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Die Geschichte eines Familientraumas, großartig erzählt

Michel Laub

Dieser Mann ist Michel Laub, 1973 in Brasilien geboren, mit jüdischen Wurzeln. Sein Buch „Tagebuch eines Sturzes“ hat mit gepackt und bewegt wie lange keines mehr.

Das ist die Geschichte: Laubs Großvater war Deutscher und verlor in Auschwitz seine gesamte Familie. Er ging nach Brasilien, heiratete, bekam seinen Sohn. Über seine Vergangenheit verlor er nie ein Wort, auch die Namen der Gemordeten erwähnte er nie. Der Sohn, Laubs Vater, litt  unter diesem Schatten und ebenso sein Sohn, Michel. Ihrer beider Leben scheint unter der Last des niemals Ausgesprochenen zu ersticken. Laub erzählt in Form eines Tagebuchs, und wie er das macht, ist phänomenal. In kurzen Sequenzen und mit einer nüchternen präzisen Sprache  treibt Laub seinen Leser immer tiefer in den Abgrund dieser Familiengeschichte hinein. Erst als Laub an einer Lebenskrise zu zerbrechen droht, gelingt es ihm, das Undurchdringliche zu lüften und zu verstehen. Das Buch ist schmal, hat nicht mal 200 Seiten. Für die letzten brauchte ich Tempotaschentücher. Eine Kollegin hat mir das Buch gegeben, sie hat vieles unterstrichen und auf S.131 an den Rand gekritzelt: Dieses Buch ist ein Geschenk. Stimmt.

Michael Laub, Tagebuch eines Sturzes, übersetzt von Michael Kegler, Verlag Klett-Cotta.

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Überschätzen wir Sex? Ist Enthaltsamkeit cooler?

Zwei Generationen, ein Thema.

Wir, Sabine und Saskia, Mutter und Tochter, ergründen die einfachen Fragen des Lebens…

DIE MUTTER. In den letzten Wochen habe ich in den Medien Erstaunliches über Sex gelesen. Das hat mich überrascht, weil das Thema lange nicht vorkam, es schien irgendwie ausgelutscht. Es ging: um keinen Sex.
 Paare erzählen, dass sie gar nicht oder wenig  miteinander schliefen – und zufrieden damit seien. Junge Frauen erzählen, dass sie sich aus Geschlechtsverkehr nichts machen und darauf verzichten – mit guten Gefühlen. Der Tenor ist derselbe: Wir fühlen keinen Mangel, und wir wollen nicht als defizitär gelten. Wir wollen unsere Standards selbst setzen.
Paare, die es im Bett gern ruhiger haben, fühlen sich unter Druck, denn in Umfragen ist immer wieder zu lesen, dass zwei, drei Mal die Woche „normal“ sei. Und es ist ja auch irgendwie üblich, dass jeder so tut, als habe er ständig super Sex. Wenig oder keinen zu haben ist ebenso anrüchig, wie den Samstagabend allein auf dem Sofa zu verbringen. Vermutlich wären viele Menschen erleichtert, wenn sie damit aufhören könnten, ihre Unlust zu verschleiern. Und dieser Trend hat nichts mit Alter zu tun. Die Menschen, die da berichten, sind jung.
Wenig Lust auf Sex – und das nicht als Defizit. Wie ungewohnt. Man denkt doch üblicherweise sofort: Da stimmt was nicht. Die Hormone, der Stress, das Alter. Muss behandelt werden. Wie oft taxiere ich langjährige Paare ab: Schlafen die noch miteinander?  Und wenn nicht? Je mehr Sex, desto glücklicher die Beziehung, so denken wir doch. Kann ja stimmen. Muss aber nicht. Der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch sagt in der SZ: „Die Sexualität hat heute für viele Menschen den großen Reiz verloren, der früher durch striktere Verbote gesteigert wurde.“
Diese Bewegung kann Freiheit schaffen. Es kommt doch vor, dass man einen Mann sehr mag, mit dem der Sex nicht toll ist. Daran herumzudoktern ist schwierig, es kann verletzen. Am Ende mag es komfortabler sein, auf Sex zu verzichten, um Freundschaft und Innigkeit zu erhalten –  ohne das vergiftende Gefühl, das etwas nicht stimmt. Wenn beide das so sehen, kann etwas Entspanntes haben, etwas Emanzipiertes. Ja, vielleicht wird es Zeit, dass wir uns vom Druck des „Ich-kann-und-will-immer“ emanzipieren.
Das ist doch die wahre Coolness: Ich bestimme selbst, was ich will. Wir bestimmen selbst, was wir wollen.

DIE TOCHTER. Also, ich habe mit meinem Freund auch nach vier Jahren natürlich vier Mal täglich Sex. Deshalb haben wir übrigens auch unsere Jobs gekündigt. Schafft man ja sonst kaum. Burnout und so…..(Scherz). Ja, ich denke, dass es viele Menschen erleichtern würde, dieses Thema zu entnorm(al)isieren. Sich, wie bei so vielen anderen Themen, mehr zu fragen “was will ich?” statt “was soll ich?”. Kleiner Exkurs: Therapeuten sprechen gern von persönlichem Leidensdruck, der maßgeblich mitbestimmt, ob überhaupt eine Therapieempfehlung ausgesprochen wird. Auch im Alltag liefert doch die Frage  “leide ich an zuwenig Sex?” den besseren Indikator, ob was getan werden soll, als “entspricht mein Sexleben der Norm?”. Denn: wen kümmert’s? Dann kann man beruhigter mal ‘ne Phase wenig oder keinen Sex haben. Und dann mal wieder ganz oft. Oder immer ganz oft. Oder immer ganz wenig.

Ich glaube schon, dass körperliche Nähe grundsätzlich wichtig ist für eine Beziehung. Dass sie das unverkopfte Wir-Gefühl, ja, die emotionale Nähe nährt. Deshalb kann es sich lohnen, genauer hinzuschauen, wenn der Sex selten wird, und sich -ja!- vielleicht auch mal dazu zu verabreden. Aber ich denke auch, dass wirklich jede Beziehung anders ist, dass man nicht vorschnell in Panik verfallen sollte und dass körperliche Nähe auch in anderen Facetten kommen kann, als allabentlich das Kamasutra durchzuturnen. Allem voran denke ich, dass man den Blick nach innen auf die zwei Menschlein und ihre Bedürfnisse und nicht nach außen auf irgendeine vermeintliche Norm richten sollte.

Denn was soll diese “Norm” eigentlich sein? Ich lese ja auch häufiger hier und da “Statistiken” wie: “Im Durchschnitt haben Paare 2 Mal die Woche Sex”.  Aha. Sapperlott.  Das finde ich so aussagekräftig wie “im Durchschnitt gehen Paare 1 Mal im Monat zum Italiener.” Heißt das, alle Paare machen das so? Oder heißt das, manche gehen täglich, andere einmal alle 2 Jahre? Und was sind das so für Leute, was passiert sonst so bei denen im Leben? Da denkt man doch auch: “Geschmackssache, Hauptsache man findet jemanden, der auch gern zum Italiener geht, und einen ähnlichen Geschmack. So ist es doch auch bei Sex. Jenseits eines vermuteten Solls besteht ein Problem doch erst dann, wenn einer oder beide unzufrieden ist mit dem Sexleben. Wenn es auch über einzelne Phasen (Job? Zeit? Kinder?) hinaus zum Problem wird. Dann sollte man reden, handeln, dann lohnt sich auch Stress. Aber Stress haben, obwohl niemand in der Beziehung eigentlich unzufrieden ist und sich durch ominöse Statistiken (wurde eigentlich jemand jemals zu sowas befragt?? Ich nicht) unter Druck setzen lassen – wie schade! Und dann möglicherweise noch deshalb Beziehungsprobleme haben, die es eigentlich gar nicht gibt? – wie doof!

Eine Idee: Zur Not, wenn man nicht loskommt von der vermeintlichen Norm, sich schämt, seinen Freunden zu antworten: “Och eigentlich nicht so oft, aber ist auch OK so.” (“Echt, oh Mist, habt ihr Probleme?”), dann lieber gemeinsam an einem Strang ziehen, anstatt sich aufwühlen zu lassen. Zum Beispiel: “Sorry Leute, wir müssen nach Hause… ihr wisst schon. Zwinker. Und kichernd Hand in Hand nach Hause rennen, um zusammen Game of Thrones zu gucken. Und dabei ein bisschen knutschen. Oder Popcorn essen.

Mehr von uns auf zwei mokka

Soll ich bi werden?

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Sherin, Two Women

Ich mag Männer, und zwar sehr. Aber manchmal, das muss ich leider sagen, machen sie mich ratlos. Gerade im gehobenen Alter über 50, und das ist meine Preisklasse. Die Selbstgewissheit, mit der man so durchs Leben wandert, nicht mehr rechts und nicht mehr links guckt, nicht zuhört, sondern nonstop sendet: die Steuer, die Maut, der Löw. Haben sie denn keine Fragen mehr ans Leben? Wollen sie denn niemanden mehr inspirieren? Wollt sie für niemanden mehr lecker und lockend sein?

Natürlich sind nicht alle Männer so, es gibt wunderbare, interessante, sensitive Männer – elbsalon-Männer. Aber es gibt eben auch ein paar zuviele von den  anderen, und die frage ich: Habt ihr es nicht nötig, anspruchsvollen Frauen zu gefallen? Ist das reizlos? Findet ihr die Frauen reizlos? Den Umgang mit ihnen? Mich würde das wirklich interessieren.

Vor ein paar Wochen war ich auf einer Party, da war alles sehr anders, es waren fast nur Frauen. Viele dieser Frauen waren so inspirierend, so neugierig, so witzig und selbstironisch. Gepflegt, ja, mit um die 50 waren die richtig lecker. Und als wir so tanzten, leicht angeschickert und fröhlich, einander nette Dinge sagten, da dachte ich mir: Holla! Warum eigentlich nicht?

Ja, warum eigentlich nicht?

Sind wir nicht alle etwas bi? Der legendäre Sexualforscher Arthur Kinsey schrieb in seinem Report, dass die überwiegende Mehrheit der Männer und Frauen sich gelegentlich zum eignen Geschlecht hingezogen fühlte, Männer sogar noch mehr als Frauen (Warum, liebe Männer, erzählt ihr nie davon, es wäre so interessant!). Und während wir immer noch so tun, als wäre der Mensch entweder hetero oder homo, geht die moderne Sexualforschung davon aus, dass beides nur die Pole einer ganzen Bandbreite von Schattierungen sind. Die meisten haben irgendwann im Leben mal Lust auf das eigene Geschlecht, manchmal nur im Kopf, manchmal als vorübergehende Spielerei. Die Grenze schwimmt. Vieles ist möglich. Ich finde das aufregend.

 

Seele hört mit: Töne zum Schwelgen und Glücklichsein

Diese Musik hat mich gepackt, und ich möchte sie euch unbedingt ans Herz legen. Denn da gehört sie hin. „Tender Breeze“ von Dagefoer, handgemacht in Hamburg.

Hinrich Dageför, Jamina Achour, Stefan Wulff, Dumisani Mabaso spielen Lieder, die so anregend heiter-melancholisch fließen wie das Leben. Die Vier sind erfahrene Musiker und haben sich hier zusammen getan, um zu spielen, wozu sie Lust haben. Das merkt man, dieses Vergnügen steckt an.

Ihre Instrumente sind Gitarre, Akkordeon, Bass und Percussion, und vor allem  die samtig-sinnliche Stimme von Jamina Achour. Manchmal holt sich das Quartett Gastmusiker dazu, etwa die vorzügliche Tenor Saxophonistin Birte Jessel oder den Cellisten Hanno Kahns. Die meisten Texte und Kompositionen sind von Hinrich Dageför, deshalb heißt die Band auch Dagefoer. Das meiste ist  eine erlesene, sehr eigene Mixtur aus Jazz, Folk, afrikanischen und karibischen Rhythmen, aber auch „Ne Me Quitte Pas“ von Jacques Brel ist dabei.

Wirklich ein Genuss, nach Feierabend, beim Kochen, beim Traurigsein, beim Glücklichsein oder als feines Geschenk. „Tender Breeze“ von Dagefoer.

Der Mann, die Akropolis, die Liebe – drei glückliche Tage in Athen

Athen, Äskulap

Ich habe mich verliebt. In die Stadt, in der dieser melancholisch dreinschauende Mann steht. Dieser Blick, diese Haare, diese Wucht. Diese Brust. Ja, Hamburg, ich bin dir fremdgegangen.

Ich habe mich in Athen verliebt,  dieser Mann steht im Archäologischen Museum und schaut schon sehr lange dort vor sich hin.. Dieses Museum ist ein Ort, den jeder einmal im Leben besuchen sollte – vor allem die Skulpturensammlung, und darin vor allem die Bildhauer der Klassik. Ein Traum. An jeder Arbeit, die dort ausgestellt ist, sieht man: Diese Männer (waren immer Männer) haben den Menschen geliebt, seine Physik, sein Wesen. Mich hat das berührt.

Ich habe mich in  diese Stadt verliebt, weil kein Klischee auf sie passt. Ja, da sind die Folgen der Krise, Armut, abgeschrabbelte Straßenzüge, Menschen, denen man ansieht, dass sie um ihre Existenz ringen müssen. Trotzdem verströmt die Stadt eine fast heitere Unaufgeregtheit.  Cafes auf jedem Meter, in denen Menschen sitzen, schwatzen, diskutieren. Kleine Restaurants, Bars. Verwinkelte Straßenzüge, in denen sich Lädchen an Lädchen reiht, oftmals von bezirzender Schrulligkeit, mit Waren darin, die aus der Zeit gefallen scheinen. Lebendigkeit, angenehm temperiert und völlig unaggressiv.

Und dann stolpert man an jeder Ecke man über alte Steine, die  nicht nur irgendwie alt sind, sondern nichts weniger symbolisieren als die Wiege unserer westlichen Denk- und Wertewelt. Die stehen da einfach herum, als wäre nichts. Und obendrüber thront die Akropolis, seit 2500 Jahren, irgendwie lässig und unfassbar schön im Abendlicht.

Unterwegs, beim Herumtreiben zwischen Monastiraki und Omonia-Platz war dann diese Wandmalerei.  „no justice, no peace“ und oben am Rand: „Meine Liebe“ – wie kommt das dahin?  Wer hat das geschrieben? Auch das: Es steht einfach so herum, als wäre nichts. Wie der Äskulap und die Akropolis.

Athen, Graffiti

Alle fragen mich, ob ich als Deutsche von Griechen angemacht worden bin, wegen EU-Merkel, EU-Spardruck, Troika. Nein, bin ich nicht.  Ich fühlte mich glücklich und aufgehoben in dieser Stadt, drei schöne Tage lang im Mai.

Mein Hotel: Hotel Central, Plaka, ruhig gelegen, sensationelle Dachterrasse mit Blick auf die Akropolis, ansonsten Business-Charme. Liegt ruhig und etwas abseits der Touristenmeile, kleine charmanten Läden, Bars, Cafes drumherum.

Einfacher, preiswerter, auch gut: Hotel Tempi, schön gelegen an einem der nettesten Plätze der Innenstadt: Angenehme Bars und Cafés, eher studentisch-hip

Akropolis