Ü-50-Alert: Wo sind die Männer?

Es gibt in meiner Generation ein neue Art von Frauen. Tolle Frauen, schlaue Frauen, schöne Frauen. Die eines gemeinsam haben: Sie leben allein, und zwar meist recht vergnügt. Nach der letzten zerbrochenen Beziehung, nach der Bewältigung von Schmerz und Pein, merken sie: Man muss nicht Paar sein, um ein gutes Leben zu führen.

Freude am Job, an Freunden, an Kultur, Urlauben, gemütlichen Wochenenden auf dem Sofa, an erwachsenen Kindern und schnuffeligen Kindeskindern, das bringt schon eine Menge Gewicht in die Glücksbilanz. Wir – ich sage mal „wir“, denn ich gehöre auch dazu: Also wir sind mit Anstand und in Schönheit gereift, haben die Abgründe des Lebens und unsere eigenen kennengelernt. Wir sind offen für die Welt, lernen Schifferklavier und Tangotanzen, bringen Flüchtlingen Deutsch bei, bloggen, durchwandern das Land von West nach Ost und von Nord nach Süd, sind fit, lebensklug, lustig, flirtbereit. Wow.

Und wie wir so durchs Leben streifen und immer neue tolle Frauen treffen, merken wir, das eines fehlt: Wo sind die Männer?

Rein rechnerisch müssten ebenso viele da sein, die auch gereift und lustig und in denselben Gefilden unterwegs sein müssten. Aber sie sind nicht da. Hallo, ihr alleinlebenden großartigen Ü-50-Männer, wo seid ihr? Kluge, erfahrende, humorvolle, neugierige, spaßbereite Ü-50-Männer, die ebensolche Frauen zu schätzen wissen. Mögt ihr uns nicht? Sind wir euch zu alt? Zu uncool, zu anstrengend?

Lasst uns offen reden, erzählt uns, was ihr wünscht, wie ihr tickt, wovon ihr träumt. Ihr müsst doch auch, genau wie wir, die düsteren Seiten, die Verirrungen, die  Idiotien und die Grandezza des Lebens kennengelernt haben. Ihr müsst doch, genau wie wir, gereift und geschliffen und voller Lust auf den bunten Herbst des Lebens sein. Wo finden wir euch? Keine Angst, wir wollen euch nicht binden, nicht festklammern, wir wollen euch einfach nur kennenlernen und Spaß mit euch haben. Oder mögt ihr die Formulierung „Herbst des Lebens“ nicht? Dann würden wir euch gern bekehren. Der Herbst ist eine wundervolle Jahreszeit. Fühlt sich fast wie ein zweiter Frühling an.

Meldet euch, wir tun euch nichts.

Eine Reise nach Georgien. Über Swanetien und Lile Pilpani.

 

Seit etwa 30 Jahren war ich nicht mehr in Swanetien. Ich hatte Angst die Veränderungen dort zu sehen und deshalb entschied mich lange nicht zurückzukehren. In den letzten sieben bis acht Jahren boomt  der Tourismus in Swanetien.

11Aus aller Herren Länder kommen immer mehr Touristen dort hin. Die Veränderungen, die ich gesehen habe, hat Swanetien bisher gut bewältigt.

Panorama von Tetnuldi aus

Panorama von Tetnuldi aus

Für den Wintertourismus sind die Skipisten und Lifts ausgebaut worden. Im Sommer kann man mit dem Lift auf den Hazwali oder den Tetnuldi hochfahren und das großartige Bergpanorama bewundern. Auch die Straßen in Swanetien wurden inzwischen gut ausgebaut. Es ist jetzt nicht mehr schwierig dort zu fahren. Beim guten Wetter fliegen drei Mal am Tag kleine Flugzeuge von der Hauptstadt Tbilisi (Natakhtari) aus bis Mestia.

 Natürliche Bedingungen und historische Faktoren haben Georgien in mehrere Provinzen unterteilt. Eine davon ist Swanetien, nord-westlich gelegen, mit wunderschönen Bergen, wie dem 4.700m hohen Ushba, dem  4.850m hohen Tetnuldi und den 5.000m hohen Dshangitau und Schkhara. An das Swanetien-Gebirge grenzt der 4.010 m hohe Berg Laila, das Egrisi-Gebirge und das Letschchumi-Gebirge.

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Dank meiner Familie und Freunden in Georgien hatte ich das Glück schon früher Zeit in Swanetien verbracht zu haben und das hat tiefe Eindrücke hinterlassen und mich geprägt. Damals bin ich mit meinem Vater zusammen mit einen kleinen Flugzeug oder Hubschrauber durch die Berge zu Dreharbeiten geflogen. Manchmal bin ich mit ihm durch die abenteuerlichen Straßen zu den Expeditionen für die Restaurierungsarbeiten in Swanetische Kirchen gefahren. Ich habe dort Ausgrabungen mitgemacht und wunderschöne antike Goldketten in der Hand gehalten.

Die Kirchen sind wirklich einzigartig!  Kleine, oft winzige Basilika frühchristlicher Zeit verbergen bis heute Schätze, die man in den großen Museen der Weltmetropolen ausstellen würde. Die Swanen waren immer ein freies, herrenloses Volk in Georgien, das durch die geographische, schwer zugängliche Lage ein eigenes Lebenssystem entwickelt hat.

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Lile Pilpani in der Kirche

Lile Pilpani in der Kirche

Georgische Könige haben oft die Heiligtümer vor den dauernden Überfällen in Swanetien versteckt. Bis heute bewahren die Familien ihre Schätze in den unscheinbaren kleinen Kirchen auf. Hier ist die ganze christliche Kultur Vorderasiens präsent. Importierte Kunst und Kulturgegenstände, aber auch eigenes, eine besondere Art von swanetischer christlicher Kultur. Man stelle sich vor: Swanen eingeschlossen von Schnee, in ihren Türmen und Kirchen sitzend und malend mit ihren Pigmenten, Silber und Gold, aus den eigenen Flüssen und Edelsteinen aus aller Welt. Sie malen Fresken und Ikonen, illustrieren Bücher und schnitzten Gebrauchsgegenstände mit sakralen Symbolen.

Als ich früher in Swanetien war -und das ist manchmal heute noch so- wollten die Swanen ihre Kirchen für die Besucher nicht immer aufschließen. Man brauchte mehrere Empfehlungen und dann auch noch die Einwilligung vom Kirchenwart. Ich kann meinen ersten Besuch in einer Kirche kaum mit Worten beschreiben, als mir damals endlich nach mehreren Anfragen aufgemacht wurde.

Fresken aus Lendjeri, Swanetien

Fresken aus Lendjeri, Swanetien

Atemberaubend! Die Bedeutung dieses Wortes habe ich damals kennengelernt und seit dem möchte ich dieses Wort nur noch sehr selten benutzen. Wenn man diesen Raum betritt, schauen dich die originalgroßen, gemalten, biblischen Figuren auf Augenhöhe  an. Man hat das Gefühl sogar ihren Atem zu hören. Man nimmt die Stille  wahr oder den Klang der Ewigkeit und man versteht auf einmal, dass die Seele unendlich ist. Die Engel sind genau so groß wie man selbst, jeder Schritt fühlt sich an wie in Schwerelosigkeit.

img_8372Es entsteht ein Gespräch, ohne Wörter,  ohne Zeit und Entfernung. Man spürt den Kontrast von kühlen statischen Wänden und der Luft drinnen und draußen und ein Sonnenstrahl erscheint wie  eine Schwelle vom Jenseits ins Hier.

Vom Goldreichtum Swanetiens wusste schon der griechische Geschichtsschreiber Strabon zu berichten: Die Sturzbäche des Winters spülten das Gold ins Tal, und die Swanen sammelten es in durchlöcherten Trögen und haarigen Fellen, worauf auch der Mythos vom goldenen Vlies zurückzuführen ist.

Lile trifft Nachbarn in Lendjeri

Lile trifft Nachbarn in Lendjeri

Swanen gehen heute noch auf Goldsuche. Eine Verwandte meiner Freundin Lile Pilpani hat gerade 21 Karat herausgeholt.

Lile ist eine Schauspielerin im Staatlichen, traditionsreichen Mardjanischwili Theater in Tbilisi. Ihr Nachname Pilpani ist ein für Georgier schön klingender Swanetischer Nachnahme. Mit ihren roten Haaren, ihrer Fröhlichkeit, ihrem Optimismus und ihrer Anständigkeit  wirkt sie wie eine Freiheitskämpferin. Zudem hat sie vielfältige Talente im Kunsthandwerk, Design und der Goldschmiede.

Lile besitzt ein kleines Haus in Lendjeri bei Mestia in Swanetien, das sie gerne als ein Hostel betreiben möchten. Sie ist gerade fertig mit dem Umbau und das Schild „Hostel JOGO“ ist gerade aufgehängt worden. Liles kleines Hostel ist auf malerische Weise umschlossen von schneebedeckten Bergen. Alle Dörfer in Swanetien sind eigenartig und jedes für sich besonders. Lendjeri hat eine ganz weiche und pastorale Ruhe.

Liles Heufelder

Liles Felder in Heschkili

Es ist ideal für Reisende, die Landschaft und Kultur zusammen erleben möchten. Hier kann man am Ufer des Enguri spazieren gehen und in einer kristallklaren Lagune baden. Lile möchte ab nächsten Sommer  den Betrieb ihres Hotels aufnehmen.

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Koruldi

 

Wie die berühmte georgische Polyphonie alle Stufen der Musikentwicklung aufweist, so spiegelt sich in der Landschaft Georgiens die christlich europäische Kulturgeschichte wider und spannt einen Bogen vom Archaischen, wie man es  in Swanetien noch findet, bis zum modernen Stadtleben wie in Tiflis.

Ich sehe diesen höchsten besiedelten Ort Europas als ein Symbol für unsere gemeinsame Europäische Kultur und dieses Land zu beschützen sollte immer eine Aufgabe sein.

Unser Verein organisiert Reisen in ganz Georgien.

Wenn Sie Lust haben dorthin zu reisen, kontaktieren Sie uns:

Laguna in Lendjeri

Laguna in Lendjeri

 

Email: info@lile.de,

Tel: +40 40 389 2222

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Koruldi

Fotos: Robin Burk, Gia Chanaduri

Liebe Hamburger – noch Gäste an Weihnachten gefällig?

Der blonde Engel auf dem Bild ist Sarah. Sarah gehört dem Verein Herzliches Lokstedt e.V. an und arbeitet ehrenamtlich in einer neuen Zentralen Erstaufnahmestelle in Lokstedt. Durch ihren täglichen Kontakt dort mit frisch angekommenen Geflüchteten aus Syrien, Irak, Afghanistan etc. hat sie schnell gemerkt, dass sehr viele unheimlich interessiert daran sind, Weihnachten bei einer Hamburger Familie zu verbringen, das Fest und die Hamburger näher kennenzulernen. Dass außerdem Weihnachten bei einer einheimischen Familie schöner ist als in der provisorischen Massenunterkunft versteht sich von selbst – wem von uns würde es andersrum nicht genauso gehen.

Daher hat Sarah bereits im Alleingang schon 80 Menschen aus der ZEA an Hamburger Familien, Paare oder Alleinstehende vermittelt, die ihre Türen für fremde Gäste öffnen möchten. Das alles organisiert Sarah bisher alleinig über Facebook und mit einem herrlich chaotischen Zettelsystem, alles mit einer beeindruckenden Hingabe und viel Humor.

Die Idee ist die eines „Welcome Dinners“ – eine Geste des Willkommens, ein persönlicher Kontakt, und sei es nur einen Abend. Viele der Ankommenden lernen kaum Einheimische, geschweige denn deren Zuhause kennen. Da viele Hamburger dazu Lust haben, aber selbst keinen Kontakt zu Geflüchteten haben, können sich über die Plattform Welcome-Dinner als Gastgeber anmelden und werden von Ehrenamtlichen an interessierte Gäste vermittelt. Ein tolles Konzept, nur leider, oder gerade deshalb, sind die Ehrenamtlichen aktuell überschwemmt und können bis Ende Januar keine Anfragen mehr beantworten.

So fing Sarah an, spontan und selbstorganisiert, einige Familien aus der Unterkunft an Gastgeber an den Weihnachtstagen zu vermitteln – und jetzt kann sie sich vor freudigem Interesse seitens der Bewohner kaum retten.

Wenn es unter Ihnen Lesern also noch jemanden gibt, der Lust hat, ein Paar, oder eine kleine oder sogar größere Familie (die haben’s beim Vermitteltwerden besonders schwer) aus der Unterkunft Lokstedt bei sich an einem der Weihnachtstage willkommen zu heißen, übernehmen wir gerne die Vermittlung für Sie!

Und jetzt?

Bei Interesse oder Fragen schreiben Sie eine Email an elbsalon.kontakt@gmail.com mit ein paar Infos zu sich/ihrer Familie

  • wieviele Leute sind Sie, gibt es Kinder (wenn ja, Alter?)
  • wieviele Menschen können Sie einladen und an welchem Tag?
  • wo wohnen Sie, und könnten Sie die Gäste an dem Tag in Lokstedt abholen (viele sind noch nicht mit den Öffentlichen vertraut)?
  • feiern Sie christlich/traditionell oder eher nicht? Steht ein Gang in die Kirche an? (Einige sind besonders interssiert daran, andere nicht. Die gleiche Religionszugehörig als solche ist für die wenigstens Bewohner von Relevanz)

Und dann?

Schauen wir auf unserer Liste und schauen nach passenden Gästen! Alles weitere erfolgt nach Vermittung miteinander im direkten Kontakt. (Wir bitten Sie dabei zu bedenken, dass wir die Bewohner kaum persönlich kennen und nur einen Kontakt nach groben Eckdatenherstellen können..).

Es ist auch wichtig zu wissen, dass die meisten erst wenige Woche da sind und noch keine Deutschkenntnisse haben, und die wenigsten Englischkenntnisse. Etwas Unerschrockenheit bzgl. der improvisierten Hand-und-Fuß-Kommunikation ist also sehr von Vorteil!

Manche Gastgeber machen es als „blind Date“, andere wollen die potentiellen Gäste vorher kennenlernen – beides geht! Für letzteres gibt es diesen Donnerstag ab 18h und diesen Samstag ab 16:30 bei einem Koch- bzw. Sportevent in Lokstedt die Möglichkeit. Für Details schreiben Sie einfach zeitnah an die oben genannte Emailadresse.

Wir wünschen Ihnen eine frohe Vorweihnachtszeit

 

 

Haben auch Sie Lust, neue Leute kennenzulernen?

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Es wird Herbst. Zeit für Begegnungen, und der Elbsalon öffnet seine Tür: Dinner for ten.

Wir suchen zehn Hamburger, die neugierig auf neue Leute sind. Die gemeinsam mit uns an einem Tisch sitzen, essen, trinken, reden, lachen, sich vergnügen wollen.

Ein Salon nicht virtuell, sondern in echt.

Wann? Am 6. November.
Wo? An einem tollen Ort in Hamburg, den wir rechtzeitig bekannt geben.
Wer? Fünf Frauen und fünf Männer, eher 55 als 35, eher ungebunden als verbandelt.
Und dann? Ein Stammtisch? Neue Freunde? Neue Liebe? Wir sind offen.

Haben Sie Lust, dabei zu sein? Dann senden Sie uns eine Email mit ein paar Sätzen über sich an: info@elbsalon.de. Wir freuen uns.

Liebe Elbsalon-Leser,
herzlichen Dank für die vielen Anmeldungen zum ersten „Dinner for ten“. Wir haben unter allen, die sich bis jetzt angemeldet haben, zehn Teilnehmer ausgelost, die wir per Email benachrichtigt haben. 
Wir freuen uns auf den Abend!

„Es ist alles wie ein Traum“

Ich treffe mich mit Ahmad in Altona.  Anfangs starrt er auf sein Handy und ist sehr unruhig. Ich möchte ihm eine Rhabarberschorle aus dem Edeka mitbringen, er lehnt dankend ab. „Bevor mein Bruder sicher bei mir ist, kann ich irgendwie gar nichts zu mir nehmen – ich habe riesige Angst um ihn, er ist erst 16.“ Sein Handy vibriert und klingelt laufend. Er entschuldigt sich. „Das sind meine Eltern, die machen sich solche Sorgen“.

Ahmad ist 22 und seit vier Wochen in Hamburg. Er wohnt in einer Unterkunft im Hamburger Norden, zusammen mit seinem älteren Bruder. Sein jüngerer Bruder (16) ist vor ein paar Tagen in Wien gelandet und hat kein Geld für ein Ticket nach Hamburg, er schläft  auf der Straße. Ahmad ist ununterbrochen am Organisieren. Noch während wir sprechen, findet sich über die Facebookgruppe „Unterstützung für Flüchtlinge – Netzwerk Hamburg“ eine Mitfahrgelegenheit einen Tag drauf. Ahmad fällt sichtlich ein Stein vom Herzen.

Wir laufen die neue große Bergstraße entlang, setzen uns auf eine Bank.  „Ich hatte Angst, wie die Menschen mich hier aufnehmen, man hört ja einiges. Aber wir werden sehr nett und respektvoll von allen behandelt.“ In der Unterkunft teile er sich ein großes Zimmer mit neun weiteren Leuten. „Es ist ok, aber anstrengend, einige der Leute nerven ziemlich. Aber egal, besser als Krieg.“

Ahmad kommt aus Idlib in Nordsyrien. Er hat Jura studiert, noch ein Semester und er hätte seinen Abschluss gehabt. „Es war seit Jahren durch den Bürgerkrieg wirklich furchtbar in Idlib. Man musste  jeden Tag damit rechnen, dass man morgens zur Uni geht und abends nicht zurückkommt.“ Er zeigt auf einen Eisladen gegenüber von IKEA. „Stell dir vor, das Haus ist einfach morgen nicht mehr da.“ Viele Freunde seien gestorben, durch Bomben, weil sie eingezogen wurden oder an den falschen Polizisten geraten sind. „Wenn der deine Nase nicht mochte, konnte es sein, dass du spurlos verschwindest, bis deine Familie irgendwann erfährt, du seist tot. Dann kam vor einigen Monaten der IS nach Idlib. Da war dann alles vorbei, wer fliehen konnte, floh.“

Ob ich vom IS gehört hätte, fragt er. „Niemand in Syrien versteht, was da vor sich geht, wirklich niemand“, sagt er kopfschüttelnd. Seine Eltern hätten Unterschlupf auf dem Land gefunden, zusammen mit seiner schwangeren Schwester, und zumindest die Söhne angefleht, das Land zu verlassen. Erst die beiden älteren, und wenn sie es überlebten, der jüngere. So machten sich Ahmad und sein Bruder schweren Herzens auf den Weg – mit Hilfe einer abzockerischen Schlepperbande, 10 Tage im Dschungel verstecken, eine dieser abenteuerlichen Geschichten.

„Es ist wie ein komischer Traum“ sagt er. Das spürt man, hinter der höflichen, aufgeweckten und tapferen Fassade wirkt Ahmad nervös und gedankenverloren. „Ich vermisse meine Familie, meine Uni, meine Freunde, die Straßen. Aber es ist halt Krieg dort. Und ich mag Deutschland auch sehr, vor allem Hamburg, ich würde gerne hierbleiben. Im Moment weiß ich noch gar nichts, ob ich bleiben darf, ob ich in eine andere Unterkunft muss, ob mein Bruder bleiben darf… nichts ist sicher, das macht mir Angst.“

Er will so schnell wie möglich arbeiten, und später fertig studieren.  „Dieses Nichtstun gerade ist überhaupt nichts für mich“. Ahmad hat nun eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre, aber noch keine Arbeitserlaubnis. „Ich würde erstmal jeden Job machen, Straßen fegen, mir egal.“ Er könne die Leute nicht verstehen, die herkommen, nur um Geld zu beziehen. „Ich bin nicht hier für’s Geld, meiner Familie geht es finanziell gut, ich bin hier für eine Zukunft.“ Ahmad fängt demnächst Deutschunterricht an, hat sich über Facebook bereits privat ein Sprachtandem und ein paar Leute zum Musizieren gesucht – er spielt Klavier. Ein Keyboard hat er bereits geschenkt bekommen. „Ich will so schnell wie möglich die Sprache lernen, mich integrieren, deutsche Freunde finden. Aber ihr Deutschen seid ja immer so busy busy busy“, sagt er und lacht.

„Manche Sachen machen mir ehrlichgesagt auch Angst hier. Ich habe neulich am Bahnhof eine Jugendliche gesehen, die ihren Vater angeschrien hätte. In Syrien tun wir, was unsere Eltern sagen. Was wenn ich hier mal eine Familie gründe, und meine Tochter mich auch so anschreit?“

Aber das Thema eigene Familie sei eh noch nicht aktuell. Eine Freundin hatte Ahmad bisher nicht. „In Syrien spricht man ein Mädchen nicht einfach an, um sie kennenzulernen, dann wirst du komisch beäugt. Stattdessen gehst du zu ihren Eltern und fragst, ob du sie heiraten darfst.“ Ich schmunzel und erzähle ihm, dass sich bei uns die Leute immer erst acht Jahre kennenlernen wollen, bevor sie heiraten. Er lacht und sagt, das fände er besser, man soll sich schließlich auch lieben, wenn man heiratet. Ob er seine Eltern herholen will, frage ich „Ach ich weiß nicht. Einerseits ja, weil ich will, dass sie sicher sind. Aber ich weiß sie wären nicht glücklich hier. Mein Vater ist so einer, der geht zu Hause über die Straße und redet mit jedem, kennt jeden. Hier wäre er einsam.“

Als wir uns verabschieden, dankt er mir, dass er mir das erzählen durfte. Dabei habe ich doch zu danken. „Es war gut darüber zu reden“, sagt Ahmad. „Ich hoffe, hier kann es gut werden für mich und meine Familie, und ich schaffe es, mich einzuleben.. es ist alles so anders als zu Hause“. Mich überfällt erneut das Bedürfnis, ihm zu sagen, dass er sich etwas Zeit geben soll. „Wenn ich erst seit vier Wochen in deinem Land wäre, ich wäre völlig wirr im Kopf“, sage ich. Er lacht.

Als ich am Ende ein Foto von ihm schießen möchte, interessiert sich Ahmad sofort für meine Kamera. „Wieviele Megapixel? 18, cool. Ich würde auch gern Fotos machen.“ „Du, ich habe noch meine alte Digitalkamera zu Hause rumliegen, die kannst du gerne haben“. „Nein, nein“, wehrt er ab, „wenn dann möchte ich dir etwas dafür bezahlen, und das ist im Moment schwer.“ Wir einigen uns darauf, dass ich sie ihm leihe.

Das Interview führte ich mit Ahmad auf Englisch und habe es frei übersetzt. Ahmads Englisch ist gut – sein Vater ist Englischlehrer.

Oh BOY!

Foto: Debora Mittelstaedt

Das Duo BOY besteht aus der Hamburger Musikerin Sonja Glass und der Zürcher Sängerin Valeska Steiner. Die beiden gründeten ihre Band vor acht Jahren, nachdem sie sich bei einem Popkurs der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg kennengelernt hatten. Bereits ihr Debütalbum „Mutual Friends“ wurde ein Hit und gewann eine Goldene Schallplatte. Ihr Song Little Numbers“ wurde durch die Comedy „Knallerfrauen“ und als Titelmelodie des Films „Kein Sex ist auch eine Lösung“ berühmt.

BOY haben ihre Symbiose aus organischen, akustischen Elementen und Synthie-Sounds weiterentwickelt. Ihre Songs sind ein dichtes und doch luftiges Geflecht aus ihren eigenen Erfahrungen. Ihre Arrangements werden von direkten und berührenden Texten komplettiert und sind durchwoben von Wärme, Empathie und der Möglichkeit, sich in den Geschichten wiederzufinden. Ihr neues Album „We were here“ ist eine Sammlung von Songs, die von persönlichen und doch universellen Momenten im Leben erzählen.

Jetzt geben BOY endlich wieder zwei Konzerte im Hamburg.

BOY Do 10.9., 20.00, Mojo Club, Reeperbahn 1, Hamburg

BOY Mi 25.11., 19.00, Große Freiheit 36, Hamburg

 

 

 

Yoga im Gartendeck in St. Pauli

Das Gartendeck ist ein wunderbar bunter urbaner Garten in der Großen Freiheit, neben dem Indra: 1100 qm Dachfläche, 400 qm Grünstreifen, rund 650 Bäckerkisten, ein Container, zwölf Schaufeln, zwei Schubkarren, 172 verschiedene Pflanzensorten, drei Bienenvölker, vier Komposthaufen und eine Wurmkiste. Allen voran ist das Gartendeck ein Ort, an dem gemeinschaftliche Strukturen wiederbelebt werden: Nachbarn lernen sich kennen, gärtnern gemeinsam und gestalten auf diese Weise den ganzen Stadtteil mit.

Gartendeck St.Pauli 2014

Gartendeck St.Pauli 2014

Jeden Freitagnachmittag von 17.30 h bis 19.00 h wird im Gartendeck in St. Pauli Yoga gemacht. Heute gibt es Hatha Flow Yoga, in der kommenden Woche Kundalini Yoga. Yogamatte mitbringen und spenden!

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Gartendeck, Große Freiheit, St. Pauli, Hamburg

Rilkes Briefe an einen jungen Dichter – Gänsehaut pur

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Sommer ist Lesezeit, und ich möchte für ein ganz besonderes Buch werben. Rainer Maria Rilke: Briefe an einen jungen Dichter.

Der junge Franz Xaver Kappus fasst sich ein Herz und schickt dem berühmten Rilke seine ersten Dichtversuche, mit der Bitte um Kritik und Rat. Rilke nimmt sich auf  einfühlsame und lebenskluge Weise des jungen Mannes an. Es entspinnt sich ein Austausch, zehn Briefe schreibt Rilke, sie sind in dem Buch zu lesen. Wie er Kappus ermuntert, das Beliebte und Einfache  zu meiden und sich selbst zu erspüren in der Tiefe der Einsamkeit, die der junge Franz Xaver so fürchtet, das ist wunderschön. Seine eigene Stimme soll er ergründen, sich Zeit nehmen, sich nicht entmutigen lassen und nichts fürchten,  nicht die Schwere und nicht die Einsamkeit.  Alles Schöpferische komme aus der Einsamkeit, schreibt Rilke, und wie sollte das Gefühl von Einsamkeit nicht groß sein? Einsamkeit ist groß. Aus Angst davor bauten wir uns ein Netz aus Ritualen, flüchten in Gemeinschaft und Geselligkeit, seien sie noch so oberflächlich und nervtötend. Schrieb Rilke, vor 100 Jahren, und es klingt wie heute.

Er fühle sich den Seinen so fern, jammert der junge Mann um die Weihnachtszeit, wunderbar, antwortet Rilke, das gibt Ihnen die Chance, Ihren eigenen Raum zu weiten. Was soll man da noch sagen. Lesen! Und jedem heranwachsenden Menschen, der mit dem Großwerden kämpft, schenken.

Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter, Edition Suhrkamp

 

 

 

 

Wie kann ich Flüchtlingen in Hamburg konkret helfen?

Hamburg zeigt Herz – immer mehr Menschen fragen sich: „Wie kann ich Flüchtlingen in meiner Stadt konkret helfen?“. Wenn Sie auch etwas tun möchten, aber nicht genau wissen, was, wie und wo – hier eine kleine, handverlesene Linksammlung:

Eine Auflistung von Hilfsmöglichkeiten in Hamburger Stadtteilen, inkl. einer Emailadresse und Telefonnummer für direktes Anbieten von Zeit oder Sachspenden. Eine weitere Liste von Ehrenamtsvereinen, nach Stadtteilen sortiert, befindet sich hier (jeweils mit Kontaktinformationen).

In einer Email an die Behörde für Arbeit, Soziales, Familie Integration Hamburg können Sie umschreiben, in welchem Stadtteil, Bereich und mit welchem Zeitkontingent Sie sich ehrenamtlich engagieren oder was Sie spenden möchten: fluechtlinge@basfi.hamburg.de. (ich erhielt bereits nach einem Tag eine dankbare Antwort aus der Wohnunterkunft Grandweg.)

  www.wie-kann-ich-helfen.info listet deutschlandweit laufende Projekte und Hilfsmöglichkeiten.

  www.flüchtlinge-willkommen.de – einem Flüchtling einen Platz in der WG oder eigenem Zuhause anbieten, das Projekt hilft bei der Finanzierung, z.T. durch Microfunding.

  Übersicht vom NDR über konkrete Hilfsmöglichkeiten in den einzelnen Bundesländern.

  Wer eine eigene Idee für ein Hilfsprojekt hat, kann außerdem Förderung beim Fonds »Flüchtlinge & Ehrenamt« beantragen, in den bereits 16 Hamburger Stiftungen eingezahlt haben. „Ziel ist es, in einem unbürokratischen und zügigen Verfahren Menschen, die sich ehrenamtlich zu dem Thema engagieren, Zugang zu flexiblen und behördenunabhängigen Ressourcen zu bieten“.

Einmal Flüchtling sein – ein Albtraum

Ich hatte vor ein paar Wochen einen Traum. Ich habe, wie in echt,  in meiner Wohnung in Eimsbüttel neben meinem Freund geschlafen, und plötzlich bin ich aufgewacht (Traum), weil es furchtbar gekracht und unsere Wohnung gebebt hat. Paula, die Tochter unserer Nachbarin, hat geschrien. Ich war orientierungslos, mein Herz raste, und jemand brüllte draußen „Bomben, sie werfen Bomben!!“. Ich rüttelte hysterisch an meinem Freund, voller Panik, dass ich ihn nicht wachkriege, nicht retten kann, verlieren werde. Es gelang mir zum Glück, wir rannten auf die Straße (was macht man denn, wenn man bombardiert wird?? Drin bleiben? Rausrennen? Damit hatte ich mich doch noch nie beschäftigt!). Der Rest des Traumes war ein angsterfülltes Chaos, Menschen, die die Bellealliancestraße und die Fruchtallee entlang rannten, Staub, Blut, Weinen, Lärm, Tote, Trümmer, Angst.

Ich weiß nicht, wer „sie“ (die Bombenwerfer) waren, ich weiß nur, wie benommen, erschüttert und schließlich erleichtert ich war, als ich aufwachte. Alles ruhig auf der Bellealliancestraße. Puh. Das war das nächste, was ich jemals zu einem Kriegserlebnis hatte. Es ist für mich fast unvorstellbar, dass es Menschen gibt, die das tatsächlich so erleben. Viele, täglich.

An diesen Traum denke ich oft, wenn ich über Krieg, über Flüchtlinge und Flüchtlingspolitik lese. So auch am Wochenende, als nahezu 1000 Menschen einen grausamen Tod starben, auf einer Reise, von der sie sich eigentlich Sicherheit und Frieden erhofften.

Wären wir in meinem Traum, in dem Krieg in Europa tobte, auch geflüchtet? Was wäre mit unseren Eltern gewesen? Und wohin wären wir geflüchtet? Nach Amerika? Mit Delta Airlines mit Tomatensaft und On-Board-Entertainment oder mit einem lebensgefährlichen Schlepperboot von Cuxhaven aus, frierend, hungrig, durstig, zusammengedrängt mit halb Eimsbüttel, Schnelsen und Norderstedt? Wie geht flüchten?

Ich weiß darüber nicht viel, weil ich das unglaubliche Glück habe, darüber nur in der Zeitung zu lesen, sicher auf meinem Eimsbüttler Balkon in der Sonne, vor mir ein Biodinkelbrötchen und einen frischen Apfelsaft von glücklichen, freilaufenden Äpfeln aus der Region. Danke. Ich weiß auch, dass ich es toll finde, und es mein Herz wärmt, wenn ich Geschichten über auch biodinkelbrötchenkonsumierende Mitmenschen höre oder lese, die Flüchtlinge in ihrem Zuhause aufnehmen (wie Hildegard und Werner, 89), ein Kennenlern-Abendessen mit Flüchtlingen veranstalten (wie einige Elbsalonis), oder ein Projekt durchgesetzt haben, indem junge Flüchtlinge mit unsicherem Aufenthaltstatus die Chance auf eine Ausbildung bekommen (wie meine Kollegin aus der Fortbildung). Und ich weiß, dass es mich traurig macht, wenn ich über die Katastrophe im Mittelmeer lese, über Tröglitz, über Demos gegen Flüchtlingsheime, über Anfeindung und Abschottung.

„Jede Nacht Schüsse. Deine Frau weint im Schlaf. Dein Sohn kam gestern nicht mehr nach Hause. Keine Zeit für Trauer. Gestern wurde das Haus deines Nachbarn getroffen. Du musst deine Familie in Sicherheit bringen. Dein Leben in eine Tasche. In Deutschland ist es ruhiger. Aber nicht jeder gönnt dir diese Ruhe. Du vermisst deinen Sohn.“

Mit Zitaten wie diesen versucht auch die Social Media Kampagne vom Blog EierundHerz zu verdeutlichen, dass ein „Flüchtling“ genausowenig auf dieses Wort reduziert werden sollte, wie ein Gefangener auf eine Zahl, sondern dass dahinter jeweils ein Mensch steckt. Mit Familie, Nachbarn, einem Haus, einem Mittwoch-Abend-Stammtisch, einem Job, Ängsten, Hobbies, einer Reisetasche von Tchibo (oder dem syrischen Äquivalent von Tchibo) und möglicherweise einer Vorliebe für Biodinkelbrötchen. Einer, der viel davon gerade verloren hat, und etwas Schreckliches durchmacht. Ich hoffe, dass auch diejenigen Mensch in unserem schönen Land, die bisher noch nicht vermögen, ihre irrationalen Ängste zu überwinden, es zunehmend schaffen, ihr Herz zu öffnen, und zu erkennen: „Wer flüchten musste, verdient ein wenig Frieden. End of story.“*

*das ist das Motto der erwähnten Kampagne von EierundHerz