Ach, wie verstörend, spannend, großartig ist doch das Älterwerden

Mein Lieblingsthema im Moment. Eigentlich ist das Älterwerden eine zutiefst demokratische Sache. Alle werden älter: der Postbote, das Baby, der Pubertärling, der Manager mit dem SUW, die jungen Frauen, die Nachbarn, ja, und ich. Endlich mal etwas, das wirklich jeden betrifft. Tolle Sache also.

Wenn ich, Ende 50, zurückgucke: So viel Wissen und Erfahrung gemacht, so viele Gedanken gedacht und Worte gesagt, Fehler gemacht, viel geschämt, gelernt daraus. Soviel geliebt, gelebt, mit Männern, ohne Männer. Ehen geschlossen, Ehen geschieden, mit Freundinnen gequatscht. Tonnen von Schuhen verschlissen, Hunderte Bücher gelesen. Geld verdient und Geld verzockt. Kinder groß gemacht, Chefs überlebt, Sträucher gepflanzt, zahllose Probleme gelöst und genauso viele geschaffen. Menschen genervt, Menschen getröstet, Liebe gefunden, Liebe verloren, kübelweise Tränen gelacht. Angst durchstanden, Zweifel zerkaut. Lebenslügen zerschreddert und falsche Erwartungen gleich mit. Welch ein Fundus an Sein!

Viel zu schade für „Anti Aging“, zu schade zum Wegglätten, weglasern, wegmachen. Warum soll ich so tun, als wäre ich nicht ich? Aber was bin ich denn nun? „Silver Surferin“, nee. „Seniorin“? Bitte nicht. Weder die praktische Kurzhaarfrisur, noch das Beige und der Gesundheitsschuh treffen mein Lebensgefühl. Ich will auch nicht auf Kreuzfahrt gehen, keine Fahrradtouren mit E-Motor machen. Ich lebe noch.

Wir haben keine Sprache für das Älterwerden, wir sind so unfassbar verkrampft. Wir belabeln das Älterwerden, als wäre es so eine Art Krankheit, als wäre es toxisch. Hallo!

Ich sehe anders aus als mit 30 und fühle mich schön, mein Hirn arbeitet frisch – ohne „trotzdem“. Ich habe eine Zukunft, die wird kürzer, aber das geht ja schließlich allen so, siehe oben. Sie ist deshalb nicht minder lebendig, nicht minder intensiv. Wie hat der wunderbare, kluge Roger Willemsen einmal gesagt: „Das Leben lässt sich nicht verlängern, aber es lässt sich verdichten.“

Wir können jede Sekunde damit anfangen, Neues beginnen. Sehnsüchte verwirklichen, in Angriff nehmen, was während der sogenannten Rush hour des Lebens zu kurz gekommen ist. Es war doch nie Zeit zwischen Kinder erziehen/Haus bauen/Job. Das irre Privileg der späteren Jahre ist, dass Energie frei wird und der Blick raus aus dem heimischen Kokon nach draußen gehen kann. Was kann ich tun, um die Welt ein bisschen besser zu machen? Diese einfache naive Frage birgt mehr Anregung und Abenteuer als die nächste Reise auf dem Kreuzfahrtschiff. Die Denkschablonen aufknacken, scheinbar eherne Gewissheiten in Frage stellen – und schon rockt das Leben. Brauchen wir den ganzen Kram um uns herum? Welche Rituale, mit denen wir uns eingerichtet haben, sind wirklich wichtig? Welche Menschen, mit denen wir gewohnheitsmäßig unsere Zeit verbringen, verdienen diese Zeit? Worauf freuen wir uns im nächsten Jahr? Auf was in unserem Leben sind wir stolz? Auf was nicht?  Manchmal habe ich das Gefühl, dass mich das Älterwerden näher an die Essenz der Dinge führt. Das finde ich verstörend, spannend, großartig. Über all das möchte ich reden. Wer macht mit?

Zehn Gründe, warum Pendeln gar nicht so übel ist

 

Berufspendler. Wie das schon klingt! Ich wohne außerhalb der Hamburger Stadtgrenze und fahre jeden Tag zu meiner Arbeitsstelle ins Zentrum. Morgens 25 Kilometer, abends 25 Kilometer. Mal im Auto, mal in der Bahn. Pendeln sei schlimm, habe ich jetzt mehrmals gelesen. Es mache Stress. Jeden Tag im Stau. Oder in der Bahn mit so vielen Menschen. Oh Gott. Und dann die viele schöne Zeit, die man in Fahrzeugen verplempert. So viel Verdruss, und am Ende: sterben Pendler früher. Liebe Mitpendler: Wollen wir das auf uns sitzen lassen?

Zehn Gründe für das Pendeln:

1. Im Auto: Endlich in Ruhe Radio hören: Politik, Gespräche mit spannenden Leuten, Lesungen. Musik, so laut man will, mitgrölen, keiner meckert. Herrlich.
2. Ungestört Gesichts- und Beckenbodengymnastik machen
3. Den Gedanken freien Lauf lassen (geht auch in der Bahn). Wo sonst kann man das?
4. Den Rücken mal so richtig von der Sitzheizung durchwärmen lassen. Jede Faser spüren.
5. Den Wechsel der Jahreszeiten beobachten. Den Himmel, die Wolken, das Licht.
6. In der Bahn: in Ruhe Zeitung lesen oder ein Buch. Bahnfahrer lesen viel!
7. Leute gucken. Gesichter beobachten, es gibt so schöne.
8. Gesprächen zuhören, irren Telefonaten. Nicht ärgern – zuhören! Im Theater bezahlt man Geld dafür.
9. Sich an der Vielfalt der Hautfarben erfreuen. Hamburg ist Weltstadt, darauf sind wir doch stolz.
10. Dem Gegenüber zulächeln, fast alle lächeln zurück. Der Tag ist gemacht.

Lasst uns über ein echt fieses Gefühl reden

 

Im Moment beschäftige ich mit Wut. Beruflich, weil es ein spannendes journalistisches Thema ist. Und privat, weil ich manchmal jemandem gern eine reinhauen möchte. Und dann nicht einmal den Mut finde, Pieps zu sagen. Weil: Man macht das ja nicht. Man ist ja lieb und kultiviert und so ausgeglichen. Und so cool. Ich nicht. Ich bin nicht cool. In mir wühlt manchmal der Ärger, und ich weiß nicht, wohin damit. Ich gehe dann raus, renne durch den Wald, oder gieße mir einen Wein ein und rauche. Ganz schlecht, ganz falsch.

Die Wut, unser stärkstes und, ist ja wahr, potenziell zerstörerischstes Gefühl. Sie ist gar nicht wohl gelitten. Mädchen lernen das früh: Sei lieb, sei brav, passe dich an. Rumbrüllen? Macht man nicht, Türen knallen, fluchen, kreischen – no! Die erwachsenen Mädchen (die Jungs haben immerhin den Fußball) machen dann Achtsamkeits- und Entspannungskurse. Sie üben, ihre miesen Wallungen mit Abstand zu betrachten, wertfrei und freundlich zu beobachten und vorbeifließen zu lassen im Strom des alltäglichen Irrsinns. Ist ja auch sinnvoll. Wäre ja nicht gut, wenn hier jeder, allem, was da gärt, seinen Lauf ließe. Der erwachsene Mensch, vernunftbegabt und diszipliniert, hat sich am Riemen zu reißen, sonst funktioniert das Zusammenleben nicht, siehe Wutbürger, die dann Trumps wählen oder AfD. Nein, ein Wutbürger will ich nicht sein. Aber ein Wutmensch, ein gepflegter, ja, das will ich sein, manchmal.

Betrachten wir dieses Gefühl. Wütend sind wir, wenn uns etwas gewaltig gegen den Strich geht. Wenn uns einer nervt und piesackt, respektlos und gemein behandelt. Wenn wir uns anstrengen und doch gegen die Wand laufen. Wenn wir kein Gehör finden. Wenn jemand über unsere Grenzen latscht, uns ausnutzt, betrügt, missachtet. Und was ist dann? Wir sind gefrustet, ärgerlich, strunzwütend. Die Wut ist wie ein Wächter am Grenzzaun, der aufpasst und bereit ist, aufzubegehren und Stopp zu schreien: Bis hierhin und nicht weiter. Auch das: Ist doch eigentlich ganz sinnvoll. Warum nur sind wir so darauf getrimmt, diese Impulse wegzudrücken?

Neulich saß ich in einem Workshop über friedliches Reden und die etwa 15 Anwesenden wurden gefragt, über welches Gefühl sie am dringendsten reden wollten. Na, Angst, dachte ich. Irrtum. Bei „Wut“ schossen die Arme in die Höhe: Darüber wollten sie reden, alle. Denn sie schlucken und schlucken, um ja die Wucht zu bezwingen, die da dräut. Wie geht das denn auch, angemessen und gepflegt wütend zu sein? Wir üben es ja nicht. Ich ja auch nicht. Und das Ergebnis ist: kein Mut zur Wut.

Diese schlimme starke Emotion ist gar nicht das Problem, die ist ja da, die haben wir. Das Problem ist, dass wir nicht wissen, wie wir damit umgehen sollen. Wir wollen authentisch sein, wir wollen Position beziehen, wir wollen rausholen aus dem Leben, was geht. Aber diesen einen Treiber, der uns auf unserem Weg begegnet – Ärger, Frust, Wut –, den drücken und therapieren wir weg. Wir schlucken sie herunter, und je mehr wir davon schlucken, je freundlicher und gelassener wir sein wollen, je intensivier wir atmen und meditieren, desto gefährlicher wird dieses Gebräu. Also noch mehr atmen! Mache ich auch, denn ich habe Angst vor dem Vulkan, der da ausbrechen könnte. Wenn der explodiert, bleibt kein Halm mehr stehen. Denke ich und drücke weg, Techniken gibt es ja zu Hauf. Und verpasse wieder eine Chance, Klartext zu reden, Position zu beziehen: Schluss hier, nicht mit mir! Freundlich bin ich, feige, bin ich. Wut zu zeigen kostet Mut. Wut macht einen nackt. Da fällt die „Ich bin so nett, ich ruhe in mir“-Fassade, plopps, herunter und sichtbar werde: ich. In der Wut zeige ich mich, nicht schön.

Und ich meine nicht diese kleine, sexy Kreisch-Wut der Frauen, sondern dieses ungeschminkte, elementare Aufbegehren aus dem innersten Ur-Sud. Diese Schwester der Zerstörung, die gnadenlos, wild und böse ist. Wir tun anderen damit etwas an, weil wir meinen, dass sie uns etwas angetan haben. Wir reißen etwas auf, weil wir meinen, dass etwas überhaupt nicht in Ordnung ist. Wir sollten ihr einen Platz verschaffen und Pflege und Worte und Rituale. Natürlich haut sie rein, natürlich muss hinterher wieder aufgeräumt werden, entschuldigt, verziehen, geredet, in (neue) Ordnung gebracht werden. Wut schafft Kontakt, Reibung, Berührung. Sie gibt uns die Chance, miteinander zu begradigen, was verrutscht war. Wir Gelassenheits-Atmer verrennen uns in das Paradoxon der Wut: Je doller wir versuchen, sie zu bannen, desto unbeherrschbarer erscheint sie.

Ich plädiere hiermit für die Rehabilitierung der Wut. Für den Mut zur Wut, zur gepflegten, wohlgemerkt. Muss ich lernen, will ich lernen.

Noch eine Zigarette? Ja, aber das ist dann wirklich die letzte.

 

Lasst uns über Depressionen reden

 View image | gettyimages.com

 

Es trifft so viele, und nicht immer merkt man es ihnen an, jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Der Mann, der auf jeder Party mit seinem Witz die Leute unterhält, die junge Frau, der im Job keine Aufgabe zu viel erscheint. Nach außen funktionieren, innen die Hölle, und keiner merkt es. Wir denken oft, dass Depressive Menschen sind, die sich die Decke über den Kopf ziehen und kraftlos in der Ecke hängen. Das gibt es auch, aber das ist nur ein Teil der Wirklichkeit. Junge sind betroffen wie Ältere, Männer wie Frauen. Arme, Reiche, fast jeden kann es treffen.
Und was ist eine Depression eigentlich? Wie grenzt sie sich von der Traurigkeit ab, von der Angst oder dem Ausgebranntsein, sprich Burnout?  Darüber wissen selbst viele Ärzte nicht Bescheid.

Viele Depressive fürchten den Morgen mehr als den Abend, die Lebenslust des Sommers setzt ihnen mehr zu als der Herbst. Sie empfinden keine Freude mehr, wo Gefühle waren, ist Stein.

Noch immer ist die Angst vor der Stigmatisierung groß, die Angst, sich zu „outen“, die Unsicherheit von Angehörigen, Freunden und Kollegen, damit umzugehen. „Reiß dich mal zusammen“, „Mach mal Urlaub“ – wohlgemeinte Ratschläge, die  überhaupt nicht helfen, im Gegenteil.
Und wer sich dann doch aufrafft und Hilfe sucht, einen Arzt, eine Therapie, der wartet oft erstmal ein paar Wochen auf einen Platz, auch so ein schwer fassbares Detail.

Kein heiteres Thema, nein. Aber so verdammt wichtig. Denn Depression ist eine der schlimmsten Krankheiten überhaupt. Auch, weil es so schwer ist, Worte zu finden. Auch weil es so schwer zu begreifen ist, was das genau ist, das sich in der Seele tut. Keine Hoffnung zu haben, im Nichts zu versinken. Depression ist eine tödliche Krankheit, denn eine erschreckend hohe Zahl von schwerst Betroffenen bringt sich um. Und zwar nicht im tiefsten Leidenstal, sondern sobald es ihnen gut genug geht, damit sie die Kraft, den Schritt zu tun. Ein schwer Depressiver, der plötzlich munter sein Leben ordnet – auf den sollte man achten.

Ich habe aus all dem gelernt, dass ich mit meinen Mitmenschen aufmerksamer sein will, hingucken will, wenn ich das Gefühl habe, da ist einer, der keine echte Freude mehr empfindet, der ist richtig einsam oder übernimmt sich permanent  oder lässt  keinen mehr an sich ran. Einen Beinbruch sieht man, für Krebs gibt es einen Namen, die tiefe Verzweiflung einer Depression, die sieht man oft erstmal nicht.

Mein schrecklich schönes Wohnprojekt

Foto: Hans-Jörg Deggert / pixelio.de

In Hamburg sprießen Wohnprojekte und Baugemeinschaften. In vielen Teilen der Stadt tun sich Menschen zusammen, um in Gemeinschaft zu leben: Alte, Junge, Familien, Singles, Paare kaufen vereint ein Grundstück, bauen Wohnungen, gestalten ihr Leben gemeinsam. Schöne Idee.

Ich lebe seit fast zehn Jahren in so einem Wohnprojekt, im Grünen. Wir pflegen gemeinsam ein großes Grundstück, auf dem in die Häuser mit den Wohnungen stehen, in den wir leben. Als ich damals dort eingerückt bin, waren die Häuser schon fertig. Als ich zur Besichtigung kam, saßen Menschen beim Grillen zusammen, schauten mir freundlich entgegen, die große Wiese blühte bunt. Eine Woche brauchte ich, um mich zu entscheiden, kratzte mein Geld zusammen, kündigte meine Eppendorfer Wohnung und kaufte mich rein.
Tja, so war das damals. Ich werde oft von Menschen, die das Alleinleben satt haben und die auch im Gemeinschaft leben möchten, gefragt: Na, wie isses? Und dann muss ich nachdenken: Ja, wie isses? Am Anfang viel Begeisterung. Hach, wir helfen einander. Die Alten den Jungen mit den kleinen Kindern. „Generationen übergreifend“ ist ja so eine dieser schönen Ideen. Hach, wir feiern zusammen, machen Feuer an unserer Feuerstelle, grillen zusammen, trinken Bier, quatschen. Helfen uns, haben Spaß miteinander, mögen uns.

Nun ja.

Also, ich liebe Feuer. Wenn ich mal eines entzünde auf unserer großen Fläche mit Blick auf die Pferdewiese, kommt nach einer Stunde einer mit der Gießkanne und sagt, dass der Rauch in seine Wohnung zieht und ihn am Schlafen stört. Kann ich verstehen. Die Familien mit den Kindern sind  froh, dass sich ihre Kinder endlich mal austoben können, aber bitte schön, nicht zu laut, und das Spielzeug bitte abends wegräumen, man könnte ja drüber fallen. Und nicht mit dem Fußball auf die Beete. Und nicht mittags. Kann ich auch alles verstehen. Aber ist das der Sinn der Sache? Um den Standort des großen Trampolins gab es monatelange Diskussionen, weil: Irgendeiner fühlt sich immer gestört. Ein Marillenbäumchen zwischen die Autos pflanzen, nee, das geht nicht, das muss diskutiert werden, die Früchte könnten ja auf die Autos fallen. Es gibt regelmäßige Gartentage, das Grundstück muss ja gepflegt werden. Aber was heißt: gepflegt? Die einen wollen schnurgerade Rasenkanten und fegen wie der Teufel. Den anderen ist das schnurz. Schon gibt’s Ärger. Aber da man ja gemeinsam ist und so euphorisch begonnen hat, wird der nicht ausgesprochen, sondern man brumpft vor sich hin. Grützige Stimmung. Tach. Und dann die, die sich an nichts beteiligen. Die hinnehmen, dass andere die Arbeit machen, die zu keiner Sitzung kommen, während sich die anderen abends miteinander den Hintern platt sitzen.

Die Regularien einer solchen Wohn-Gemeinschaft sind eigentlich ganz einfach: Auf ordnungsgemäß abzuhaltenden Sitzungen, mit Tagesordnung und zu unterzeichnenden Protokollen, kann jeder sein Anliegen einbringen, dafür werden, und dann wird abgestimmt. Mal muss der eine schlucken, was er nicht will, mal der andere. Demokratie halt. Aber so einfach ist das ja nicht. Offenbar haben Menschen einen nur schwer zu stillenden Drang, sich zu empören, beleidigt zu sein, aufzurechnen, was sie geleistet haben und die anderen nicht. Und so verbröselt allmählich der Spaß.

Kurzum: In den zehn Jahren Wohnprojekt habe ich viel gelernt.
1. Man kommt aus seiner Haut nicht raus, auch ich nicht.
2. Beleidigtsein ist offenbar ein Genusszustand.
3. Alles besser wissen auch.
4. Gemeinschaft ist ein Konsumgut: Manche wollen einfach nur, dass andere die Arbeit machen.
5. Jeder hält sich für mordstolerant.
6. Manche Leute mag man einfach nicht.
7. Das einzig wirklich Wichtige ist eine belastbare Streitkultur.
8. Die Wenigsten können das: gut streiten.
9. Vor allem die Psychokursgestählten, glauben gern, dass sie es gut können. Stimmt aber nicht.
10. Man kann auch in Gemeinschaft verdammt einsam sein.
11. Ich würde es wieder machen.
Warum?
Weil es sozial gelenkig hält. Denn die Weisheit, dass man niemanden ändern kann, außer sich selbst, bewahrheitet sich hier auch.
Am Ende kommt es auf mich selbst an, wenn ich etwas erreichen will. Meine Toleranz, meine Initiative, meine Bereitschaft, etwas zu tun. Komfortzone? Geht nicht.
Nach zehn Jahren sind die Erwartungen gründlich abgeblättert, fast alle sind enttäuscht, der Grillplatz ist leer, die bunten Blumen sind abgeblüht. Wir sind auf Null. Vielleicht muss das so sein, damit es am Ende gelingt, vielleicht das normal. Aber das sagt einem vorher keiner.

 

Rendez-vous mit Kurt Cobain

Anfang der Woche fuhr ich im Auto zur Arbeit. Es regnete waagerecht, es war grau und kalt. Ich hörte wie immer Radio, sie sagten, Kurt Cobain wäre heute 50 geworden und sie spielten „Smells like Teen spirit“. Das Stück rockte los und es traf mich wie ein Schlag. Ich sah die Nässe draußen, den ewig gleichen Weg zur Arbeit, die ewig gleichen Rituale, aufstehen, Geld verdienen, Essen kaufen, wieder arbeiten, wieder Essen kaufen, Konto checken, Urlaub machen, älter werden, tot. Nicht, dass ich Nirvanafan wäre. Auch ist Rock nicht meine Musik, noch ist der Weg Kurt Cobains mein Vorbild, ich weiß ja nicht mal, wie seine Stücke heißen, außerdem erschoss sich der Arme mit Ende 20. Aber in diesem Moment war da etwas. Warum machen wir das? Warum ist der Lebensweg so, wie er ist, durchgetaktet, ausgerichtet an Sicherheit, Komfort, Wohlleben? Ich mag mein Leben ja, will da gar nicht raus. Klagen auf höchstem Niveau, pfui, und trotzdem: Wo ist der Mut geblieben? Der Aufruhr? Das Rausspringen und etwas wagen? Der Wind des Neuen um die Nase, das Herzzittern und Angstkotzen? Es fällt mir schwer, das aufzuschreiben, weil ich das Klischee fürchte: Ja, ja, ältere Frau, satt und unerfüllt, färbt sich Haarsträhne blau, lernt Tangotanzen und italienisch Kochen auf Stromboli. Wer über die Sehnsucht spricht, nach Neuland, Wildheit und einfach was anderem verlangt, der kommt gleich in Schublade: unbefriedigt.
Dabei hat diese Sehnsucht überhaupt nichts mit dem Alter zu tun. Ich kenne 20-Jährige, 30-Jährige, 40-Jährige, die ebenso an dem Weg zweifeln, den sie fast automatisch gehen und gehen sollen, weil es der Weg ist, den man nun mal geht. Die ebenso fragen: Will ich das eigentlich? Die sich gefangen fühlen in Gewohnheiten, Routinen, Bürokratien, Hierarchien, CV-gerechtem Lebenslauf. Ist da nicht etwas anderes, das in einem wiegt und wogt und manchmal bohrt, so laut, dass es einen zersprengen möchte? Wir reden so selten darüber, und wenn immer etwas verschämt. Der andere könnte ja lachen und sagen: pah, du träumst. Ja, na und, ich träume. Du nicht?
Und was ist deine Sehnsucht? Welch fabelhafte Frage, um ein Gespräch zu eröffnen. Auf einer Party einen Bekannten oder Fremden das zu fragen. Was fragen wir stattdessen: Und wo geht’s hin im Urlaub? Oder: Was macht der Job? Oder: Was macht der Hausbau? Oder: Was machst du so? Das ist interessanter, ja? Quatsch.
Ich plädiere hiermit dafür, dass wir mehr über unsere Sehnsüchte sprechen und nicht vor Peinlichkeit lieber schweigen. Wir hätten Gesprächsstoff über Generationen hinweg. Würden die Gedanken und Gefühle unserer Kinder besser verstehen, weil sie unseren eigenen ähneln. Würden sehen, dass Menschen, die das Leben der Arrivierten kritisch sehen, den richtigen Sensor haben. Wir könnten lernen von ihnen und sie von uns, wenn wir ehrlich über das sprächen, was uns im Innersten bewegt, die Träume vom Ausbruch, auch die Angst und Mutlosigkeit, ja auch die. Wir würden uns weicher zeigen und durchlässiger. Stattdessen reden wir mit auerhahnmäßig geschwellter Brust vom Müssen und Erreichen, von Erfolgen, Status, Schönheit und Geld. Das ist ja auch alles gut. Aber wo lassen wir denn die Träume, die Sehnsucht? Die Literatur, die Musik, die Kunst werden aus ihr gespeist, wir rennen in die Konzerte und in die Museen, und wir selbst tun so, als wären die Wallungen in uns second best.
Kurt Cobain hat das Älterwerden nie erlebt. Die Wahrheit womöglich hat ihn zerschmettert. Anderen mag sie helfen, den Mut zu behalten, dass rechts und links noch etwas anderes liegt. Es würde vielen von uns guttun, darüber zu reden.

Ü-50-Alert: Wo sind die Männer?

Es gibt in meiner Generation ein neue Art von Frauen. Tolle Frauen, schlaue Frauen, schöne Frauen. Die eines gemeinsam haben: Sie leben allein, und zwar meist recht vergnügt. Nach der letzten zerbrochenen Beziehung, nach der Bewältigung von Schmerz und Pein, merken sie: Man muss nicht Paar sein, um ein gutes Leben zu führen.

Freude am Job, an Freunden, an Kultur, Urlauben, gemütlichen Wochenenden auf dem Sofa, an erwachsenen Kindern und schnuffeligen Kindeskindern, das bringt schon eine Menge Gewicht in die Glücksbilanz. Wir – ich sage mal „wir“, denn ich gehöre auch dazu: Also wir sind mit Anstand und in Schönheit gereift, haben die Abgründe des Lebens und unsere eigenen kennengelernt. Wir sind offen für die Welt, lernen Schifferklavier und Tangotanzen, bringen Flüchtlingen Deutsch bei, bloggen, durchwandern das Land von West nach Ost und von Nord nach Süd, sind fit, lebensklug, lustig, flirtbereit. Wow.

Und wie wir so durchs Leben streifen und immer neue tolle Frauen treffen, merken wir, das eines fehlt: Wo sind die Männer?

Rein rechnerisch müssten ebenso viele da sein, die auch gereift und lustig und in denselben Gefilden unterwegs sein müssten. Aber sie sind nicht da. Hallo, ihr alleinlebenden großartigen Ü-50-Männer, wo seid ihr? Kluge, erfahrende, humorvolle, neugierige, spaßbereite Ü-50-Männer, die ebensolche Frauen zu schätzen wissen. Mögt ihr uns nicht? Sind wir euch zu alt? Zu uncool, zu anstrengend?

Lasst uns offen reden, erzählt uns, was ihr wünscht, wie ihr tickt, wovon ihr träumt. Ihr müsst doch auch, genau wie wir, die düsteren Seiten, die Verirrungen, die  Idiotien und die Grandezza des Lebens kennengelernt haben. Ihr müsst doch, genau wie wir, gereift und geschliffen und voller Lust auf den bunten Herbst des Lebens sein. Wo finden wir euch? Keine Angst, wir wollen euch nicht binden, nicht festklammern, wir wollen euch einfach nur kennenlernen und Spaß mit euch haben. Oder mögt ihr die Formulierung „Herbst des Lebens“ nicht? Dann würden wir euch gern bekehren. Der Herbst ist eine wundervolle Jahreszeit. Fühlt sich fast wie ein zweiter Frühling an.

Meldet euch, wir tun euch nichts.

Jogging für Faule

217bbfe72b2097f0ca3b499362daedea

Foto: omg22-23.diply.com

 Ich bin ein Faulpelz. Was man daran erkennt, dass ich schon gefühlte 70 Mal angefangen habe, regelmäßig zu laufen/walken/schwimmen. Und natürlich wieder aufgehört habe, recht schnell.

Nun probiere ich es wieder: Joggen, weil es so unkompliziert direkt vor meiner Haustür losgehen kann. Ich wohne am Rand von Hamburg, gleich neben einem netten kleinen Moor mit einem Pfad, der eine Runde von etwa einer halben Stunde ergibt – gejoggt, nicht gegangen. Ich brauche die Bewegung, den ganzen Tag sitze ich vor dem Rechner, ich habe Stress und schlafe schlecht. Meine Laune ist oft im Keller und ich fühle mich energielos.

Das will ich nicht. Und ich weiß, dass das Einfachste und Wirkungsvollste Sport ist. Regelmäßig. Die simpelste Naturmedizin der Welt, garantiert nebenwirkungsfrei (sofern man nicht die Bänder kaputt rennt, aber davon bin ich ja gottseidank weit entfernt).

Diesmal versuche ich alles richtig zu machen. Ein Laufprogramm, ein ganz einfaches: 2 Minuten joggen, zwei Minuten gehen. Ganz sutsche, nur keine Hektik, denn es soll ja Spaß machen. Weil ich das Gekeucht hasse, laufe ich so langsam, dass ich umfallen würde, wenn ich noch langsamer liefe. Meine Sportsachen liegen jetzt immer gut sichtbar auf einem Stuhl im Schlafzimmer, so dass ich gleich hineinschlüpfen kann. Und ich laufe nur, wenn ich Lust habe, was bei 2-Minuten-Intervallen keine Kunst ist. Genau deshalb starte ich ja mit der Babyversion.

Und siehe da: Ich habe recht häufig Lust. Nach drei Wochen bin ich schon bei 10 Minuten am Stück. Ja, ihr Marathonläufer, lacht nur. Schüttet euch ruhig aus. Irgendwann, wahrscheinlich in 50 Jahren, bin ich soweit und dann putze ich euch vom trail.

Ich mache weiter. Diesmal wirklich. Zweimal die Woche kriege ich hin, auch ohne Druck. Ich habe einfach Lust dazu, meist abends nach der Arbeit, wenn mir der Kopf brummt und die Glieder vom vielen Sitzen ganz hölzern sind. Es kam sogar schon vor, dass ich mich auf der Heimfahrt auf meine Runde gefreut habe. Ein Riesenfortschritt für einen Faulpelz wie mich.

Ich werde euch auf dem Laufenden halten.

Diner Noir.

Diner Noir.

A post shared by Cem Başman (@cbasman) on

Manchmal erzählt ein einziges Bild eine ganze Geschichte.

Worüber sprechen die beiden Frauen? Wer sind diese beiden? Warum treffen sie sich nachts in einem Diner? Und warum tanzt eigentlich Micky Maus zwischen ihnen auf dem Tisch?? Wer beobachtet diese Szene? Was passiert dann?! Wie hat es angefangen?

Erzählen Sie die Geschichte. Schreiben Sie Ihre Geschichte zum Bild gerne in die Kommentare..