Mehr Mut! Lachen wir der Angst ins Gesicht!

20 beherzte Tipps, wie wir mutiger werden können

  1. Engagiert euch. Übt Zivilcourage. Wenn ihr gegen Rassismus, Rechtsradikalität, und Ausländerfeindlichkeit seid, dann zeigt das und äußert eure Meinung.
  2. Legt los. Wählt auch mal einen harten Weg und tut das, was euch keiner zugetraut hat. Übt so lange, bis ihr es könnt. Jeder, der etwas besonders gut kann, hat es unendliche Male geübt. Das ist das ganze Geheimnis.
  3. Überwindet eure Ängste. Die meisten Ängste entstehen durch falsches Denken und falsche Angewohnheiten und werden auch dadurch aufrecht erhalten. Schaut eurer Angst ins Gesicht. Hinterfragt Erwartungen und Annahmen. Überwindet sie ein für alle Mal.
  4. Brecht aus eurer gewohnten Umgebung aus. Geht an Orte, an denen ihr noch nie wart. Macht etwas, was ihr noch nie getan habt. Routine führt euch immer und immer wieder an die gleichen Orte. Verlasst eure Komfortzone und gehet auf Entdeckungstour.
  5. Setzt euch für andere ein. Es gibt viele Menschen, die sich nicht verteidigen können, die nicht kommunizieren können und sich noch nicht einmal trauen, um Hilfe zu bitten oder ihre Rechte einzufordern. Helft ihnen.
  6. Haltet den Kopf hoch. Man muss nicht alle seine Emotionen zeigen, nicht jeder braucht immer zu wissen, wie es in eurem Innersten aussieht, wenn ihr eine beschissene Zeit durchmacht. Streckt euer  Kinn vor und guckt nach vorn. Es kommen wieder bessere Zeiten.
  7. Denken Sie dran: Es ist euer  Leben. Bleibt nicht beim Status Quo stehen. Überschreitet die unsichtbare, gedachte Linie und stellt euch vor, wer ihr sein möchtet. Wofür brennt ihr? Was sind eure geheimen Leidenschaften?
  8. Sucht die Nähe von Menschen, die euch gut tun. Befreit euch sich von schlechten Einflüssen. Sucht die Nähe von Menschen, die euch mitreißen, euch inspirieren, die positive Energie ausstrahlen, statt euch herunterzureißen.
  9. Steckt nicht den Kopf in den Sand. Wenn euch etwas unangenehm ist, ihr einfach zu faul seid, euch etwas lästig ist, obwohl es getan werden sollte und ihr euch nicht aufraffen könnt, gebt euch einen Ruck.
  10. Erkennt, wann Mut gefragt ist. Angst wird besonders dann virulent, wenn eigentlich Mut gefragt ist. Macht euch deshalb klar, wann ihr in einer “Mut-Probe” steckt. Akzeptiert, dass ihr durch eure Angst hindurch müsst.
  11. Seid optimistisch. Wer mutig sein will, muss darauf vertrauen, dass sein Gewinn größer ist als ein möglicher Verlust. Verstärkt deshalb eure Zuversicht, indem ihr eure Ziele fokussiert und Lösungen entwickelt. Dadurch verringern sich eure  Zweifel.
  12. Tut’s aus Liebe. Wer mutig sein will, braucht ein Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnt. Wenn die Liebe groß genug ist, sind wir bereit Opfer zu bringen. Das ist manchmal erforderlich, wenn wir mutig sein wollen. Das kann die Liebe zu einer Sache, zu anderen Menschen, oder zu sich selbst sein.
  13. Alle Sicherheit ist trügerisch. Lernt Unsicherheiten auszuhalten. Wir müssen eine Lücke zwischen dem, was war, und dem, was sein kann oder sein wird, ertragen können. Wer immer auf Nummer Sicher gehen will, statt ein Risiko einzugehen, wird niemals mutig sein.
  14. Macht eine Plan B. Falls ihr mit eurem Plan A scheitert, setzt euren Plan B um. Es gibt keine Garantien, dass immer alles glatt läuft. Natürlich ist es auch hilfreich, wenn man Menschen hat, auf die man im Notfall zählen kann.
  15. Schaut euch die Statistiken an, auch die eures eigenen Lebens. Meistens habt ihr wahrscheinlich die richtigen Instinkte bewiesen und alles ist gut gegangen. Wenn wir die Risiken richtig einschätzen, dann gelingt das Wagnis höchstwahrscheinlich auch diesmal.
  16. Werdet unabhängiger. Es ist schwer, mutig zu sein, wenn wir von etwas oder jemanden abhängig sind und uns abhängig fühlen. Dann wird unser ganzer Fokus eher darauf gerichtet sein, den bestehenden Status Quo zu sichern. Es kann aber immer etwas schief gehen. Partner trennen sich, man kann seinen Job verlieren. Gestaltet eurer Leben so, dass ihr auch alleine zu helfen wisst.
  17. Ignoriert die Ticks und Tricks des Körpers, der euch unter Umständen von feuchten Händen bis Herzrasen so ziemlich alles bescheren kann, um euch vom Handeln abzuhalten. Legt los, wenn der richtige Augenblick gekommen ist, dann schwinden diese Symptome.
  18.  Steigt euch Stück für Stück und ruhig langsam. Mut kann man üben. Geht in kleinen Schritten vor. Irgendwann werdet ihr zurückblicken und euch kaum erinnern, was euch eigentlich Angst eingejagt hat.
  19. Geht noch mal einen Schritt zurück und beginnt von vorn, wenn es sein muss. Niemand ist perfekt und oft prägt unsere Vergangenheit unsere Zukunft. Wenn wir  selbstsicher, wagemutig, liebevoll, mitfühlend und ehrlich sein wollen, dann müssen wir wahrscheinlich daran arbeiten. Aber irgendwann, vielleicht spät, aber nicht zu spät, holen wir uns unser Leben zurück.
  20. Ruht euch aus, wenn ihr es braucht. Aber gebt nicht auf und werft die Flinte nicht ins Korn.

Ach, wie verstörend, spannend, großartig ist doch das Älterwerden

Mein Lieblingsthema im Moment. Eigentlich ist das Älterwerden eine zutiefst demokratische Sache. Alle werden älter: der Postbote, das Baby, der Pubertärling, der Manager mit dem SUW, die jungen Frauen, die Nachbarn, ja, und ich. Endlich mal etwas, das wirklich jeden betrifft. Tolle Sache also.

Wenn ich, Ende 50, zurückgucke: So viel Wissen und Erfahrung gemacht, so viele Gedanken gedacht und Worte gesagt, Fehler gemacht, viel geschämt, gelernt daraus. Soviel geliebt, gelebt, mit Männern, ohne Männer. Ehen geschlossen, Ehen geschieden, mit Freundinnen gequatscht. Tonnen von Schuhen verschlissen, Hunderte Bücher gelesen. Geld verdient und Geld verzockt. Kinder groß gemacht, Chefs überlebt, Sträucher gepflanzt, zahllose Probleme gelöst und genauso viele geschaffen. Menschen genervt, Menschen getröstet, Liebe gefunden, Liebe verloren, kübelweise Tränen gelacht. Angst durchstanden, Zweifel zerkaut. Lebenslügen zerschreddert und falsche Erwartungen gleich mit. Welch ein Fundus an Sein!

Viel zu schade für „Anti Aging“, zu schade zum Wegglätten, weglasern, wegmachen. Warum soll ich so tun, als wäre ich nicht ich? Aber was bin ich denn nun? „Silver Surferin“, nee. „Seniorin“? Bitte nicht. Weder die praktische Kurzhaarfrisur, noch das Beige und der Gesundheitsschuh treffen mein Lebensgefühl. Ich will auch nicht auf Kreuzfahrt gehen, keine Fahrradtouren mit E-Motor machen. Ich lebe noch.

Wir haben keine Sprache für das Älterwerden, wir sind so unfassbar verkrampft. Wir belabeln das Älterwerden, als wäre es so eine Art Krankheit, als wäre es toxisch. Hallo!

Ich sehe anders aus als mit 30 und fühle mich schön, mein Hirn arbeitet frisch – ohne „trotzdem“. Ich habe eine Zukunft, die wird kürzer, aber das geht ja schließlich allen so, siehe oben. Sie ist deshalb nicht minder lebendig, nicht minder intensiv. Wie hat der wunderbare, kluge Roger Willemsen einmal gesagt: „Das Leben lässt sich nicht verlängern, aber es lässt sich verdichten.“

Wir können jede Sekunde damit anfangen, Neues beginnen. Sehnsüchte verwirklichen, in Angriff nehmen, was während der sogenannten Rush hour des Lebens zu kurz gekommen ist. Es war doch nie Zeit zwischen Kinder erziehen/Haus bauen/Job. Das irre Privileg der späteren Jahre ist, dass Energie frei wird und der Blick raus aus dem heimischen Kokon nach draußen gehen kann. Was kann ich tun, um die Welt ein bisschen besser zu machen? Diese einfache naive Frage birgt mehr Anregung und Abenteuer als die nächste Reise auf dem Kreuzfahrtschiff. Die Denkschablonen aufknacken, scheinbar eherne Gewissheiten in Frage stellen – und schon rockt das Leben. Brauchen wir den ganzen Kram um uns herum? Welche Rituale, mit denen wir uns eingerichtet haben, sind wirklich wichtig? Welche Menschen, mit denen wir gewohnheitsmäßig unsere Zeit verbringen, verdienen diese Zeit? Worauf freuen wir uns im nächsten Jahr? Auf was in unserem Leben sind wir stolz? Auf was nicht?  Manchmal habe ich das Gefühl, dass mich das Älterwerden näher an die Essenz der Dinge führt. Das finde ich verstörend, spannend, großartig. Über all das möchte ich reden. Wer macht mit?

Premiere in Berlin: Knigge in Kabul

UFA – Upset Feminists of Afghanistan ist eine Gruppe feministischer Männer aus Afghanistan, die das Unmögliche fordern: die Abschaffung des kapitalistischen Patriarchats, die Feminisierung von Politik, Wirtschaft und Kultur, einen neuen afghanisch-feministischen Knigge. Ihre Strategie: mit kritischer Theorie und Puppenspiel die totale Umwälzung der Verhältnisse.

Es spielt das afghanische Theaterkollektiv AZDAR/PARWAZ, bestehend aus: Gulab Jan Bamik, Said Edris Fakhri, Abdul Mahfoz Nejrabi, Sulaiman Sohrab Salem und Homan Wesa.

Die Schauspieler und Puppenspieler von AZDAR/PARWAZ leben in Kabul und sind für acht Monate in Deutschland. “Knigge in Kabul” ist eines von drei Projekten, die sie hier realisieren. In Afghanistan ist das Kollektiv bekannt für seine Märchenbearbeitungen („The Goat And The Wolf“, „Hans Im Glück“), dramatisierte Erzählungen („Le Petit Prince“, „Tale Of A Tiger“) und ihre politischen Stücke („Heart Beat – Silence After The Explosion“).

Saal_Heimathafen_Neukölln (c)Verena_Eidel

Knigge in Kabul

Inszenierung: Max Martens
Text und Konzept: Jana Papenbroock
Projektmanagement: Julia Haebler

Heimathafen Neukölln, Berlin, Karl-Marx-Str. 141, 12043 Berlin, Tel, +49305-682-1333

FR 06.10. 2017 19:30 UHR |STUDIO (Premiere)

Sa 07.10.2017 19:30|STUDIO

Zehn Gründe, warum Pendeln gar nicht so übel ist

 

Berufspendler. Wie das schon klingt! Ich wohne außerhalb der Hamburger Stadtgrenze und fahre jeden Tag zu meiner Arbeitsstelle ins Zentrum. Morgens 25 Kilometer, abends 25 Kilometer. Mal im Auto, mal in der Bahn. Pendeln sei schlimm, habe ich jetzt mehrmals gelesen. Es mache Stress. Jeden Tag im Stau. Oder in der Bahn mit so vielen Menschen. Oh Gott. Und dann die viele schöne Zeit, die man in Fahrzeugen verplempert. So viel Verdruss, und am Ende: sterben Pendler früher. Liebe Mitpendler: Wollen wir das auf uns sitzen lassen?

Zehn Gründe für das Pendeln:

1. Im Auto: Endlich in Ruhe Radio hören: Politik, Gespräche mit spannenden Leuten, Lesungen. Musik, so laut man will, mitgrölen, keiner meckert. Herrlich.
2. Ungestört Gesichts- und Beckenbodengymnastik machen
3. Den Gedanken freien Lauf lassen (geht auch in der Bahn). Wo sonst kann man das?
4. Den Rücken mal so richtig von der Sitzheizung durchwärmen lassen. Jede Faser spüren.
5. Den Wechsel der Jahreszeiten beobachten. Den Himmel, die Wolken, das Licht.
6. In der Bahn: in Ruhe Zeitung lesen oder ein Buch. Bahnfahrer lesen viel!
7. Leute gucken. Gesichter beobachten, es gibt so schöne.
8. Gesprächen zuhören, irren Telefonaten. Nicht ärgern – zuhören! Im Theater bezahlt man Geld dafür.
9. Sich an der Vielfalt der Hautfarben erfreuen. Hamburg ist Weltstadt, darauf sind wir doch stolz.
10. Dem Gegenüber zulächeln, fast alle lächeln zurück. Der Tag ist gemacht.

Manana Menabde in Hamburg

Manana Menabde öffnet eine Welt, die nationale Grenzen übersteigt und in der eine Sprache kursiert, die jedem Suchenden zugänglich ist. Verbunden mit der georgischen nationalen Liedkunst, schafft sie jedoch daraus etwas Neues. Sie ist ein Ménestrel, ein fahrender Sänger.

Sie singt von der Stille im Garten, von der Nachtigal und der Rose. Sie erzählt uralte Geschichten, streift sentimentale Romanzen, berichtet von alltäglichen Gegebenheiten.

Manana Menabde schreibt Filmmusik, Theaterstücke, arbeitet als Schauspielerin und Regisseurin in Moskau, Deutschland und Tbilisi.

Am 20. Juli haben Hamburger die Gelegenheit diese aussergewöhnliche Künstlerin in eine besondere Atmosphäre nah zu erleben.

Vor dem Konzert gibt es eine kurze Einführung in Georgische Musikgeschichte und Liedtradition von Marika Lapauri-Burk, Musikerin, Gründerin und Vorsitzende des Vereins LILE e.V

Im Foyer werden georgische Köstlichkeiten und georgischer Wein angeboten.

Alfred Schnittke Akademie ist schon seit 2007 eine kulturelle Bereicherung für Hamburg, dennoch für viele noch zu entdecken ist. Ein wunderschönes Haus im Herzen Altonas bietet interessante Veranstaltungen und Kurse an.  http://schnittke-akademie.de/

„Schaff ein Haus als Heimat für ein gewaltiges Lebenswerk, und lass junge Leute die Kunst eines der führenden Komponisten der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgreifen, sich daran entwickeln und sie lebendig repräsentieren.“ (Holger Lampson über seine Intention zur Gründung der Alfred Schnittke Akademie International) 

Alfred-Schnittke-Akademie

Eintritt 10,-Euro (ohne Buffet)

20. Juli 2017, 20 Uhr, Einlass ab 19:30

Alfred Schnittke Akademie International

Max-Brauer-Allee 24, 22765 Hamburg

Organisation / Kontakt: Anna Vishnevska 01791302820

Lasst uns über Depressionen reden

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Es trifft so viele, und nicht immer merkt man es ihnen an, jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Der Mann, der auf jeder Party mit seinem Witz die Leute unterhält, die junge Frau, der im Job keine Aufgabe zu viel erscheint. Nach außen funktionieren, innen die Hölle, und keiner merkt es. Wir denken oft, dass Depressive Menschen sind, die sich die Decke über den Kopf ziehen und kraftlos in der Ecke hängen. Das gibt es auch, aber das ist nur ein Teil der Wirklichkeit. Junge sind betroffen wie Ältere, Männer wie Frauen. Arme, Reiche, fast jeden kann es treffen.
Und was ist eine Depression eigentlich? Wie grenzt sie sich von der Traurigkeit ab, von der Angst oder dem Ausgebranntsein, sprich Burnout?  Darüber wissen selbst viele Ärzte nicht Bescheid.

Viele Depressive fürchten den Morgen mehr als den Abend, die Lebenslust des Sommers setzt ihnen mehr zu als der Herbst. Sie empfinden keine Freude mehr, wo Gefühle waren, ist Stein.

Noch immer ist die Angst vor der Stigmatisierung groß, die Angst, sich zu „outen“, die Unsicherheit von Angehörigen, Freunden und Kollegen, damit umzugehen. „Reiß dich mal zusammen“, „Mach mal Urlaub“ – wohlgemeinte Ratschläge, die  überhaupt nicht helfen, im Gegenteil.
Und wer sich dann doch aufrafft und Hilfe sucht, einen Arzt, eine Therapie, der wartet oft erstmal ein paar Wochen auf einen Platz, auch so ein schwer fassbares Detail.

Kein heiteres Thema, nein. Aber so verdammt wichtig. Denn Depression ist eine der schlimmsten Krankheiten überhaupt. Auch, weil es so schwer ist, Worte zu finden. Auch weil es so schwer zu begreifen ist, was das genau ist, das sich in der Seele tut. Keine Hoffnung zu haben, im Nichts zu versinken. Depression ist eine tödliche Krankheit, denn eine erschreckend hohe Zahl von schwerst Betroffenen bringt sich um. Und zwar nicht im tiefsten Leidenstal, sondern sobald es ihnen gut genug geht, damit sie die Kraft, den Schritt zu tun. Ein schwer Depressiver, der plötzlich munter sein Leben ordnet – auf den sollte man achten.

Ich habe aus all dem gelernt, dass ich mit meinen Mitmenschen aufmerksamer sein will, hingucken will, wenn ich das Gefühl habe, da ist einer, der keine echte Freude mehr empfindet, der ist richtig einsam oder übernimmt sich permanent  oder lässt  keinen mehr an sich ran. Einen Beinbruch sieht man, für Krebs gibt es einen Namen, die tiefe Verzweiflung einer Depression, die sieht man oft erstmal nicht.

Mein schrecklich schönes Wohnprojekt

Foto: Hans-Jörg Deggert / pixelio.de

In Hamburg sprießen Wohnprojekte und Baugemeinschaften. In vielen Teilen der Stadt tun sich Menschen zusammen, um in Gemeinschaft zu leben: Alte, Junge, Familien, Singles, Paare kaufen vereint ein Grundstück, bauen Wohnungen, gestalten ihr Leben gemeinsam. Schöne Idee.

Ich lebe seit fast zehn Jahren in so einem Wohnprojekt, im Grünen. Wir pflegen gemeinsam ein großes Grundstück, auf dem in die Häuser mit den Wohnungen stehen, in den wir leben. Als ich damals dort eingerückt bin, waren die Häuser schon fertig. Als ich zur Besichtigung kam, saßen Menschen beim Grillen zusammen, schauten mir freundlich entgegen, die große Wiese blühte bunt. Eine Woche brauchte ich, um mich zu entscheiden, kratzte mein Geld zusammen, kündigte meine Eppendorfer Wohnung und kaufte mich rein.
Tja, so war das damals. Ich werde oft von Menschen, die das Alleinleben satt haben und die auch im Gemeinschaft leben möchten, gefragt: Na, wie isses? Und dann muss ich nachdenken: Ja, wie isses? Am Anfang viel Begeisterung. Hach, wir helfen einander. Die Alten den Jungen mit den kleinen Kindern. „Generationen übergreifend“ ist ja so eine dieser schönen Ideen. Hach, wir feiern zusammen, machen Feuer an unserer Feuerstelle, grillen zusammen, trinken Bier, quatschen. Helfen uns, haben Spaß miteinander, mögen uns.

Nun ja.

Also, ich liebe Feuer. Wenn ich mal eines entzünde auf unserer großen Fläche mit Blick auf die Pferdewiese, kommt nach einer Stunde einer mit der Gießkanne und sagt, dass der Rauch in seine Wohnung zieht und ihn am Schlafen stört. Kann ich verstehen. Die Familien mit den Kindern sind  froh, dass sich ihre Kinder endlich mal austoben können, aber bitte schön, nicht zu laut, und das Spielzeug bitte abends wegräumen, man könnte ja drüber fallen. Und nicht mit dem Fußball auf die Beete. Und nicht mittags. Kann ich auch alles verstehen. Aber ist das der Sinn der Sache? Um den Standort des großen Trampolins gab es monatelange Diskussionen, weil: Irgendeiner fühlt sich immer gestört. Ein Marillenbäumchen zwischen die Autos pflanzen, nee, das geht nicht, das muss diskutiert werden, die Früchte könnten ja auf die Autos fallen. Es gibt regelmäßige Gartentage, das Grundstück muss ja gepflegt werden. Aber was heißt: gepflegt? Die einen wollen schnurgerade Rasenkanten und fegen wie der Teufel. Den anderen ist das schnurz. Schon gibt’s Ärger. Aber da man ja gemeinsam ist und so euphorisch begonnen hat, wird der nicht ausgesprochen, sondern man brumpft vor sich hin. Grützige Stimmung. Tach. Und dann die, die sich an nichts beteiligen. Die hinnehmen, dass andere die Arbeit machen, die zu keiner Sitzung kommen, während sich die anderen abends miteinander den Hintern platt sitzen.

Die Regularien einer solchen Wohn-Gemeinschaft sind eigentlich ganz einfach: Auf ordnungsgemäß abzuhaltenden Sitzungen, mit Tagesordnung und zu unterzeichnenden Protokollen, kann jeder sein Anliegen einbringen, dafür werden, und dann wird abgestimmt. Mal muss der eine schlucken, was er nicht will, mal der andere. Demokratie halt. Aber so einfach ist das ja nicht. Offenbar haben Menschen einen nur schwer zu stillenden Drang, sich zu empören, beleidigt zu sein, aufzurechnen, was sie geleistet haben und die anderen nicht. Und so verbröselt allmählich der Spaß.

Kurzum: In den zehn Jahren Wohnprojekt habe ich viel gelernt.
1. Man kommt aus seiner Haut nicht raus, auch ich nicht.
2. Beleidigtsein ist offenbar ein Genusszustand.
3. Alles besser wissen auch.
4. Gemeinschaft ist ein Konsumgut: Manche wollen einfach nur, dass andere die Arbeit machen.
5. Jeder hält sich für mordstolerant.
6. Manche Leute mag man einfach nicht.
7. Das einzig wirklich Wichtige ist eine belastbare Streitkultur.
8. Die Wenigsten können das: gut streiten.
9. Vor allem die Psychokursgestählten, glauben gern, dass sie es gut können. Stimmt aber nicht.
10. Man kann auch in Gemeinschaft verdammt einsam sein.
11. Ich würde es wieder machen.
Warum?
Weil es sozial gelenkig hält. Denn die Weisheit, dass man niemanden ändern kann, außer sich selbst, bewahrheitet sich hier auch.
Am Ende kommt es auf mich selbst an, wenn ich etwas erreichen will. Meine Toleranz, meine Initiative, meine Bereitschaft, etwas zu tun. Komfortzone? Geht nicht.
Nach zehn Jahren sind die Erwartungen gründlich abgeblättert, fast alle sind enttäuscht, der Grillplatz ist leer, die bunten Blumen sind abgeblüht. Wir sind auf Null. Vielleicht muss das so sein, damit es am Ende gelingt, vielleicht das normal. Aber das sagt einem vorher keiner.

 

Ü-50-Alert: Wo sind die Männer?

Es gibt in meiner Generation ein neue Art von Frauen. Tolle Frauen, schlaue Frauen, schöne Frauen. Die eines gemeinsam haben: Sie leben allein, und zwar meist recht vergnügt. Nach der letzten zerbrochenen Beziehung, nach der Bewältigung von Schmerz und Pein, merken sie: Man muss nicht Paar sein, um ein gutes Leben zu führen.

Freude am Job, an Freunden, an Kultur, Urlauben, gemütlichen Wochenenden auf dem Sofa, an erwachsenen Kindern und schnuffeligen Kindeskindern, das bringt schon eine Menge Gewicht in die Glücksbilanz. Wir – ich sage mal „wir“, denn ich gehöre auch dazu: Also wir sind mit Anstand und in Schönheit gereift, haben die Abgründe des Lebens und unsere eigenen kennengelernt. Wir sind offen für die Welt, lernen Schifferklavier und Tangotanzen, bringen Flüchtlingen Deutsch bei, bloggen, durchwandern das Land von West nach Ost und von Nord nach Süd, sind fit, lebensklug, lustig, flirtbereit. Wow.

Und wie wir so durchs Leben streifen und immer neue tolle Frauen treffen, merken wir, das eines fehlt: Wo sind die Männer?

Rein rechnerisch müssten ebenso viele da sein, die auch gereift und lustig und in denselben Gefilden unterwegs sein müssten. Aber sie sind nicht da. Hallo, ihr alleinlebenden großartigen Ü-50-Männer, wo seid ihr? Kluge, erfahrende, humorvolle, neugierige, spaßbereite Ü-50-Männer, die ebensolche Frauen zu schätzen wissen. Mögt ihr uns nicht? Sind wir euch zu alt? Zu uncool, zu anstrengend?

Lasst uns offen reden, erzählt uns, was ihr wünscht, wie ihr tickt, wovon ihr träumt. Ihr müsst doch auch, genau wie wir, die düsteren Seiten, die Verirrungen, die  Idiotien und die Grandezza des Lebens kennengelernt haben. Ihr müsst doch, genau wie wir, gereift und geschliffen und voller Lust auf den bunten Herbst des Lebens sein. Wo finden wir euch? Keine Angst, wir wollen euch nicht binden, nicht festklammern, wir wollen euch einfach nur kennenlernen und Spaß mit euch haben. Oder mögt ihr die Formulierung „Herbst des Lebens“ nicht? Dann würden wir euch gern bekehren. Der Herbst ist eine wundervolle Jahreszeit. Fühlt sich fast wie ein zweiter Frühling an.

Meldet euch, wir tun euch nichts.

Ü-50-Alert: Warum wir Älteren nicht bequem werden dürfen

Ich sitze mit dem 7-Uhr-Tee in meinem Sessel und überblicke mein Ü-55-Leben: Job gut, Einkommen gut, Kinder gelungen.  Ich habe ein anständiges Ehrenamt, einen fähigen Zahnarzt, ein treuen Automechaniker. Körper und Geist sind in Form. Die großen Schlachten sind geschlagen, nun sind Ruhe und Gelassenheit dran. Ich habe das große Ziel erreicht: Ich bin angekommen.
Oder? War’s das? Was kommt nun? Was kommt in den Jahrzehnten (hoffentlich), die vor mir liegen?
Wir pflegen so eine komische Vorstellung vom Älterwerden. In den jüngeren Jahren rackern und kämpfen wir, stecken zurück, bauen auf, damit es uns irgendwann so gut geht, dass wir uns gepflegt niederlassen und unser Werk genießen können. 30 Jahre lang zurücklehnen und genießen? Sind Tempo, Gestaltungskraft, Aufbruch, Neugier den jungen und mittleren Jahren vorbehalten? Wenn ich in mich lausche, merke ich: Das ist Blödsinn.
Ja, früher waren Ü-55er verbraucht, von harter Arbeit und entbehrungsreichem Leben. So leben wir heute nicht. Wir arbeiten hart, haben Kinder erzogen, viel bewegt. Aber wir sind gesund, fit und lebenslustig wie noch keine Generation vor uns. Manches wird langsamer, Belastbarkeit, Konzentration und Gedächtnis sind nicht mehr 30. Anderes ist gewachsen: Entscheidungsmut, Angstfreiheit, Erfahrung, Effizienz. Fähigkeiten, die wie gemacht sind, um Neues zu versuchen, Experimente zu wagen, sich noch einmal richtig anzustrengen. Und wir meinen: Jetzt kommt das Ausruhen.
Wenn wir älter werden, meinen wir Glück und Zufriedenheit zu kultivieren, indem wir unangenehme Situationen vermeiden. Das schreibt die amerikanische Wissenschaftlerin Lisa Feldman Barrett in einem interessanten Beitrag in der New York Times. Wir haben das ja auch verdient, die Plackerei musst ja für irgendetwas gut sein, und so richten wir uns ein in der Komfortzone, möglichst bequem. Das ist schön, aber sind wir dafür gemacht? Unser großer Antreiber, das Gehirn, mag das gar nicht. Wenn wir aufhören uns anzustrengen, körperlich wie mental, werden all die Schichten dünner, die die wichtigsten Funktionen, die Kraft und Energie speisen. Wir vergeuden unsere Kraft, verlieren die Offenheit und Schärfe unseres Verstandes, werden müde, langweilig und schlaff. Wir dachten immer: Wenn wir alt genug sind, machen wir es uns gemütlich. Was wir übersehen: Wenn wir es uns gemütlich machen, werden wir alt.  Mit „ein bisschen aktiv“ hier und da ist es nicht getan. Wir müssen uns richtig anstrengen, wenn wir die Kraft in uns befeuern wollen. Lisa Feldman Barrett vergleicht den älter werdenden Mensch mit einem Elitesoldaten: Es muss weh tun, wenn Disziplin und Muskeln wachsen sollen. Der Schmerz zeigt, dass die Schwäche weicht. Ich will mich nicht mit einem Marine vergleichen, beileibe nicht. Aber die Übersetzung finde ich aufregend: Der Lebensmuskel muss gefordert werden, er braucht ständig neue Energie. Wir sind zur Anstrengung geboren. Und das heißt: Aufbruch, immer wieder, auch im sogenannten Alter. Wir kommen nie an. Das mit dem Kämpfen hört nie auf. Dass wir irgendwann zur großen Lebensbelohnung wie der Löwe auf dem Felsen ruhen und den Blick stolz über unser Land schweifen lassen – Illusion. Verdammt unbequem, aber eine bessere Nachricht für die Phase Ü 55 gibt es nicht. Es ist eine Aufforderung nicht nur den Körper zu fordern, sondern auch das Hirn: all die bequemen Gedanken zu hinterfragen. Unsere Einstellungen, Urteile und Vorurteile zu überprüfen. Gewohnheiten und Gewissheiten ins Visier zu nehmen. Muster zu entdecken, Gefühlen nachzugehen. Neues zu entdecken und sich einzumischen. Es gibt so viel zu tun.

„SULIKO“ und die georgische Tafelkultur in Hamburg

Unlängst wurde in Hamburg das erste georgische Restaurant eröffnet. Das war überfällig, denn den meisten Metropolen der Welt gibt es georgische Restaurants schon lange.

„Mit der Eröffnung unseres Restaurants im Herzen von Hamburg wollen wir Ihnen ein Gefühl der Gastfreundlichkeit und Festlichkeit vermitteln“, steht auf der Webseite des Restaurants.

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Kisiskhevi, Georgien

Täglich und überall wird in Georgien ein Trinkspruch erhoben – auf die Liebe und die Sehnsüchte, auf die Götter und die Mythen. Gastfreundschaft ist einer der Inhalte der georgischen Tafelkultur. „Der Gast ist Gottes Gesandter“ – dieser Spruch, in Georgien gebräuchlich, stellt in seinem christlichen Verständnis eine natürliche Fortsetzung archaischer Traditionen dar. Mehr über die Tafelkultur in Georgien erfahren Sie hier.

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