Was ich der gestressten jungen Mutter so gern gesagt hätte

Neulich, in einem Hamburger Bistro, kam ich mit einer jungen Frau ins Gespräch. Sie war aus München und hatte sich in unserer Stadt einen kleine Auszeit gegönnt. Am nächsten Tag stand die Heimreise an, und sie hatte Angst. Sie war Mitte 30, eine bildschöne Frau, zwei kleine Kinder, kein Mann. Ihr Vater kümmerte sich in ihrer Abwesenheit, er war irgendein wichtiger Arzt, Geld war genug da. Sie selbst versuchte, als Fotografin Fuß zu fassen. Sie hatte Angst, nach Hause zu kommen. Hatte Angst, den Wünschen ihrer Kinder nicht zu genügen, den Ansprüchen ihres Vaters nicht, in ihrem Beruf nicht genug zu leisten. Eine nervöse junge Frau mit leichtem Horror im Blick. Sie überlegte minutiös, wie sie ihre Rückkehr zeitlich so einrichten könnte, dass sie vor dem Ansturm noch zwei Stunden für sich hätte. Die Erholung ihres Hamburger Ausflugs war weggeblasen.

Ich konnte sie so gut verstehen, und sie tat mir so leid. Ich habe Ähnliches von anderen jungen Müttern gehört, die sich überlastet fühlten von Ansprüchen. Frauen, die das Gefühl quälte, von Ansprüchen überrollt zu werden und dabei ihrem Leben, dem eigentlichen Leben, hinterherzulaufen. Frauen, die privilegiert sind, gut ausgebildet, und  sich dennoch zermartert fühlen von Angst. Ich möchte sie alle in den Arm nehmen und trösten, so leid tut mir das. Ich bin in einer anderen Lebensphase, meine Kinder sind groß, meine Karriere ist gemacht, ich verdiene genug. Wenn ich all das betrachte und mir überlege, was ich als das Größte und Wichtigste des Ganzen bezeichnen würde: meine Kinder. Diese Hosenkacker, diese Nervensägen. Heute sind sie groß, gehen ihren Weg und ich schaue ihnen zu: wie sie manche Dinge ähnlich, andere ganz anders machen als ich, anders denken als ich. Von ihnen lerne ich viel.

Allein dass es sie gibt, dass ich sie alle paar Wochen sehen, ihre Stimmen hören, sie anfassen kann, erfüllt mich mit, ja, Glück. Das ist Kitsch? Ja, Kitsch, reiner unverfälschter, supergeiler Lebenskitsch. Nein, ich bin keine Hausmutti, ich bin eine sogenannte Karrierefrau, ein Arbeitstier, und die Elternjahre waren nicht leicht. Es war nie genug, nicht für die Kinder, nicht für den Job, nicht für mich. Das ist wohl so. Aber es ist wie mit dem Geburtsschmerz: Es verblasst, man vergisst es, und übrig bleiben: das Glück, dass sie da sind. Der Job, der Erfolg, alles gut, aber nichts wirkt so tief wie diese beiden Wesen, diese beiden inzwischen großen Menschen, sie sind es.

All das hätte ich der verzweifelten jungen Frau gern gesagt: Habe keine Angst, junge Frau aus München, halte durch, es lohnt sich.

Warum reden wir nicht darüber, was uns wirklich bewegt?

Jetzt, da das Jahr zu Ende geht und die Besinnlichkeit kommt, häufen sich die Einladungen. Schön eigentlich. Aber dann sitze ich da, auf Partys oder an langen Tafeln und höre mir Geschichten an, die mich nicht interessieren, nicke, lächle und will eigentlich lieber nach Hause. Das klingt hart, aber je älter ich werde, desto kostbarer wird meine Zeit und die Frage, mit wem und wie ich sie verbringen will, steht im Raum. Früher, als es Zeit im Überfluss gab (vermeintlich), war das egal. Ein verlangweilter Abend, was machte das schon? Das ist heute anders. Ich liebe anregende Gespräche, liebe es, die vielen Fragen, die ich an das Leben habe, mit anderen zu wälzen. Doch ich stelle fest: In den wenigsten Runden kommt es dazu. Anekdoten werden ausgetauscht. Erlebnisse erzählt, ausführlichst, alltägliches Dit und Dat, keiner kennt die Leute, die darin vorkommen, nichts davon berührt die essentiellen Fragen des Lebens, und ich frage mich: Ja, so what? Da draußen rockt das Leben und wir ergehen uns im: Als ich neulich mal in Bergedorf war, oder  wie die Telekom mal wieder diesen doofen Brief geschrieben hat. Mich langweilt das. All diese Erlebnisse habe ich selbst, und ich finde sie nicht so interessant, anderen davon zu berichten. Vielleicht ist das normal, aber ich finde: Die Zeit ist zu kostbar, um sie damit zu verschwenden. Warum reden wir nicht über die wichtigen Dinge: Wovon träumen wir? Was macht uns Angst? Was bewegt uns, wenn wir nachts nicht schlafen können? Welche Fragen wälzen wir? Welche Unsicherheiten, welche Ängste, welche Erkenntnisse bewegen uns? Warum reden wir so wenig darüber? Das könnte so erhellend und interessant sein.  Wie anregend könnte das sein. Gerade jetzt in der Adventszeit, der Zeit der Besinnung. Manchmal habe ich den Eindruck, dass es eine Disziplinlosigkeit des Redens gibt. Dass wir uns zu wenig Gedanken darüber machen, was wir miteinander wollen, was wert ist, ausgetauscht zu werden und was nicht. Man hockt halt beieinander und sabbelt drauf los. Dabei hätten wir einander doch viel mehr zu geben. Und anderen, die unsere Aufmerksamkeit nötig haben, auch.

Der Wert des Scheiterns

Wir, Sabine und Saskia, sind Mutter und Tochter. Manchmal schreiben wir gern zusammen und ergründen die einfachen (und wichtigen) Fragen des Lebens. Zwei Generationen, ein Thema.

Die Tochter. Dieses Video kann man sich kaum anschauen, ohne sich zu verlieben. Es handelt sich um die Abschlussrede der Harvard-Universität 2008, gehalten von J.K. Rowling, Autorin der Harry Potter Bücher. Was für eine starke, kluge, wortgewaltige, charmante Frau!

Diese Rede schickte mir vor sechs Jahren anlässlich unseres Diploms ein Freund von mir per Email. Seitdem höre ich sie regelmäßig bestimmt zweimal im Jahr, und bin jedesmal wieder verzaubert.

Die Rede hat zwei Teile – beide fantastisch, beide hochaktuell – heute spreche ich über den ersten: „the benefits of failure“ – der Wert des Scheiterns. Jeder junge Mensch sollte diese Rede hören. Wäre ich Lehrerin, würde ich sie ins Curriculum aufnehmen.

Hier ein Auszug, frei übersetzt (jedem, der Englisch versteht empfehle ich das unübertreffliche Original, s.o.)

“Ich habe nur sieben Jahre nach meinem Abschluss, an jedem normalen Maßstab gemessen, auf gigantische Weise versagt. Eine sehr kurze Ehe ist gescheitert, ich war arbeitslos, musste alleine für ein Kind sorgen und ich war so arm, wie es im modernen Großbritannien möglich ist, ohne obdachlos zu sein. Die Befürchtungen, die meine Eltern meinetwegen hatten und die ich auch selbst hatte, waren wahr geworden – ich war in jeder Hinsicht die größte Versagerin, die ich kannte.

Ich werde hier aber nicht stehen und Ihnen erzählen, dass das Versagen Spaß macht. Dieser Abschnitt meines Lebens war düster. Ich hatte keine Ahnung, wie weit sich der Tunnel hinziehen würde, und für eine lange Zeit war jedes Licht am Ende  mehr eine Hoffnung als die Wirklichkeit.

Warum spreche ich also über die Vorteile des Versagens? Ganz einfach deshalb, weil Versagen bedeutet, dass man sich von allem Unwichtigem löst. Ich machte mir nicht mehr vor, jemand anderes zu sein, als ich war, und ich begann, meine ganze Energie in die einzige Arbeit zu stecken, die mir wirklich wichtig war. Wenn ich irgendwo anders Erfolg gehabt hätte, dann hätte ich vielleicht niemals die Entschlusskraft gefunden, in dem einen Gebiet erfolgreich zu sein, wo ich meiner Meinung nach wirklich hingehörte. Ich war frei, denn ich meine größte Angst war Wirklichkeit geworden, und ich war immernoch am Leben, hatte immernoch eine Tochter, die ich über alles liebte, und ich hatte eine Schreibmaschine und eine große Idee. Und so wurde der Tiefpunkt zu dem festen Grund, auf dem ich mein Leben wieder aufgebaut habe.

Sie werden vielleicht niemals so sehr versagen wie ich, aber bis zu einem gewissen Grad ist es unvermeidlich. Ein Leben, in dem man niemals versagt, ist unmöglich. Außer man lebt so vorsichtig, dass man auf das Leben gleich hätte verzichten können – und in diesem Fall hat man ohnehin versagt.”

Erstmal sacken lassen. (Über den zweiten ebenso hochaktuellen, Teil „the importance of imagination“ – die Wichtigkeit der Vorstellungskraft, sprechen wir vielleicht ein andermal…)

Die Mutter. Warum sollte nur jeder junge Mensch diese Rede hören? Scheitern ist ein Thema, das sich durchs ganze Leben zieht. Was ist Scheitern? Versagen. An seinen Zielen vorbeischrammen, und zwar total. Mit dem, was man wollte, in einer Sackgasse enden. Erwartungen enttäuschen, fremde wie eigene. Man schämt sich, nicht mehr so toll dazustehen, wie man sich gern sehen würde. Man schämt sich, dass andere einen sehen und denken könnten: du Wurm. Es gibt so viele, die aus dieser Angst heraus an falschen Jobs oder unglücklichen Beziehungen festhalten. Man könnte denken, sie seien gescheitert, wenn sie sagen, dass sie so nicht mehr leben wollen oder dass sie sich geirrt haben oder dass dies der falsche Weg war. Außerdem können sie ja nicht wissen, ob ein anderer Weg/Job/Beziehung nicht auch im Unglück endet – auch da lauert die Angst vorm Scheitern. Wenn man ganz dicht mit der Lupe dort heran geht, sieht man, dass es die Angst ist, aus allem herauszufallen,  was einen hält; dieses Stück Sicherheit, das man selbst im unglücklichen Leben verspüren kann, das hätte man dann nicht mehr. Wir denken, wir fallen ins Nichts, wenn wir scheitern.

Das Wunderbare an Rowlings Rede ist, dass sie in dieses Nichts hineinleuchtet und beschreibt, was sie damals darin  fand: nicht nichts, sondern sich selbst. Den unverstellten Blick darauf, wer sie war, was sie konnte, was sie hatte. Da war ein Boden, auf dem sie anfangen konnte. Diese Rede sollte jeder lesen, der davon träumt, neue Wege zu beschreiten und Angst davor hat, sich in Ungewisse zu wagen. Viele, die sich in ihrem Job, ihrer Beziehung, ihrem alltäglichen Leben gefangen fühlen, könnten Mut daraus schöpfen, ihr Leben zu verändern. Jeder Burnoutkandidat sollte sie lesen. So gesehen ist diese Rede hochaktuell.

Was wir weitergeben

von 17. August 2015 0 No tags Permalink 18

Ich finde, Dove macht ganz tolle Sachen. So wie dieses Filmchen, das ich mir immer mal wieder anschaue, und immer ein paar Tränen verdrücken muss. Natürlich macht das auch der dramaturgische Gänsehautfaktor, aber vor allem die wichtige Botschaft dahinter. Wichtig genug, wie ich finde, um sie hier und überall zu teilen: Wie unser Selbstbild das Selbstbild unserer Kinder prägt.

Zum Glück ist inzwischen ja hinreichend bekannt, dass wir unseren Kindern sagen sollen, dass wir sie dufte finden und sie sich selber auch gut finden sollen.

Aber leben wir ihnen das denn auch vor? Man kann Kindern viel erzählen, eintrichtern, verbieten, vorbeten, erklären. Fakt bleibt, dass sie sich vor allem Dinge bei uns abgucken. Wie wir leben, wie wir handeln, wie wir streiten, wie wir lieben – andere und uns selbst.

Leider finden sich ja gerade Frauen häufig selbst nicht schön. Für ein kleines Mädchen jedoch ist die Mutter die non-plus-ultra-Frau. Unweigerlich schön, unweigerlich nachahmenswert und unweigerlich der Kompass für’s eigene Frauwerden. In einem Blog las ich neulich den schönen Satz (sinngemäß): „für mich war der Bauch meiner Mutter als Kind das Schönste der Welt. Warm, weich, tröstend. Erst mit der Zeit lernte ich von ihr, dass dieser Bauch offenbar zu fett und nicht gut ist.“ Ich wette, diese Mutter hat das nicht gemerkt oder gewollt. Sowas passiert, schnell und unbewusst. Und umso wichtiger ist es, es nicht zu übersehen: Lasst uns unseren Kinder erlauben, sich zu mögen, indem wir es ihnen vorleben. Das stärkt sie mehr als jede Vitaminbombe, verhilft ihnen mehr zu einem zufriedenen Leben als jede Freizeitgestaltung, wappnet sie mehr für Krisen als jeder Selbstbehauptungskurs.

So viele Mütter zermartern sich den Kopf, wie sie eine stets bessere Mutter sein können. Und wie sie als Frauen noch schöner sein können. Mögt euch selbst, und ihr habt eurer Tochter (und euch) bereits einen riesigen Gefallen getan.

Dasselbe gilt natürlich auch für Väter und Söhne.

 

Die heilende Wirkung des Aufribbelns

von 7. August 2015 0 No tags Permalink 23

Ich stricke gern. Und ich ribbel gerne alles wieder auf. Das muss ich von meiner Mutter geerbt haben – ich kann mich noch daran erinnern, dass sie früher viel gestrickt hat, dann irgendwann innegehalten und plötzlich alles wieder aufgeribbelt hat. Meinen Vater hat das wahnsinnig gemacht. Genauso macht es jetzt meinen Freund wahnsinnig, er kann das kaum mit ansehen. Es ist so… ineffizient. So wenig zielführend. Jaja. Was soll ich machen, ich bin meistens zu faul, mich an Strickmuster zu halten, und wenn ich’s tu, fühle ich mich von ihnen verhöhnt, weil alles ganz anders aussieht, als es soll. Will doch kein Mensch anziehen, so einen deformierten Labberschlauch, also schwupps, alles wieder aufgeribbelt.

Und ehrlichgesagt macht mir das ja auch Spaß. Kreieren, zerstören, kreieren, zerstören – ich glaube das ist sehr spirituell, was ich da tu. Neulich hab ich eine Folge House of Cards gesehen, in der Mönche im Weißen Haus ein Sandmandala gelegt haben. Diese unwahrscheinlich filigranen, meisterhaften Sandbilder, die über Tage oder gar Wochen penibel erschaffen werden – nur damit am Ende der Obermönch alles wieder wegwischt (so war es auch in der House of Cards Folge. Ich glaube die hocheffizienten White House Mitarbeiter on Speed konnten das auch kaum ertragen). Das soll einem die unausweichliche Vergänglichkeit aller Dinge verdeutlichen. Lehren, nicht an Materiellem festzuhalten.

Ähnlich ist das mit dem Aufribbeln. Eine perfekte Loslass-Übung, ganz stumpf und nebenbei, oder dass man angestrengt über’s Loslassen sinnieren muss. Ich kann das nur empfehlen, das lässt sich für Nicht-Stricker bestimmt auch auf andere Bereiche übertragen. Ich bilde mir ein, dass mir das auch in anderen Lebenssituation beim Loslassen hilft. Ob mein Freund jemals seinen Pulli bekommt ist eine andere Frage. Vielleicht sollte ich ihm einen kaufen.

Das Dienstagram | 21. Juli 2015

#hamburg #stgeorg

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Heute: Hamburgs erste gleichgeschlechtliche Ampeln in St.Georg. Foto von Maximilian Buddenbohm, der auch das lesenswerte und beliebte Blog Herzdamegeschichten führt, Bücher und Kolumnen in gedruckten Zeitungen schreibt. Ein Tausendsassa! Mit Dank für die freundliche Genehmigung!

Jeden Dienstag ein Instagram von Cem und Freunden: Das Dienstagram.

Für alle, die schon einmal geliebt haben

 

Manchmal stöbere ich im Internet in den TED talks. TED ist eine Bühne für Ideen, die es wert sind, verbreitet zu werden – Ideas worth spreading, so das Motto von TED. Wissenschaftler, aber auch Laien, tragen in max. 15 Minuten möglichst prägnant und verständlich ihre Erkenntnisse vor. Perlen sind darunter. Zum Beispiel diese: die amerikanische Paartherapeutin Esther Perel über Untreue in Beziehungen. An alle, die schon einmal geliebt haben, richtet sie sich, und es ist unglaublich spannend, ihr zu folgen. Sie redet klug und witzig, und am Ende ist das Saalpublikum genauso begeistert, wie ich es bin.
Ihre Erkenntnisse hat Esther Perel aus hunderten von Gesprächen mit Paaren gezogen, die sie überall auf der Welt geführt hat.
Hier sind ein paar ihrer Thesen:
– Untreue ist nicht notwendig ein Zeichen, dass die Beziehung kaputt ist, auch glücklich Gebundene gehen fremd
– Viele treibt nicht das Bedürfnis, sich vom Partner abzuwenden, auch nicht die Attraktivität einer anderen Person, sondern die Sehnsucht, sich selbst anders zu erleben. Anders, als es in der Beziehung möglich ist.
– Untreue verletzt tief. Sie zerstört die Sicherheit der exklusiven Intimität, das Urvertrauen in die Beziehung.
– Das Trauma des Betrogenen kann heilen, wenn der Betrügende das Verletzende seines Tuns anerkennt
– Der Betrogene sollte nicht fragen: Was hat der/die andere, was ich nicht habe, sondern: Was hat dir die Sache gegeben, wie hast du dich erlebt?
– Diesen Sehnsüchten Raum zu geben, kann für beide der Anfang einer neuen, lebendigeren Partnerschaft sein.
– Untreue kann, so schmerzhaft sie ist,  die gemeinsamen Beziehung fortentwickeln, erweitern und bereichern. Und so fragt Esther Perel Paare, die einen Betrug überwunden haben: „Eure erste Ehe ist zu Ende. Wollt ihr eine zweite miteinander eingehen?“

Das ist doch richtig schön, oder?

Einsamkeit kann Freundin sein. Ein paar Tipps.

Wir, Saskia und Sabine, sind Mutter und Tochter. Manchmal schreiben wir gern zusammen und ergründen die einfachen (und wichtigen) Fragen des Lebens. Zwei Generationen, ein Thema.

Vor einiger Zeit haben wir hier auf Elbsalon schonmal über Einsamkeit geschrieben. Dass es neben den schmerzenden und beängstigenden auch schöne Facetten der Einsamkeit gibt. Die bereichernd sind, die man genießen kann, die man sich aber auch manchmal erst erobern muss.

Ja, toll, aber wie denn eigentlich? Heute teilen wir ein paar unserer Gedanken und Erfahrungen zum Sparring mit der Einsamkeit im Alltag:

 

Tochter.

Szenario: Vorsorge. Das Alleinsein üben. Einfach so, weil es schön ist. Auch dann (oder besonders dann?), wenn man gerade nicht so gern allein ist.
Übung: Dates mit sich selbst ausmachen. Und so Ernst nehmen wie Verabredungen mit jemand anderem.

  • Für Anfänger: Allein spazieren gehen oder sich mit einer Zeitung in ein Café setzen. Die Ruhe genießen, die Gedanken ordnen. Oder unordentlich lassen.
  • Für Fortgeschrittene: Allein ins Kino gehen. So schön. Man guckt ja eh stumm auf eine Leinwand – wozu braucht man eigentlich jedes Mal Begleitung? Dann kann man auch endlich in Ruhe, ohne Genöle von der Seite und ohne jemanden mit Popcorn-Eimern bestechen zu müssen “Alien vs. Predator 9″ oder “Herzen im Sturm 7″ gucken.
  • Für Profis: Allein Ausgehen. Kann anfangs Überwindung kosten, ist aber eine spannende Abwechslung und ermöglicht Erfahrungen, Bekanntschaften und eine Kompromisslosigkeit, die man in Gesellschaft nicht bekommt.
  • Mehr als Alltag? Alleine Reisen. Geht auf allen Leveln, vom Wochenend-City-Trip bis zur Weltumrundung. Unübertroffen, wenn du mich fragst.

Es funktioniert, weil Übung den Meister macht. Immer.

Szenario: Krise. Sie frisst einen auf, die Einsamkeit, schmerzt, nimmt einem die Luft, zum Beispiel nach einer Trennung. Man tigert umher, sucht rastlos Betäubung und Ablenkung.
Übung: Aufhören wegzurennen, sich abzulenken. Hinlegen. Die Einsamkeit über sich rüberwaschen lassen, wie eine Welle am Strand. Akzeptieren, sich ergeben. Hinfühlen, Beobachten. Was passiert mit mir? Wo piekt es im Körper? Ist es wirklich so schlimm? Wie fühlt es sich nach 1 Minute an? Nach 5?
Es funktioniert, weil die Angst vor einer Sache meist schlimmer ist, als die Sache selbst. Was man nicht erfährt, wenn man die Situation stets vermeidet. Und weil das wertfreie Beobachten von körperlichen Empfindungen eine gute Notbremse bei Angstzuständen und Gedankenrasen sein kann. (Da sind sich Buddha und moderne psychotherapeutische Verfahren übrigens einig).

 

Mutter.

Immer seltener finde ich sie schlimm, vielleicht ist das der Segen des Älterwerdens: tausendmal gespürt, tausendmal überlebt. Ich nehme sie als Einladung zur Kreativität und zum wohltuenden Irrsinn.

  1. Der Krisenfall. Ich frage mich: Bin ich wirklich ganz allein? Oder sind da doch Leute, die ich ansprechen könnte: die Nachbarin, Freunde, Familie. Ich zähle jeden auf, den ich anrufen könnte, wenn ich wollte. Da sind immer Menschen, ich bin also gar nicht allein, ich denke das nur.
  2. Einsamkeit löst mich aus Gepflogenheiten: Ich bin einfach nur. Zeit verstreicht. Alles ist, wie es ist. Kein Nutzen, kein Zweck. Sitzen, fühlen, gucken. So eine Art Mini-Zen.
  3. Funktioniert fast immer: Lieblings-Musik auflegen und tanzen, allein im Wohnzimmer. Rumspringen, rumhotten. Total bekoppt und total schön.
  4. Auch ziemlich verrückt, auch wirksam: Sich im Freien platt hinlegen, auf  Balkon/Terrasse/der nächsten Wiese, und in den Himmel gucken. Die Erde trägt und da oben ist seit Jahrmillionen Weltall. Zugehörigkeitsgefühle, ganz groß.
  5. Schreiben. Ein Einsamkeit-Tagebuch anlegen. Egal ob ganze oder halbe Sätze oder nur Gestammel. Alles darf sein, was kommt.
  6. In sich forschen: Was würde ich jetzt gern tun? Kochen? Ausmisten?? Die Bücher sortieren: Welches bereichert mich noch, welches kann weg?  Dito: Kleiderschrank. Einsamkeitszeit ist vor allem: Zeit!
  7. Rausgehen und Fotos von bizarren Formen machen: von Bäumen. Oder Autos. Oder Kanaldeckeln. Oder sich selbst: an jedem Einsamkeits-Tag ein Einsamkeits-Selfie. Warum denn nicht?
  8. Beten. Hilft.
  9. Tochter anrufen.