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Jogging für Faule

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Foto: omg22-23.diply.com

 Ich bin ein Faulpelz. Was man daran erkennt, dass ich schon gefühlte 70 Mal angefangen habe, regelmäßig zu laufen/walken/schwimmen. Und natürlich wieder aufgehört habe, recht schnell.

Nun probiere ich es wieder: Joggen, weil es so unkompliziert direkt vor meiner Haustür losgehen kann. Ich wohne am Rand von Hamburg, gleich neben einem netten kleinen Moor mit einem Pfad, der eine Runde von etwa einer halben Stunde ergibt – gejoggt, nicht gegangen. Ich brauche die Bewegung, den ganzen Tag sitze ich vor dem Rechner, ich habe Stress und schlafe schlecht. Meine Laune ist oft im Keller und ich fühle mich energielos.

Das will ich nicht. Und ich weiß, dass das Einfachste und Wirkungsvollste Sport ist. Regelmäßig. Die simpelste Naturmedizin der Welt, garantiert nebenwirkungsfrei (sofern man nicht die Bänder kaputt rennt, aber davon bin ich ja gottseidank weit entfernt).

Diesmal versuche ich alles richtig zu machen. Ein Laufprogramm, ein ganz einfaches: 2 Minuten joggen, zwei Minuten gehen. Ganz sutsche, nur keine Hektik, denn es soll ja Spaß machen. Weil ich das Gekeucht hasse, laufe ich so langsam, dass ich umfallen würde, wenn ich noch langsamer liefe. Meine Sportsachen liegen jetzt immer gut sichtbar auf einem Stuhl im Schlafzimmer, so dass ich gleich hineinschlüpfen kann. Und ich laufe nur, wenn ich Lust habe, was bei 2-Minuten-Intervallen keine Kunst ist. Genau deshalb starte ich ja mit der Babyversion.

Und siehe da: Ich habe recht häufig Lust. Nach drei Wochen bin ich schon bei 10 Minuten am Stück. Ja, ihr Marathonläufer, lacht nur. Schüttet euch ruhig aus. Irgendwann, wahrscheinlich in 50 Jahren, bin ich soweit und dann putze ich euch vom trail.

Ich mache weiter. Diesmal wirklich. Zweimal die Woche kriege ich hin, auch ohne Druck. Ich habe einfach Lust dazu, meist abends nach der Arbeit, wenn mir der Kopf brummt und die Glieder vom vielen Sitzen ganz hölzern sind. Es kam sogar schon vor, dass ich mich auf der Heimfahrt auf meine Runde gefreut habe. Ein Riesenfortschritt für einen Faulpelz wie mich.

Ich werde euch auf dem Laufenden halten.

Was ich der gestressten jungen Mutter so gern gesagt hätte

Neulich, in einem Hamburger Bistro, kam ich mit einer jungen Frau ins Gespräch. Sie war aus München und hatte sich in unserer Stadt einen kleine Auszeit gegönnt. Am nächsten Tag stand die Heimreise an, und sie hatte Angst. Sie war Mitte 30, eine bildschöne Frau, zwei kleine Kinder, kein Mann. Ihr Vater kümmerte sich in ihrer Abwesenheit, er war irgendein wichtiger Arzt, Geld war genug da. Sie selbst versuchte, als Fotografin Fuß zu fassen. Sie hatte Angst, nach Hause zu kommen. Hatte Angst, den Wünschen ihrer Kinder nicht zu genügen, den Ansprüchen ihres Vaters nicht, in ihrem Beruf nicht genug zu leisten. Eine nervöse junge Frau mit leichtem Horror im Blick. Sie überlegte minutiös, wie sie ihre Rückkehr zeitlich so einrichten könnte, dass sie vor dem Ansturm noch zwei Stunden für sich hätte. Die Erholung ihres Hamburger Ausflugs war weggeblasen.

Ich konnte sie so gut verstehen, und sie tat mir so leid. Ich habe Ähnliches von anderen jungen Müttern gehört, die sich überlastet fühlten von Ansprüchen. Frauen, die das Gefühl quälte, von Ansprüchen überrollt zu werden und dabei ihrem Leben, dem eigentlichen Leben, hinterherzulaufen. Frauen, die privilegiert sind, gut ausgebildet, und  sich dennoch zermartert fühlen von Angst. Ich möchte sie alle in den Arm nehmen und trösten, so leid tut mir das. Ich bin in einer anderen Lebensphase, meine Kinder sind groß, meine Karriere ist gemacht, ich verdiene genug. Wenn ich all das betrachte und mir überlege, was ich als das Größte und Wichtigste des Ganzen bezeichnen würde: meine Kinder. Diese Hosenkacker, diese Nervensägen. Heute sind sie groß, gehen ihren Weg und ich schaue ihnen zu: wie sie manche Dinge ähnlich, andere ganz anders machen als ich, anders denken als ich. Von ihnen lerne ich viel.

Allein dass es sie gibt, dass ich sie alle paar Wochen sehen, ihre Stimmen hören, sie anfassen kann, erfüllt mich mit, ja, Glück. Das ist Kitsch? Ja, Kitsch, reiner unverfälschter, supergeiler Lebenskitsch. Nein, ich bin keine Hausmutti, ich bin eine sogenannte Karrierefrau, ein Arbeitstier, und die Elternjahre waren nicht leicht. Es war nie genug, nicht für die Kinder, nicht für den Job, nicht für mich. Das ist wohl so. Aber es ist wie mit dem Geburtsschmerz: Es verblasst, man vergisst es, und übrig bleiben: das Glück, dass sie da sind. Der Job, der Erfolg, alles gut, aber nichts wirkt so tief wie diese beiden Wesen, diese beiden inzwischen großen Menschen, sie sind es.

All das hätte ich der verzweifelten jungen Frau gern gesagt: Habe keine Angst, junge Frau aus München, halte durch, es lohnt sich.

Warum reden wir nicht darüber, was uns wirklich bewegt?

Jetzt, da das Jahr zu Ende geht und die Besinnlichkeit kommt, häufen sich die Einladungen. Schön eigentlich. Aber dann sitze ich da, auf Partys oder an langen Tafeln und höre mir Geschichten an, die mich nicht interessieren, nicke, lächle und will eigentlich lieber nach Hause. Das klingt hart, aber je älter ich werde, desto kostbarer wird meine Zeit und die Frage, mit wem und wie ich sie verbringen will, steht im Raum. Früher, als es Zeit im Überfluss gab (vermeintlich), war das egal. Ein verlangweilter Abend, was machte das schon? Das ist heute anders. Ich liebe anregende Gespräche, liebe es, die vielen Fragen, die ich an das Leben habe, mit anderen zu wälzen. Doch ich stelle fest: In den wenigsten Runden kommt es dazu. Anekdoten werden ausgetauscht. Erlebnisse erzählt, ausführlichst, alltägliches Dit und Dat, keiner kennt die Leute, die darin vorkommen, nichts davon berührt die essentiellen Fragen des Lebens, und ich frage mich: Ja, so what? Da draußen rockt das Leben und wir ergehen uns im: Als ich neulich mal in Bergedorf war, oder  wie die Telekom mal wieder diesen doofen Brief geschrieben hat. Mich langweilt das. All diese Erlebnisse habe ich selbst, und ich finde sie nicht so interessant, anderen davon zu berichten. Vielleicht ist das normal, aber ich finde: Die Zeit ist zu kostbar, um sie damit zu verschwenden. Warum reden wir nicht über die wichtigen Dinge: Wovon träumen wir? Was macht uns Angst? Was bewegt uns, wenn wir nachts nicht schlafen können? Welche Fragen wälzen wir? Welche Unsicherheiten, welche Ängste, welche Erkenntnisse bewegen uns? Warum reden wir so wenig darüber? Das könnte so erhellend und interessant sein.  Wie anregend könnte das sein. Gerade jetzt in der Adventszeit, der Zeit der Besinnung. Manchmal habe ich den Eindruck, dass es eine Disziplinlosigkeit des Redens gibt. Dass wir uns zu wenig Gedanken darüber machen, was wir miteinander wollen, was wert ist, ausgetauscht zu werden und was nicht. Man hockt halt beieinander und sabbelt drauf los. Dabei hätten wir einander doch viel mehr zu geben. Und anderen, die unsere Aufmerksamkeit nötig haben, auch.

Haben auch Sie Lust, neue Leute kennenzulernen?

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Es wird Herbst. Zeit für Begegnungen, und der Elbsalon öffnet seine Tür: Dinner for ten.

Wir suchen zehn Hamburger, die neugierig auf neue Leute sind. Die gemeinsam mit uns an einem Tisch sitzen, essen, trinken, reden, lachen, sich vergnügen wollen.

Ein Salon nicht virtuell, sondern in echt.

Wann? Am 6. November.
Wo? An einem tollen Ort in Hamburg, den wir rechtzeitig bekannt geben.
Wer? Fünf Frauen und fünf Männer, eher 55 als 35, eher ungebunden als verbandelt.
Und dann? Ein Stammtisch? Neue Freunde? Neue Liebe? Wir sind offen.

Haben Sie Lust, dabei zu sein? Dann senden Sie uns eine Email mit ein paar Sätzen über sich an: info@elbsalon.de. Wir freuen uns.

Liebe Elbsalon-Leser,
herzlichen Dank für die vielen Anmeldungen zum ersten „Dinner for ten“. Wir haben unter allen, die sich bis jetzt angemeldet haben, zehn Teilnehmer ausgelost, die wir per Email benachrichtigt haben. 
Wir freuen uns auf den Abend!

Die Leidenschaften des Fazil Say

Foto: Marco Borggreve

Der türkische Pianist und Komponist Fazil Say ist das, was man einen Ausnahmekünstler nennt. Nicht nur wegen seines musikalischen Talents, sondern auch, weil er politisch streitbar ist und sich immer wieder mit dem religionseifrigen, autoritären Regime seines Landes anlegt. Seine kritischen, häufig sarkastischen Äußerungen haben ihm sogar schon eine Gefängnisstrafe eingebracht, auf Bewährung. Zuletzt gab es Streit, weil die Behörden eine seiner Kompositionen aus dem Repertoire des Staatschors strich.
Der 45-jährige Fazil Say, das „ewige Wunderkind“ (SZ), fühlt sich der Kultur seines Landes dennoch tief verbunden. Er vertont zeitgenössische Dichter wie Nazim Hikmet oder Metin Altinok. Als dieser Ende der 90er bei einem islamistischen Brandanschlag ums Leben kam, schrieb ihm der damals 23-jährige Fazil Say ein Requiem, dessen Aufführung die türkische Kulturbürokratie allerdings immer wieder torpedierte. Vor zwei Jahren gab Say die CD Ilk Sarkilar heraus, eine Sammlung von Gedichten, die ihm am Herzen liegen und die er im Laufe der Jahre vertont hat. Yeni Sarkilar, Neue Lieder, heißt sein jüngstes Album. Leider spielt er diese Pretiosen viel zu selten vor internationalem Publikum, wie die Süddeutsche Zeitung zurecht beklagt. Die Zeitung druckte am Wochenende ein ausführliches Porträt des Künstlers, der Anlass: Fazil Say kommt nach Deutschland, auch nach Hamburg!

In ihrem Artikel verweist die SZ  auf eines der berührendsten Werke des türkischen Musikers: die Vertonung von „Mensch, Mensch“, einem Gedicht  des sufischen Klassikers Muhittin Abdal. Say widmete die Komposition vor zwei Jahren den Aufständischen auf dem Gezi Platz in Istanbul, „Insan, Insan“.

Am 31. Juli, 20.00 Uhr, spielt Fazil Say in der Laieszhalle.

„Klassik knallt“ heißt das Programm, das er mit der jungen norddeutschen Pilharmonie und dem Dirigenten Alexander Shelley bestreitet.

 

Rilkes Briefe an einen jungen Dichter – Gänsehaut pur

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Sommer ist Lesezeit, und ich möchte für ein ganz besonderes Buch werben. Rainer Maria Rilke: Briefe an einen jungen Dichter.

Der junge Franz Xaver Kappus fasst sich ein Herz und schickt dem berühmten Rilke seine ersten Dichtversuche, mit der Bitte um Kritik und Rat. Rilke nimmt sich auf  einfühlsame und lebenskluge Weise des jungen Mannes an. Es entspinnt sich ein Austausch, zehn Briefe schreibt Rilke, sie sind in dem Buch zu lesen. Wie er Kappus ermuntert, das Beliebte und Einfache  zu meiden und sich selbst zu erspüren in der Tiefe der Einsamkeit, die der junge Franz Xaver so fürchtet, das ist wunderschön. Seine eigene Stimme soll er ergründen, sich Zeit nehmen, sich nicht entmutigen lassen und nichts fürchten,  nicht die Schwere und nicht die Einsamkeit.  Alles Schöpferische komme aus der Einsamkeit, schreibt Rilke, und wie sollte das Gefühl von Einsamkeit nicht groß sein? Einsamkeit ist groß. Aus Angst davor bauten wir uns ein Netz aus Ritualen, flüchten in Gemeinschaft und Geselligkeit, seien sie noch so oberflächlich und nervtötend. Schrieb Rilke, vor 100 Jahren, und es klingt wie heute.

Er fühle sich den Seinen so fern, jammert der junge Mann um die Weihnachtszeit, wunderbar, antwortet Rilke, das gibt Ihnen die Chance, Ihren eigenen Raum zu weiten. Was soll man da noch sagen. Lesen! Und jedem heranwachsenden Menschen, der mit dem Großwerden kämpft, schenken.

Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter, Edition Suhrkamp

 

 

 

 

Für alle, die schon einmal geliebt haben

 

Manchmal stöbere ich im Internet in den TED talks. TED ist eine Bühne für Ideen, die es wert sind, verbreitet zu werden – Ideas worth spreading, so das Motto von TED. Wissenschaftler, aber auch Laien, tragen in max. 15 Minuten möglichst prägnant und verständlich ihre Erkenntnisse vor. Perlen sind darunter. Zum Beispiel diese: die amerikanische Paartherapeutin Esther Perel über Untreue in Beziehungen. An alle, die schon einmal geliebt haben, richtet sie sich, und es ist unglaublich spannend, ihr zu folgen. Sie redet klug und witzig, und am Ende ist das Saalpublikum genauso begeistert, wie ich es bin.
Ihre Erkenntnisse hat Esther Perel aus hunderten von Gesprächen mit Paaren gezogen, die sie überall auf der Welt geführt hat.
Hier sind ein paar ihrer Thesen:
– Untreue ist nicht notwendig ein Zeichen, dass die Beziehung kaputt ist, auch glücklich Gebundene gehen fremd
– Viele treibt nicht das Bedürfnis, sich vom Partner abzuwenden, auch nicht die Attraktivität einer anderen Person, sondern die Sehnsucht, sich selbst anders zu erleben. Anders, als es in der Beziehung möglich ist.
– Untreue verletzt tief. Sie zerstört die Sicherheit der exklusiven Intimität, das Urvertrauen in die Beziehung.
– Das Trauma des Betrogenen kann heilen, wenn der Betrügende das Verletzende seines Tuns anerkennt
– Der Betrogene sollte nicht fragen: Was hat der/die andere, was ich nicht habe, sondern: Was hat dir die Sache gegeben, wie hast du dich erlebt?
– Diesen Sehnsüchten Raum zu geben, kann für beide der Anfang einer neuen, lebendigeren Partnerschaft sein.
– Untreue kann, so schmerzhaft sie ist,  die gemeinsamen Beziehung fortentwickeln, erweitern und bereichern. Und so fragt Esther Perel Paare, die einen Betrug überwunden haben: „Eure erste Ehe ist zu Ende. Wollt ihr eine zweite miteinander eingehen?“

Das ist doch richtig schön, oder?

Hier wollt ihr jetzt auch alle hin, wetten?

Hach, so eine kleine Sommerschwärmerei, das muss jetzt sein. Es wäre ja auch egoistisch, wenn ich dieses Kleinod für mich behielte! Also: der Bredenbeker Teich, dieser schmucke kleine Badesee im Nordosten, gleich hinter der Stadtgrenze von Hamburg. Umrahmt von den rauschenden Bäumen des Ahrensburger Waldes liegt er da, zum Weinen idyllisch. Das Wasser schimmert dunkelgrün, ab und zu schwuppst ein Haubentaucher hoch, es ist so irre schön und friedlich hier. Man kommt nur über eine staubige Schotterpiste hin, am Kassenhäuschen legt man seine 2,50 Euro (mit Auto 4) hin und taucht ein ins Paradies. Der anliegende Campingplatz hat das Gelände gepachtet, aber außer dem Kassenhäuschen merkt von dem Campingleben nichts. Selbst im Hochsommer ist es nie voll.  Wunderbar weich und kühl ist das Wasser, wer will, darf im verborgenen Teil des Sees nackt ins Wasser steigen. Das einzig Blöde: Um 19 Uhr machen sie zu. Gerade im Sommer ist das verrückt, weil dann das Licht am schönsten ist. Manchmal presche ich nach Feierabend hin und komme kurz vor Schluss angehetzt. Der Gong, der die Badenden zur Eile mahnt, hat dann schon geschlagen. Aber wenn ich  ein bisschen quengele, lassen mich die Kassenfrauen meist durch. Und dann tauche ich schnell nochmal ein ins pure Sommerglück.

Und hier ist seine Adresse: Wulfsdorfer Weg, 22949 Ammersbek, 15. Mai bis 15. September, 10 – 19 Uhr. Kostet 2,50 plus Auto 1,50.

Wie wir mit Emad und Mohamed einen ungewöhnlichen Abend verbrachten

Gestern waren Mohamed, in der Mitte, und Emad, links, zum Abendessen bei uns, drei „Elbsalonis“. Mohamed, 42, und Emad, 30, sind kurdische Syrer, die aus ihrer Heimat im Nordosten Syriens geflohen sind und jetzt im Asylanten-Auffanglager Schwarzenbergweg in Harburg warten, was wird. Sie sind mit Tina gekommen, die sich dort in ihrer Freizeit um Flüchtlinge kümmert. Wir alle wollen einfach einen schönen Abend miteinander verbringen, essen, reden, Geschichten austauschen.

Erstmal sitzen wir etwas befangen um den gedeckten Tisch herum, es gibt Hühnchen, Kartoffeln und Salat, die Suppe dampft. Muhamad und Emad können erst wenige Brocken Deutsch, sie haben kaum Gelegenheit, ihr Deutsch anzuwenden, weil sich in ihrem Alltag sowenig Kontakte mit Deutschsprachigen ergeben. Auch das soll an diesem Abend anders sein.

Mohamed ist Philosophielehrer, Emad Anästhesietechniker. Seit neun Monaten sind sie unterwegs, Schlepper haben ihnen geholfen, gegen horrendes Geld. Sie haben eine monatelange Odyssee hinter sich, haben Tausende Euro bezahlt, um endlich in Hamburg zu sein und zählen die Tage und Wochen und Monate, bis sie Familien endlich wiedersehen können.  Mohamed und Emad zeigen uns Fotos, Frauen, Kinder, ein Haus mit einem Orangenbaum davor. Das Handy zum Skypen und Simsen ist ihr wichtigster Besitz. So oft es geht haben sie Kontakt.

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Denn ihre Heimat ist zerstört, zerrissen von dem Krieg zwischen den Schergen Assads und den Widerstandskämpfern, dazu die Angst vor der IS. Wer gegen wen – selbst Mohamed und Emad blicken kaum noch durch. Sie wissen nur, dass ihre Familien nicht sicher sind, dass der Terror und die Kämpfe ihr Leben bedrohen. Das Warten, sagt Mohamed, fällt so furchtbar schwer. Er will so schnell wie möglich Deutsch lernen, so viel Deutsch sprechen wie möglich, damit er sich eine Arbeit suchen, am besten als Dolmetscher, und dann seine Familie nach Deutschland holen kann. Er zeigt uns Fotos von seinem Leben in Syrien, zeigt seine drei Kinder, seine Frau, atemberaubend hübsch ist sie, Mohamed kommt aus dem Strahlen kaum noch heraus.

Wir radebrechen uns eine Unterhaltung zusammen, essen und lachen. Sie bringen uns ein paar ordentliche Schimpfwörter auf Kurdisch bei, Emad lässt auf seinem Handy kurdische Musik laufen und grinst. Warum, fragen wir uns, machen wir so etwas nicht öfter? Es braucht so wenig und es ist so leicht, einfach Mensch und Mensch zu sein. Mal zuzuhören, mitzufühlen, über die gleiche Art von Scherz zu lachen.

Tina versteht sogar schon ein paar Brocken Kurdisch. Sie ist 27 und kümmert sich ehrenamtlich um Flüchtlinge im Hamburger Camp, hilft bei den endlosen Behördengängen, zeigt ihren die Stadt, hört zu. Da wir nicht einfach ins Asylantenheim spazieren und Leute einladen konnten, hatten wir sie gebeten, uns Kontakte zu vermitteln. Die Idee kam durch einen Zeitungsbericht über eine Schwedischlehrerin in Stockholm, die Flüchlingsdinner veranstaltet und vermittelt, damit die Flüchtlinge Gelegenheit finden, das gelernte Schwedisch  zu sprechen und einfach mal Mensch und nicht Flüchtling zu sein. Wir haben im Elbsalon darüber gepostet.

Nach unserem Abend sind wir überzeugter denn je von der Idee und wollen es  wieder machen. Nicht nur die Flüchtlinge haben etwas davon, auch wir. So viele Vorurteile liegen im Weg. Stellt euch vor, ihr selbst wäret Tausende von Kilometern geflohen, hättet Strapazen ohne Ende hinter euch, und wärt nun fremd in einem Land, dessen Sprache ihr nicht sprecht und dessen Menschen euch misstrauisch beäugen. Und eure Liebsten, die ihr seit Monaten nicht gesehen habt, sind weit, weit weg und womöglich in Gefahr. Haben wir nicht ein irres Glück, dass wir gemütlich im Wohnzimmer sitzen und unser Bier schlürfen dürfen?

Tina sagt, dass ausrangierte Fahrräder außerordentlich nützlich sind. Oder ausrangierte Laptops. Damit können Männer wie Mohamed und Emad Deutsch lernen, lesen und schreiben.

 

Am nächsten Tag hat uns Mohamed seine Eindrücke von unserem gemeinsamen Abend geschrieben:

Hannah und ihre Freunde Sabine und Inga haben uns zu einem Abendessen in ihre Wohnung eingeladen. Wir haben eine schöne Zeit mit deutschem Glück und Freude verbracht.
Wir haben zusammen getrunken und tauschten uns in Gesprächen über Syrien allgemein und insbesondere über die Kurden aus, mit den paar deutschen Wörtern, die wir in diesen Monaten gelernt haben, und manchmal auf Englisch.
Es ist für uns wichtig und notwendig hier in unserer zweiten Heimat die deutsche Sprache zu lernen, um nützlich  sein zu können und um uns weiterzuentwickeln.
Wir erleben viel Freundlichkeit von Deutschen und Liebe zu den Menschen, und wir erleben, dass Ausländer aus verschiedensten Ländern ohne Diskriminierung akzeptiert werden.
Es war ein besonderer Tag für uns, wir waren froh und glücklich über die nette Einladung.
Mit unserer Liebe und Respekt, die aus dem Herzen kommen.
Mohamed Omer

 

 

 

„Ich wollte mich durchsichtig hungern. Ich wollte nur noch weg.“

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Foto Waage e.V.

Tatjana, 29,  war eine Meisterin darin, ihre Umwelt über das zu täuschen, was mit ihr war: Ihr Leben bestand   aus Erbrechen, Essen, Erbrechen. Sie war essgestört, viele Jahre lang. Katja Riemann spricht Tatjanas Geschichte, zehn eindrucksvolle Minuten lang: Tatjana, die  als Kind mit ihren Eltern aus Kasachstan nach Hamburg kam. Der die übergewichtige Mutter Druck machte, ja nie zuzunehmen: „Damit du niemals so aussehen musst wie ich.“

Tatjana entwickelte eine Essstörung, das war ihr Ausweg aus der familiären Misere.  „Ich habe alle Gefühle aufs Essen projiziert, egal ob Enttäuschungen oder Stress. Ich habe nur funktioniert, habe es jedem Recht gemacht, nur nicht mir selbst.“

„Das Essen hat nie gemeckert, das Essen war still“. Das ist so ein Satz, der hängen bleibt. Aishas Satz. Die Schauspielerin Nina Hoger liest ihre Geschichte. Auch Aisha, 25, fand Trost im Essen. Sich mit Essen vollzustopfen tröstete sie nach den Anfeindungen ihrer Familie, die sie als Kind wegen ihrer Fülligkeit demütigte und beschimpfte.  Aisha flüchtete in eine Bulimie, Essen und Erbrechen, bis zu zehn Mal am Tag. „Mein Vater hat immer alles kontrolliert. Die Essstörung konnte ich selbst kontrollieren“. Aber sie schämte und sie hasste sich dafür.

Die Schauspielerin Tine Wittler liest Kristina, Bestsellerautorin Susanne Fröhlich ist Cathrin.

Kristina, 19: Mit 17 fing sie mit einer Diät an, wog am Ende nur noch 39 Kilo. Sie zählte permanent Kalorien, recherchierte Kalorien, wog sich jeden Tag mehrmals. Es war das Wichtigste in ihrem Leben. Sie ließ sich von niemandem reinreden: „Ich will das jetzt so machen“. Sie hatte Haarausfall und fror ununterbrochen, aber „Hauptsache dünn“.

Cathrin, 24, übernahm sich in ihrer Tanzausbildung. Glich den Druck mit Essen aus: erst Hungern, dann Bulimie. „Jedes Mal, wenn ich ein Problem hatte, mit dem ich nicht umgehen konnte oder ein Gefühl, das ich nicht einordnen könnte, griff ich zum Essen.“ Sie fühlte sich dann wie abgeschaltet. Das Erbrechen war ein Fluchtweg. „Wenn ich einsam war, war das Essen ein Trost. Rastlosigkeit, Einsamkeit, Selbstzweifel wurden durch Essen und Erbrechen übertüncht. Mit dem Essen konnte ich diese Gedanken verdrängen“. Bei ihrer Mutter fand sie keine Hilfe, der Vater interessierte sich ohnehin nie für sie.

Worum geht es hier?

Essgeschichten heißt das Projekt des Hamburger Vereins Waage e.V., einem kleinen, feinen Fachzentrum für Essstörungen.

Die Idee ist einfach und wirkungsvoll: Sechs Prominente geben sechs jungen Hamburger Frauen, die an schweren Essstörungen litten, ihre Stimme. In Takes von zehn bis 15 Minuten erzählen sie, wie alles kam: der Druck, die Einsamkeit, die Angst. Wie sie Ausgleich im Essen suchten und hineinglitten in den zerstörerischen Sog von Hungern, Schlingen, Erbrechen. Sie erzählen von Schlankheitswahn und Seelenpein, von immenser Willenskraft, von der Angst, um Hilfe zu bitten.  Weil sie dann Schwäche zeigen müssten.

„Ich wollte nur noch weg, mich durchsichtig hungern“, sagt die 24-jährige Helena, der die Sängerin Janine Meyer ihre Stimme lieh.

Eindrücklicher als jeder Zeitungsbericht vermitteln diese sechs Stimmen die Not essgestörter junger Menschen, von denen es hierzulande so unfassbar viele gibt.  Plötzlich versteht man, was sie in diese Krankheit treibt und was sie darin finden. Und man versteht, wie wichtig ein Verein wie Waage e.V. ist. Mädchen und junge Frauen, aber auch ihre Angehörigen finden hier eine Anlaufstelle, anonym und geschützt. Sie können anrufen, hingehen oder mailen, werden aufgefangen und, wenn sie bereit sind, weitergeleitet an kompetente Stellen, die ihnen aus der Krankheit heraus helfen können.

waage-hh.de ist die Website. In der Mediathek finden sich die hörenswerten Essgeschichten. Ein Take mit Nina Petri wird demnächst online gestellt, sechs Lesungen, in denen Angehörige zu Wort kommen, sind in Arbeit. Auch prominente Männerstimmen, die essgestörten Jungen und Mädchen Ausdruck verleihen, werden von den Waage-Leuten gesucht.

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