Hamburger Künstler für die Flüchtlingshilfe

Sieben Altonaler Künstler spenden ihre Werke für die  Flüchtlings-Notunterkunft in Osdorf, Altona.

Christiane Maria Luti, Astrid Krüger, Anna Hohlmeier, Volker Burk, Peter Märker, Julia Waller, Gabriele Wening

Die Werke werden in einer Benefiz-Auktion versteigert.
Im Rahmen der Auktion können dank der teilnehmenden Künstler hochwertige und zeitgenössische Kunstwerke der hamburger Künstler zu attraktiven Preisen ersteigert werden.

Die Versteigerung findet in der Gemeindehalle der St. Petri Kirche in der Schmarjestrasse am Sonntag den 03.April um 15.00 Uhr statt.
Der erzielte Auktionserlös geht als Spende an den Malteser Hilfsdienst für Flüchtlinge, der die Notunterkunft betreut.

Versteigert werden 40 unterschiedliche Werke.

Freuen Sie sich auf einen spannenden Sonntag für einen Guten Zweck und entdecken Sie interessante Künstler von neben an!

Wir freuen uns, wenn Sie mit Ihrem Dabeisein die Notunterkunft unterstützen und diese Information weiterleiten.

 

IMG_4656

IMG_4657


IMG_4666 IMG_4662IMG_4655

 

 

 

 

 

 

 

Hamburg, Liebe ist pfandtastisch!

Eine Valentinstags-Aktion für Hamburgs Pfandsammler.

Spitzen Aktion für Hamburgs Pfandsammler und Obdachlose von leev, der Made in Hamburg Apfelsaftmanufaktur. Sie haben in ganz Hamburg Buddeln mit einem kleinen Valentinsgruß an über 250 Mülleimern platziert.

Denn „leev“, das bedeutet „Liebe“ auf Plattdeutsch. Ein Share von Euch auch, für die Aktion.

Alle Infos zur Aktion und Interviews mit Hamburger Pfandsammlern findet Ihr hier.

Angst essen Seele auf

Bildkorrektur_JensHarder

 

Angst ist ein schlechter Ratgeber haben sich ein paar begabte Zeichner und ein Journalist gedacht. In verschiedenen Arbeitskonstellationen haben sie Fakten rund um Flüchtlinge und Deutschland recherchiert um die 15 wichtigsten Besorgnisse zu entkräften. Nicht mit Parolen sondern mit Wissen und der ausdrücklichen Bitte dies zu teilen.* Hinter Bildkorrektur stecken: Aike Arndt, Tim Dinter, FÖRM, Hamed Eshrat, Serafine Frey, Matthias Gubig, Jens Harder, Jim Avignon, Alex Jordan, Alexandra Klobouk, Sebastian Lörscher, Mawil, Moritz Stetter, Henning Wagenbreth, Barbara Yelin und Felix Denk (Journalist, Text und Recherche).

  • * Bitte Teilen, please share, it´s creative common! (cc BY-NC-ND)

Ein besonderer Jazzabend: Dini Virsaladze in Hamburg

 

Dini ist eine bekannte Jazz Pianistin aus Tbilisi (Tiflis, Georgien). Sie musizierte schon oft mit weltbekannten Musikern wie: Amit Chatterjee (Vokalist & Guitarist in Joe Zawinul’s „Syndicate“), Manolo Badrena (Percussionist in Joe Zawunul’s „Weather Report und später „Syndicate“; Mitchell Long, Harry Smith, Rain Sultanov, Walter Sitz (Schlagzeuger), Christian Wendt (Bassist), Alex Han (Saxophonist, Marcus Miller’s Band), Roberto Puggioni…

dini7_n

Am 29. Januar ab 21:00 Uhr, wird Dinni eine Jamsession im Galerie und Jazzclub Nancy Tilitz spielen. Dieser Club ist für viele Hamburger noch ein Geheimtipp, erfahren sie hier mehr über den Jazzclub.

Dies wird ein erlebnisvoller Abend, nicht nur für Jazzliebhaber.

Die Nancy Tilitz Galerie befindet sich am Dammtorbahnhof, Hintereingang, außen neben der Effenberger Backerei.

Kein Eintritt / mit Spendenbasis.

Für Rückfragen stehe ich ihnen jederzeit zur Verfügung: Tel 040 2299010 Mobil 0179 5133146 www.nancy-tilitz.de www.fancynancy.de oder 0171 851 3635.

 

 

The Man Who Fell to Earth

wenn4189617-620x400

 

Autor: Ryan Gresham. Of all of David Bowie’s trippy musical sojourns throughout the years, his German version of the song Heroes still stands out. Maybe the sadness and resignation of bits like the famous signature refrain – “We could be heroes, just for one day” – simply works better in German, the rougher cadences capturing the song’s grittiness and melancholy better than the softer syllables of the original English. Or maybe the German version just feels right, for the obvious reason that the song’s protagonists seem to find themselves floundering in a divided Berlin in the middle of the Cold War.

I really don’t know. I also didn’t know Bowie had cancer (did you?), which is why the news of his passing yesterday came out of absolutely nowhere.

Even though he had released a new album on his birthday just a few days ago, Bowie had pretty much faded from my radar over the past few years. But in my head he remained the way he had always been: an ever-present fixture – someone who’d surely always be around when we needed him, as immovable, as indestructible, as music itself. So now it’s surreal that he’s gone.

The German Foreign Office sent out a Tweet in English yesterday: “Goodbye, David Bowie. You are now among Heroes. Thank you for helping to bring down the wall.”

Bowie did indeed have a thing for Germany. He lived in Berlin during the wild 1970s, bunking with Iggy Pop and pedaling his bike regularly around Schöneberg and Kreuzberg. He recorded Low and Heroes there. Maybe that’s why Heroes, the song, works so well in German. The title is, after all, a nod to Kraftwerk’s spin-off band, Neu!, and clearly the swirling angst of a still divided German capital had settled firmly into Bowie’s psyche and songs.

When Bowie preened and posed through his now legendary set at The Concert for Berlin near the Reichstag later in 1987, thousands of Germans trapped behind the wall in the East crowded in close to hear Ziggy Stardust croon from the other side, the free and hopeful and magical side just a few scant meters beyond the concertina wire. And, as the story goes, some wept, and Bowie wept, and a kind of electrical charge zapped through East Berlin, jolting a demoralized people clamoring in unison for real heroes.

Not to force the metaphor too much, but David Bowie helped bring down a few walls – some musical, some cultural; and yeah, also, quite possibly, one a massive eyesore of Soviet masonry that had once sliced Germany’s capital in two.

Goodbye, David Bowie. And yes, vielen Dank.

 

Warum reden wir nicht darüber, was uns wirklich bewegt?

Jetzt, da das Jahr zu Ende geht und die Besinnlichkeit kommt, häufen sich die Einladungen. Schön eigentlich. Aber dann sitze ich da, auf Partys oder an langen Tafeln und höre mir Geschichten an, die mich nicht interessieren, nicke, lächle und will eigentlich lieber nach Hause. Das klingt hart, aber je älter ich werde, desto kostbarer wird meine Zeit und die Frage, mit wem und wie ich sie verbringen will, steht im Raum. Früher, als es Zeit im Überfluss gab (vermeintlich), war das egal. Ein verlangweilter Abend, was machte das schon? Das ist heute anders. Ich liebe anregende Gespräche, liebe es, die vielen Fragen, die ich an das Leben habe, mit anderen zu wälzen. Doch ich stelle fest: In den wenigsten Runden kommt es dazu. Anekdoten werden ausgetauscht. Erlebnisse erzählt, ausführlichst, alltägliches Dit und Dat, keiner kennt die Leute, die darin vorkommen, nichts davon berührt die essentiellen Fragen des Lebens, und ich frage mich: Ja, so what? Da draußen rockt das Leben und wir ergehen uns im: Als ich neulich mal in Bergedorf war, oder  wie die Telekom mal wieder diesen doofen Brief geschrieben hat. Mich langweilt das. All diese Erlebnisse habe ich selbst, und ich finde sie nicht so interessant, anderen davon zu berichten. Vielleicht ist das normal, aber ich finde: Die Zeit ist zu kostbar, um sie damit zu verschwenden. Warum reden wir nicht über die wichtigen Dinge: Wovon träumen wir? Was macht uns Angst? Was bewegt uns, wenn wir nachts nicht schlafen können? Welche Fragen wälzen wir? Welche Unsicherheiten, welche Ängste, welche Erkenntnisse bewegen uns? Warum reden wir so wenig darüber? Das könnte so erhellend und interessant sein.  Wie anregend könnte das sein. Gerade jetzt in der Adventszeit, der Zeit der Besinnung. Manchmal habe ich den Eindruck, dass es eine Disziplinlosigkeit des Redens gibt. Dass wir uns zu wenig Gedanken darüber machen, was wir miteinander wollen, was wert ist, ausgetauscht zu werden und was nicht. Man hockt halt beieinander und sabbelt drauf los. Dabei hätten wir einander doch viel mehr zu geben. Und anderen, die unsere Aufmerksamkeit nötig haben, auch.

Haben auch Sie Lust, neue Leute kennenzulernen?

restaurant-690975_640

 

Es wird Herbst. Zeit für Begegnungen, und der Elbsalon öffnet seine Tür: Dinner for ten.

Wir suchen zehn Hamburger, die neugierig auf neue Leute sind. Die gemeinsam mit uns an einem Tisch sitzen, essen, trinken, reden, lachen, sich vergnügen wollen.

Ein Salon nicht virtuell, sondern in echt.

Wann? Am 6. November.
Wo? An einem tollen Ort in Hamburg, den wir rechtzeitig bekannt geben.
Wer? Fünf Frauen und fünf Männer, eher 55 als 35, eher ungebunden als verbandelt.
Und dann? Ein Stammtisch? Neue Freunde? Neue Liebe? Wir sind offen.

Haben Sie Lust, dabei zu sein? Dann senden Sie uns eine Email mit ein paar Sätzen über sich an: info@elbsalon.de. Wir freuen uns.

Liebe Elbsalon-Leser,
herzlichen Dank für die vielen Anmeldungen zum ersten „Dinner for ten“. Wir haben unter allen, die sich bis jetzt angemeldet haben, zehn Teilnehmer ausgelost, die wir per Email benachrichtigt haben. 
Wir freuen uns auf den Abend!

Der Wert des Scheiterns

Wir, Sabine und Saskia, sind Mutter und Tochter. Manchmal schreiben wir gern zusammen und ergründen die einfachen (und wichtigen) Fragen des Lebens. Zwei Generationen, ein Thema.

Die Tochter. Dieses Video kann man sich kaum anschauen, ohne sich zu verlieben. Es handelt sich um die Abschlussrede der Harvard-Universität 2008, gehalten von J.K. Rowling, Autorin der Harry Potter Bücher. Was für eine starke, kluge, wortgewaltige, charmante Frau!

Diese Rede schickte mir vor sechs Jahren anlässlich unseres Diploms ein Freund von mir per Email. Seitdem höre ich sie regelmäßig bestimmt zweimal im Jahr, und bin jedesmal wieder verzaubert.

Die Rede hat zwei Teile – beide fantastisch, beide hochaktuell – heute spreche ich über den ersten: „the benefits of failure“ – der Wert des Scheiterns. Jeder junge Mensch sollte diese Rede hören. Wäre ich Lehrerin, würde ich sie ins Curriculum aufnehmen.

Hier ein Auszug, frei übersetzt (jedem, der Englisch versteht empfehle ich das unübertreffliche Original, s.o.)

“Ich habe nur sieben Jahre nach meinem Abschluss, an jedem normalen Maßstab gemessen, auf gigantische Weise versagt. Eine sehr kurze Ehe ist gescheitert, ich war arbeitslos, musste alleine für ein Kind sorgen und ich war so arm, wie es im modernen Großbritannien möglich ist, ohne obdachlos zu sein. Die Befürchtungen, die meine Eltern meinetwegen hatten und die ich auch selbst hatte, waren wahr geworden – ich war in jeder Hinsicht die größte Versagerin, die ich kannte.

Ich werde hier aber nicht stehen und Ihnen erzählen, dass das Versagen Spaß macht. Dieser Abschnitt meines Lebens war düster. Ich hatte keine Ahnung, wie weit sich der Tunnel hinziehen würde, und für eine lange Zeit war jedes Licht am Ende  mehr eine Hoffnung als die Wirklichkeit.

Warum spreche ich also über die Vorteile des Versagens? Ganz einfach deshalb, weil Versagen bedeutet, dass man sich von allem Unwichtigem löst. Ich machte mir nicht mehr vor, jemand anderes zu sein, als ich war, und ich begann, meine ganze Energie in die einzige Arbeit zu stecken, die mir wirklich wichtig war. Wenn ich irgendwo anders Erfolg gehabt hätte, dann hätte ich vielleicht niemals die Entschlusskraft gefunden, in dem einen Gebiet erfolgreich zu sein, wo ich meiner Meinung nach wirklich hingehörte. Ich war frei, denn ich meine größte Angst war Wirklichkeit geworden, und ich war immernoch am Leben, hatte immernoch eine Tochter, die ich über alles liebte, und ich hatte eine Schreibmaschine und eine große Idee. Und so wurde der Tiefpunkt zu dem festen Grund, auf dem ich mein Leben wieder aufgebaut habe.

Sie werden vielleicht niemals so sehr versagen wie ich, aber bis zu einem gewissen Grad ist es unvermeidlich. Ein Leben, in dem man niemals versagt, ist unmöglich. Außer man lebt so vorsichtig, dass man auf das Leben gleich hätte verzichten können – und in diesem Fall hat man ohnehin versagt.”

Erstmal sacken lassen. (Über den zweiten ebenso hochaktuellen, Teil „the importance of imagination“ – die Wichtigkeit der Vorstellungskraft, sprechen wir vielleicht ein andermal…)

Die Mutter. Warum sollte nur jeder junge Mensch diese Rede hören? Scheitern ist ein Thema, das sich durchs ganze Leben zieht. Was ist Scheitern? Versagen. An seinen Zielen vorbeischrammen, und zwar total. Mit dem, was man wollte, in einer Sackgasse enden. Erwartungen enttäuschen, fremde wie eigene. Man schämt sich, nicht mehr so toll dazustehen, wie man sich gern sehen würde. Man schämt sich, dass andere einen sehen und denken könnten: du Wurm. Es gibt so viele, die aus dieser Angst heraus an falschen Jobs oder unglücklichen Beziehungen festhalten. Man könnte denken, sie seien gescheitert, wenn sie sagen, dass sie so nicht mehr leben wollen oder dass sie sich geirrt haben oder dass dies der falsche Weg war. Außerdem können sie ja nicht wissen, ob ein anderer Weg/Job/Beziehung nicht auch im Unglück endet – auch da lauert die Angst vorm Scheitern. Wenn man ganz dicht mit der Lupe dort heran geht, sieht man, dass es die Angst ist, aus allem herauszufallen,  was einen hält; dieses Stück Sicherheit, das man selbst im unglücklichen Leben verspüren kann, das hätte man dann nicht mehr. Wir denken, wir fallen ins Nichts, wenn wir scheitern.

Das Wunderbare an Rowlings Rede ist, dass sie in dieses Nichts hineinleuchtet und beschreibt, was sie damals darin  fand: nicht nichts, sondern sich selbst. Den unverstellten Blick darauf, wer sie war, was sie konnte, was sie hatte. Da war ein Boden, auf dem sie anfangen konnte. Diese Rede sollte jeder lesen, der davon träumt, neue Wege zu beschreiten und Angst davor hat, sich in Ungewisse zu wagen. Viele, die sich in ihrem Job, ihrer Beziehung, ihrem alltäglichen Leben gefangen fühlen, könnten Mut daraus schöpfen, ihr Leben zu verändern. Jeder Burnoutkandidat sollte sie lesen. So gesehen ist diese Rede hochaktuell.

„Es ist alles wie ein Traum“

Ich treffe mich mit Ahmad in Altona.  Anfangs starrt er auf sein Handy und ist sehr unruhig. Ich möchte ihm eine Rhabarberschorle aus dem Edeka mitbringen, er lehnt dankend ab. „Bevor mein Bruder sicher bei mir ist, kann ich irgendwie gar nichts zu mir nehmen – ich habe riesige Angst um ihn, er ist erst 16.“ Sein Handy vibriert und klingelt laufend. Er entschuldigt sich. „Das sind meine Eltern, die machen sich solche Sorgen“.

Ahmad ist 22 und seit vier Wochen in Hamburg. Er wohnt in einer Unterkunft im Hamburger Norden, zusammen mit seinem älteren Bruder. Sein jüngerer Bruder (16) ist vor ein paar Tagen in Wien gelandet und hat kein Geld für ein Ticket nach Hamburg, er schläft  auf der Straße. Ahmad ist ununterbrochen am Organisieren. Noch während wir sprechen, findet sich über die Facebookgruppe „Unterstützung für Flüchtlinge – Netzwerk Hamburg“ eine Mitfahrgelegenheit einen Tag drauf. Ahmad fällt sichtlich ein Stein vom Herzen.

Wir laufen die neue große Bergstraße entlang, setzen uns auf eine Bank.  „Ich hatte Angst, wie die Menschen mich hier aufnehmen, man hört ja einiges. Aber wir werden sehr nett und respektvoll von allen behandelt.“ In der Unterkunft teile er sich ein großes Zimmer mit neun weiteren Leuten. „Es ist ok, aber anstrengend, einige der Leute nerven ziemlich. Aber egal, besser als Krieg.“

Ahmad kommt aus Idlib in Nordsyrien. Er hat Jura studiert, noch ein Semester und er hätte seinen Abschluss gehabt. „Es war seit Jahren durch den Bürgerkrieg wirklich furchtbar in Idlib. Man musste  jeden Tag damit rechnen, dass man morgens zur Uni geht und abends nicht zurückkommt.“ Er zeigt auf einen Eisladen gegenüber von IKEA. „Stell dir vor, das Haus ist einfach morgen nicht mehr da.“ Viele Freunde seien gestorben, durch Bomben, weil sie eingezogen wurden oder an den falschen Polizisten geraten sind. „Wenn der deine Nase nicht mochte, konnte es sein, dass du spurlos verschwindest, bis deine Familie irgendwann erfährt, du seist tot. Dann kam vor einigen Monaten der IS nach Idlib. Da war dann alles vorbei, wer fliehen konnte, floh.“

Ob ich vom IS gehört hätte, fragt er. „Niemand in Syrien versteht, was da vor sich geht, wirklich niemand“, sagt er kopfschüttelnd. Seine Eltern hätten Unterschlupf auf dem Land gefunden, zusammen mit seiner schwangeren Schwester, und zumindest die Söhne angefleht, das Land zu verlassen. Erst die beiden älteren, und wenn sie es überlebten, der jüngere. So machten sich Ahmad und sein Bruder schweren Herzens auf den Weg – mit Hilfe einer abzockerischen Schlepperbande, 10 Tage im Dschungel verstecken, eine dieser abenteuerlichen Geschichten.

„Es ist wie ein komischer Traum“ sagt er. Das spürt man, hinter der höflichen, aufgeweckten und tapferen Fassade wirkt Ahmad nervös und gedankenverloren. „Ich vermisse meine Familie, meine Uni, meine Freunde, die Straßen. Aber es ist halt Krieg dort. Und ich mag Deutschland auch sehr, vor allem Hamburg, ich würde gerne hierbleiben. Im Moment weiß ich noch gar nichts, ob ich bleiben darf, ob ich in eine andere Unterkunft muss, ob mein Bruder bleiben darf… nichts ist sicher, das macht mir Angst.“

Er will so schnell wie möglich arbeiten, und später fertig studieren.  „Dieses Nichtstun gerade ist überhaupt nichts für mich“. Ahmad hat nun eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre, aber noch keine Arbeitserlaubnis. „Ich würde erstmal jeden Job machen, Straßen fegen, mir egal.“ Er könne die Leute nicht verstehen, die herkommen, nur um Geld zu beziehen. „Ich bin nicht hier für’s Geld, meiner Familie geht es finanziell gut, ich bin hier für eine Zukunft.“ Ahmad fängt demnächst Deutschunterricht an, hat sich über Facebook bereits privat ein Sprachtandem und ein paar Leute zum Musizieren gesucht – er spielt Klavier. Ein Keyboard hat er bereits geschenkt bekommen. „Ich will so schnell wie möglich die Sprache lernen, mich integrieren, deutsche Freunde finden. Aber ihr Deutschen seid ja immer so busy busy busy“, sagt er und lacht.

„Manche Sachen machen mir ehrlichgesagt auch Angst hier. Ich habe neulich am Bahnhof eine Jugendliche gesehen, die ihren Vater angeschrien hätte. In Syrien tun wir, was unsere Eltern sagen. Was wenn ich hier mal eine Familie gründe, und meine Tochter mich auch so anschreit?“

Aber das Thema eigene Familie sei eh noch nicht aktuell. Eine Freundin hatte Ahmad bisher nicht. „In Syrien spricht man ein Mädchen nicht einfach an, um sie kennenzulernen, dann wirst du komisch beäugt. Stattdessen gehst du zu ihren Eltern und fragst, ob du sie heiraten darfst.“ Ich schmunzel und erzähle ihm, dass sich bei uns die Leute immer erst acht Jahre kennenlernen wollen, bevor sie heiraten. Er lacht und sagt, das fände er besser, man soll sich schließlich auch lieben, wenn man heiratet. Ob er seine Eltern herholen will, frage ich „Ach ich weiß nicht. Einerseits ja, weil ich will, dass sie sicher sind. Aber ich weiß sie wären nicht glücklich hier. Mein Vater ist so einer, der geht zu Hause über die Straße und redet mit jedem, kennt jeden. Hier wäre er einsam.“

Als wir uns verabschieden, dankt er mir, dass er mir das erzählen durfte. Dabei habe ich doch zu danken. „Es war gut darüber zu reden“, sagt Ahmad. „Ich hoffe, hier kann es gut werden für mich und meine Familie, und ich schaffe es, mich einzuleben.. es ist alles so anders als zu Hause“. Mich überfällt erneut das Bedürfnis, ihm zu sagen, dass er sich etwas Zeit geben soll. „Wenn ich erst seit vier Wochen in deinem Land wäre, ich wäre völlig wirr im Kopf“, sage ich. Er lacht.

Als ich am Ende ein Foto von ihm schießen möchte, interessiert sich Ahmad sofort für meine Kamera. „Wieviele Megapixel? 18, cool. Ich würde auch gern Fotos machen.“ „Du, ich habe noch meine alte Digitalkamera zu Hause rumliegen, die kannst du gerne haben“. „Nein, nein“, wehrt er ab, „wenn dann möchte ich dir etwas dafür bezahlen, und das ist im Moment schwer.“ Wir einigen uns darauf, dass ich sie ihm leihe.

Das Interview führte ich mit Ahmad auf Englisch und habe es frei übersetzt. Ahmads Englisch ist gut – sein Vater ist Englischlehrer.

Die heilende Wirkung des Aufribbelns

von 7. August 2015 0 No tags Permalink 23

Ich stricke gern. Und ich ribbel gerne alles wieder auf. Das muss ich von meiner Mutter geerbt haben – ich kann mich noch daran erinnern, dass sie früher viel gestrickt hat, dann irgendwann innegehalten und plötzlich alles wieder aufgeribbelt hat. Meinen Vater hat das wahnsinnig gemacht. Genauso macht es jetzt meinen Freund wahnsinnig, er kann das kaum mit ansehen. Es ist so… ineffizient. So wenig zielführend. Jaja. Was soll ich machen, ich bin meistens zu faul, mich an Strickmuster zu halten, und wenn ich’s tu, fühle ich mich von ihnen verhöhnt, weil alles ganz anders aussieht, als es soll. Will doch kein Mensch anziehen, so einen deformierten Labberschlauch, also schwupps, alles wieder aufgeribbelt.

Und ehrlichgesagt macht mir das ja auch Spaß. Kreieren, zerstören, kreieren, zerstören – ich glaube das ist sehr spirituell, was ich da tu. Neulich hab ich eine Folge House of Cards gesehen, in der Mönche im Weißen Haus ein Sandmandala gelegt haben. Diese unwahrscheinlich filigranen, meisterhaften Sandbilder, die über Tage oder gar Wochen penibel erschaffen werden – nur damit am Ende der Obermönch alles wieder wegwischt (so war es auch in der House of Cards Folge. Ich glaube die hocheffizienten White House Mitarbeiter on Speed konnten das auch kaum ertragen). Das soll einem die unausweichliche Vergänglichkeit aller Dinge verdeutlichen. Lehren, nicht an Materiellem festzuhalten.

Ähnlich ist das mit dem Aufribbeln. Eine perfekte Loslass-Übung, ganz stumpf und nebenbei, oder dass man angestrengt über’s Loslassen sinnieren muss. Ich kann das nur empfehlen, das lässt sich für Nicht-Stricker bestimmt auch auf andere Bereiche übertragen. Ich bilde mir ein, dass mir das auch in anderen Lebenssituation beim Loslassen hilft. Ob mein Freund jemals seinen Pulli bekommt ist eine andere Frage. Vielleicht sollte ich ihm einen kaufen.