alle Fotos und der Filmtrailer mit freundlicher Genehmigung der Filmproduktion Five Seven Films UG, Hamburg.

Hamburg im Sommer: Kulturtipps für die beste Zeit, die Stadt zu genießen (No. I)

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„A PARADISE BUILT IN HELL“, Ausstellungsansicht (Foto Fred Dott)

So langsam verabschieden sich die meisten Hamburger in die Ferien. Die Stadt leert sich sichtbar. Die beste Zeit, den summer in the city entspannt zu genießen. Die Galeristin Nanna Preußners empfiehlt einen Besuch in der aktuellen Ausstellung A PARADISE BUILT IN HELL, die noch bis zum 7. September im Kunstverein zu sehen ist.

Frau Preußners, warum empfehlen Sie einen Besuch der Ausstellung A PARADISE BUILT IN HELL?

Bei der Ausstellung handelt es sich um ein Konzept einer diskursiven Vermittlung filmkünstlerischer Arbeiten. Bettina Steinbrügge, die neue Direktorin des Kunstvereins, ist eine neugierige Frau, die das Geschehen, die Energie der Gegenwart in Kunst und Gesellschaft zu verstehen versucht und den Ausstellungsort als Experimentierfeld versteht. In der eigens für diese Ausstellung konzipierten Architektur werden im Laufe des Sommers über 70 Filme im 16mm-Format gezeigt. Täglich um 18 Uhr wird ein neuer Film gezeigt, beispielsweise am 12.7. STATE LEGISLATURE von Frederick Wiseman, oder am 13.7. IN DIE ERDE GEBAUT von Ute Aurand. Erstaunlich sind Fülle und inhaltliche Tiefe im Umgang mit dieser analogen Filmtechnik in der heutigen Filmproduktion. Als Besucher haben wir die Möglichkeit nach jeder Filmvorführung mit den jeweiligen KünstlerInnen, FilmemacherInnen und TheoretikerInnen zu diskutieren, die über Skype zugeschaltet werden. Das ist wirklich etwas ganz Besonderes!

Und mit welchem Programm eröffnet Ihre Galerie nach der Sommerpause?

Damit das Sommerloch nicht zu langweilig wird, zeige ich vom 12. bis 30. August in der Ausstellung WHITE SENSATION ausschließlich weiße Arbeiten meiner drei Galeriekünstler Joe Barnes, Mats Bergquist und Angela Glajcar. Das zentrale Thema der Ausstellung ist es, die unbunte Farbe Weiß in vielen ihrer möglichen Schattierungen, farbigen Nuancen und lichtbedingten Veränderungen als eine Möglichkeit der Kunst in ihren Grundbegriffen zu erleben. Am 22. August öffnen wir drei Galeristinnen im Galeriehaus Klosterwall 13 unsere Türen für ein Sommerfest, zu dem Sie herzlich eingeladen sind! Und am 12. September starten wir gemeinsam mit weiteren Galerien im Kontorhausviertel in die Herbstsaison. Ich zeige erstmalig in einer Einzelausstellung Werke des Bildhauers Jo Schöpfer. Darauf freue ich mich schon sehr!

A PARADISE BUILT IN HELL, noch bis 7. September im Kunstverein, Klosterwall 23 (1. Stock), Di bis So 12 bis 18 Uhr