Autoren sind auch nur Menschen

Meistens dauert es ja recht lange, bis ein Roman vor einem liegt. Worte und Gedanken müssen ge- und erfunden werden. Lange Tage, Abende, Nächte vielleicht sitzt der Autor allein mit sich und seiner Welt am Schreibtisch. Später liest der Lektor, merkt hier etwas an fragt da nach. Verwirft eine Kritik, hält an einer anderen fest. Die Menschen in der Buchproduktion kümmern sich um das richtige Layout, die Druckerei, ach zig Kleinigkeiten, der Grafiker gestaltet einen Einband. Die Mitarbeiter in der Presseabteilung schwirren (virtuell und wirklich) aus.

Und eines schönen Tages im Spätsommer, rechtzeitig vor dem Bücherherbst um genau zu sein, sind lauter Bücher deutscher Autoren da, die alle eine Vergangenheit und Wurzeln im Ausland haben.

Feridun Zaimoğlus Eltern kamen aus der Türkei nach Kiel, Ilja Trojanow wurde in Sofia, Bulgarien geboren, die Berliner Schriftstellerin Alina Bronsky im russischen Jekatarinburg. Damaskus , die Geburtsstadt von Rafik Schami liegt in Syrien und ist eine der ältesten kontinuierlich bewohnten Städte der Welt. Leider für die Menschheit droht Syrien wie etliche andere Länder im Chaos zu versinken.

All diese Autoren schreiben auf deutsch, weil an irgendeinem Punkt in ihrem Leben oder dem ihrer Eltern ein deutscher Ort ihre Heimat wurde. Sie alle stellen auf dem Harbourfront Literaturfestival ihre neuen Werke vor. Ihre Geschichten handeln von Erfahrungen aus der alten Heimat – etwa Alina Bronskys Geschichte von Baba Dunja, die nach Tschernobyl zurückkehrt und sich dort mit alten Nachbarn ein neues Leben unter der tickenden Zeitbombe der Strahlenbelastung aufbaut. Oder sie erzählen von Erfahrungen mit der neuen Heimat, wie die Geschichte von Feridun Zaimoğlu, der deutschen Emigranten in Istanbul während der Zeit des Nationalsozialismus folgt.

Und nun erscheinen alle ihre Geschichten gerade jetzt, wo jeden Tag viele Menschen auf der Flucht vor Chaos, Krieg und Not eine neue Heimat bei uns suchen. Es scheint fast so, als hätten unsere Autoren auf sie gewartet mit ihren Geschichten.

Vielleicht, weil in ihren Geschichten die Zuversicht steckt, man könne das Unrecht denunzieren, indem man davon erzählt. Oder wie Ilja Trojanow gestern am Eröffnungsabend des Harbourfront Literaturfest Harbourfront Literaturfestival Hamburg – der Eröffnungsabend mit Ilja Trojanow es ausdrückte. Denkmäler seien Zeichen der Macht, Romane Zeichen des individuellen Widerstandes: „Romane besprühen Denkmäler mit Graffiti“

In diesem Sinne: Gehen Sie hin, es gibt viel Graffiti zu hören.

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